
Der
Schriftsteller Peter Esterhazy verteidigt im
Interview mit Zsolt Greczy die
geheime Rede des Ministerpräsidenten Gyurcsany, in der er parteiintern zugab, die Wähler im Wahlkampf belogen zu haben. Die Veröffentlichungder Rede hatte in Ungarn schwere Unruhen ausgelöst. "Wir lügen uns selbst an, wenn wir behaupten, nicht gewusst zu haben, dass
Politiker lügen. Wir wissen es, wir erwarten es sogar ein bisschen. Wir möchten die Realität ein bisschen schöner sehen. Die ungarische Gesellschaft hat die Chance verpasst, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Aufrichtigkeit anerkennt wird - unser Umgang mit der Stasi-Vergangenheit demonstriert es. Ich möchte nicht zynisch wirken, aber die moralischen Fragen von Wahrheit und Lüge werden in der Politik anders gewertet als bei Privatpersonen. " Für Esterhazy ist unklar, was die Demonstranten eigentlich erreichen wollen: "Die
Studenten in Paris haben wochenlang für etwas demonstriert, was aus Budapest gesehen eine Kleinigkeit scheint. Sie haben es erreicht, ein Teil der Gesellschaft hat ein Teilproblem gelöst, von dem er betroffen war. Aber die Demonstranten in Budapest fordern eine
neue Republik - wo ist denn der Konsens dafür?"
In einem Fernsehinterview mit Sandor Friderikusz, das in der Zeitung am 21. September in Abzügen
abgedruckt wurde, verteidigt auch der
Schriftsteller Peter Nadas die geheime Rede von Premier Gyurcsany. Das in der Rede formulierte Ziel sei es gewesen, "das feudale, sozialistische
System von Privilegien, mit dem das Land seit sechzehn Jahren regiert wird", zu beseitigen. Die bisherigen Regierungen "haben verteilt, was ihnen nicht gehörte. Das ist in der europäischen Praxis inakzeptabel. Ungarn hat kein Sparpaket, sondern eine umfassende Reform des Staatshaushalts nötig, die Bekämpfung der Korruption und Abbau der Privilegien beinhaltet." Die größte Oppositionspartei
Fidesz habe im Wahlkampf "ein
sozialistisches Verteilungssystem entworfen, obwohl sie eine national-konservative Partei ist. Die Lage Ungarns würde sich erheblich verschlechtern, wenn die Gyurcsany-Regierung gestürzt würde."