Magazinrundschau
Verratene Erwartungen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.04.2023. Guardian und New Lines blicken deprimiert auf das Desaster im Sudan. Eurozine wirft einen nüchternen Blick auf Serbiens Beziehung zur EU. In Himal huldigt Dhanuka Bandara einer srilankischen Agrarutopie. Lidove noviny würdigt den Maler Josef Mánes. Und in Aeon erklärt der Psychologe David Borkenhagen, warum ein Oktopus vermutlich nie die Vergangenheit hinter sich lassen kann.
Guardian | New Lines Magazine | Eurozine | Elet es Irodalom | La regle du jeu | Himal | Lidove noviny | HVG | Aeon
Guardian (UK), 24.04.2023
New Lines Magazine (USA), 25.04.2023
Mat Nashed erinnert daran, dass die Generäle im Sudan ursprünglich nur einen Übergang für demokratische Wahlen gewährleisten sollten. Doch es wurde schnell klar, dass beide nicht daran dachten: "Während der Übergangszeit stellten sich Burhan und sein Stellvertreter Hemedti als wohlwollende Führer und Hüter der Revolution dar. Da Hemedti im Gegensatz zu Burhan nicht über die Legitimität verfügte, die mit der Führung des sudanesischen Militärs einhergeht, stellte er Berater ein, die in westlichen Hauptstädten Lobbyarbeit für ihn leisteten, während er im ganzen Sudan Krankenhäuser und Kliniken baute. Nur wenige Menschen ließen sich von Hemedtis PR-Kampagne beeindrucken oder waren überrascht, dass er Burhans Putsch am 25. Oktober 2021 unterstützte. Sowohl das Militär als auch die RSF - zusammen mit unpopulären bewaffneten Gruppen aus Darfur - haben den demokratischen Übergang gestört, weil sie befürchteten, dass sie bald ihren politischen und wirtschaftlichen Würgegriff über das Land verlieren würden. In der Tat kontrollieren sowohl die RSF als auch das Militär lukrative Sektoren wie den Export von Gold, Sesam und Gummiarabikum."Eurozine (Österreich), 21.04.2023
Nach außen hin gibt sich Serbien unter Präsident Aleksandar Vučić neutral und auf dem Weg zur EU, doch im Land selbst zeigt er sich unverhohlen als Bannerträger Wladimir Putins, der mit Russland verbunden ist im Kampf gegen die Nato und den Liberalismus des Westens, schreibt Tomislav Marković in einem deprimierenden Bericht über das Abdriften des Landes. In seinen Chauvinismus übertroffen werde Vucic aber noch von den Medien, der Orthoxoden Kirche und einer kryptofaschistischen Opposition, die seit Jahren den Dritten Weltkrieg herbeisehnt: "Innenpolitisch hat er alles getan, um den Staat in seine Gewalt zu bringen, die schwachen Institutionen, die ohnehin keinen großen Widerstand leisten konnten, zu zerstören, das ganze Land in ein privates Lehnsgut seiner Partei zu verwandeln und eine Ein-Mann-Autokratie einzuführen. Daher sein Vertrauen in den Kreml. Vučić sieht den Putinismus als sein eigenes Ideal an, ist aber nicht in der Lage, es vollständig durchzusetzen. Wenn er könnte, würde Vučić morgen die europäische Integration aufgeben und Serbien noch näher an Russland heranführen, ja sogar ein Bündnis mit Russland und Weißrussland eingehen, wie es Slobodan Milošević während des Krieges 1999 versuchte. Die Mehrheit der Opposition würde sich ihm dabei nicht widersetzen, ebenso wenig wie der größere Teil der Gesellschaft, der Serbien nicht als Teil der europäischen Familie ansieht. Zu seinem Leidwesen ist dies nicht möglich, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Der Großteil der Auslandsinvestitionen kommt direkt aus der Europäischen Union, dem größten Wirtschaftspartner Serbiens mit über 60 Prozent des Handels. Serbien hat über die Beitrittsprogramme mehr als 3,7 Milliarden Euro von der EU erhalten, um die Rechtsstaatlichkeit zu stärken, die öffentliche Verwaltung zu reformieren, die Umwelt zu schützen und so weiter. Die nicht rückzahlbaren Finanzhilfen fließen nur, solange Serbien offiziell auf dem Weg nach Europa bleibt."Elet es Irodalom (Ungarn), 21.04.2023
Chefredakteur Zoltán Kovács kommentiert die Forderung Viktor Orbans, die "friedensfördernde" Haltung der ungarischen Regierung mit gebührendem Respekt zu behandeln. Der amerikanische Botschafter in Ungarn hatte kürzlich erklärt, dass die Alliierten besorgt seien über die Nähe Ungarns zu Russland, was wiederum von der ungarischen Regierung als Einmischung in die inneren Angelegenheiten zurückgewiesen wurde. "Ein altes Element der orakelhaften weltpolitischen Aussagen des Ministerpräsidenten ist, dass die trägen westlichen Mitgliedsstaaten an Gewicht und Einfluss verlieren und von der ostmitteleuropäischen Region mit ihrem schnellen Wirtschaftswachstum überholt wird. 'Es geht längst nicht mehr um die deutsch-französische-Achse', hieß es in einer Erklärung Orbáns im Jahre 2020. Grundsätzlich verkündet die Regierung, dass unsere Region in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht immer stärker wird, während Westeuropa mit ernsthaften Problemen kämpfe. Immer wieder wird in den wirren Ausführungen jene Halbwahrheit betont, dass Deutschland heutzutage mehr mit den Visegrad-Staaten handle als mit Frankreich. Doch in Wahrheit sind das keine Handelsbeziehungen zwischen gleichrangigen Partnern, vielmehr handeln deutsche Unternehmen, die ihre Produktion aufgrund der günstigeren Arbeitskräfte in den Osten und Süden verlagert haben, mit ihren Tochtergesellschaften in der Region. Der Krieg in der Ukraine hat die europäischen Prioritäten jedoch tatsächlich auf den Kopf gestellt und verbesserte die Position Polens und der baltischen Staaten. Die Invasion legitimierte ihre moskaukritischen Ansichten, was wiederum sowohl in Brüssel als auch in Washington die Erkenntnis reifen ließ, dass sie recht hatten und nicht die mit den Russen unbedingt nach guten Beziehungen strebenden Deutschen und Franzosen. Und mit gebührendem Respekt fügen wir hinzu: auch nicht die Ungarn."La regle du jeu (Frankreich), 19.04.2023
Patrick Mimouni schließt seine Serie zu Proust und dem Rechtsextremismus ab. In den ersten Folgen hatte er erzählt, dass Proust - dessen "Marcel" im Roman immerhin ein Dreyfus-Anhänger ist - zunächst vor allem Zuspruch von Autoren der rechten Action française wie Charles Maurras und Léon Daudet erhalten hatte (unsere Resümees). Aber sie hatten nicht mit den Volten gerechnet, die Proust in späteren Bänden der "Recherche" schlug. Nicht nur die Thematisierung von Homosexualität störte sie, sondern mehr noch, dass sie ein Roman der verratenen Erwartungen ist: "Charlus, der sich zu Beginn des Romans als Frauenheld darstellt, wird schließlich seine Päderastie offenbaren. Swann, der als entschieden skeptischer Dandy erscheint, wird schließlich zur jüdischen Religion zurückkehren. Madame Verdurin, die die vulgärste Linke verkörpert, wird schließlich die Größe der französischen Aristokratie illustrieren und zur Prinzessin von Guermantes werden. Odette Swann, die als Prostituierte in einem Bordell in Nizza begann, wird schließlich einen der renommiertesten literarischen Salons in Paris leiten. Und so weiter und so fort… Die Charaktere sind jedoch nicht das einzige, was in diesem Fall eine Rolle spielt. Das von Proust formulierte Prinzip bestimmt den Roman selbst, dessen letzter Band genau als 'das Gegenteil von dem, was man im ersten Band erwartet hatte' erscheinen wird. Und was hatte man im ersten Roman erwartet? Nun, eben einen Roman, der den Lesern der Action française gefallen könnte. Nur fühlten sich diese Leser wie Léon Daudet betrogen, als sie feststellten, dass Proust ganz und gar nicht dem entsprach, was sie sich vorgestellt hatten."Himal (Nepal), 17.04.2023
Lidove noviny (Tschechien), 07.04.2023

HVG (Ungarn), 25.04.2023
Der Schauspieler und Theatergründer Tamás Lengyel erklärt im Interview mit Rita Szentgyörgyi, warum er seine Meinung geändert hat, dass ein Künstler seine Meinung über öffentliche Themen für sich behalten sollte: "Am Anfang dachte ich, dass ich keine Position beziehen darf, ich muss neutral bleiben, damit sich sowohl das rechte als auch das linke Publikum über meine Darbietungen amüsiert. Heute sehe ich es anders. Es passieren solch grundsätzliche Unkorrektheiten, Ungerechtigkeiten, Lügen um uns herum, die unser aller Zukunft, auch die unserer Kinder, gefährden, dass ich mehr Schaden anrichte, wenn ich meine Meinung für mich behalte, als wenn ich klar sage, was ich zum Beispiel über die Situation der Pädagogen oder über das Gesetz gegen Homosexuelle denke. Obgleich die Existenz unabhängiger Theatergruppen erheblich erschwert wird, gibt es großen gesellschaftlichen Bedarf an Inszenierungen, die auf wichtige Themen wie Rassismus, die Wirkung der Propaganda, der Verlust des eigenen Kindes oder Fußballhooligans reflektieren. Es gibt weiterhin einen Bedarf, dass wir dies unterhaltend oder ungewöhnlich präsentieren, (…) so versuchen wir als unabhängiges Theater zu existieren."Aeon (UK), 20.04.2023
Die VerGANGENheit heißt gerade auch in der deutschen Sprache nicht umsonst so. Alle unsere Begriffe und Auffassungen von Zeit und Zeiterfahrung gründen in unserer Art der Fortbewegung und wahrnehmungsbedingten Raumstrukturierung - also darin, wie wir körperlich determiniert sind, schreibt der Psychologe David Borkenhagen: Die Zeit schreitet voran, das Gestern liegt hinter uns. Von dieser Beobachtung aus ist es sehr reizvoll, sich einmal näher mit dem Oktopus zu befassen, empfiehlt er. Dieser verfügt ja nicht nur über eine erstaunliche operative Intelligenz, die ihm auch planvolles Taktieren für Zukunftsszenarien gestattet, sondern kennt zugleich mit seinem Nahezu-Rundumblick und seiner totalen Fortbewegungsflexibilität kein Hinten und Vorne. "Wenn die körperlichen Interaktionen mit unserer Umgebung die menschlichen Metaphern für Zeit begründen, dann kann man sich ausmalen, auf welche Metaphern ein Oktopus wohl zurückgreifen würde. Dass er mit Objekten vor und hinter seinem Körper auf völlig gleichberechtige Weise umgehen kann, lässt vergangene Ereignisse auf rein metaphorischer Ebene ebenso manipulierbar erscheinen wie zukünftige. Ausdrücke wie 'Lassen wir die Vergangenheit hinter uns' wären für den Oktopus ohne Belang. Ja mehr noch, da der Oktopus seine visuelle Perspektive auf seine Umgebung verändern kann, indem er nach oben schwimmt, mögen alle Ereignisse in der Zeit - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - von einem metaphorischen, weiten Fluchtpunkt aus betrachtet werden, was es gestatten würde, Muster in Ereignissen zu erkennen, die sich über lange Perioden erstrecken. Wenn Menschen sich solche, vom Oktopus inspirierte Zeit-Metaphern aneignen würden, könnte unser Verhältnis zur Vergangenheit an Bedeutung gewinnen. Die Vergangenheit könnte sich lose mit der Gegenwart verbinden und uns gestatten, unsere Aufmerksamkeit von unserer kulturell bedingten Obsession mit zukunftszentriertem Fortschritt zu lösen." Ein überaus anregendes philosophisches Gespräch über Kraken, Oktopusse und deren beeindruckende Intelligenz findet sich im übrigen im Archiv des Dlf Kultur.
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