Magazinrundschau - Archiv

HVG

353 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 36

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - HVG

Szene aus Laszlo Nemes Jeles' Film "Arva"


Der Regisseur László Nemes Jeles, dessen Film "Árva" (Waisenkind) bei den Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerb läuft, spricht im Interview mit Rita Szentgyörgyi u.a. über die Empfindungen und ihre langfristigen Auswirkungen, welche die Entstehung des Films motiviert haben. "Der Film heißt 'Árva' (Waisenkind), weil auch ich diese Verwaistheit in mir trage. Die Traumata, die unsere Vorfahren erlebt haben, entwickeln sich so weit, dass die nachfolgenden Generationen die Hilflosigkeit und Verlassenheit beibehalten und weitergeben. Auch in meinem Alltag ist dieser osteuropäische Schmerz präsent, der meiner Meinung nach Tradition hat. Der Mensch hinterfragt alles in der Welt, fühlt sich ständig verletzlich und hilflos. Andererseits hilft ihm das oft dabei, sich zu engagieren und seinen Willen durchzusetzen. (…) Das Ergebnis der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ist beispielsweise, dass in der ungarischen Gesellschaft im Alltag Feindseligkeit und Unfreundlichkeit zu spüren sind. In den zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es keine echte Empathie, keine Freundlichkeit. Es fehlt die Aufarbeitung und das Verständnis der Vergangenheit. Wir sind nicht bereit, das von sehr vielen Menschen verursachte große Leid anzuerkennen. Wir glauben, dass wir, wenn wir das Leiden der einen Seite anerkennen, das Leiden der anderen Seite nicht akzeptieren können. Man könnte viele Menschen gleichzeitig verstehen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Die Geschichte sollte in den Kontext humanistischer Fragestellungen gestellt werden. Die Ideologie des Nihilismus hat die Menschen verblendet, aber auch weltweit ist ein moralisches Defizit zu spüren. In meinem Denken und meinem persönlichen Lebensweg versuche ich immer, einen gewissen Humanismus zu vertreten, der leider nur noch in Spuren zu spüren ist. Ich hoffe, dass meine Filme dazu beitragen, zu unserem humaneren Selbst zurückzufinden."
(Hintergrund:  )

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - HVG

Die Regisseurin Ildikó Enyedi, die unter anderem die Filme "Körper und Seele" und "Die Geschichte meiner Frau" gedreht hat, unterhält sich im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über ihren neuen Film "Stiller Freund", der im botanischen Garten der Uni Marburg spielt, sowie über die Tatsache, dass dieser im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig in Konkurrenz mit dem Film des ebenfalls ungarischen Filmemachers László Nemes Jeles (u.a. "Son of Saul") läuft: "Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Mit Geschichten teilt er seine Freude, seinen Schmerz und seine Gedanken über die Welt mit anderen. So kommuniziert auch mein Film mit Geschichten. Aber die Schwerpunkte verschieben sich. Wir können eine andere Welt erahnen, eine andere Wahrnehmung als unsere eigene. Vor allem, dass unsere Wahrnehmung nicht die Norm ist, sondern nur eine von vielen. Diejenigen, die den Film gesehen haben, berichten von einem Erlebnis des Eintauchens, auch die Zeit vergeht etwas anders als bei den meisten narrativen Kinofilmen. Goethes naturwissenschaftliche Werke haben mich sehr beeinflusst. 'Zarte Empirie' - dieser von Goethe geprägte Begriff, den man heute als partizipative Forschung bezeichnet, durchdringt die gegenwärtige Naturwissenschaft. Der Experimentator ist kein gottgleicher objektiver Außenstehender, sondern untrennbarer Teil des Experiments. Zarte Empirie: Vielleicht beschreibt dieser Begriff unseren Film am treffendsten. (…) Seit seinem beeindruckenden Kurzfilm 'Türelem' (Geduld) bin ich ein großer Fan von Nemes Jeles. Es ist natürlich nicht ideal, wenn ungarische Filmemacher miteinander konkurrieren, aber wir stehen uns nicht im Weg. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir beide in Venedig dabei sein werden. Das Feld ist dieses Mal sehr stark. Das nächste Jahr wird für Kinogänger ein gutes Jahr, denn sie können sich auf viele gute Filme von herausragenden Filmemachern freuen."
Stichwörter: Enyedi, Ildiko

Magazinrundschau vom 19.08.2025 - HVG

Yvette Szabó berichtet derweil über das Stocken der staatlichen Förderung von ausländischen Filmproduktionen in Ungarn, was auf die angespannte Haushaltslage zurückzuführen ist, wobei die meisten betroffenen Produktionsfirmen mittlerweile als regierungsnah gelten: "In den letzten Jahren hat Ungarn Filmzentren wie Tschechien hinter sich gelassen. Berichten zufolge wurde im Frühjahr nur ein einziger ausländischer Film in Prag gedreht, während in Ungarn die Branche boomte. In den letzten Jahren haben amerikanische und andere Produzenten zwar auch die Nachbarländer ausprobiert, sie waren in Rumänien und Bulgarien, haben das serbische und kroatische Know-how getestet, aber im Vergleich gehen meist die ungarischen Drehorte und Fachleute als Sieger hervor. Die Popularität wird dadurch verstärkt, dass man in Budapest praktisch jeden europäischen Drehort von Paris über Berlin bis Moskau drehen kann, die Fachleute als sehr gut und die Ausrüstung als professionell angesehen werden, die übrigens teilweise gerade von den genannten regierungsnahen Akteuren angeschafft wurde, sodass deren Vermietung in ihrem elementaren Interesse liegt. Zu den Erfolgen Ungarns trägt auch bei, dass es einige Produktionsfirmen gibt, die ein hohes Maß an fachlicher Anerkennung genießen. Dazu gehört beispielsweise Mid Atlantic Films, das unter amerikanischer, englischer und ungarischer Leitung steht und an den Netflix-Serien 'Dune' und 'The Last Kingdom' mitgewirkt hat. Zahlreiche Produktionen werden von der tschechisch-ungarischen Pioneer Stillking Films nach Ungarn gebracht, die ebenfalls an 'Dune', dem in Budapest gedrehten Spionagefilm 'The Billion Dollar Spy' mit Russel Crowe und dem neuen historischen Drama vom Oscar-Preisträger László Nemes Jeles (Sauls Sohn) mitwirkt."
Stichwörter: Film, Ungarn, Rumänien, Tschechien

Magazinrundschau vom 12.08.2025 - HVG

Dóra Matalin spricht mit dem Menschenrechtler und früheren Politiker András Léderer über das Leben als Schwuler im heutigen Ungarn: "Früher war das mit mehr Stigmatisierung verbunden, das gibt Hoffnung", sagt Léderer. "Meine eigene privilegierte Situation bei der Menschenrechtsorganisation, mit akzeptierenden Freunden und meiner Familie, macht es mir natürlich leicht. Aber in bestimmten Teilen des Landes ist es heute schwieriger, als Schwuler aufzuwachsen, als noch vor zwanzig Jahren. Wie ich von den 16- bis 17-Jährigen höre, die mich um Rat fragen, möchten sie mit ihren Eltern darüber sprechen, aber die homophobe Hasspropaganda hat sich in das Leben und die Sprache der Menschen eingeschlichen. An den Familientischen wird darüber gesprochen, dass XY schwul sei, während der junge Mensch, der damit zu kämpfen hat, daneben sitzt und das Gefühl hat, etwas Schlimmes getan zu haben. (…) Ich habe im Ausland gelebt, aber mir ist klar geworden, dass mich alles hierhin zieht. Ich spreche fünf Sprachen, aber in keiner anderen kann ich so wütend sein, scherzen und lieben wie auf Ungarisch. Es gibt einige Menschen in meinem Leben, die mir wichtiger sind als mein eigenes Blut, und sie alle leben hier. Wer aus einer so missbräuchlichen Situation herauskommt, wie ich sie in meiner Kindheit erlebt habe, kann nicht wegsehen, wenn so etwas passiert. Für mich zeigt sich die immer schnellere Entwicklung Ungarns in Richtung Autokratie auf emotionaler Ebene so: Das System wird mir und anderen gegenüber immer missbräuchlicher, aber ich werde nicht weglaufen. Dies ist meine Heimat, man kann mich hier höchstens rauswerfen, denn ich werde nicht von mir aus gehen."

Magazinrundschau vom 05.08.2025 - HVG

Der politische Druck auf die Regierungspartei und den Ministerpräsidenten Orbán in den letzten Wochen nimmt offenbar zu, denn es gibt gegenwärtig kein Meinungsforschungsinstitut, das nicht zumindest ein enges Rennen bei den Wahlen im kommenden Jahr voraussagt. In der von der Regierung dominierten Öffentlichkeit wird vor den Konsequenzen eines Regierungswechsels gewarnt. Árpád W. Tóta kann sich dennoch sehr gut eine Welt ohne Viktor Orbán vorzustellen: "Seit fünfzehn Jahren bauen seine Hofmedien das Narrativ auf, dass jede andere Regierung geradewegs in den nationalen Tod und den Bankrott führen würde. Sicherlich glauben das viele. Aber dazu müssen sie die Augen schließen und die Grenze meiden. Auf diese Weise werden sie nicht mit der schockierenden Nachricht konfrontiert, dass andere Länder keinen Orbán haben und trotzdem funktionieren. Polen, Rumänien, Slowenien und der Tschechischen Republik geht es gut - danke der Nachfrage. Ihre Kinder wurden nicht an die ukrainische Front verschleppt. Und es sieht so aus, als ob sie davon auch verschont bleiben und zwar ohne Putin in den Arsch zu kriechen. Sie wurden nicht von Migranten aufgefressen, ihre Kinder wurden nicht von George Soros umoperiert, ihnen wuchsen keine Mähnen wegen genetisch veränderten Pflanzen. Aber sie haben EU-Gelder aus dem Kohäsionsfonds erhalten, weil sie nicht als die fiesesten Diebe in Europa bekannt sind. Auch in diesen Ländern gibt es Familien, die ihren Lebensunterhalt verdienen, es gibt keinen Hunger, es gibt Arbeit und auch der Verkehr rollt. Ihre Identität? Die haben sie auch, sie können zum Beispiel mit Stolz behaupten, dass sie nicht die fiesesten Diebe Europas sind, weil das ja die Ungarn sind. Hunderte von Millionen Menschen leben glücklich und zufrieden, ohne dass eine Souveränitätsschutzbehörde auf sie aufpasst. Es gibt ein Leben ohne Orbán. Daraus folgt, dass auch Ungarn ohne ihn auskommen kann."
Stichwörter: Ungarn, Orban, Viktor, Rumänien

Magazinrundschau vom 22.07.2025 - HVG

"Selbst, wenn einer deiner Filme verboten wurde, (...) konntest du immer noch den nächsten machen. Ich sage nicht, dass es damals keine menschlichen Tragödien gegeben hat. Ich habe wohl manch zerstörten Existenzen in der Filmindustrie gesehen", erzählt der 77-jährige Schriftsteller und Regisseur Péter Gárdos im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über das Filmemachen in den 1980er Jahren. Heute ist es für ihn eher noch schwieriger geworden: "Zwei meiner letzten Bücher habe ich zuerst in Drehbuchform geschrieben, und wenn sich die Möglichkeit ergäbe, sie zu verfilmen, würde ich ohne zu zögern ja sagen. Das jüngste Buch müsste als Drehbuch umgeschrieben werden. Es wäre ein interessantes Experiment zu sehen, wie man aus dieser Mischung aus zeithistorischer Dokumentation und Fiktion einen Spielfilm machen könnte. Es lohnt sich aber im Moment nicht, mich zu bewerben, denn ich stehe nicht auf der Liste derjenigen, die berücksichtigt werden. Heute ist in den allermeisten Fällen Loyalität das wichtigste, wenn nicht sogar das einzige Kriterium für die Annahme eines Drehbuchs. Das letzte Mal wollten wir aus meinem Buch 'Seven Dirty Days' eine Fernsehserie machen. Der Filmplan wurde eine Zeit lang hin- und hergeschoben dann schließlich drastisch abgeschmettert. Mir wurde klar, dass ich in diesem System nicht drehen darf."

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - HVG

Drei Psychologen veröffentlichten vor kurzem einen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Beitrag in der Wochenzeitschrift HVG, in dem sie erklärten, dass liebevolle Kindererziehung und die gesunde Entwicklung der Kinder auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften erfolgen können. Obgleich sie für die Veröffentlichung eine Zustimmung der Universität erhielten, leitete diese ein Disziplinarverfahren gegen die drei ein, da der veröffentlichte Artikel nicht mit der katholischen Geisteshaltung übereinstimme. Mehr als 7000 Angehörige der Universität bekundeten ihre Solidarität mit den Dozenten. Der Fall betrifft aber auch die Meinungsfreiheit, die berufliche Autonomie, das Verhältnis zwischen christlicher Ethik und öffentlichem Diskurs, erklärt die evangelische Theologin Dóra Laborczi: "Obwohl wir in unserer extrem gespaltenen und mental zerbrechlichen Gesellschaft dazu neigen zu denken, dass es besser ist, Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden, sind sie in Wirklichkeit notwendig, um einen sozialen Konsens zu schaffen. Die Möglichkeit, sich zu äußern, der Raum für den Dialog und die Gelegenheit zur demokratischen Debatte sind die Grundvoraussetzungen für alles, was wir gemeinsam als Christen und als Staatsbürger verteidigen sollten. Eine authentische christliche Gemeinschaft, ihre Stimme und ihr Raum sind stets auch inklusiv. Sie spricht nicht die Sprache der Angst, sondern die der Hoffnung und des Vertrauens. Wir müssen nicht in jeder Frage die gleiche Position einnehmen. Aber wir können uns vielleicht darauf einigen, dass, wenn die Akademiker einer kirchlichen Universität Repressalien ausgesetzt sind, weil sie aus wissenschaftlicher, menschlicher und gewissenhafter Überzeugung einen gesellschaftlichen Dialog über ein spaltendes Thema initiiert haben (nicht zuletzt, weil sie sich gegen Hassreden und für Liebesbeziehungen aussprechen), dann bedeutet Solidarität mit ihnen auch das Eintreten für christliche und demokratische Werte."

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - HVG

Der Philosoph Miklós Radnóti spricht im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über die Kulturförderung in Ungarn und die offensichtliche Veränderung der politischen Stimmung im Lande: "Sie können die Kultur nicht erschüttern. In der bildenden Kunst gab es in letzter Zeit einige spektakuläre und lächerliche Skandale um einige Auszeichnungen, aber das spielt keine Rolle. Fast jeder weiß, wessen Werke etwas wert sind und wessen Werke nicht. Die Herausforderung besteht darin, dass der Staat kein unparteiischer Mäzen ist, aber die großen Dichter und Schriftsteller haben schon immer auch in irgendeinem bürgerlichen Beruf gearbeitet, als Redakteure oder gar als Beamte, und nebenbei ihre großen Werke geschaffen. (...) Vor zwei oder drei Jahren hätte ich ohne weiteres gesagt, dass die Arroganz der Politik und einer extrem vereinfachten Kommunikation eine starke Apathie der Menschen zur Folge hat. Es ist zwar weiterhin der Fall, dass die Herabsetzung der Altersgrenze für die Schulpflicht, die Förderung von Facharbeiterausbildungen, die aber wegen der schnell schwindenden und sich rasant verändernden Anforderungen, Qualifikationen und Kenntnissen perspektivlos sind, die Verordnung von Pflichtschulbüchern und so weiter zeigen, dass die Machthaber eine unterwürfige Arbeiterschaft produzieren und kritische Intellektuelle verdrängen wollen. Aber das System scheint müde zu sein. Es hat grundlegende Fehler gemacht, die einige zu ihren Gunsten drehen konnten. Vielleicht kommt allmählich die kritische Masse zusammen. Die Empörungsfähigkeit der Menschen wächst einerseits, andererseits scheint ihre Täuschungsanfälligkeit zu schwinden."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - HVG

Anlässlich seines neuen historischen Romans, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, spricht der Schriftsteller und Dramatiker György Spiró mit Zsuzsa Mátraházi über gesellschaftliche Veränderungen in Ungarn, die sich entlang der Geschichte der Hauptstadt nachzeichnen lassen. Spiró betrachtet die heutige Situation Budapests mit besorgtem Blick, denn der von der Opposition geführten Stadt werden von der Landesregierung zunehmend Mittel gestrichen und so die möglichen Konsequenzen der Zahlungsunfähigkeit als politische Waffe eingesetzt - was enorme Auswirkungen auf das gesamte Land hätte: "Eine solche Reihe von gesellschaftlichen Umwälzungen, wie sie im 19. Jahrhundert in Ungarn stattfanden, sehe ich heutzutage nicht. Das ist es, was in meinem Roman so spannend zu verfolgen war. Vielleicht blicke ich auf die Entstehung des modernen Ungarn vom Ende her zurück, und deshalb erscheinen bestimmte Ereignisse in einem anderen Licht und weniger selbstverständlich, als sie bisher dargestellt wurden (...) Aber jetzt, während das Interview geführt wird, ist die Situation absurd. Es herrscht zwar noch Frieden, aber er ist völlig unterminiert worden. (...) Wenn Budapest pleite geht, gehen ein Drittel oder gar die Hälfte der nationalen Produktion verloren, und das Leben wird im ganzen Land zum Stillstand kommen. Selbst die Experten haben mangels Erfahrung keine Vorstellung von den Folgen dieser Situation. Ich sehe vielleicht Gespenster, habe keinen Zugang zu den Entscheidungsträgern, ich höre nur die Nachrichten und ängstige mich."
Stichwörter: Spiro, György, Ungarn, Budapest

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - HVG

Auch die Journalistin Veronika Munk, mittlerweile Direktorin für Innovation und neue Märkte des slowakischen Verlagshauses Dennik N, macht sich Gedanken über das geplante Gesetz. Munk arbeitete früher für das größte Nachrichtenportal Ungarns, Index.hu, bis dieses von regierungsnahen Unternehmen aufgekauft, die Redaktion komplett ausgetauscht und auf Regierungslinie gebracht wurde. Die damalige Redaktion von Index.hu gründete daraufhin das Portal telex.hu, zusammen mit einer Schwesterredaktion in Rumänien (für die Leser der ungarischen Minderheit, was wiederum in Sachen Auslandsspenden relevant sein kann). Munk verließ nach einem Jahr der Gründung und Etablierung telex.hu und arbeitet seitdem in der Slowakei, wo die freie Presse mittlerweile seitens der neuen Regierung ebenfalls bedroht wird. "Der neue Gesetzesentwurf in Ungarn ist überhaupt kein Gesetz, sondern nur ein mit Paragraphen getarnter Freibrief der Machthaber, die ihre politische Vorherrschaft um jeden Preis verteidigen. Er kann nicht durchgesetzt werden, weil er nichts vorschreibt, außer dass der Direktor des sogenannten Anti-Souveränitäts-Teams in Zusammenarbeit mit der Regierungspartei machen kann, was er wollen. Wir wissen nicht, ob dieses Instrument genutzt werden wird. Wird es sofort eingesetzt? Werden sie an einer Organisation ein Exempel statuieren? Wird es ein Damoklesschwert bleiben, das über den Köpfen der unabhängigen Medien schwingt? Werden sie uns auf die Liste setzen, werden sie die Kontrolle aufrechterhalten, sodass wir uns verbiegen müssen, sodass wir bei jeder einzelnen Leserspende z.B. aus Cluj (in Siebenbürgen) um Erlaubnis betteln müssen, bitte, bitte, lasst sie uns behalten dürfen? Schielen sie darauf, die Leser zu erschöpfen, auf dass diese bald die Nase voll haben von diesem Gesetz und dem Gejammer der Medien? (...) Die freie Presse ist wie eine Wasserleitung, wenn sie gut funktioniert, merken wir es nicht einmal, wir benutzen sie einfach. Wenn man den Wasserhahn zudreht oder mancherorts absichtlich das Rohr durchsticht, richten man jedoch großen Schaden an. Zum Glück gibt es für eine totale Austrocknung nicht genügend Kraft im System. In den letzten 15 Jahren haben wir gesehen - und ich habe es miterlebt -, wie sich der Qualitätsjournalismus gemeinsam mit den Lesern seinen Weg gebahnt hat. Er wird es wieder tun."