Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

171 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 18

Magazinrundschau vom 11.03.2008 - Gazeta Wyborcza

Letztes Wochenende sprach man in Polen nur vom 40. Jahrestag der Warschauer Studentenproteste und ihrer Niederschlagung durch die kommunistischen Machthaber, die in der Folge eine brutale, antisemitische und Antiintellektuellenkampagne begannen. Adam Michnik, Chefredakteur der Gazeta Wyborcza und damals einer der Initiatoren der Demonstrationen, erzählt Jacek Zakowski im Interview, wie ihn diese "Märzerfahrung" geprägt hat. "Ich wollte nie Politiker werden, aber die historische Konstellation hat mich dazu gezwungen. Und alles nur, weil ich in einem freien, demokratischen Polen leben, unter aufrichtigen Menschen, Freunden, leben wollte, und zusammen für Werte kämpfen, die ich schätze. Im März 1968 hat sich gezeigt, dass das ohne Politik nicht geht. Also machte ich, was ich tun musste, so gut wie ich konnte. Nicht mehr. Dieser März hat die nächsten 40 Jahre meines Lebens geprägt."

Magazinrundschau vom 04.03.2008 - Gazeta Wyborcza

Nach Jahrzehnten politisch missbrauchter Klassenkampfrhetorik und der wilden Transformationsperiode scheint sich das Selbstverständnis der polnischen Arbeitnehmer zu stabilisieren, konstatiert im Interview der Soziologe Juliusz Gardawski. Als "Arbeiterklasse" oder gar "Proletariat" will sich kaum jemand bezeichnen, aber "in den Umfragen wird eine klare Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten sichtbar. Wenn man dann aber nach Konflikten fragt, wird über Ideologie gesprochen, nicht über ökonomische Interessen. Konflikte über Eigentum oder Kapital gibt es scheinbar nicht". Die unter anderem durch Migration entspannte Arbeitsmarktsituation hat immerhin dazu geführt, dass sich die Menschen immer mehr trauen, für ihre Rechte einzutreten - ein wichtiger Akt war vor kurzem ein Streik in der Supermarktkette "Tesco", der erste dieser Art bei einem privaten Arbeitgeber.
Stichwörter: Arbeiterklasse, Proletariat

Magazinrundschau vom 26.02.2008 - Gazeta Wyborcza

Von den politischen Problemen des Kulturzentrums "Kronika" in Bytom (Beuthen) berichtet Aleksandra Klich. Der Leiter Sebastian Cichocki, ein international renommierter Kunstkurator wurde von konservativen Kreisen in der oberschlesischen Stadt beschuldigt, die Kultur des ehemaligen Ostpolens, aus dem viele Nachkriegsbewohner stammen, zu vernachlässigen, den lokalen Kontext zu wenig zu berücksichtigen und zu einseitig die zeitgenössische Kunst zu fördern. Cichocki zieht sich zurück, konstatiert aber: "Hier in der Peripherie existiert ein Potenzial, man sieht manche Dinge besser. Für Künstler aber ist es ein hartes Stück Brot. Denn Bytom hat Angst vor seinen Geistern: vor den ehemaligen jüdischen und deutschen Einwohnern, vor Andersartigen. Solange die Stadt sich damit nicht auseinandersetzt, wird sich nichts ändern".

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - Gazeta Wyborcza

"Was uns mit Gewalt abgenommen wurde, werden wir uns mit Gewalt wieder zurückholen müssen", droht der serbische Historiker Slavenko Terzic (mehr hier und hier). "Völkerrechtlich betrachtet wäre die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo illegal, sie würde alle Konventionen und Prinizpien der UNO brechen. Wie würden Europa und die Welt aussehen, wenn jede nationale Minderheit ihre Unabhängigkeit erklären wollte?"

"Polen entstand nach dem Ersten Weltkrieg auch, indem die Integrität anderer Staaten verletzt wurde - die internationale Anerkennung kam danach. Das Argument, dass es einen polnischen Staat schon früher gab, spielt da keine Rolle, denn ein unabhängiges Palästina hat es nie gegeben, und sollten wir daraus schlussfolgern, dass es nicht entstehen dürfte?", fragt Dawid Warszawski. Zu Terzics Drohung meint er: "Wollen wir hoffen, dass vor der Reconquista Serbien und Kosovo Teil der EU werden. Das sollten wir beiden wünschen".

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - Gazeta Wyborcza

"Man mag nicht glauben, dass die Verhaftung von Siemion Mogilewitsch, einem der Bosse der postsowjetischen Mafia, unter dem Vorwurf der Steuerhinterziehung, zufällig erfolgt ist", schreibt Marcin Wojciechowski zum Fall des russisch-ukrainischen "Al Capone", der sich bisher einem internationalen Haftbefehl entzogen hatte. "Vielleicht geht es darum, den einst praktischen Vermittler im Gashandel mit der Ukraine zu beseitigen. Vielleicht geht es aber auch darum, dem Putin-Nachfolger Medwedew zu helfen, zwielichtige Geschäftspartner aus seiner Zeit als Vorstandschef von 'Gazprom' still zu halten".

In der Debatte um Jan T. Gross' Buch "Fear" meldet sich der Historiker Dariusz Libionka zu Wort, der seinerzeit an der Aufarbeitung des Falles von Jedwabne durch das IPN mitgewirkt hat. Vom Stand der Diskussion ist er enttäuscht: "Gibt es ein Problem? Dann reden wir nicht darüber - so sieht die wissenschaftliche Debatte in Polen aus". Auch wenn er Gross' Thesen streitbar findet, so konstatiert er: "Er berührt Themen, über die wir endlich lernen müssen, vernünftig zu reden. Es wird doch sowieso die ganze Zeit über Juden gesprochen: zu Hause, in der Schule, auf der Straße".

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - Gazeta Wyborcza

Eineinhalb Jahre, nachdem die englische Ausgabe von Jan T. Gross' "Fear" erste Diskussionen auslöste, hat die polnische Übersetzung weitere hitzige Debatten ausgelöst. Dazu hat die "Wyborcza" ein kleines Dossier zusammengestellt. In einem sind sich die Kommentatoren, der letzte Anführer des Ghetto-Aufstandes Marek Edelmann und der Historiker Dariusz Stola, einig: Die Fakten über die antijüdische Gewalt in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sind längst bekannt. Die Gemüter erregen aber Gross' Sprache und seine kontroversen Interpretationen. "Simple Generalisierungen, extreme Bewertungen und missglückte Interpretationen machen die Kritik an 'Fear' einfach und gerechtfertigt. Schade, denn das Thema ist wichtig und der Autor außergewöhnlich. Aber er hat seinen Schreibstil selbst gewählt", so Stola.

Sehr lobend berichtet Marek Beylin über die Ausstellung "It's our history. 50 Jahre europäisches Abenteuer", mit der das Europa-Museum in Brüssel seine Arbeit aufnimmt. "Sie zeigt ein Europa, das unter dem Einfluss der Angst entstand, das Grauen von Krieg und Totalitarismus könne wiederkommen, und dann würde der Kontinent endgültig aus der Geschichte verschwinden". Aber außergewöhnlich macht die Ausstellung etwas anderes: "Zum ersten Mal wird im Westen so spektakulär zum Ausdruck gebracht, dass die Geschichte des östlichen Teils auch zum europäischen Erbe gehört. (...) Man spürt die Handschrift von Krzysztof Pomian", der den wissenschaftlichen Beirat leitet.

Artur Domoslawski serviert einen weiteren Appetizer aus seiner entstehenden Ryszard-Kapuscinski-Biografie (Teil 1 berichtete aus "Kapus" Arbeitszimmer). Diesmal geht es um seine Beziehungen zu Lateinamerika - als Korrespondent, Dozent von Workshops der "Stiftung für neuen lateinamerikanischen Journalismus", Freund von Gabriel Garcia Marquez, und und und. Kapuscinski, der mit emanzipatorischen Bewegungen in Lateinamerika sympathisierte, leitete einen solcher Workshops in Mexiko-Stadt, in dem Moment, als "Subcomandante Marcos" einmarschiert. "Urplötzlich stand Kapu auf und sagte: Und jetzt, entschuldigt mich, meine Freunde, ich gehe arbeiten - und löste sich in der Menge der Partisanen, Unterstützer und Schaulustigen auf", erinnert sich ein Augenzeuge.

Magazinrundschau vom 15.01.2008 - Gazeta Wyborcza

Wenn in Polen im vergangenen Jahr über Architektur diskutiert wurde, ging es fast immer um den Umgang mit dem realsozialistischen Erbe, insbesondere dem Warschauer Kulturpalast, und den Neubau des Museums für Zeitgenössische Kunst gegenüber. In einem Gespräch äußert sich der Architekt des letzteren, Christian Kerez, zu beidem: "Warschau braucht Gebäude, die nur hier stehen können. Das ist seine Chance. Das ist leicht gesagt, und ich weiß auch nicht, wie sie aussehen sollten, aber man darf keine fertigen Produkte kaufen oder historische Stile nachahmen. Um zu einer außergewöhnlichen Architektur zu kommen, muss man die eigene Vergangenheit akzeptieren, und sie als Ausgangspunkt nehmen - auch wenn sie Fehler hat."

Peinlich und zugleich oft bewundernswert findet Jacek Szczerba historische Fernsehserien aus den 70er und 80-er Jahren, die letztens auf einer DVD erschienen sind. "Die sozialistische und nationalistische Ideologie ist sichtbar, aber sie bedeutet heute nicht mehr viel. Sie stört sogar nicht besonders, denn etwas Anderes fällt auf: interessante Helden und gute Einfälle im Plot. Leider werden aus finanziellen Gründen heute in Polen keine historischen Serien mehr gedreht. Schade".
Stichwörter: Fernsehserien, 1970er

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - Gazeta Wyborcza

"Wenn es den Kulturpalast (mehr hier) in Warschau nicht gäbe, müsste man ihn erfinden", schreibt Maciej Gutowski. Er sei ein Bildschirm, auf den die Psyche der Nation projiziert werde, all ihre Komplexe und Eigentümlichkeiten. Um das ewige Problem, was mit dem ungeliebten Bauwerk zu tun sei, zu lösen, schlägt Gutowski vor: statt das neue Museum für Zeitgenössische Kunst neben dem Palast zu bauen, sollte es drin entstehen! "Machen wir daraus ein künstlerisches Projekt, eine Metainstallation. Künstler aus aller Welt kämen hierher, um den Kulturpalast umzugestalten, er würde zum berühmtesten Kunstmuseum der Welt - alle anderen Museen würde eine Menge Geld bezahlen, um sich innen repräsentieren zu können. Die Umgestaltung des 'Wissenschafts- und Kulturpalastes' in einen Palast der Kunst und Kultur wäre ein großes, triumphales Symbol der polnischen Transformation. Vive l'art!"

Außerdem wird ein Fragment aus der gerade erschienen polnischen Übersetzung von Jan T. Gross' "Fear" abgedruckt, und alle fragen sich, ob eine neue "Jedwabne-Debatte" droht (wir gaben schon die Antwort).

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - Gazeta Wyborcza

Ganz unweihnachtlich spricht der polnische Historiker Janusz Tazbir über polnische Komplexe und die Angst, in Europa aufzugehen: "Je rationaler wir an unsere Vergangenheit herantreten, desto besser werden wir unseren zivilisatorischen Beitrag zur europäischen Kultur begreifen, und desto besser wird sich unsere Identität erhalten. Das ist viel besser, als großen Gestalten der Geschichte - etwa Nietzsche - polnische Wurzeln anzudichten. Wir geraten immer wieder zwischen die Skylla der Megalomanie und die Charibdis von Minderwertigkeitskomplexen."

Weitere Artikel: "Was vor allem auffällt, sind Bücher. Überall Bücher. Zeitungsausschnitte, Hefte, Notizblöcke." So sieht das Arbeitszimmer des vor knapp einem Jahr verstorbenen Ryszard Kapuscinski, das Artur Domoslawski aufgesucht hat. "Alles so, wie er es hinterlassen hat, als er ins Krankenhaus ging", beteuert die Witwe. Außerdem: ein Gespräch mit dem Dichter Marian Pankowski, der kontroverse Themen wie Religionskritik nicht scheut, weil er seit 1945 in Brüssel lebt und sich nicht nach dem polnischen Zeitgeist richtet; und dem Schriftsteller Jacek Dukaj, dessen letzter Science-Fiction-Roman "Lod" ("Das Eis"), in dem es keinen Ersten Weltkrieg gibt und Polen als Staat nicht wiedererrichtet wird, begeistert aufgenommen wurde.

Magazinrundschau vom 18.12.2007 - Gazeta Wyborcza

Nach der "europäischen Tournee" von Premierminister Tusk und der sichtlichen Verbesserung der Atmosphäre zwischen Polen und seinen europäischen Partnern, atmeten viele in Polen auf. Nicht so schnell - warnt Deutschlandexperte Piotr Buras, "der Besuch bei Merkel hat den Konflikt zwischen den Ländern beendet, aber statt von wichtigen Problemen zu sprechen - die Zukunft des Kosovo oder die Nachfolge Putins - wird weiter nur über Denkmäler und Gerichtsverfahren diskutiert."

Außerdem gibt es eine Debatte über die Zukunft des "Mythos der 'Solidarnosc'". Zu den interessantesten Feststellungen gehört die des Künstlers Grzegorz Klaman: "Die 'Solidarnosc' kann ein Vorbild für die Länder werden, die immer noch mit autoritären Regimen zu kämpfen haben. Wenn sie für die junge Generation der Europäer lebendig bleiben soll, muss sie sich in Richtung gobalisierungskritischer Bürgerbewegung entwickeln, die etwas über die Zukunft der Gesellschaften zu sagen hat. Wir brauchen ein Museum - aber nur, um das Produkt 'Solidarnosc' zu konkretisieren, hier in der Werft. Dieses Artefakt wird zum Symbol der Marke 'Solidarnosc'".