Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 22

Magazinrundschau vom 18.07.2006 - Nepszabadsag

In seiner Antwort auf Miklos Tamas Gaspar würdigt Ivan Vitanyi zunächst die Art, wie der Philosoph in einem kürzlich erschienenen Artikel ("Reformkrise") die Lage der ungarischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zusammenfasste. "Tamas Gaspar beschreibt die Reformpläne der Regierung als einen Spagat zwischen diesen beiden Ansprüchen und schließt seine Gedanken mit dem Satz: 'Eine Lösung sehe ich nicht. Aber vielleicht werden wir ja Glück haben.' - Auf diesen Satz möchte ich antworten, da er ja besagt, dass auch für Tamas Gaspar der Augenblick der Kreativität gekommen ist. Doch gerade die Sozialdemokratie steht für den Versuch, Wirtschaft und Gesellschaft in Einklang zu bringen, wenn auch nicht immer mit Erfolg. Die Regierung versucht also, diesen Weg zu gehen, allerdings unter sehr schwierigen Bedingungen. Dabei spielt sie nicht mal die wichtigste Rolle, denn der Hauptakteur ist die Gesellschaft. Und die ist nicht entweder 'Volksmajestät', die verehrt, oder Pöbel, der geführt werden will, wie es Tamas Gaspar sieht, sondern wir alle sind es, die wir uns gegenseitig als Partner begreifen sollten."

Der Wissenschaftler Andras Falus ärgert sich über die Art, mit der in Ungarn die Wissenschaften diskutiert werden. "Leider wird heute nicht darüber gesprochen, wie Biologie und Informatik zueinander finden, sondern welcher Wissenschaftler welchen Platz auf diversen und vor allem obskuren Ranglisten belegt. Die Leitartikel handeln nicht von den unglaublichen Möglichkeiten, die die Stammzellenforschung in sich birgt, sondern davon, weshalb die zweitausendsounsoviel Akademie-Mitglieder des gesellschaftlichen Respekts unwürdig sind - vor allem, wenn ihre angeblich märchenhaften Gehälter angesprochen werden, denn da spielt immer auch gleich der Neid mit."

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - Nepszabadsag

Der Musikkritiker Miklos Fay beklagt, dass der letzte Woche verstorbene György Ligeti, der vielleicht wichtigste Gegenwartskomponist überhaupt, in seinem Heimatland Ungarn wenig bekannt ist: "Es fiel den Menschen einfacher, ihn zu bewundern als ihn zu lieben. Es sind schockierend wenige unter uns, die traurig sind, weil sie alle bisherigen Ligeti-Werke kennen und es keine neuen mehr geben wird. ... Es wird auch keine Anstandskonzerte mehr geben, in denen ausländische Orchester 'Lontano' als kühnen Akt und Triumph der Modernität vor einem gähnenden ungarischen Publikum spielen. Ligeti soll hierzulande gespielt werden, wenn man mit seiner Musik einem interessierten Publikum etwas sagen will. Wir sind jetzt Nachwelt geworden. Es liegt an uns, ob sich die Erde zwar ohne György Ligeti, aber mit seiner Musik weiterdreht. In der Tat, eine enorme Verantwortung."
Stichwörter: Ligeti, György, Musikkritik

Magazinrundschau vom 13.06.2006 - Nepszabadsag

Nach umfangreicher Renovierung wurde in Budapest das legendäre Kaffeehaus New York, eines der wichtigsten literarischen Kaffeehäuser der Donaumonarchie wiedereröffnet. Die neuen italienischen Eigentümer haben den literarischen Geist tot saniert, stellt der Schriftsteller Ivan Bächer enttäuscht fest: "An der Wand steht eine Kiste aus Panzerglas, in der einige Dutzend schöne alte Bücher hermetisch verschlossen sind. Ein Buchtresor. Bei der Eröffnungsfeier von 1895 warf der Bühnenautor Ferenc Molnar den Schlüssel in die Donau, damit diese glanzvolle Institution nie wieder geschlossen wird. Nach der Wiedereröffnung sollte man vielleicht den Schlüssel der Panzerglaskiste vorsichtshalber in die Donau werfen, damit niemand auf die Idee kommt, in diesen Räumen in einem Buch zu blättern." (Hier und hier zwei historische Aufnahmen. Hier, hier und hier Fotos vom frisch renovierten Kaffeehaus.)

IWIW, das größte ungarische Online-Netzwerk hat bereits 750.000 Nutzer, die Nutzerzahlen haben sich in einem halben Jahr verdreifacht. Viktor Kiss hat eine Theorie , warum das so ist. "IWIW ist ein virtueller Raum, in dem sich die nebeneinander, jedoch isoliert lebenden Menschen zufällig begegnen, um sich schnell eine Geschichte zu erzählen."
Stichwörter: Molnar, Ferenc, Kaffeehaus

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Nepszabadsag

Die Pläne für eine große Budapester Ausstellung über den ungarischen Volksaufstand von 1956 erinnern den Künstler Dezsö Vali an die Kulturpolitik der kommunistischen Diktatur. Die Budapester Kunsthalle wolle den Künstlern vorschreiben, wie sie das Thema bearbeiten sollen. "Es ist ein grundsätzlicher Fehler, in einer landesweiten Ausstellung Themen im Voraus festzulegen. Es erinnert an Zeiten, in denen Gemälde über die Traktoristin und den fröhlichen Maiaufmarsch der Fabrikarbeiter erwünscht waren. Jetzt sind Trauer und Verdrängung erwünscht. Beamte im grauen Anzug und dunkelblauen Kostüm geben uns vor, was wir malen sollen. Es ist noch niemandem gelungen und wird auch niemals gelingen, auf diese Weise echte Kunst hervorzubringen."

In der Samstagsausgabe erzählt Charles Gati, Historiker an der Johns Hopkins University, wie er in den Archiven der Geheimdienste über den ungarischen Volksaufstand von 1956 recherchierte: "Am wichtigsten wäre es gewesen, die Dokumente im Archiv des sowjetischen Geheimdienstes KGB endlich lesen zu dürfen. Bei meinem letzten Besuch 1992 fragte ich eindringlich danach, worauf ein Archivar seine Dienstpistole auf den Tisch legte. Ich dachte, es sei jetzt besser zu gehen." Die Unterlagen der CIA zeigten, "dass die Versprechen, die USA werde Osteuropa 'befreien', von keinen praktischen Maßnahmen begleitet wurden. Wer immer und überall die Wühlarbeit der CIA vermutet, wird sehr überrascht sein: Während der Revolution hatte die CIA gerade mal einen einzigen Mitarbeiter in ganz Ungarn, und der hatte so viel in der Botschaft zu tun, dass er kaum mal das Gebäude verlassen konnte."

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - Nepszabadsag

Ungarn geht einen Sonderweg in Ostmitteleuropa, meint der renommierte Politikwissenschaftler Laszlo Lengyel: "Die seit zwölf Jahren stabile sozialliberale Koalition ist einzigartig in der ostmitteleuropäischen Region. Sie erinnert an die deutschen Regierungen der 1970er Jahre, an die Brandt-Scheel-, Schmidt-Genscher-Linie." Das restliche Ostmitteleuropa, "das 'Neue Europa', ist seit dem Frühjahr 2003 durch Wirtschaftsliberalismus und/oder nationalen Radikalismus gekennzeichnet. Es orientiert sich an den USA und widersetzt sich Kontinentaleuropa und Russland... Das ungarische Pendant dieser Strömung, den (nach Oppositionsführer Viktor Orban genannten) 'ungarischen Viktorianismus' lehnten die Wähler ab. Der großungarische Nationalismus, Wirtschaftspatriotismus, die Ausrichtung der gesamten Politik auf einen einzigen Anführer, der Versuch, das gesamte konservative Lager in einer einzigen Volkspartei zu vereinigen, scheiterten. Ungarn verließ die Bahn des osteuropäischen Nationalismus."

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - Nepszabadsag

IWIW, das bislang auf Non-Profit-Basis betriebene, größte Online-Netzwerk Ungarns wurde an T-Online verkauft. Auf der täglich von 400.000 Menschen genutzten Website können die Nutzer ihre persönlichen Daten und Fotos veröffentlichen, einander Briefe schicken und in Blogs und Internetforen miteinander diskutieren. Der Verkauf an T-Online ist unter den Nutzern sehr umstritten, berichtet die Zeitung: "Viele sind empört, weil das bislang auf Selbstorganisation basierende und durch Spenden der Nutzer finanzierte Online-Netzwerk verkauft wurde, ohne dass ihre Meinung dazu gehört worden wäre ? Außerdem halten sie es für ungünstig, dass die Website ausgerechnet von einem Unternehmen gekauft wurde, das - zumindest in Ungarn - die schnelle Verbreitung der Internetnutzung eher hintertreibt, als befördert."

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - Nepszabadsag

Wenige Tage vor den entscheidenden Stichwahlen gilt die Wahlniederlage der rechtskonservativen Oppositionspartei Fidesz als immer wahrscheinlicher. Auch ehemalige Mitstreiter machen Oppositionsführer Viktor Orban dafür verantwortlich, und entdecken hinter seiner erzkonservativen und euroskeptischen Fassade linkspopulistische Inhalte. Eine der Hauptfiguren der Nationalen Rundtischgespräche von 1989, der Bürgerrechtler und Politologe Peter Tölgyessy kommentiert: "Viktor Orban war Sprachrohr der antiwestlichen Einstellung des traditionellen rechten Lagers und der ländlichen Bevölkerung. Statt die Sehnsucht der Menschen nach einem bürgerlichen Ungarn anzusprechen, baute er auf ihre vom Kadar-Regime geschürten Instinkte, auf die dunkle Seite der ungarischen Seele. ? Viktor Orban entfernte sich sehr von den bürgerlichen Idealen von 1989."

"Das ungarische Volk ist gar nicht so weise und großartig, wie einige Politiker stets behaupten, aber auch nicht so blöd, wie sie die gleichen Politiker insgeheim einschätzen" - schreibt Fidesz-Politiker Andras Hont, der den Parteichef und Oppositionsführer Viktor Orban scharf kritisiert: Als die Fidesz 1998 die Wahlen gewann, "gewann nicht eine einzelne Person, sondern eine Gesinnung, eine Mentalität das Vertrauen der Wähler. Die Menschen wollten mehr individuelle Initiative statt staatlicher Fürsorge, mehr Kreativität und Tatkraft statt Ohnmacht und Passivität des Kadar-Regimes, sie wählten den für sich selbst und seine Umgebung Verantwortung übernehmenden Bürger statt die Verantwortungslosigkeit des Menschen im Staatsozialismus. Die Fidesz hat all diese Ideale vergessen, ? sie lebten nur noch in Äußerlichkeiten weiter."

Magazinrundschau vom 21.02.2006 - Nepszabadsag

Die Berlinale scheint dieses Jahr vor allem als Plattform für den deutschen Film benutzt worden zu sein, bemerkt leicht säuerlich Geza Csakvari: "Das Festival, das vor ultramodernen, in den letzten Jahren aufgebauten Science-Fiction-Kulissen stattfindet, im ehemaligen Niemandsland, wo die Grenze zwischen Ost- und Westblock verlief, soll dieses Jahr anscheinend den Triumph des deutschen Films demonstrieren. Die strenge Jury wählte gleich vier deutsche Filme in den Wettbewerb, während osteuropäische Filmemacher im Programm fast gar nicht präsent sind - obwohl sie in den letzten Jahrzehnten immer eine wichtige Rolle bei der Berlinale gespielt hatten. Die Qualität der Wettbewerbsfilme lässt zu wünschen übrig ... Der einzige osteuropäische Film im Wettbewerb ist 'Grbavica', das Debüt der Bosnierin Jasmila Zbanic. Eine deutsche Koproduktion, selbstverständlich." (Immerhin gewann der Film am Ende den Goldenen Bären.)

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - Nepszabadsag

Ungarn fällt es schwer, sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, stellt der Historiker Robert Braun fest und entdeckt Parallelen zwischen dem Umgang mit dem Fall Istvan Szabo und dem Holocaust: "Ohne die totalitären Systeme gleichsetzen zu wollen, kann man zumindest behaupten, dass beide Formen der Diktatur einen entscheidenden Schlag für die moralischen Werte waren. Gerade deshalb wäre es von großer Bedeutung, sich der Herausforderung der Erinnerung zu stellen - an den Holocaust und an den Sozialismus gleichermaßen. Interessanter als Istvan Szabos Leben selbst ist für mich die Anspruchslosigkeit, die aus vielen Reaktionen spricht. Schlecht ist auch die Stille, denn Stille ist die Flucht vor dem Urteilsspruch. Bei der Erinnerung an unsere Vergangenheit sollten wir uns eines moralischen Unterschiedes bewusst werden: Es gab in totalitären Regimes Täter, Opfer, Widerstandskämpfer und Voyeure. Wer Täter und wer Opfer war, wer Widerstand geleistet und wer nur zugesehen hat - darüber sollten wir reden."
Stichwörter: Moralische Werte

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Nepszabadsag

Der Filmregisseur Istvan Szabo ("Mephisto") reagierte schon am Freitag mit einem Interview auf das Bekanntwerden seiner Vergangenheit als Informant der Staatssicherheit: "Ich bin dankbar und kann nachträglich stolz auf diese Mitarbeit sein, denn dadurch haben wir einen Kommilitonen vor dem sicheren Todesurteil nach der Revolution 1956 retten können. Ich freue mich auch, meine Geschichte (vielleicht auch in einem Film) endlich erzählen zu können, denn sie wird für viele wie ein Heilmittel wirken und ein genaueres Bild von der Zeit 1957 bis 1960 liefern. Meine eigene Verteidigung interessiert mich nicht."

(Inzwischen hat Szabo in einem Radiointerview seine Begründung allerdings revidiert: Er habe sich selbst und sein Studium retten wolle, als er sich vom Geheimdienst anwerben ließ, nicht einen Freund, wie er zuerst erklärt hatte.)

Gestern stellten sich in Nepszabadsag etwa 100 Intellektuelle und Künstler hinter Szabo: "Istvan Szabo macht seit 45 Jahren wunderbare und wichtige Filme für uns und die ganze Welt. Mit unserer Unterschrift möchten wir unsere Verehrung bekunden, die weiterhin bestehen bleibt." Selbst einer der bespitzelten Kollegen, Miklos Jancso (über ihn schrieb Szabo für die Stasi: "er ist unsicher, wie seine Denkweise selbst... jeder hält ihn für verrückt... nichts wird von ihm erwartet, nicht mit ihm gerechnet, die zahlreichen chaotischen Philosophien in seinem Kopf sind aus diesem Grund harmlos...") meint zu Szabos Behauptung, er habe mit der Stasi zusammengearbeitet, um einen Mitstudenten zu schützen: "Wir haben es gewusst, und auch, dass man ihn irgendwie retten musste. Aber dass jemand die Rettung auf diese Weise in Angriff nahm, dass sich Istvan darauf einließ, ist schon großartig. Wie ist er damit die ganze Zeit lang fertig geworden?"