
Der rumänisch-ungarische
Schriftsteller Andrei Dósa denkt im
Interview mit
HVG darüber nach, wie unterschiedlich die Vorstellung von Freiheit sein kann, je nach Generation, zu der man gehört: "Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Generation meiner Eltern stark von der Mentalität der Zeit vor dem Systemwechsel geprägt war. Du sollst wissen,
wo dein Platz ist. Erhebe deine Stimme nicht! Versuche nicht, Dinge zu verändern! - das war ihre Lebensweise: Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten und
falle nicht auf, denn das könnte dir Ärger einbringen. 2014 lehnte ich einen Literaturpreis ab, um gegen die Entscheidungen des rumänischen Kulturministeriums zu protestieren. Ich habe darüber einen öffentlichen Beitrag geschrieben, und mein Vater war erschrocken. Meine
Eltern lebten in Angst, und das haben sie mir vermittelt. Mir fehlt die Lockerheit, vor die Öffentlichkeit zu treten und einfach zu sagen, was ich denke. Wir haben gelernt, uns vorsichtig zu äußern. Nur die nach uns Kommenden, die heutigen Zwanzigjährigen, sind wirklich frei." Und über die
Perspektive beim Schreiben sagt er: "Vieles hängt davon ab, wie wir eine Geschichte erzählen, aus welchen Details wir sie aufbauen. Wenn sich genügend überzeugende Details zusammenfügen, fragt sich der Leser, was die Wahrheit ist, auch wenn nichts von dem, was wir erzählen, wirklich passiert ist. Entsteht das Gefühl, dass ich das auch so erlebt habe? Möchte ich auch so fühlen? Das kann man lernen. Als ich anfing, diese Prosa zu schreiben, wurde mir klar, wie wichtig es ist, den
richtigen Ton zu finden. Wenn jemand in der ersten Person Singular schreibt, ist die Erzählung weniger glaubwürdig, da man nur das erzählt, was man selbst sieht. Das ist heute in der Literatur sehr verbreitet, aber auch sehr begrenzt. Es ist schwer, sich
in die Lage anderer zu versetzen, es ist schwer, die Dinge von außen zu betrachten. Es ist schwer, den anderen wahrzunehmen."