Magazinrundschau - Archiv

Lettre International

42 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 5

Magazinrundschau vom 17.06.2002 - Lettre International

Schon allein dieses Textes wegen muss man die neue Lettre lesen: Ziauddin Sardar erinnert sich an seine Jahre in der heiligen Stadt der islamischen Welt: Mekka. Wir dürfen im Netz einen Auszug lesen, in dem er erzählt, wie man blitzschnell ein Visum vor einem belagerten Schalter ergattert: "Shaikh Abdullah spürte meine Bestürzung und klopfte mir sanft auf die Schulter. 'Ich weiß, was ich tun muss, gelernt ist gelernt', sagte er zuversichtlich. 'Bleiben Sie hier stehen und schauen Sie mir zu.' Er zählte eine Anzahl Schritte von der Menge vor dem Visaschalter weg wie ein Bowlingspieler, der seinen Anlauf vorbereitet. Knapp 20 Meter von der Menge entfernt blieb er stehen, drehte sich um und schrie den zwei oder drei Leuten, die zwischen ihm und der Menge standen, zu, sie sollten aus dem Weg gehen. Dann hob er die untere Hälfte seines toupe, seiner langen weißen Oberbekleidung, hoch und band sie sich um die Hüfte fest. Schließlich schaute er mich grinsend an und zeigte dabei einen Goldzahn. Plötzlich schrie Shaikh Abdullah mit schrecklicher Stimme: 'Ya Allah' und rannte los. Die Leute vor dem Schalter drehten sich entsetzt um und konnten nicht glauben, was auf sie zukam. Shaikh Abdullah sprang auf die Menge, lief in Blitzesschnelle über ihre Köpfe und Schultern und legte seine Akte dem Mann hinter dem Schalter genau in die Hände. Dann stieg er elegant herab - ein müheloses Absitzen - und kam nonchalant zu mir zurück. 'Klappt immer', sagte er triumphierend."

Weitere Artikel in der besten Zeitschrift Deutschlands: Geert Lovink analysiert die Kunst der Geldvernichtung: "Die Protagonisten der Dotcom-Welle hatten die Geschichte auf ihrer Seite, die Möglichkeiten konnten sich eigentlich nur vervielfältigen. Was also war schiefgelaufen?" Abgedruckt ist ein Briefwechsel zwischen Navid Kermani und Natan Sznaider über den Teufelskreis der Argumente im Nahostkonflikt. Wole Soyinka denkt über die Banalität der Macht nach. Peter Pannke folgt den Spuren des Minnesängers Heinrich von Morungen auf seiner Orientfahrt, und Bernd Mattheus schreibt über die "Legende des Saint Arto" (Antonin Artaud).

Nur im Print lesen wir unter anderem ein Porträt Charles-"La Mer"-Trenets von Alfred Simon, Eduardo Berti schreibt über Borges und den Tango, Jochen Gerz liefert eine Anthologie der Kunst und es gibt einen Text von Mahmud Darwish: Der Brunnen.

Magazinrundschau vom 02.04.2002 - Lettre International

In der neuen Lettre erklärt Istvan Eörsi (mehr hier), ehemals Regime-Kritiker in Ungarn, warum er nach 1989 schlechten Gewissens für eine Koalition mit den ehemaligen Sozialisten plädierte: Weil die Rechte noch viel schlimmer ist. Bereits 1994 war absehbar, "dass die demokratische Ordnung allein von rechts bedroht ist, von einer Rechten, die - ein osteuropäisches Spezifikum - von den klerikalen, revanchistischen und rassistischen Ausdünstungsgasen der Zwischenkriegszeit angetrieben wird"

Abdelwahab Meddeb, einer der brillantesten arabischen Intellektuellen, versucht sich die Gründe für den Niedergang des Islam zu erklären. Ein wesentliches Moment liegt für ihn in der Feststellung, dass dem Islam der Begriff für eine intellektuelle Elite verlorengegangen sei. Diese traditionelle "Unterscheidung zwischen Elite und Volk wurde unter dem Druck der Demokratisierung ohne Demokratie aufgerieben, die mit ihrem Populismus Bildung verbreitete, ohne an die Qualität zu denken und ohne das hierarchische Prinzip auf die Schaffung einer republikanischen oder demokratischen Elite zu übertragen. So kam es zum Triumph des breiten Volkes, das, wenn es sich eine Technik aneignet, gleich vom Analphabetismus zum Spezialistentum übergeht, ohne sich am Althergebrachten zu üben, was man zu anderen Zeiten Geisteswissenschaften nannte und was heute dem Unnützen gleichgesetzt wird."

Weiteres: Jean Baudrillard kleidet zum wiederholten Male seine "Selber Schuld"-Theorie zum 11. September in den radical chic seiner höheren Diskurse. Carlos Fuentes unterhält sich mit Constantin von Barloewen über die "Kreolische Odyssee". Und Breyten Breytenbach macht sich Gedanken über die "Neuerfindung des afrikanischen Kontinents".