Magazinrundschau

Unbequemes Restproblem

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.10.2025. Der Guardian erzählt am Beispiel der Insel Vava'u, was ausfällt, wenn das Internet ausfällt. In Eurozine beschreibt der walisische Autor Simon Brooks die Vor- und Nachteile von Wokeness für Minderheiten. In HVG erklärt der Schriftsteller Andrei Dósa, warum Autofiktion eher hinderlich ist beim Versuch, sich in die Lage anderer zu versetzen. Ob man die Chance oder die Risiken von KI betont - am Ende ist alles nur Werbung dafür, erkennt die London Review. Im Philosophie Magazin staunt Marko Martin über eine europäische Linke, die den eigenen Kolonialismus verdrängt, um sich lieber über Israel zu empören. Vanity Fair porträtiert Zohran Mamdani.

Vanity Fair (USA), 01.10.2025

Es gibt - neben seinem jugendlichen Charme - zwei Gründe, warum Zohran Mamdani tatsächlich die Wahlen zum Bürgermeisteramt in New York gewinnen könnte: sein politisches Programm (Steuererhöhungen für die Reichen, Mietpreisbremse, kostenlose Busse, kostenlose Kinderbetreuung), schreibt James Pogue, und "seine Rolle bei der Organisation der New Yorker Muslime als Block mit politischem Selbstbewusstsein und Wahlmacht -, der aus religiöser Solidarität, Migrantenerfahrung und Unterstützung für die palästinensische Sache entstanden ist. Mamdanis Sieg war Teil einer viel größeren organisatorischen Anstrengung, die weit weniger effektiv gewesen wäre, wenn der Israel-Palästina-Konflikt nicht ein so brisantes Thema gewesen wäre, das sich auf nationaler Ebene widerspiegelte. Auf allen Kontinenten hat die Palästina-Frage dazu beigetragen, muslimische Kandidaten und Wähler für die linke Politik zu gewinnen, zum Teil als einziger plausibler Weg, um das politische Establishment zu stürzen, das nach wie vor kompromisslos pro-israelisch ist. Palästina entwickelt sich derzeit rasch, wie zuvor Vietnam, zum zentralen Thema einer breiteren linken Anti-Establishment-Bewegung. Was Mamdani repräsentiert, ist ein subtilerer und potenziell viel bedeutenderer Bruch mit der Babyboomer-Demokraten wie Bill Clinton... Er teilt die Weltanschauung einer ganzen Generation junger Linker, die Themen wie Einwanderung, Polizeiarbeit und Außenpolitik als einen miteinander verknüpften Kampf zur Unterstützung der Unterdrückten betrachten. Mamdani sagte mir später, dass er der Meinung sei, seine Kampagne, die vielleicht bedeutendste in der amerikanischen Politik, die eine so pro-palästinensische Position einnimmt, habe 'die Widersprüche und Heucheleien aufgezeigt', wie er es ausdrückte, 'in diesen vermeintlich tief verwurzelten Überzeugungen, die wir über Universalität haben'. Er meinte damit, dass diese Frage ein böswilliges Versprechen offenbart habe, das selbst im Kern der liberalen amerikanischen Politik steckt - dass alle Leben den gleichen Wert haben, unabhängig davon, wo sie gelebt werden." Und seine Ankündigung für Steuererhöhungen? Könnte Unternehmen aus der Stadt vertreiben, aber vielleicht wäre das okay, meint ausgerechnet der US-Finanzminster Scott Bessent zu James Pogue: "Er glaubte nicht, dass Mamdanis Umverteilungsprojekt tatsächlich funktionieren würde. Aber eine Kapitalflucht und einen Crash auf dem Immobilienmarkt zu provozieren, könnte durchaus ein echter Weg sein, um das Problem der Bezahlbarkeit anzugehen, auch wenn das niemand so direkt sagen würde. 'Ich fände es irgendwie gut, wenn Mamdani gewinnt', sagte Bessent. 'Denn das Schlimmste wäre in gewisser Weise, wenn Cuomo wieder ins Amt käme. Dann würde man einfach vier oder acht Jahre lang weiter an Höhe verlieren, sie würden es irgendwie zusammenhalten, aber noch mehr Menschen würden wegziehen. Man könnte statt dessen auch sagen: Okay, er ist ein Schock für das System, aber es besteht die Chance, dass man sich davon erholt.'"
Archiv: Vanity Fair

Guardian (UK), 07.10.2025

Samanth Subramanian berichtet über eine Inselguppe im Pazifik, die 2022 den Zugang zum Internet verlor - weil der Ausbruch eines Unterwasservulkans ein Kabel auf dem Meeresgrund zerstörte. Der Vorfall zeigt einerseits die Verletzlichkeit von IT-Infrastruktur - erst 18 Monate nach dem Ausbruch konnte der Internetzugang der Inseln wieder vollumfänglich hergestellt werden; und andererseits die immense Bedeutung, die das Internet in unserer Gegenwart gewonnen hat. Selbst die simpelsten Nachrichten gelangten plötzlich kaum noch an ihre Empfänger: "Vava'u war eine ganze Insel voller Menschen, die der Welt mitteilen wollten, dass es ihnen gut ging. Wenn nicht Roy Neyman gewesen wäre, ein Segler, der seine Jacht dort vorübergehend festgemacht hatte, hätten sie vielleicht viele Tage gebraucht, um diese Nachricht hinauszuschicken. Auf seiner Jacht hatte Neyman ein Garmin-Gerät, mit dem man teure Textnachrichten über Satellit verschicken konnte, und er nutzte es, um Regierungsstellen in Australien und Neuseeland zu kontaktieren. Eine Zeit lang richtete er in einem örtlichen Café ein Kommunikationszentrum ein, wo die Bewohner von Vava'u ihre Nachrichten diktieren konnten - als wäre er der offizielle Briefschreiber in einem mittelalterlichen Dorf - und so ihre Verwandten im Ausland erreichten. Innerhalb von zwei Wochen verschickte er 1.600 Nachrichten." Auch Zahlungen konnten nicht mehr auf dem üblichen Weg getätigt werden: "Nach ein paar Wochen nahm die Regierung tägliche Flüge zwischen Tongatapu und Vava'u auf und man fand eine merkwürdige und umständliche Lösung. Jeden Morgen lud die Hauptfiliale einer Bank auf Tongatapu eine Tabelle mit den Kontodaten der Bewohner von Vava'u auf einen USB-Stick; dieser wurde dann nach Vava'u geflogen, wo die örtliche Bankfiliale mithilfe der Tabelle Abhebungen und Einzahlungen verbuchen konnte. Am selben Abend kehrte der USB-Stick nach Tongatapu zurück, damit die Änderungen in die Hauptdatenbank der Bank eingepflegt werden konnten."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Internet, Vava'u

Eurozine (Österreich), 06.10.2025

Wokeness hat eindeutig Vorzüge, wenn es darum geht, "ethnischen Minderheiten den Zugang zur Literatur zu erleichtern, Plattformen für LGBTQIA+-Aktivitäten zu sichern und bestimmte andere unterrepräsentierte Gruppen zu erreichen", meint der walisische Ökonom und Autor Simon Brooks in einem Essay für die Zeitschrift O'r Pedwar Gwynt, den Eurozine ins Englische übersetzt hat. Ein Problem gibt es allerdings für Minderheiten, die andere Minderheiten beherbergen, wie zum Beispiel die walisische Kultur, die oft als weißer Kolonisator mit den Engländern in einem Topf landet, obwohl sie selbst in der britischen Gesellschaft eine Minderheit ist. Die Iren haben das irgendwie besser hingekriegt, meint Brooks: "Vielleicht sollte sich der Kunstsektor in Wales fragen, warum derzeit die irischsprachige Kultur weltweit Beachtung findet und nicht die walisischsprachige Kultur. Die Band Kneecap hat mit ihren republikanischen Anti-Establishment-Botschaften auf Irisch unglaublichen Erfolg gehabt ... Eines der Ziele von Kneecap ist es, Kulturpolitik aus einer irischsprachigen statt aus einer anglophonen Perspektive zu interpretieren. Kneecap vergleicht irischsprachige Menschen mit denen, die unter 'Imperialismus und Kolonialismus' gelitten haben, und zieht direkte Parallelen zwischen irischsprachigen Menschen und den Ureinwohnern Amerikas und Australiens. In Wales wäre es unmöglich, dass eine solche Band Erfolg hätte. Sie würde 'gecancelt' werden, weil sie andeutet, dass Wales kolonisiert worden sein könnte, und der Vergleich mit den Ureinwohnern würde zu Vorwürfen der kulturellen Aneignung führen. ... Es ist auch möglich, dass die negative Haltung der Woke-Bewegung gegenüber der walisischen Diaspora (Fremdenfeindlichkeit, die ich als Londoner Waliser, der in einer walisischsprachigen Familie außerhalb von Wales aufgewachsen ist, selbst erlebt habe) darauf zurückzuführen ist, dass diese Diaspora als eine Art ethnische Minderheit angesehen werden könnte, die nicht auf der Rasse basiert. Nicht alle Minderheiten konnten von der Woke-Bewegung profitieren, und tatsächlich hat sich die Situation einiger Minderheitengruppen durch die anglophone Woke-Ideologie verschlechtert."
Archiv: Eurozine

New Yorker (USA), 13.10.2025

Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, hat im Mai sein Amt niedergelegt - dafür hat nicht nur der Druck der USA gesorgt, nachdem Khan Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant erlassen hat, sondern auch die Anschuldigung einer früheren Mitarbeiterin, er habe sich sexuell übergriffig verhalten, wie David Kirkpatrick für den New Yorker berichtet. Dass die Anschuldigung zeitlich mit den umstrittenen Haftbefehlen zusammengefallen ist, hat beiden Anliegen nicht geholfen, schreibt er: "Andrew Cayley, ein britischer Anwalt, der für Khan bei den Untersuchungen zu Gaza mitgearbeitet und unter dem Druck der US-Sanktionen gekündigt hat, sagte mir, dass wegen des Skandals und der Sanktionen 'enormer und möglicherweise dauerhafter Schaden am Projekt IStGH entsteht' - ein Projekt, dessen Wurzeln er bis zu den Nürnberger Prozessen zurückführt. Leila Sadat, Professorin an der juristischen Fakultät der Washington University, die den IStGH im Sommer 2023 nach zehn Jahren als Beraterin der Ankläger verlassen hat, hat sowohl mit Khan als auch der Beschuldigerin gearbeitet. Sie sagte, dass sie 'weder Grund hat, die Aufrichtigkeit der Frau zu bezweifeln' noch daran zu zweifeln das auch Khan 'in guter Absicht' gehandelt hat, als er die Haftbefehle erließ. Für sie ist eine Verbindungen zwischen beiden Anliegen sowohl unwahrscheinlich als auch 'höchst bedauerlich'... Eine Person, die der Frau nahesteht, die Khan beschuldigt hat, hat mir berichtet, dass sie die Verschmelzung der beiden Themen ebenfalls sehr bedaure. Wenn die UN-Investigatoren ihren Bericht zu den Anschuldigungen vorgelegt haben - er wird in den kommenden Monaten erwartet - wird Khans Zukunft beim IStGH von der Versammlung der Staaten abhängen, die ihn verwalten, und deren Politik wird wohl eine Rolle spielen. Der Skandal hat bereits jetzt die Bemühungen behindert, Israel für die Tode in Gaza zur Verantwortung zu ziehen; die Frau hat Angst, dass der Zorn auf Israel nun Mitglieder der Versammlung dazu verleiten könnte, ihre Geschichte unberücksichtigt zu lassen und sich stattdessen auf Khans Seite zu schlagen."

Weitere Artikel: Kelefa Sanneh liest zwei Bücher über panafrikanische Träume (Kwame Nkrumah) und postkoloniale Realitäten (Idi Amin). Jennifer Wilson schickt einen Brief aus Finnland über die ehemalige Ministerpräsidentin Sanna Marin. Amanda Petrusich hört Taylor Swift. Alex Ross berichtet von zwei Konzerten in New York: einer Aufführung von John Coriglianos erster Symphonie unter Gustavo Dudamel und der Eröffnung der Saison an der Met mit "The Amazing Adventures of Kavalier & Clay", wo der demokratische Senator Chuck Schumer ausgebuht wurde, weil er Zohran Mamdanis Bewerbung für das Amt des New Yorker Bürgermeisters nicht unterstützt (mehr hier). Justin Chang sah im Kino Luca Guadagninos Film "After the Hunt" mit Julia Roberts
Archiv: New Yorker

Philosophie Magazin (Deutschland), 03.10.2025

Als die FAS neulich eine Liste der wichtigsten deutschen Intellektuellen herausbrachte (unser Resümee) fehlte Marko Martin, obwohl er der einzige ist, der in jüngster Zeit mal richtig mit einem Repräsentanten aneinanderrasselte (Steinmeier nahm's nicht so sportlich). Seine argumentative Munition bezieht er von Camus, Giordano und immer wieder André Glucksmann, dessen letzte Bücher nicht mal mehr ins Deutsche übersetzt worden waren. An Glucksmann schätzt er gerade das Antisystematische, Konkrete seiner Vernunft, erklärt er in einem schönen und langen Gespräch mit Christoph David Piorkowski. "Das ist das Entscheidende. Nicht Rettung, nicht Untergang, nicht Avantgarde, nicht letzte Generation, nicht all diese träumerischen oder dröhnenden Maximalbegriffe, sondern beständiges Basteln, Reparieren." Falsche Totalisierung entdeckt Martin in vielen aktuellen Diskursen, besonders aber beim modischen Genozidvorwurf gegenüber Israel. "Gerade in Deutschland geht es dabei häufig um eine entlastende Relativierung des Holocaust, nach dem Motto: Ihr macht inzwischen doch das gleiche, und so weiter. Aber auch in anderen Ländern vollzieht sich eine Auslagerung von Schuld. Frappierend zu beobachten, dass Menschen in Spanien, die sich selbst im intellektuellen studentischen Milieu kaum je mit ihrer eigenen Kolonialgeschichte auseinandergesetzt haben, dass Menschen in Italien, in denen die Kolonialverbrechen etwa des Abessinien-Krieges bis heute kaum thematisiert werden, dass all diese Zeitgenossen plötzlich derart darauf versessen sind, sich in Palästinensertücher zu gewanden und Israel des Völkermords zu bezichtigen. Mit diesen Entlastungsprojektionen schreiben sie ein neues Kapitel in der Geschichte der dämonisierenden Judenfeindschaft."

Respekt (Tschechien), 04.10.2025

In Tschechien häufen sich die Nachrufe auf den am Samstag mit 94 Jahren verstorbenen Schriftsteller, Dramatiker und Dissidenten Ivan Klíma. Klíma, der als Kind dreieinhalb Jahre im KZ Theresienstadt überlebte, sich nach dem Krieg zunächst der kommunistischen Illusion hingab, dann von ihr abwandte, "gehörte zu denen, die sich nie scheuten, die Wahrheit auszusprechen, auch wenn es einen Verlust von Freiheit und Bequemlichkeit bedeutete", wird der Philosoph Tomáš Sedláček in Aktuálně zitiert. In Zeiten der 'Normalisierung' bedeutete es für Klíma Publikationsverbot und dass seine Werke lange nur illegal erscheinen konnten - die gleichwohl schließlich weltweit in 30 Sprachen übersetzt wurden. "Gerade seine Memoirenbände sind ein Musterbeispiel für die Komplexität der menschlichen Lebenswege durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts", befindet Jan Lukeš in Seznam Zprávy und meint, Klímas Werk bleibe aktuell, weil es "immer wieder zur Selbstreflexion und Selbstbesinnung, zu Zurückhaltung und ständigem Zweifel, zum Verständnis der Relativität menschlichen Handelns" aufrufe. Und Chefredakteur Erik Tabery wird in Respekt geradezu persönlich: Könnte eine Gesellschaft Eltern besitzen - er würde Ivan Klíma als Elternteil wählen.
Archiv: Respekt

HVG (Ungarn), 02.10.2025

Der rumänisch-ungarische Schriftsteller Andrei Dósa denkt im Interview mit HVG darüber nach, wie unterschiedlich die Vorstellung von Freiheit sein kann, je nach Generation, zu der man gehört: "Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Generation meiner Eltern stark von der Mentalität der Zeit vor dem Systemwechsel geprägt war. Du sollst wissen, wo dein Platz ist. Erhebe deine Stimme nicht! Versuche nicht, Dinge zu verändern! - das war ihre Lebensweise: Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten und falle nicht auf, denn das könnte dir Ärger einbringen. 2014 lehnte ich einen Literaturpreis ab, um gegen die Entscheidungen des rumänischen Kulturministeriums zu protestieren. Ich habe darüber einen öffentlichen Beitrag geschrieben, und mein Vater war erschrocken. Meine Eltern lebten in Angst, und das haben sie mir vermittelt. Mir fehlt die Lockerheit, vor die Öffentlichkeit zu treten und einfach zu sagen, was ich denke. Wir haben gelernt, uns vorsichtig zu äußern. Nur die nach uns Kommenden, die heutigen Zwanzigjährigen, sind wirklich frei." Und über die Perspektive beim Schreiben sagt er: "Vieles hängt davon ab, wie wir eine Geschichte erzählen, aus welchen Details wir sie aufbauen. Wenn sich genügend überzeugende Details zusammenfügen, fragt sich der Leser, was die Wahrheit ist, auch wenn nichts von dem, was wir erzählen, wirklich passiert ist. Entsteht das Gefühl, dass ich das auch so erlebt habe? Möchte ich auch so fühlen? Das kann man lernen. Als ich anfing, diese Prosa zu schreiben, wurde mir klar, wie wichtig es ist, den richtigen Ton zu finden. Wenn jemand in der ersten Person Singular schreibt, ist die Erzählung weniger glaubwürdig, da man nur das erzählt, was man selbst sieht. Das ist heute in der Literatur sehr verbreitet, aber auch sehr begrenzt. Es ist schwer, sich in die Lage anderer zu versetzen, es ist schwer, die Dinge von außen zu betrachten. Es ist schwer, den anderen wahrzunehmen."
Archiv: HVG

Artforum (USA), 06.10.2025

Ibrahim Mahama: Zilijifa, The Physical Impossibility of Debt in the Mind of Something Living, Ausstellungsansicht, 2025, Kunsthalle Wien 2025. Courtesy Redclay; Ibrahim Mahama & White Cube, Hong Kong/London/New York/Paris/Seoul, Foto: Markus Wörgötter

Ibrahim Mahama kritisiert den Kolonialismus, dafür ist er in den Kunstinstitutionen der ehemaligen Kolonisatoren sehr beliebt. Er schafft großflächige Installationen aus Schrott und wiederverwendetem Material. In die Kunsthalle Wien ließ er glatt Loren und Lokomotiven wiedereinführen, die einst von Stuttgart nach Ghana gebracht wurden, um Rohstoffe zu transportieren. "Der Verfall dieser Objekte spiegelt die Leere wider, die von kapitalistischer Ausbeutung hinterlassen wird", so die Kritikerin Edna Bonhomme etwas treuherzig in einem längeren Porträt. Überall hat er ausgestellt, in Bern hat er das zu renovierende Museum in Jutesäcke eingepackt, ein bisschen so wie Christo. Aber er scheint auch die Machtverhältnisse im eigenen Land Ghana zu kritisieren: "'A Spell of Good Things', seine erste Einzelausstellung im White Cube in New York im Jahr 2024, zeigte verrostete und kaputte Betten, die in ghanaischen Lehrkrankenhäusern verwendet wurden: eine Reaktion auf den Tod seines Bruders. Als sein Bruder in ein Krankenhaus in Tamale eingeliefert wurde, war das MRT-Gerät des Krankenhauses seit fünfzehn Jahren defekt. Mahama glaubt, dass sein Bruder mit einem funktionierenden Gerät richtig diagnostiziert worden wäre und heute vielleicht noch leben würde. 'A Spell of Good Things' war nicht nur ein Kommentar zum Verfall des ghanaischen Gesundheitssystems, sondern auch zu globalen Gesundheitsproblemen wie der Zunahme klimabedingter Krankheiten oder konfliktbedingter Hungersnöte. Doch die Werke gehen über diese Aktualität hinaus: Die gesammelten Objekte waren nicht nur Symbole des Verfalls, sondern auch Mahnungen an die Beständigkeit und Allgegenwart des Todes."
Archiv: Artforum

Republik (Schweiz), 03.10.2025

Zumindest via Social Media und in den US-Talkshows schwingt sich der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom derzeit zum großen Hoffnungsträger der Demokraten im Kampf gegen Trump auf - und das nicht nur für die wichtige Wahl zum US-Repräsentantenhaus im nächsten Jahr, sondern auch schon im Blick für die Präsidentschaftswahl 2028. Die Mittel, die er dafür verwendet, hat er sich von seinem Widersacher abgeschaut: hyperbolischen Exzess, Bombast-PR in eigener Sache, Trolling und eine große Klappe. Aber Social Media zu erobern ist das eine, das Weiße Haus das andere - und für letzteres muss er weite Teile des Landes hinter sich bringen. Katherine Ellison ist durchaus skeptisch, ob Newsom dafür geeignet ist. "Konservative verachten ihn als elitären Küstenbewohner, als einen realitätsfernen Linken, den Trump immer wieder erfolgreich karikiert. Viele Progressive verachten ihn als opportunistischen Wendehals." Dennoch hat er viele Anhänger unter den Demokraten, weil er es mit Trump aufnimmt: "In einer Zeit, in der die Popularität der Demokratischen Partei auf einem Rekordtief ist und viele Führungsfiguren sich ducken, ist Newsom mit seinem Auftritt als happy warrior ein Hit. 'Ich habe viele Leute sagen hören, wie glücklich sie sind, dass ein Demokrat zurückschlägt', sagte Jim Demers, ein ehemaliger Abgeordneter aus New Hampshire, zum Online-Magazin Politico. 'Er zeigt den Kampfgeist, den die Menschen suchen.'" Sein größtes Problem ist aber der Bundesstaat, den er regiert: "Kalifornien ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt" und einer der teuersten Bundesstaaten, "in denen man leben kann - was bei denen, die es sich nicht leisten können, dort zu wohnen, viel bitteren Neid hervorruft. Dieser mächtige Bundesstaat ist darüber hinaus überwiegend demokratisch und in einigen Gegenden extrem progressiv - im Gegensatz zu den Teilen des Landes, die Trump ins Weiße Haus gewählt haben. In Zeiten, in denen die Demokratische Partei dringend die Wählerinnen in den ländlichen swing states zurückgewinnen muss, bezweifeln viele, dass Gavin Newsom der geeignete Kandidat ist. 'Er ist ein sehr gut aussehender Mann', sagt der ehemalige Vorsitzende der Demokratischen Partei von South Carolina, Richard Harpootlian. Aber die Demokraten suchten nach einem Kandidaten, 'der die Hoffnungen und Wünsche der Arbeiterklasse artikulieren kann', sagt Harpootlian und fügt hinzu: 'Ich bin mir nicht sicher, ob er das kann.'"

Bei Stephen Colbert äußert Newsom erhebliche Zweifel daran, dass es 2028 überhaupt freie Wahlen geben wird: 

Archiv: Republik

Elet es Irodalom (Ungarn), 03.10.2025

Im Interview mit Élet és Irodalom spricht der aus Siebenbürgen stammende Soziologe Zoltán Rostás über das Leben mit und zwischen zwei Kulturen (ungarisch-rumänisch) sowie über den Nutzen des Lernens: "Ich bin nicht nur in Siebenbürgen geboren, sondern auch dort aufgewachsen, was freilich prägend ist. Andererseits war ich nie ein echter Bukarester, denn es war fast schon zu meinem Lebensstil geworden, mindestens alle zwei Monate in die Städte Siebenbürgens und Rumäniens zu fahren. Ein echter Bukarester Ungar kommt höchstens in seiner Freizeit oder zu Feiertagen über die Karpaten. (…) Bereits als Gymnasiast in Vásárhely wurde mir bewusst, dass es rumänische und ungarische Bücher, Theater, Zeitungen und Schulen gibt, aber die Frage, ob diese Kulturen aufeinandertreffen oder nicht, stellte sich nicht, denn dafür sorgte, wie ich später erkannte, großzügig die kommunistische Partei. Außerdem interessierten mich damals die großen Zusammenhänge der Welt, nicht solche Provinz-Querelen. Während meiner Studienzeit in Cluj-Napoca lernte ich dann die verschiedenen Varianten der traditionellen ungarischen, rein intellektuellen Kultur kennen, gleichzeitig kamen jedoch Zweifel in mir auf. (...) Die Frage (nach dem Sinn des ganzen Gelernten, wenn wir ständig überrascht sind) ist berechtigt, aber ich würde zurückfragen: Sind wir überrascht, weil unser Wissen nutzlos oder unvollständig war? Oder weil unser moralisches Empfinden protestiert? Überraschungen lassen sich nicht vermeiden, aber durch die ständige kritische Überprüfung unseres Wissens erreichen wir etwas. Natürlich sind die meisten Menschen von nichts überrascht. Ich beneide sie nicht! (…) Mich überrascht die Resignation, Apathie und Hoffnungslosigkeit."

London Review of Books (UK), 09.10.2025

James Meek beschäftigt sich mit den Konzeptionen einiger KI-Vordenker, die nach Möglichkeiten suchen, der künstlichen Intelligenz mit einer intrinsischen Antriebskraft und einem Wertesystem nach menschlichen Maßstäben auszustatten. Im Zuge seiner Argumentation malt er zwei Zukunftsvisionen aus: In der einen optimiert die KI die menschliche Gesellschaft zu ihrem Besten; in der anderen täuscht eine "unmenschliche" KI lediglich Menschlichkeit vor und führt uns alle in den Untergang: "Eine mögliche Auflösung des scheinbaren Paradoxons zwischen den 'KI-Untergangspropheten' und den 'KI-Optimisten' besteht darin, dass diese beiden Vorstellungen von AGI (Artificial General Intelligenz) oder Superintelligenz - die zufällig die Menschheit vernichtende Version, die etwas will, das wir nicht verstehen, und die wohlwollende Version, die will, dass wir glücklich sind - aus der Perspektive bestimmter Risikokapitalgeber oder neugieriger Wissenschaftler ein und dasselbe sein können: Werbeanzeigen für eine ungeheuer fähige und mächtige Maschine. Die Tatsache, dass die eine Version dieser Maschine gezügelt werden muss und die andere sich selbst zügelt, ist für sie ein technisches Detail. Die Warnung vor ihrer Gefährlichkeit ist ein Platzhalter für die Reichtümer oder die Flut an Wissen, die später folgen werden; die Bedrohung ist ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sobald gezeigt wurde, dass KI tatsächlich nützlich und vermarktbar ist - auch wenn ihre Gefahr dadurch nicht geringer wird -, wird 'Superalignment', also die Anpassung der KI an menschlich integre Ziele, zu einem unbequemen Restproblem. Elon Musk begann, KI ernst zu nehmen, als Deep-Mind-Mitgründer Hassabis ihm sagte, dass es durchaus in den Kräften einer abtrünnigen KI liegen würde, die auf die Auslöschung der Menschheit aus ist, ihm bis zu seinem Fantasie-Versteck auf dem Mars zu folgen - und dort das Werk zu vollenden."