Magazinrundschau - Archiv

Lettre International

42 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 5

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - Lettre International

Atlantic-Monthly-Reporter William Langewiesche, der es bis in die Finalrunde des Lettre Ulysses Award 2004 geschafft hatte, schreibt über die Grüne Zone, die wie ein kleines, gefährliches Amerika im Herzen Bagdads liegt. "Die Dritte Infanteriedivision der US-Armee kämpfte sich im April 2003 unter schweren Verlusten auf irakischer Seite in die Grüne Zone vor, deren einst privilegierte Bewohner Hals über Kopf flohen und dabei Haus und Hof räumten, weshalb sich die Gegend für eine Nutzung durch die Amerikaner geradezu anbot. Später allerdings sollte sich der Entschluss, die Regierung der Besatzungsmacht im Zentrum der Stadt einzurichten und in eben jenen Gebäuden unterzubringen, die bislang von der Diktatur genutzt wurden, als gravierender Fehler erweisen - einer von vielen Fehlern, die in der Arroganz des Know-how der Yankees und in ihrem merkwürdigen Unvermögen wurzelten, das Ende der Flitterwochen und jene Feindseligkeit vorherzusehen, die selbst die aufgeklärteren unter den Invasoren provozieren sollten."

Der Journalist Suketu Mehta hat sich die Lebensgeschichte des indischen Taxifahrer Ramesh erzählen lassen, der in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist und mit zehn Jahren von seinem brutalen Vater nach Bombay geschickt wurde. "Es ist eine Chronik flüchtigen Lebens in der Metropole, des ständigen Hin und Her zwischen dem Dorf und der Stadt und dem Ausland; und die Geschichte eines Lebens, das immer von Gewalt bedroht ist."

Weitere Artikel: Sergio Benvenuto wirft einen italienischen Blick auf die "Mysterien von Paris". Und Ryszard Kapuscinski notiert seine Gedanken zum "Beruf Reporter".

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Lettre International

Im neuen Heft sind lange Auszüge aus den Reportagen der sieben Finalisten für den Lettre Ulysses Award abgedruckt. Online lesen dürfen wir auszugsweise die Reportage der Preisträger Chen Guidi und Wu Chuntao über die Lage der chinesischen Bauern - in diesem Auszug erleben wir, wie der Dorfbuchhalter Zhang Guiquan vier Bauern tötet, um eine Überprüfung seiner Bücher zu verhindern. Weiter Tracy Kidders Reportage über Paul Farmer, einen Arzt, der die Haitianer medizinisch versorgt, und Daniel Bergners Reportage über Kinder im Bürgerkrieg von Sierra Leone. Paulo Mouras Reportage über afrikanische Flüchtlinge, die in einem Wald bei Tanger darauf warten, in die Festung Europa eindringen zu können, finden Sie hier.

Jacques Derrida antwortet auf Fragen von Jean Birnbaum über Leben und Überleben: "Um ohne weitere Umschweife auf Ihre Frage zu antworten: Nein, ich habe niemals leben-gelernt. Ganz und gar nicht! Zu leben lernen, das müßte bedeuten, zu sterben lernen, zu lernen, der absoluten Sterblichkeit (ohne Heil, weder Auferstehung noch Erlösung - weder für sich selbst noch für den anderen) Rechnung zu tragen, um sie zu akzeptieren. Seit Platon lautet der philosophische Imperativ: Philosophieren heißt sterben lernen. Ich glaube an diese Wahrheit, ohne mich ihr zu ergeben. Und zwar immer weniger. Ich habe nicht gelernt, den Tod zu akzeptieren."

Weitere Artikel: Aus der London Review of Books wurde Andrew Hagans Reportagen über den Parteitag der Demokraten und den der Republikaner übernommen. Loretta Napoleoni beschreibt die intimen Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den USA. Und Peter Sellars schreibt über das Theater und die Freiheit.

Magazinrundschau vom 14.06.2004 - Lettre International

Der Philosoph, Pataphysiker (mehr dazu hier und hier in einem Interview mit Boris Vian) und ehemalige Gymnasiallehrer Daniel Accursi beschreibt in einem langen, auszugsweise ins Netz gestellten Essay das höchste Stadium der Globalisierung - die Entfesselung der Religionen: "Der Fall der Berliner Mauer bezeichnet nicht das Ende der Geschichte, sondern den Tod der politischen Ideologien. Diese Erschütterung verherrlicht den Triumph des Kapitalismus. Er brüllt wie ein Löwe am Sambesi und reißt sich los. Und der Wanst frohlockt. Aber was kommt nach der politischen Gehirnzermantschmaschine? Der religiöse Glaube, weiß Gott. Eilfertig füllt er die maßlose Leere aus und präsentiert sich als Retter. Er verkündigt die schreckenerregende Auferstehung der monotheistischen Götter. In der finsteren Nacht schneiden Allah, Jahwe und Gottvater einander die Gurgel durch. Warum? Weil jeder Gott danach trachtet, zum einzig einzigen Gott zu werden, indem er sich des Glaubensmarktes bemächtigt. Das höchste Stadium der Globalisierung."

Auch der Politologe Stephen Eric Bronner ("Sozialismus neu verstehen"versucht in einem auszugsweise veröffentlichten Essay den "neuen Antisemitismus" zu verstehen: ""Neu' ist am 'neuen Antisemitismus' nur, dass die Juden nicht mehr untereinander gespalten und nicht mehr wehrlose Opfer einer christlichen Welt sind. Die Juden haben heute ein mächtiges Heimatland, mächtige Lobby-Organisationen in allen westlichen demokratischen Staaten und mächtige Alliierte wie die USA."

Weitere Artikel: In einem trocken, aber sehr interessanten Text unter dem Titel "Das tägliche Öl" (hier ein Auszug) verfolgt Richard Manning die Nahrungskette bis zum Irak zurück. Der australische Autor David Malouf schreibt über europäisches Erbe und ozeanisches Lebensgefühl (Auszug). Und Claudia Schmölders denkt über "Europas Liebesneigung" nach (Auszug).

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - Lettre International

In der Lettre beschreibt der Historiker Karl Schlögel die Helden, die auf dem Basar der litauischen Stadt Marjampole still und unbemerkt das neue Europa schaffen: "Diese Händler haben keine 'zivilisatorische Mission', aber sie arbeiten an etwas, was Europa als zivilisatorischen Zusammenhang wieder entstehen lässt. Sie sind keine Sprachkünstler und keine Linguisten, aber eine gewisse Mehrsprachigkeit gehört zu den Voraussetzungen ihres Jobs. Sie sind nicht die Vertreter jener kosmopolitischen Kultur, die der Liebling des arrivierten Kulturbetriebes ist; dafür kennen sie sich in der Welt aus. Weltläufigkeit ist Bedingung ihrer Arbeit. 'Grenzüberschreitung' ist für sie keine intellektuelle Mode, sondern tägliches Brot im Überlebenskampf. Sie stehen 17 Stunden in Kalwarija an der litauisch-polnischen Grenze und noch einmal so lange in Swiecko/Frankfurt/Oder an der polnisch-deutschen Grenze. Sie kennen Europa nicht nur vom Hörensagen und nicht nur als Gemeinschaft von Werten und Prinzipien, sondern als Raum, den sie Dutzende Male von einem bis zum anderen Ende durchmessen haben."

Sabina Kienlechner stellt in ihrem "Versuch über die chora oder das dritte Geschlecht" fest, "dass wir keine Ahnung davon haben, was eine Mutter" ist. Schon Platon ordnet die Mutter der chora zu, bemerkt sie. Er nannte die chora ein "drittes Geschlecht", weil es das ist, "worin das Werdende wird". Kienlechner versucht nun, die Realität der Mutter zu verorten, die sie mit dem Neugeborenen teilt. Mit einer Art literarischer Phänomenologie schickt sie uns in die Welt des vorsprachlichen Lebens, das Reich der Wachstumsmusik Aus ihr dringt der Klang, "der es dem Kind ermöglicht, anzufangen, mitzumachen. ... Es ist eine Musik, die nicht erst einsetzt, sie war immer schon da, lange vor ihm. Nur: Eben jetzt dringt er ein."

Weitere Artikel: Ahmed Rashid beschreibt das Scheitern des Wiederaufbaus Afghanistans und die Folgen: die Taliban kehren zurück. Pico Iyer ist nach Tibet gereist und erzählt, wie es um das "Paradies der Traumsucher" bestellt ist. Der Sinologe und Philosoph Francois Jullien erklärt im Gespräch mit Roman Herzog, wie ihm das fernöstliche Denken geholfen hat, mehr über Europa zu erfahren. Mario Scheuermann besingt "das Aristokratische im Wein".

Nur im Print: Über das Schicksal Europas spricht Olivier Mongin mit George Steiner, der Europa in einem Niedergang begriffen sieht, "der von einer Ermüdung, einer maßlosen Ermüdung herrührt". Pedro Rosa Mendes liefert eine Reportage über die Gewalt in Liberia. Außerdem: Texte von Dzevad Karahasan, Roberto Bolano, Nedim Gürsel, Chalmers Johnson und Michail Ryklin und und und ... (Beachten Sie bitte auch die bildschöne neue Internetadresse der Lettre!)

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Lettre International

Laszlo Krasznahorkai macht sich mit einem Dolmetscher auf eine Busfahrt zum Jiuhuashan, einem heiligen Berg der Buddhisten. Unterwegs steigt eine Frau ein, die unseren Reporter in eine Sinnkrise stürzt. "... das ganze Geschöpf war vollkommen durchnässt, so nass, dass noch minutenlang Wasser von ihm troff, und so erweckte die Arme den elenden Eindruck eines zottigen ausgesetzten Köters, zudem war sie ein völlig indifferentes Wesen, sie hatte etwas an sich, das mir von hier, eine Reihe schräg hinter ihr, das Betrachten ihres Gesichtes zum Beispiel vergeblich machte, es war ein in jeder Hinsicht ersetzbares Gesicht, ersetzbar durch jegliches andere, gleichsam der Mittelwert von einem Gesicht, das ich mir unmöglich merken konnte, vergeblich fixierte ich es, ich konnte es unmöglich von den anderen unterscheiden, weil es genauso war wie Tausende und Abertausende, wie Millionen und Abermillionen in dieser unfassbaren Menschenmenge, die China hieß ... und dann vollführte dieses auswechselbare, dieses überaus durchschnittliche, unauffällige Geschöpf - ohne auch nur irgend etwas an seinem auswechselbaren, durchschnittlichen, unauffälligen Wesen zu ändern - etwas vollkommen Unerwartetes ..."

Außerdem: eine Reportage von Sonia Jabbars aus Kaschmir. Ian Buruma beschreibt staunend die "bedeutendsten Standorte für Themenparks": Japan und China. Jean Malaurie ist überzeugt, dass die Naturvölker uns bald "zu einer erneuerten Sicht des Sakralen inspirieren" werden und beschreibt dies am Beispiel der Inuit. Tomas Eloy Martinez schildert Argentiniens Dekadenz. Dzevad Karahazan schreibt über das Ende der politischen Gesellschaft auf dem Balkan. Bora Cosic liest Dantes "Göttliche Komödie" als Beschreibung eines Irrenhauses. Der 1990 verstorbene Wenedikt Jerofejew beglückt uns mit einer Frohen Botschaft (Evangelium nach Jerofejew). Chalmers Johnson beschreibt die sagenhaften Gewinne, die einige Firmen mit dem Irakkrieg gemacht haben, und und und ...

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - Lettre International

Die Lettre hat am Samstag den ersten internationalen Preis für Reportageliteratur, den Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage, an Anna Politkowskaja verliehen. Die Lettre veröffentlicht in ihrer neuen Ausgabe Auszüge aus den Reportagen der sieben Finalisten. Hier ein Auszug aus Politkowskajas bisher nur in Frankreich veröffentlichter Reportage "Tschetchenie: les deshonneur russe" (sie ist nicht identisch mit ihrem auf Deutsch erschienen Buch über Tschetschenien): "Ich bin 43 Jahre alt. Auch wenn ich schon einige Tragödien erlebt habe - den grauenhaften Gestank von verbranntem Menschenfleisch habe ich noch nie gerochen. Diese Erfahrung habe ich erst in Schatoi gemacht. Ich erstarre ... Dann erkenne ich, dass dieser Gestank einem Geruch aus meiner Kindheit ähnelt. In der kommunistischen Zeit, als die Läden, vor allem in der Provinz, leer waren, gabe es so gut wie keine kochfertigen Hühnchen. Meine Tante Wera, die für uns, meine Schwester und mich, Essen machte, rupfte ein Huhn für die Suppe und sengte es dann über einem Gaskocher ab. 'Das war ein Kind, nicht wahr? Das kann kein Erwachsener sein.' Wie eine mechanische Puppe wiederhole ich meine Frage, als wollte ich versuchen, mich selbst zu überzeugen." Es sind vier Erwachsene, die im tschetschenischen Schatoi von einer Eliteeinheit der GRU getötet und verbrannt worden waren. Was passiert ist, lesen Sie hier.

Ebenfalls online lesen dürfen wir auszugsweise Jiang Haos Reportage über Wilderer in der Mongolei und Nuruddin Farahs Reportage "Somalis ohne Land". Außerdem in der Lettre: Peter Sloterdijk und Hans-Jürgen Heinrichs unterhalten sich über "Atmoterrorismus". Paul Thibaud fragt "Was wird aus Europa?". Friedrich Dieckmann schreibt über die Verschwörung gegen Berija und den 17. Juni 1953, und Miguel Torga hat sein Tagebuch aus den Zeiten der portugiesischen Nelkenrevolution veröffentlicht.

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - Lettre International

Wie immer viel Stoff in der besten deutschen Kulturzeitschrift! Olaf Arndt, Mitglied der Künstlergruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) macht sich Gedanken über die Neuentwicklung "intelligenter" Waffen für die Innere Sicherheit, die zwar nicht mehr töten, aber "weit mehr verletzen als das Schamgefühl". Er fragt sich, was diese als "human" bezeichneten Waffen, die lediglich "Schlaf, Schmerz, Blindheit, Lähmung, Erbrechen oder spontane Defäkation" verursachen, über den Zustand unserer Kultur aussagen mögen: "Was erlebt eine Person, die von 500 000 Volt getroffen wird, die sich in einem durch UV-Laser ionisierten Luftraum über 200 Meter Distanz in ihren Körper entladen? Ist das die lange erwartete Humanisierung der berüchtigten Grenzschutzmine, die aus einem mit Sprengstoff gefüllten Behälter 5 000 Mikropfeile an dünnen Kabeln in den Körper des Opfers jagt und es so lange, wie die Batterie hält, bei vollem Bewusstsein lähmt?" Arndt beschreibt anschaulich die Wirkungen mehrerer der nicht-letalen Waffensysteme und prophezeit eine neu entstehende "Mythologie der Polizei im 21. Jahrhundert".

Carl von Siemens liefert eine Reportage über das Kultspektakel "Burning Man" in der Wüste Nevadas. Jedes Jahr zur Sommersonnenwende wird dort eine zweieinhalb Meter hohe Holzfigur verbrannt. Menschen aus der ganzen Welt reisen an, um auf dem ausgetrockneten Bett eines Salzsees bei Temperaturen bis zu 40 Grad ihre "alternative Version des amerikanischen Traums" auszuleben. "Dieses Land hat einen seltsamen Effekt auf die Besucher aus San Francisco. Die Einsamkeit verkleinert und vergrößert sie gleichzeitig. Sie schließen die Augen und beginnen zu rennen, in der Gewissheit, dass es für Meilen und Meilen nichts gibt, worüber man fallen kann. Das alkalische Mehl kleidet ihre Füße in gespenstische Stille. Sie mögen sich die Seele aus dem Leib schreien, aber es gibt kein Echo und niemanden, der sie hört. Vielleicht reißen sie sich einfach die Kleider vom Leib und beginnen zu ficken. Dann kugeln sie wie Kinder über den Boden, und als sie wieder aufstehen, hat der Staub ihnen das Aussehen von Kannibalen verliehen."

Im Schwerpunkt Australien erklärt der australische Romancier David Malouf, was die weißen Australier von den Ureinwohnern unterscheidet: Die Neuankömmlinge aus Übersee hätten den Kontinent immer als Insel betrachtet. "Keine Gruppe australischer Ureinwohner, wie alt und tief ihr Wissen von dem Land auch je gewesen sein mag, kann die Landmasse jemals auf diese Art gesehen haben. Das erzeugte einen trennenden Unterschied." Der Künstler Paul Carter räsoniert über "Papageien des Paradieses in der mythischen Topographie Australiens". (Leider findet sich in dem Auszug, den wir im Netz lesen dürfen, kein einziger Papagei.)

Weitere Artikel: Slavoj Zizek versucht zu erklären, warum eine irakische Demokratie nach westlichem Vorbild für die USA "einer geopolitischen Katastrophe" gleichkäme. Die russische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch erzählt das Schicksal einer Liebe in Russland. Stuart Pigott beschreibt in einer ausführlichen Reportage die sich nach und nach von Europa emanzipierende Weinkultur des Napa Valley in Kalifornien.

Nur im Print: Politische Denkanstöße gibt der französische Philosoph Jacques Ranciere mit seinem Essay über die Demokratie und "die Logik des Dissens". Der tunesische Intellektuelle Abdelwahab Meddeb schreibt in seinen Chroniken zur Irak-Intervention über Gründe, Motive und Folgen für West und Ost. Michael Maar klärt Missverständnisse in Thomas Manns "Doktor Faustus" auf, und Armin Wertz zeichnet das Leben des vielseitigen Künstlers Walter Spies (1895-1942, mehr hier und hier) nach, der lange auf Bali lebte. Den Schnee entziffert der Philosoph Michel Onfray ("Theorie des verliebten Körpers") bei den Schamanen der Inuit.

Und dann noch dies: Der Schriftsteller Peter Zilahy beschreibt mit makabrem ungarischen Humor seine Beobachtungen auf einer kulinarischen Reise durch China. Tiere kommen in chinesischen Restaurants demnach oft noch lebend auf den Tisch, so auch die Rattenembryos im Menu "Drei schrille Schreie". Der Name, erläutert Zilahy, ist der Tatsache geschuldet, dass "das lebendige Tier seinem Missfallen darüber Ausdruck verleiht, dass es A: mit den Essstäbchen gepackt wird, B: in die Sojasauce getunkt wird und C: im Mund verschwindet".

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - Lettre International

Mit der Wiederkehr okkulter Gewalt in Afrika hat sich Johannes Harnischfeger befasst. Er berichtet von dem nigerianischen "Propheten Eddie", der wegen des Vorwurfs der Zauberei von den "Bakassi Boys", einer bewaffneten Miliz, die ausdrücklich auch gegen Okkultismus kämpft, exekutiert wurde. "Der Mann Gottes, so spekulierten Zeitungen, habe 93 Menschen getötet, um mit Hilfe von Leichenteilen besonders wirksame Zaubermittel herzustellen. In der Gegend von Onitsha, einer Großstadt im Igboland, im Südosten Nigerias, zum Beispiel vermutete man, daß Eddy seine Hände im Spiel hatte, als aus der Entbindungsstation eines Krankenhauses in einer Nacht 16 Babys gestohlen wurden. Wegen seiner enormen Kräfte, die es ihm ermöglicht hatten, sich jahrelang jeder Verfolgung durch die Staatsbehörden zu entziehen, stand Edward Okeke im Verdacht, kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein, sondern ein Mischwesen: 'halb Mensch, halb Geist'. Auf Plakaten, die auf allen größeren Märkten im Igboland zu kaufen waren, ist er daher mit doppeltem Gesicht abgebildet: einer Engelsmaske, die sich von einer tierartigen Dämonenfratze abhebt..." Harnischfeger sieht den Ursprung von Okkultismus und Hexenverfolgung in einem "moralischen Trauma. Der soziale und politische Niedergang hat die Bewohner Nigerias in eine Welt versetzt, in der das Verhältnis von Gut und Böse, Schuld und Sühne aus der Balance geraten ist ... Da sich keine Wege aus dem Elend öffnen, kreisen die Gedanken immer wieder um mögliche Verschwörungen, die mit monströsen Mitteln ins Werk gesetzt werden."

In einem Schwerpunkt befasst sich die Lettre mit EuropaPierre Rosanvallon (mehr hier) versucht, Europas Gestalt vor dem Hintergrund der Globalisierung zu bestimmen und kommt zu dem Schluss, dass aufgrund des fehlenden europäischen demos auf die Nationalstaaten nicht verzichtet werden kann. Trotzdem ist er der Meinung, "dass die Gestaltung Europas auf ihre Weise heute erneut darauf abzielen muss, eine bestimmte Form des Universellen im kleinen zu realisieren, eine Universalität, die durch globale Regulierung nicht zu erreichen ist".

Karl Schlögel (mehr hier) denkt über "das östliche und mittlere Europa als grandiosen Verschiebebahnhof" nach und fordert angesichts der bevorstehenden Osterweiterung eine Auseinandersetzungen mit der "Tragödie der Vertreibung" nach dem Zweiten Weltkrieg. Weitere Beiträge zum Thema "Fragiles Europa" kommen von Emile Tode, Karl Markus Gauß und Ulf Peter Hallberg.

Auszugsweise online lesen dürfen wie außerdem ein Gesprächt zwischen Swetlana Alexijewitsch und Paul Virilio (mehr hier und hier) über die Auswirkungen des Tschernobyl-GAUs auf unser Weltbild: "Die Katastrophe von Tschernobyl ist deshalb außergewöhnlich, weil sie die astronomische Zeit betrifft, die Zeit der Generationen, der Jahrhunderte und Jahrtausende." Und der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz erklärt den weltweiten Antiamerikanismus als Reaktion auf die neoliberale Globalisierung und kritisiert das "Mantra der Deregulierung".

Im Print bietet diese Lettre-Ausgabe genug Stoff für die nächsten drei Monate: Giorgio Agamben fragt nach der rechtlichen Legitimität des Ausnahmezustands. Gavan McCormack beschreibt in einer langen Reportage "Nordkorea unter Zwang". Amitav Ghosh denkt über Terror und Geschichte nach. Abdelwahab Meddeb erinnert an Blütezeiten des Islam. Außerdem finden sich literarische Texte von Ian McEwan, Raymond Queneau und Bora Cosic sowie Poesie von Kenneth White und Etel Adnan. Für optischen Genuss sorgen die wunderbar organischen Fotografien von Ann Mandelbaum.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - Lettre International

Die Lettre übernimmt aus dem New Yorker Lawrence Wrights höchst empfehlenswerte Reportage über Dr. al-Zawahiri aus Ägypten, den zweiten Mann in der Al Qaida. "Zawahiri war von Geheimhaltung und Tarnung besessen. Er organisierte den Islamischen Dschihad nach dem Prinzip der 'blinden Zellen'. Das bedeutete, dass Mitglieder der einen Gruppe weder die Aktivitäten noch das Personal einer anderen kannten. Eine Sicherheitslücke in einer Zelle konnte daher die anderen Einheiten - oder gar die Organisation als solche - nicht in Schwierigkeiten bringen. " Der Artikel ist allerdings nur in Auszügen ins Netz gestellt. Im New Yorker finden sich übrigens noch der Originaltext und eine kleine Aktualisierung zu dem Artikel über "Zawahiri's Whereabouts".

Weitere Artikel in einem reichen Strauß: Eberhard Sens unterhält sich mit Herfried Münkler über "postklassische Kriege". Überhaupt befasst sich ein ganzes Dossier mit "Dimensionen des Krieges". Zu den Autoren gehören Antonio Negri und Martin van Creveld. Karl Schlögel reist mit dem Newa-Express, dem ersten russischen Hochgeschwindigkeitszug von Petersburg nach Moskau.

Und Eduardo Berti erzählt eine "kleine Kulturgeschichte des Absinths": "Der am meisten bekannte Fall ist vielleicht der Vincent van Goghs. Anscheinend wurde er von seinem Freund und Kollegen Paul Gauguin in diese Erfahrung eingeführt. Einige schreiben sogar seinen Selbstmord oder den Verlust seines Ohrs der toxischen Wirkung des Getränks zu. Als van Gogh im Jahre 1890 starb, hatte sich schon das Wort absintheur ('Wermutbruder') eingebürgert, um die diesem Schnaps Verfallenen zu bezeichnen, und man erörterte bereits, ob dessen freier Verkauf zweckmäßig sei oder nicht."

Magazinrundschau vom 14.10.2002 - Lettre International

Es gibt einfach kein Vorbeikommen an den USA: dafür sorgen die amerikanische Irak-Politik und der erste Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center.

In einem herrlich ironischen Artikel macht Eliot Weinberger eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Situation, ein Jahr nach dem Attentat auf das World Trade Center, und stellt fest, das es erstens kein amerikanisches "wir" gibt, das sich seitdem hätte verändern können, und dass, gesetzt es gäbe ein solches "wir", man höchstens sagen könnte: "'Wir' sind die gleichen, aber wir sind Nervenwracks." Dafür macht Weinberger zwei in ihrer Panikmache konkurrierende Mächte verantwortlich: "das Team des Weißen Hauses" und "die lakaienhaften Medien". "Ist es möglich, die Vereinigten Staaten zu verstehen?", seufzt Weinberger und erklärt, warum diese Frage gerade der Bush-Administration gilt: Der 11. September "brachte einer der arrogantesten und aggressivsten Regierungen in der amerikanischen Geschichte hervor, eine Regierung, die bereits ihre Unduldsamkeit oder Abneigung gegen solche Grundlagen der Demokratie wie die freie Rede, offene Wahlen, ordentliche Gerichtsverfahren und die Trennung von Kirche und Staat unter Beweis gestellt hat."

Nicholas Fraser hat im Auftrag der BBC nicht-englische Dokumentarfilme aus Europa in Augenschein genommen, die ihm Aufschluss geben sollten über Europas derzeitige Einstellung zu den USA. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass "die Entfremdung zwischen Europa und den USA sehr tiefgreifend, wenn nicht sogar unwiderruflich" ist. "Überlegen Sie sich, welche Auswirkungen es auf alte, überaus selbstbewusste Landstriche hat, wenn sie mitansehen, wie Konzepte, die sie für ihre ureigenen Erfindungen hielten - Demokratie, Menschenrechte, die grundsätzliche Exportierbarkeit universeller, die Zivilisation definierender Ideen -, von anderen angeeignet und ihnen dann zurückgegeben werden. Stellen Sie sich vor, wie sich arrogante Nationen fühlen, wenn sie miterleben, wie ihre Erfindungen auf eine Weise verwirklicht werden, die alles übertrifft, was sie selbst zuwege gebracht haben. Wieder an der Stelle angelangt, wo einmal die Guillotine stand, versuchen Sie zu begreifen, was für ein Gefühl es ist, in dieser amerikanischen Welt Europäer zu sein. Es ist nicht immer ein gutes Gefühl."

Auszugsweise lesen dürfen wir schließlich noch: Tahar Ben Jelloun erzählt in seinem Text "Dschenin" von inneren und äußeren Trümmerhaufen. Rian Malan zeichnet das Eigenleben einer weltbekannten Melodie nach

Nur im Print: Samuel Weber bemerkt, dass neuerdings auch der Begriff 'Spektakel' mit den Begriffen 'Krieg' und 'Terrorismus' in Verbindung gebracht wird, und erforscht diesen neuen Zusammenhang am Beispiel des 11. September und Tariq Ali warnt vor einem 'Kampf gegen den Terrorismus', der, als leere Rhetorik, der Durchsetzung geopolitischer Interessen dienen würde.

Totgesagte leben länger, doch das müssen sie erst einmal beweisen. So auch der totgeglaubte Vagabund und Dichter Andre de Richaud (mehr hier), dessen Text "Ich bin nicht tot" aus dem Jahr 1964 zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht wird. Wie schon Pirandellos Mattia Pascal, fand Richaud dieses Totsein bestenfalls seltsam: "Aber nein, ich bin nicht tot. Viel schlimmer! Ich habe nämlich die Nachteile des Todes, aber die Vorteile habe ich nicht. Ein Mönch ohne Glauben bin ich. Und auch ein unschuldiger Sträfling."

Des weiteren porträtiert Hans-Jürgen Heinrichs den französischen Dichter Blaise Cendrars als "Inbild des Reisenden" und "transsibirischen Homer", Hannes Böhringer schreibt über "verschenkte Weisheit" in Büchern und anderswo, Ziauddin Sardar porträtiert den 1997 verstorbenen Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan (mehr hier und hier), und Volker Demuth widmet sich "Extremitäten" und der "Perfektionierung der Ortlosigkeit".