Magazinrundschau - Archiv

La regle du jeu

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Magazinrundschau vom 20.02.2024 - La regle du jeu

Giuliano da Empoli ist auch in Deutschland mit seinen Büchern "Der Magier im Kreml", einem Roman über Putin, und "Ingenieure des Chaos", wo er den Einfluss des Internets auf den Rechtspopulismus untersucht, bekannt geworden. Er ist ein Insider der Politik in Italien, war Mitglied im Kabinett Matteo Renzi. Im Gespräch mit Christian Longchamp entfaltet er ein faszinierendes Panorama der italienischen und ein wenig auch der europäischen Politik. Giorgia Meloni, sagt er, ist viel weniger eine Figur des Internet als die öko- und linkspopulistischen Fünf Sterne. Aber sie steht in einer anderen Linie des Charismatikertums, in der Italien ein besonderer Vorreiter war: "Was Italien seit Anfang der 1990er Jahre kennzeichnet, ist, dass es eine schrecklich heftige Ablehnung der politischen Eliten gibt, die nicht unbedingt die anderen Eliten betrifft - nicht in dem Maße, wie es beispielsweise in Frankreich der Fall sein kann. Sie werden mir sagen, dass Frau Meloni doch auch eine Politikerin ist, dass sie ihr Leben der Politik gewidmet hat - ja, aber als Extremistin und damit als Randfigur. Was die Italiener besonders ablehnen, sind die klassischen politischen Eliten. Was sie wollen, sind charismatische politische Figuren, die sich tiefgreifend von den klassischen politischen Eliten unterscheiden: also Persönlichkeiten, die von außerhalb der politischen Arena kommen, wie Silvio Berlusconi, wie Beppe Grillo, auch Technokraten wie Mario Draghi in gewisser Weise, oder dann sehr transgressive Politiker wie Matteo Renzi, wie Matteo Salvini, oder wie Giorgia Meloni als Galionsfigur der extremen Rechten. In dieser Hinsicht hat sich also nichts geändert: Das heißt, Meloni ist das neueste Produkt dieser Flucht der Italiener vor ihren traditionellen politischen Eliten. Meiner Meinung nach ist der Treibstoff derselbe."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - La regle du jeu

Der Schriftsteller Patrick Mimouni widmet sich in einer fünfteiligen Serie "Proust und seinen Erben": Da Marcel Proust kurz nach der Veröffentlichung des vierten Teils der "Suche nach der verlorenen Zeit" verstarb, oblag es seiner Familie, seinen Nachlass zu verwalten und die restlichen drei Bände zur Publikation freizugeben. Vom fünften und sechsten Band hatte Proust eine Abschrift angefertigt, der letzte Band der "Recherche" jedoch, die "Wiedergefundene Zeit" existierte nur als Manuskript, in sechs Heften niedergeschrieben, die im Besitz seines Bruders Robert waren, so Mimouni. Es ist ziemlich wahrscheinlich, legt Mimouni im dritten Teil seiner Serie dar, dass Robert ihm unliebsame Passagen aus dem Manuskript entfernte, denn im Buch fehlt eine entscheidende Stelle. Proust hatte, beweist Mimouni, den Plan seinen Protagonisten Swann im letzten Teil als praktizierenden Juden darzustellen - eine Wendung, die Robert nicht gutheißen konnte, der als assimilierter Jude versuchte, jede Verbindung seines Bruders zur Religion zu leugnen. Erst "nach langem Bitten" willigte Robert ein, dem Verleger "die sechs Originalhefte des Manuskripts zu liefern. Aber waren sie wirklich Originale? Wie kann man sich diese Frage nicht stellen? Die Hefte bestehen aus einer großen Anzahl von Seiten, die herausgeschnitten oder herausgerissen und entsprechend dem Aufbauplan des Textes wieder zusammengefügt wurden. 'Hastig verbundene Passagen, unterbrochene Sätze ...', stellte einer der Herausgeber der aktuellen Version des Textes in der Pléiade fest. Nichts ist leichter, als etwas aus diesen Heften herauszuschneiden, ohne dass es seltsam erscheint. Aber was hätte Robert kürzen können? Die Passagen, in denen von Homosexualität die Rede ist? Dann hätte man Hunderte von Seiten zensieren müssen - das war nicht möglich. Bleiben die Passagen, in denen Marcel auf die Religion hätte anspielen können - eine Sache, die für Robert immer problematisch war. Ja, es ist seltsam. Dem Proustschen Roman fehlt offenbar eine Episode - eben die Episode, in der Swann sich konkret wie ein religiöser Jude verhält. Proust hätte ihn beim Gebet in der Synagoge malen können, oder in seiner Bibliothek über einen der Talmudtraktate gebeugt, oder als Präsident der Gesellschaft für jüdische Studien. Er hätte sich nur von James-Edouard de Rothschild inspirieren lassen müssen. Denn offensichtlich - so Prousts Plan - wurde Swanns Enthüllung des Judentums mit Charlus' Enthüllung der Homosexualität verglichen. In der uns vorliegenden Version nimmt Swanns Rückkehr 'in den religiösen Schoß seiner Väter' nur eine Seite ein, die am Anfang von Sodom und Gomorrha wie in der Schwebe gelassen wurde, während Charlus' erotische Praktiken Gegenstand einer umfangreichen Entwicklung des Romans sind. So viel dazu! Eine Seite war für Robert schon genug."

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - La regle du jeu

Wie kann es nach dem Trauma des 7. Oktobers für Israel weitergehen, fragt der 1997 geborene französische Publizist Nathan Devers. Israel, das Juden in aller Welt Schutz versprach, wurde an diesem Tag mit der Möglichkeit seines Scheiterns konfrontiert, "das heißt mit seinem Tod", lernt er vor Ort von dem Rabbiner Benjamin Malka: "Malka ist an verstümmelte Leichen gewöhnt, da es gerade seine Aufgabe ist, die Leichen von Natur- oder von Menschen verursachten Katastrophen zu sammeln. Doch seine Stimme wird immer dunkler und sein Blick immer tiefer. In Nova haben die Terroristen die 'schönen' Frauen von den anderen getrennt. Sie vergewaltigten sie massenhaft, bevor sie auf sie kotzten und sie bei lebendigem Leibe in Stücke rissen. Die Krankenwagen, die vom Festival kamen, enthielten keine 'Leichen', sondern Teile von Beinen, abgetrennte Hände, zerfetzte Oberkörper, abgetrennte Brüste, hervorquellende Augen und abgerissene Gesichter." Seitdem, stellt Devers in Gesprächen mit Israelis vor Ort fest, gibt es etliche, die ihre politische Haltung völlig geändert haben, die ihre Überzeugungen hinterfragen. Absolute "Netanjahu-Fanatiker" wollen ihren Ministerpräsidenten seit dem 7. Oktober "im Gefängnis sehen und von der Notwendigkeit eines endgültigen Friedens mit Palästina sprechen ... Umgekehrt werde ich in den nächsten Tagen im Parlament einen Israeli, einen ehemaligen Likud-Anhänger, treffen, der mir die entgegengesetzte Rede halten wird: 'Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, für Toleranz zu kämpfen. Ich bin mit Palästinensern auf Demonstrationen gegangen, habe mich leidenschaftlich für das Zusammenleben, für eine Zwei-Staaten-Lösung und gegen den Siedlungsbau im Westjordanland eingesetzt. Aber jetzt, seit dem Schwarzen Samstag, glaube ich nicht mehr daran. Papperlapapp, diese Ideale des Dialogs. Die Realität geht nicht in diese Richtung. Wir haben uns 2005 aus Gaza zurückgezogen, in der Überzeugung, dass dieses Gebiet das Singapur der Palästinenser werden würde - das ist das Ergebnis! Was wäre passiert, wenn wir uns aus dem Westjordanland zurückgezogen hätten? Ich habe den Glauben an die Koexistenz verloren. Um ehrlich zu sein, ich glaube an nichts mehr, außer an das Überleben.'"
Stichwörter: Israel, Hamas, Palästina, 7. Oktober

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - La regle du jeu

Zu Beginn der zwanziger Jahre ist der Schriftsteller Joseph Roth glühender Sozialist, so sehr, dass er einige Artikel mit dem Pseudonym "Roter Joseph" unterzeichnet, erinnert uns der Autor und Essayist Alexandre Lacroix. Aber Roth ist auch einer der ersten, der die Katastrophe heraufziehen sieht, "vor Hannah Arendt oder den leuchtenden Analysen des Politologen Franz Neumann" begreift er, welche Gefahr Europa und ihm selbst durch das Erstarken der Nationalsozialisten droht. Je mehr sich nun die politische Situation zuspitzt, so zeigt Lacroix, vollzieht Roth einen radikalen Wandel in seiner politischen Haltung. Er zeigt, wie Roth zwischen dem Republikanismus Frankreichs und dem Vielvölkerstaat des Habsburgerreichs nach Modellen sucht, die die gewisse Katastrophe abwenden können: "Je mehr sich der Zerfall der Weimarer Republik und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland als unausweichlich herausstellten, desto mehr neigte Roth dazu, den kaiserlichen Katholizismus als 'Kraft' zu sehen - zu phantasieren? - Der Katholizismus der ehemaligen Donaumonarchie war die einzige Macht, die die 'schwarze Pest' abwehren konnte." Roth, so zeigt Lacroix, wird sich selbst nun als "konservativer Monarchist" bezeichnen und die Rückkehr zur Habsburger Monarchie als "einzigen Ausweg" begreifen: "Im Oktober 1933 vertraute er Zweig seine Hoffnung an, die sterblichen Überreste Karls I. nach Österreich zu überführen und gleichzeitig seinen Sohn und Erben Otto auf österreichischen Boden zu bringen, wobei er auf die Unterstützung von Dollfuß setzte, den er für 'bereit, aber noch nicht verkündet hielt, die Monarchie anzuerkennen'. Die Ermordung von Dollfuss im Jahr 1934 weckt bei den Legitimisten falsche Hoffnungen: Schuschnigg weigert sich, Otto erneut zu holen. Es kam jedoch zu einem gewissen Wiedererstarken der Habsburger, das die Nazi-Organisationen verärgerte. Roth schlug daraufhin mit größter Ernsthaftigkeit die einzige rettende Lösung vor: den jungen Otto von Habsburg zum Kaiser zu proklamieren."

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - La regle du jeu

Die Journalistin Annette Lévy Willard, ehemals Libération, erzählt die Geschichte des Pierre Goldman und betreibt damit eine Archäologie der linken Geschichte der französischen Nachkriegszeit, die heute wirklich tief versunken wirkt. Goldman war Sohn jüdischer Widerstandskämpfer - wenig bekannt ist, auch weil die Kommunistische Partei es später nach Kräften beschwieg, dass einige der größten Heldentaten der Résistance von jüdischen Widerstandskämpfern aus dem Ausland, meist aus Polen, begangen wurden. Goldman knüpfte später an und geriet noch später auf eine sehr schiefe Bahn. Lévy erinnert an eine Episode kurz vor 1968: "In den Jahren 1966-1968 sah ich als junge Studentin an der Rechtsuniversität Assas einen Pierre Goldman auftauchen, der so etwas wie ein Held der damaligen Linken war. Er war der Chef des Ordnungsdienstes der Studentenvereinigung UNEF. Wir linken Studenten wurden an der Universität Assas, die ein Hort der faschistischen OAS-Bewegung war, oft auf der Straße angegriffen, wenn wir die Uni verließen. Wir gingen dann zurück und suchten im Foyer Schutz. Und plötzlich hörten wir, wie die kahlgeschorenen Schädel der Rechtsextremen 'Goldman kommt!' brüllten und wegliefen, verängstigt von diesem kräftigen Kerl, der ein Kommando von anderen stämmigen Studenten anführte, die mit Hacken oder Eisenstangen bewaffnet waren. Es ging hart zur Sache. Wir spielten den bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung nach. Und wir zeigten, dass Juden sich nicht mehr von Antisemiten angreifen oder abschlachten lassen würden." Goldman war 1968 nicht in Paris, weil er dann lieber in die lateinamerikanische Guerilla ging. Zurück in Paris wurde er kriminell und überfiel Apotheken - einmal wurden dabei zwei Apotherkerinnen getötet, aber er beteuerte seine Unschuld. Der Prozess gegen ihn ist eine berühmte Episode in der französischen Rechtsgechichte. 1979 wurde Goldman möglicherweise von rechtsextremen spanischen Terroristen ermordet. Cédrik Kahn hat einen Film über seine Geschichte gemacht, "Le Procès Goldman", der in Frankreich gerade ins Kino kommt.

Magazinrundschau vom 08.08.2023 - La regle du jeu

Maria de França unterhält sich mit der frankorussischen Autorin und Übersetzerin Galia Ackerman, die auch die Gründerin des sehr wertvollen, im Perlentaucher häufig zitierten Internetmagazins Deskrussie ist. In Frankreich hatte sie schon 2019 in ihrem Buch "Le régiment immortel - La guerre sacrée de Poutine" annonciert, dass der Ultranationalist Putin einen Krieg mit dem Westen anzetteln würde. Dieser Krieg hat sich längst internationalisiert, wie sie am Beispiel Afrika zeigt, wo die Franzosen zu den großen Verlierern gehören: Putins Zerberus Jewgeni Prigoschin hat hier alle Riegel gesprengt, indem er lokale Autokraten und Putschisten unterstützte, zuletzt in Niger. Auch in der Ukraine ist Putin je mehr auf der Siegerstraße je länger der Krieg dauert: "Für das Putin-Regime ist ein langer Krieg sehr vorteilhaft: Er ermöglicht es ihm, die russische Gesellschaft weiter zusammenzuhalten und an der Macht zu bleiben, denn selbst diejenigen, die gegen diesen Krieg sind - ich meine nicht die normalen Oppositionellen, sondern diejenigen, die zum Establishment gehören - sagen sich: 'Mein Land befindet sich im Krieg, und selbst wenn dieser Krieg ein Fehler ist, ist es mein Land, und jetzt, da wir nun mal drinstecken, dürfen wir ihn nicht verlieren, sondern müssen ihn gewinnen.' Es ist bekannt, dass die Unterstützung für den Krieg innerhalb der russischen Gesellschaft nicht abgenommen, sondern zugenommen hat, und zwar genau aus diesem Grund. Der lange Krieg ist also in Putins Interesse. Der kurze Krieg hingegen ist im Interesse der Ukrainer - und er muss im Interesse des Westens sein."

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - La regle du jeu

Alix L'Hospital unterhält sich mit der Schriftstellerin Christine Angot, die schon viele Jahre vor #MeToo sexuelle Gewalt thematisierte, die selbst erlitten hatte. In ihrem Roman "L'Inceste" erzählte sie 1999 von den Vergewaltigungen, die ihr Vater ihr angetan hatte. Von Inzest handeln mehrere ihrer Bücher. Im Gespräch begrüßt sie die Fortschritte, die durch #MeToo erreicht wurden, warnt aber auch vor Schematisierungen der Debatte. "Zu sagen 'Ich war Opfer von etwas' ist nicht dasselbe wie zu sagen 'Ich bin ein Opfer', als ob es von Natur aus so wäre. Ich bin weder ein einzelnes Opfer noch eines unter vielen... Jeder Versuch, zu verallgemeinern, führt zu Undifferenziertheit. Und Undifferenziertheit führt immer zu Indifferenz. Zur Gleichsetzung. Opfer einer Vergewaltigung in einem Keller in der Ukraine zu sein, ist nicht dasselbe wie Opfer einer Vergewaltigung durch den eigenen Vater in einer Wohnung in Straßburg zu sein. Es ist etwas anderes. Und doch ist sie meine Schwester und umgekehrt. Man kann Opfer nicht zu einer sozialen Gruppe machen. Sonst kommt es dazu - und das ist bereits der Fall -, dass sich 'Chef-Opfer' herausbilden und in den Fernsehstudios bestimmte Stühle für das Opfer des Tages reserviert werden, wer auch immer es sein mag. Ich bin ein freier Mensch. Auf diesen Stuhl setze ich mich nicht."

Magazinrundschau vom 25.04.2023 - La regle du jeu

Patrick Mimouni schließt seine Serie zu Proust und dem Rechtsextremismus ab. In den ersten Folgen hatte er erzählt, dass Proust - dessen "Marcel" im Roman immerhin ein Dreyfus-Anhänger ist - zunächst vor allem Zuspruch von Autoren der rechten Action française wie Charles Maurras und Léon Daudet erhalten hatte (unsere Resümees). Aber sie hatten nicht mit den Volten gerechnet, die Proust in späteren Bänden der "Recherche" schlug. Nicht nur die Thematisierung von Homosexualität störte sie, sondern mehr noch, dass sie ein Roman der verratenen Erwartungen ist: "Charlus, der sich zu Beginn des Romans als Frauenheld darstellt, wird schließlich seine Päderastie offenbaren. Swann, der als entschieden skeptischer Dandy erscheint, wird schließlich zur jüdischen Religion zurückkehren. Madame Verdurin, die die vulgärste Linke verkörpert, wird schließlich die Größe der französischen Aristokratie illustrieren und zur Prinzessin von Guermantes werden. Odette Swann, die als Prostituierte in einem Bordell in Nizza begann, wird schließlich einen der renommiertesten literarischen Salons in Paris leiten. Und so weiter und so fort… Die Charaktere sind jedoch nicht das einzige, was in diesem Fall eine Rolle spielt. Das von Proust formulierte Prinzip bestimmt den Roman selbst, dessen letzter Band genau als 'das Gegenteil von dem, was man im ersten Band erwartet hatte' erscheinen wird. Und was hatte man im ersten Roman erwartet? Nun, eben einen Roman, der den Lesern der Action française gefallen könnte. Nur fühlten sich diese Leser wie Léon Daudet betrogen, als sie feststellten, dass Proust ganz und gar nicht dem entsprach, was sie sich vorgestellt hatten."

Magazinrundschau vom 18.04.2023 - La regle du jeu

Patrick Mimouni setzt seine faszinierende Artikelserie über Proust und den Rechtsextremismus fort (Resümee von Teil 1 und Link, hier Teil 2). Proust, konstatiert er zu Beginn des dritten Teils, war zumindest zu seinen Lebzeiten ein Autor, der vor allem von der extremen Rechten wahrgenommen und geschätzt wurde. Das lag vor allem daran, dass ihn Charles Maurras, der Gründer der Action française, und sein Ko León Daudet protegierten. Und die Zeitung gleichen Titels hatte eine Hunderttausender-Auflage. Die berühmte und ungleich renommiertere Nouvelle Revue Française (NRF) propagierte Proust zwar auch - aber das war nur ein kleiner Zirkel von Intellektuellen. Die Stimmung bei Daudet änderte sich mit dem vierten Band der "Recherche", "Sodom und Gomorrha", wo das Thema Homosexualität im Vordergrund steht, und später nach Prousts Tod 1922. Daudet trauerte zunächst. Aber mit Proust, so Mimouni, war der dezidiert jüdische Intellektuelle ins öffentliche Leben eingetreten, neben Bergson, Freud und Einstein. "Mit seiner Prosa, die fast ohne Absätze und Interpunktion auskommt und einer Seite in der Bibel oder im Talmud gleicht, verkörperte Proust in den Augen einer immer größer werdenden Leserschaft den jüdischen Intellektuellen schlechthin. Und indem er ihn verkörperte, brachte er zwangsläufig die Frage ins Spiel: Was ist ein jüdischer Intellektueller?" Vielleicht hat auch Prousts Erfolg in Deutschland dazu beigetragen: Jedenfalls wandte sich Daudet nach Prousts Tod dezidiert von ihm ab: "In Bezug auf Proust sprach er nicht von 'Judentum', sondern zog es vor, von 'Intellektualismus' zu sprechen. Er wollte mit seiner Invektive nicht zu weit gehen. Aber in seinem Vokabular bedeutete eine 'vollständig jüdische' oder 'vollständig intellektualisierte' Natur dasselbe. In Wirklichkeit erinnerte er auf seine Weise an Prousts Talmudismus."

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - La regle du jeu

Mit einem ziemlich faszinierenden Artikel startet Patrick Mimouni eine fünfteilige Artikelserie über Marcel Proust und die extreme Rechte. Er erzählt von Prousts Freundschaft zu Charles Maurras, dem tauben, aber wortgewaltigen Anführer der Action française, und zu Léon Daudet, Maurras' Kompagnon und engem Freund Prousts - aber sie durften sich nur heimlich treffen, schreibt Proust, der selbst Dreyfusard war, während Maurras und Daudet die Bewegung der Antidreyfusards anführten, die den Grundstein für den Antisemitismus des 20. Jahrhunderts legte. Mimouni unterstellt, dass Proust auch an der Freundschaft zu Daudet festhielt, weil er die "Affäre" in seinem Roman beleuchten wollte. Mimounis Beleg dafür ist die rechtsextreme Comtesse de Loynes, die die Action française finanzierte - und die das Vorbild für Odette in "Swanns Welt" ist. "Die Gesellschaftsreporter begannen sich erst nach dem Ausbruch der Dreyfus-Affäre für sie zu interessieren, eben weil ihr Salon dank Léon zum Hauptquartier der Antidreyfusards wurde. Der Salon von Odette, die zu Madame Swann wurde, entsteht im Roman auf die gleiche Weise, indem er von den gleichen Ereignissen profitiert, nur dass es Madame Verdurin ist, die Odette auf die Idee bringt - 'Madame Verdurin, bei der ein latenter bürgerlicher Antisemitismus erwacht war und eine regelrechte Hysterie erreicht hatte'. Bis dahin hatte die Comtesse de Loynes nur Männer empfangen. Sogenannte ehrbare Frauen konnten natürlich keine Beziehungen zu einer ehemaligen Prostituierten unterhalten. Dasselbe gilt für Madame Swann, eine Frau, die die Guermantes vor der Affäre niemals empfangen hätten. Es genüge nun, 'Tod den Juden!' auf ihren Sonnenschirm zu sticken, um in den Faubourg Saint-Germain aufgenommen zu werden, stellt die Herzogin von Guermantes fest. Die Judenfeindlichkeit öffnete nicht nur ehemaligen Prostituierten die Türen zu den Salons der Aristokratie, sondern ermöglichte es den antisemitischen Anführern, die Kontrolle über die royalistische Partei zu erlangen."