In Deutschland ist der
Wahlkampf zu Ende. In Ungarn beginnt er demnächst. Die ungarische
EU-Abgeordnete Katalin Levai ist der
Meinung, dass sich die ungarischen Politiker die
deutsche politische Kultur zum Vorbild nehmen sollen: "Als ungarische Staatsbürgerin kränkt mich die Prahlerei und Inkompetenz, die viele Politiker bei uns an den Tag legen. Als geistig Arbeitende ärgert mich die
intellektuelle Trägheit unserer Politiker, die Niveaulosigkeit politischer Debatten und dass die Presse ihnen zur Hand geht. Als sozialpolitische Expertin erzürnt mich die Ahnungslosigkeit maßlos, mit der bei uns gesellschaftspolitische Fragen und die Chancengleichheit behandelt werden. Als Europapolitikerin verdrießt mich die Beschränktheit von Sichtweisen, die das öffentliche Leben prägt. Als Frau entrüstet mich die
sexistische Sprache, die in der Öffentlichkeit immer noch ganz selbstverständlich verwendet wird. Als lernbegieriger Menschen bekümmert mich die Sturheit, mit der sich die ungarische politische Elite neuen Werten und Umgangskulturen widersetzt und sperrt. Traurig, dass es uns an Politikern wie
Schröder und Merkel mangelt."
Der renommierte Soziologe
Elemer Hankiss ist der
Ansicht, dass Ungarn, wo die
Armut einiger Schichten immer noch ein großes Problem darstellt, den Westeuropäern trotzdem beispielhaft zeigen soll, dass es dringend nötig ist, der
Dritten Welt mehr zu spenden: "Warum sollte dieses kleine, arme osteuropäische Land den großen, reichen, auf ihr Europäertum stolzen Ländern gegenüber nicht endlich vorbildhaft handeln? Warum sollte Ungarn nicht demonstrieren, dass wir nicht nur für uns, sondern auch für andere und für eine bessere Welt etwas tun wollen und können? Wir wissen ja vielleicht besser, was
das menschliche Leiden bedeutet, als jene, die in einer glücklicheren Lage sind als wir."