Magazinrundschau - Archiv

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215 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 22

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Nepszabadsag

Nach dem polnischen Erzbischof Wielgus ist nun auch der Prälat der Krakauer Wawel-Kathedrale, Janusz Bielanski, wegen seiner Kontakte zum kommunistischen Geheimdienst zurückgetreten. Laszlo Kasza fordert, dass sich die ungarischen Kardinäle an ihren polnischen Kollegen ein Beispiel nehmen sollen: "Alle Vorsitzenden der Ungarischen Bischofskonferenz - Czapik, Grösz, Ijjas, Lekai, Paskai, Seregely - und die meisten Bischöfe haben mit der ungarischen Staatssicherheit zusammengearbeitet. Im Unterschied zu Polen äußern sie sich nicht mal öffentlich dazu. (...) Der Erzbischof Wielgus erklärte bei seinem Rücktritt: 'Ich weiß, dass ich meiner Kirche erheblichen Schaden zugefügt habe'. Solche Schuldbekenntnisse hört man in Ungarn nie. Es gibt auch keine einzige konservative Zeitung in Ungarn, die Kardinäle als ehemalige Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes enttarnen würde, wie das die Gazeta Polska tat." (Mehr hier und hier zur Spitzel-Debatte über den Kardinal Paskai.)

Einige Ungarn können von keinem Historiker überzeugt werden, dass sie nicht von den Hunnen abstammen. Der Unternehmer Janos Kocsi will sogar die Burg des Hunnenkönigs Attila wieder aufbauen. "Wenn die Rumänen Geld mit dem Drakula-Mythos verdienen, dann können die Ungarn auch nicht auf Attila verzichten", zitiert ihn Zoltan Ötvös, der bemerkt, dass praktischerweise "keine Quellen überliefert sind, wo die Burg Attilas stand und wie sie aussah. Der Phantasie des Architekten Tibor Hayde waren also keine Grenzen gesetzt."

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Nepszabadsag

Judit Kosa übt scharfe Kritik an jüngsten Versuchen, Ungarns Geschichte zu verklären. Anlass sind Gabor Koltays Dokumentarfilm über den autoritären "Reichsverweser Miklos Horthy", der bis 1944 ungarisches Staatsoberhaupt war (mehr über den historischen Kontext hier), sowie György Moldovas Monografie (mehr hier) des ungarischen KP-Chefs Janos Kadar: "Beide versuchen, bedeutende Epochen des 20. Jahrhunderts, komplexe politische Systeme, extrem zu vereinfachen, als ob sie mit kleinen Kindern redeten. Beide zeigen Kadar und Horthy unabhängig von den Ergebnissen der Geschichtsschreibung. Kadar wird in zwei dicken Bänden als gerechter Führer seines Volkes, als puritanischer Kleinbürger, als Opfer der Geschichte inszeniert. Auch der Film über den Reichsverweser Horthy hat Überlänge und stilisiert ihn zum Retter der ungarischen Nation, als Familienvater vornehmer Gesinnung und als letzte Zuflucht der vom Holocaust bedrohten ungarischen Juden. Beide Bilder sind zum Entsetzen und Verzweifeln falsch. Sie dienen lediglich dazu, die Ansichten der Autoren zur politischen Situation Ungarns heute publik zu machen."

Nach den Krawallen haben ungarische Intellektuelle den parteipolitischen Zank und die strikte Teilung Ungarns in zwei politische Lager satt. Neue Bürgerinitiativen wie 'Ich liebe Ungarn' setzen sich für einen parteiübergreifenden zivilen Dialog ein, berichtet Zsolt Greczy. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht! Hier geht es zu einem Videoclip, in dem viele bekannte ungarische Musiker einen Song über Ungarn, das Land "der friedlichen Mehrheit" singen.

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - Nepszabadsag

Anlässlich einer neuen Gesamtausgabe der Werke von Magda Szabo hat Andras Cserna-Szabo ihren Familienroman "Eine altmodische Geschichte" wieder gelesen. "Sie hat ihn geschrieben, als die literarische Elite Geschichten generell als anachronistisch, unmodern oder verdächtig verurteilte, als statt der uralten Harmonie (oder Dissonanz) von Inhalt und Form die Alleinherrschaft der Form propagiert wurde, als postmoderne Ästheten den immer apathischeren Lesern erklären wollten, warum sie lieben müssen, was sie nicht verstehen. Magda Szabo kümmerte sich nicht um Trends, sie hatte wichtigeres zu tun. Sie scharrte die Reste der Vergangenheit zusammen, recherchierte vergessene Details der Geschichte ihrer Familie, fragte Verwandte aus, las Kochbücher und Heiratsregister, Briefe und Tagebücher... Wir, Männer, dürfen uns nach diesem Roman nichts vormachen: es ist kein schäbiger Feminismus, wenn Magda Szabo behauptet, die Welt sei ein ewiger Kampf zwischen Monstern in Röcken und stolzen Feen. Denn das ist die ganze Wahrheit. In diesem gigantischen Spiel können Männer nur die Nebenrollen spielen."

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Nepszabadsag

Fünfzehn Jahre nach der Wende zieht der Politologe Laszlo Lengyel Bilanz und analysiert die Gründe der Krise in den ostmitteleuropäischen Demokratien: Man habe sich am Transformationsprozess der westlichen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg orientiert und erwartet, nach der "Hölle" des Sozialismus und dem "Purgatorium" der Übergangszeit, der von einem "wilden" Kapitalismus gekennzeichnet war, das "Paradies" eines gerechteren, sicheren, sozialen Kapitalismus entstehen zu sehen. "Auf der sozialen und politischen Landkarte der neuen Verbürgerlichung erwiesen sich Warschau, Prag, Bratislava und Budapest nicht als ebenbürtige Konkurrenten von Wien, Mailand, München und Berlin. Dies zu akzeptieren, fällt besonders denen schwer, die erst vom alten und nun auch vom neuen System dauerhaft an die Peripherie gedrängt wurden und die in tiefer Armut, ohne Solidarität leben müssen... Gibt es denn wirklich keinen 'Kapitalismus mit menschlichem Antlitz', kein sinnvolles Ziel, oder sind nur wir unfähig, es zu erreichen?"
Stichwörter: Wien, Transformationsprozesse

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - Nepszabadsag

Noch vor wenigen Jahren war Südosteuropa Schauplatz von Kriegen und ethnischen oder religiösen Konflikten. Vor dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens denkt der Schriftsteller György Konrad darüber nach, wie die transnationale Zusammenarbeit in der Region gefördert werden kann: "Das Gespenst der Fehde und des Verrats geht im Südosten und im Osten Europas herum, obwohl es manchmal scheint, als ob die Region die Verherrlichung der rohen, männlichen Gewalt, des blutigen Ausgangs von Konflikten überwunden hätte. Es ist nicht einfach, mit dieser Tradition zu brechen, Hilfe von außen ist nötig, um den Wandel zu vollziehen... Viele Politiker unserer Region haben immer noch nicht verstanden, dass nicht sie im Mittelpunkt der Geschichte stehen, dass sie keine Hauptfiguren unserer Zeit mehr sind, dass sie dem Volk dienen, nicht über das Volk herrschen sollen, und dass die Bürger keine Anführer mehr brauchen."

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - Nepszabadsag

Der Schriftsteller Peter Esterhazy verteidigt im Interview mit Zsolt Greczy die geheime Rede des Ministerpräsidenten Gyurcsany, in der er parteiintern zugab, die Wähler im Wahlkampf belogen zu haben. Die Veröffentlichungder Rede hatte in Ungarn schwere Unruhen ausgelöst. "Wir lügen uns selbst an, wenn wir behaupten, nicht gewusst zu haben, dass Politiker lügen. Wir wissen es, wir erwarten es sogar ein bisschen. Wir möchten die Realität ein bisschen schöner sehen. Die ungarische Gesellschaft hat die Chance verpasst, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Aufrichtigkeit anerkennt wird - unser Umgang mit der Stasi-Vergangenheit demonstriert es. Ich möchte nicht zynisch wirken, aber die moralischen Fragen von Wahrheit und Lüge werden in der Politik anders gewertet als bei Privatpersonen. " Für Esterhazy ist unklar, was die Demonstranten eigentlich erreichen wollen: "Die Studenten in Paris haben wochenlang für etwas demonstriert, was aus Budapest gesehen eine Kleinigkeit scheint. Sie haben es erreicht, ein Teil der Gesellschaft hat ein Teilproblem gelöst, von dem er betroffen war. Aber die Demonstranten in Budapest fordern eine neue Republik - wo ist denn der Konsens dafür?"

In einem Fernsehinterview mit Sandor Friderikusz, das in der Zeitung am 21. September in Abzügen abgedruckt wurde, verteidigt auch der Schriftsteller Peter Nadas die geheime Rede von Premier Gyurcsany. Das in der Rede formulierte Ziel sei es gewesen, "das feudale, sozialistische System von Privilegien, mit dem das Land seit sechzehn Jahren regiert wird", zu beseitigen. Die bisherigen Regierungen "haben verteilt, was ihnen nicht gehörte. Das ist in der europäischen Praxis inakzeptabel. Ungarn hat kein Sparpaket, sondern eine umfassende Reform des Staatshaushalts nötig, die Bekämpfung der Korruption und Abbau der Privilegien beinhaltet." Die größte Oppositionspartei Fidesz habe im Wahlkampf "ein sozialistisches Verteilungssystem entworfen, obwohl sie eine national-konservative Partei ist. Die Lage Ungarns würde sich erheblich verschlechtern, wenn die Gyurcsany-Regierung gestürzt würde."

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - Nepszabadsag

Der ungarische Historiker Ignac Romsics erklärt im Gespräch mit Laszlo Hovanyecz die historischen Gründe für die gegenwärtigen Spannungen zwischen Slowaken und Ungarn. Sie gehen auf die gemeinsame Geschichte vor 1918 zurück, als das heutige Gebiet der Slowakei Bestandteil des Königreichs Ungarns war und alle Autonomiebestrebungen der Slowaken auf Ablehnung stießen. "Die Ungarn zahlten 1920 einen hohen Preis für ihre Irrtümer. Nicht nur die Habsburger Monarchie, auch das historische Königreich Ungarn brach zusammen. Insgesamt mehr als drei Millionen Ungarn leben seither außerhalb der neuen Staatsgrenzen, fast eine Million von ihnen in der neu gründeten Tschechoslowakei." Romsics lobt Tomas Garrigue Masaryk, den Gründer und ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, an dessen Nachbarschaftspolitik sich die heutigen Politiker der Donauländer ein Beispiel nehmen sollten.

Zoltan Istvan Csider feiert den "Statue Park", in dem seit 1993 zahlreiche Denkmäler der kommunistischen Diktatur ausgestellt sind, die nach der Wende von den Straßen und Plätzen Budapests entfernt wurden. Zum 50. Jahrestag des ungarischen Aufstandes von 1956 wird hier der neueste Fund, ein riesiger Stiefel Stalins ausgestellt. "Nur Diktatoren und störrische Kleinkinder verleugnen die Vergangenheit. Als erwachsene Bürger einer Demokratie ist es unsere Pflicht, zu bewahren, was frühere Generationen hinterlassen haben. ... Die Denkmäler wirken hier wie Zeitdokumente und Kunstgegenstände zugleich." (Bilder hier, hier und hier.)

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - Nepszabadsag

Die USA sind seit dem 11. September 2001 von einem zweiten Terroranschlag verschont geblieben, aber Demokratie und Bürgerrechte haben durch mehrere Maßnahmen der Bush-Administration Schaden genommen, meint Washington-Korrespondent Gabor Horvath: "Die amerikanische Lebensform blieb, abgesehen von Kleinigkeiten, nach dem größten Angriff von außen seit Anfang des 19. Jahrhunderts unverändert (1814 wurde Washington von den Briten in Brand gesetzt, wofür sich der Premier seiner Majestät 2003 entschuldigte). Der durchschnittliche Amerikaner bekommt nur durch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und durch Fernsehnachrichten etwas davon mit, wie sehr sich die Welt seit dem 11. September veränderte. In den letzten fünf Jahren stellte sich jedoch nicht nur heraus, dass die Terroristen keine schweren Angriffe auf US-amerikanischem Boden durchführen können, sondern dass sie es gar nicht mehr nötig haben. Eine wesentlich größere Gefahr als al-Qaida ist Amerika für sich selbst geworden.?

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Nepszabadsag

Im September erscheint das Buch des in Washington lehrenden Historikers Charles Gati über die ungarische Revolution 1956, "Failed Illusions". Sein Kollege John Lukacs ist begeistert: "Das Wichtigste in Gatis Werk ist, was er über die Ungarn-Politik der USA im Jahre 1956 schreibt. Die Weltpolitik der Eisenhower-Dulles-Administration wollte - trotz ihres lautstarken Antikommunismus - an der Zweiteilung Europas überhaupt nichts ändern. Im Gegenteil - und dafür gibt es indirekte Beweise, auch in diesem Buch - die brutale russische Revanche im November 1956 hat Eisenhower und Dulles, um es mal so auszudrücken, ziemlich gut gepasst. Denn hätte es im Oktober 1956 irgendeinen Ausweg gegeben, wäre dieser nur auf politischer, das heißt auf geographischer Ebene, möglich gewesen: Hätte sich Moskau aus Ungarn zurückgezogen, hätten auch die USA ein Land in West- oder Südeuropa aus ihrer Allianz entlassen müssen. Dies aber war für die Eisenhower-Administration inakzeptabel. Daher ist alles, was sie im Oktober 1956 und danach deklarierten, nicht nur unwahr, sondern auch scheinheilig: sie wussten genau, was passiert und wie man davon politisch profitieren kann."

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - Nepszabadsag

Sind die Träume von 1989 endgültig ausgeträumt? Die junge Autorin Eszter Babarczy vergleicht die Ernüchterung nach 1968 in Westeuropa mit dem Lebensgefühl der Ungarn heute: "Die demokratische Oppositionsbewegung der achtziger Jahre kämpfte im Namen der Zivilgesellschaft, der Menschenrechtsabkommen von Helsinki und der gesellschaftlichen Solidarität und hinterließ schöne Illusionen als Erbe. In der Euphorie der Wende sprachen Historiker und Politologe über den neuen Liberalismus, der die Politiker mit der antipolitischen Politik eines Vaclav Havel infizieren werde. Heute ist es schwer vorstellbar, dass damals prominente Intellektuelle ernsthaft daran glaubten, die freie Zivilgesellschaft könne sich selbst regieren." Die ungarische Zivilgesellschaft sei von diesen Ideen weit entfernt: "Stiftungen für häusliche Zwecke, als Kirchen eingetragene obskure Vereine und Organisationen, die edlen Zwecken dienen sollen, aber sich rasend schnell in viele Einheiten teilen, um mit der gleichen Adressenliste Geld zu sammeln. Die Jahrtausendwende ernüchterte unseren kindlichen Idealismus, wir entschädigen uns nun durch Unmengen von Zynismus."