Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 22

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Nepszabadsag

1989-1992 übersiedelten Zehntausende Chinesen in die ungarische Hauptstadt. Der Publizist Li Tschung-Tschiang hat jetzt ein Buch über die chinesischen Einwanderer und Ungarn geschrieben. Hier ein Auszug aus der Rezension der ersten ungarischen Übersetzung: "Li anerkennt zwar die Befreiung Ungarns durch die sowjetische Armee, aber er sieht nicht ein, warum sie sich nach dem Sieg in Ungarn einquartierte und sich selbst so viele Denkmäler stellte. Auffallend zahlreich seien auch die Kirchen in Ungarn. Das 'winzige Land' habe mehr als dreitausend Gotteshäuser, die immer den schönsten Platz der Stadt für sich in Anspruch nähmen. ... Am ärgerlichsten fand er, dass die Ungarn eine sehr hässliche Hunderasse Pekinesen nennen: das sei laut Li 'eine Verleumdung Chinas! Das können wir uns nicht gefallen lassen!' Der Übersetzer Peter Polonyi merkt an: die Hunderasse ist in Lis Heimat relativ selten, stammt aber ursprünglich tatsächlich aus China."

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - Nepszabadsag

Dass Frauen Bücher schreiben, ist neu in Ungarn. Ist das überhaupt Literatur? Kann man darüber sprechen? "Die Literaturszene ist ein geschlossener Kreis von Autoritäten und Eingeweihten. Immer mehr Autorinnen trauen sich in die Öffentlichkeit, aber sie müssen sich ständig rechtfertigen. Die freundlichen, uns lesenden und verstehenden Männer geraten in Verlegenheit, wenn sie auf dem Podium über weibliche Perspektiven reden sollen, obwohl wir nur etwas Neues zu den allgemeinen Kenntnissen über den Menschen hinzufügen möchten", sagt im Interview die junge Autorin Kriszta Bodis, Mitherausgeberin der ersten Anthologie von ungarischen Autorinnen über weibliche Sexualität. "Auch sie ist eine Form der Kommunikation, eine Gleichrangigkeit voraussetzende, gegenseitig gestaltete Interaktion zwischen zwei Menschen. In der ungarischen Literatur haben bislang nur Männer darüber geschrieben."

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Nepszabadsag

Das Finnische, Estnische, Ungarische und andere kleineren Sprachen entstammen der finnougrischen Sprachfamilie (mehr) und sind nicht mit dem Rest der europäischen Sprachen verwandt. Der Budapester Finnougristik-Professor Peter Domokos hat einen Internationalen Kongress der Finnougristik in Joskar Ola besucht, der größten Stadt der Mari, und plädiert jetzt für einen stärkeren Zusammenhalt durch die Wiederbelebung der archaischen Tradition gesungener Volksepen, eines der wenigen überlieferten gemeinsamen Kulturerbes dieser Völker: "Alle unserer Sprachverwandten haben eine reiche Tradition von Liedern, Sagen, Epen, Märchen und Legenden. Nach dem Muster der finnischen 'Kalevala' könnten die Volksepen anderer Völker zum Beispiel der Chanti und der Olonetzen rekonstruiert werden. Die Epen helfen vielleicht, die Sprachen und Kultur der kleineren finnougrischen Völker zu erhalten."

"Es war für mich sehr wichtig, das Gedicht 'Ein Satz über die Tyrannei' von Gyula Illyes ins Arabische zu übersetzen, weil es aus unserem Herzen sprach, so ging es auch damals uns Irakern unter Saddam Hussein" - erklärt Thaier Saleh, der hauptberuflich als Ingenieur in Ungarn arbeitet und nebenbei als "Hobby" zum wichtigsten Vermittler der ungarischen Kultur in der arabischen Welt avancierte. Über die Rezeption seiner Übersetzung des Holocaustromans "Geschichte eines Schicksallosen" von Imre Kertesz sagt er: "Der Holocaust wird wegen seinem politischen Inhalt in der arabischen Welt skeptisch betrachtet. Der Vorwurf lautet meistens, der Holocaust werde vom Zionismus ausgenutzt. Und trotzdem sperrt man sich nicht gegen das Thema, man beschäftigt sich damit. Die Leser abstrahieren es von jenen Menschen, die den Holocaust politisch instrumentalisieren. Es gab mehrere arabische, positive Literaturkritiken über den Kertesz-Roman. Man identifiziert sich mit der persönlichen Geschichte eines Jungen."

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Nepszabadsag

Anlässlich des Jahrestags des ungarischen Aufstandes von 1956 macht Peter Szigeti darauf aufmerksam, dass seine Generation "aus oppositionellen Foren der so genannten 'zweiten Öffentlichkeit' und aus den Mythenfabriken der Eltern und Großeltern nichts mehr, und aus den Schulbüchern noch nichts über die Revolution erfahren konnte." Es fehle immer noch an der historischen Distanz, aus der heraus man ein Ereignis objektiv betrachten könne: "1956 ist und bleibt solange ein primär politisches Thema, wie jene, die die Revolution so oder so erlebten, politisch aktiv sind. Die heute Zwanzig- oder Dreißigjährigen interessieren sich wenig für Politik. Solange jedes Jahr am 23. Oktober in diesem oder jenem Politiker der schlummernde Revolutionär erwacht, wird meine Generation mit der echten Interpretation nicht beginnen."
Stichwörter: Schulbücher, 1956

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Nepszabadsag

Der in der Vojvodina (heute Serbien) lebende ungarische Schriftsteller György Szerbhorvath analysiert die Literaturszene im ehemaligen Jugoslawien: "Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die 'Trümmerliteratur' eine Schlüsselrolle in der geistigen Erneuerung Deutschlands. In Japan begann die yakeoto seidai, die verbrannte Generation mit einer neuen, rohen Stimme von den Erfahrungen des Krieges in ihren Werken zu erzählen. In dieser Ecke des Balkans ist nichts dergleichen zu beobachten. Das liegt offensichtlich unter anderem daran, dass der Diskurs über Opfer und Täter stecken geblieben ist. Die Kroaten betrachten sich als Opfer, die letztendlich siegten. Die Bosnier sehen sich als Opfer. Die Serben schweigen - sowohl über die Niederlage als auch über die Verantwortung. Die jüngere Schriftstellergeneration winkt bei den auf Verschwörungstheorien basierenden Geschichten der älteren Schriftsteller ab und wendet sich der Jugonostalgie zu."

Die Zeitung druckt den Nachruf von György Konrad auf Istvan Eörsi.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Nepszabadsag

In Deutschland ist der Wahlkampf zu Ende. In Ungarn beginnt er demnächst. Die ungarische EU-Abgeordnete Katalin Levai ist der Meinung, dass sich die ungarischen Politiker die deutsche politische Kultur zum Vorbild nehmen sollen: "Als ungarische Staatsbürgerin kränkt mich die Prahlerei und Inkompetenz, die viele Politiker bei uns an den Tag legen. Als geistig Arbeitende ärgert mich die intellektuelle Trägheit unserer Politiker, die Niveaulosigkeit politischer Debatten und dass die Presse ihnen zur Hand geht. Als sozialpolitische Expertin erzürnt mich die Ahnungslosigkeit maßlos, mit der bei uns gesellschaftspolitische Fragen und die Chancengleichheit behandelt werden. Als Europapolitikerin verdrießt mich die Beschränktheit von Sichtweisen, die das öffentliche Leben prägt. Als Frau entrüstet mich die sexistische Sprache, die in der Öffentlichkeit immer noch ganz selbstverständlich verwendet wird. Als lernbegieriger Menschen bekümmert mich die Sturheit, mit der sich die ungarische politische Elite neuen Werten und Umgangskulturen widersetzt und sperrt. Traurig, dass es uns an Politikern wie Schröder und Merkel mangelt."

Der renommierte Soziologe Elemer Hankiss ist der Ansicht, dass Ungarn, wo die Armut einiger Schichten immer noch ein großes Problem darstellt, den Westeuropäern trotzdem beispielhaft zeigen soll, dass es dringend nötig ist, der Dritten Welt mehr zu spenden: "Warum sollte dieses kleine, arme osteuropäische Land den großen, reichen, auf ihr Europäertum stolzen Ländern gegenüber nicht endlich vorbildhaft handeln? Warum sollte Ungarn nicht demonstrieren, dass wir nicht nur für uns, sondern auch für andere und für eine bessere Welt etwas tun wollen und können? Wir wissen ja vielleicht besser, was das menschliche Leiden bedeutet, als jene, die in einer glücklicheren Lage sind als wir."
Stichwörter: Chancengleichheit, Wahlkampf

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Nepszabadsag

Imre Nagy, Ministerpräsident der ungarischen Revolution von 1956, schrieb in der Haft ein Tagebuch von 500 Seiten, das seine Erben bislang geheim gehalten hatten. Proteste der Historiker und der Zivilgesellschaft führten doch dazu, dass das Buch, - vermutlich eines der wichtigsten Dokumente der Revolution - im Juni 2006 endlich erscheinen darf. Der Historiker Janos M. Rainer, Verfasser einer Monografie über Imre Nagy, meint nach Lektüre des Manuskripts, dass die Veröffentlichung unser Bild über 1956 grundsätzlich verändern wird, wie Zsolt Greczy berichtet: "Laut Rainer versuchten die Erben die Veröffentlichung wahrscheinlich deshalb zu verhindern, weil der ehemalige Ministerpräsident in diesem Tagebuch als zu hinfällig erscheint beziehungsweise weil es deutlich wird, dass er nicht mit allen Forderungen der Revolution einverstanden war. ... Er blieb laut Rainer auch nach der Revolution ein Kommunist, auch wenn er sich selbst als nationalen Kommunisten bezeichnete. 'Imre Nagy war kein Revolutionsheld' - erklärt der Historiker."
Stichwörter: Nagy, Imre, 1956

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - Nepszabadsag

Gyula Varsanyi berichtet von der Aufregung um den neuen Roman von Peter Nadas. Auf "Parallele Geschichten" sind die Leser offenbar so gespannt, dass bereits eine elektronische Raubkopie des 500-Seiten-Werks in Umlauf ist. Vergleichbares gab es in Ungarn bislang nur vor der Erscheinung der Harry-Potter-Bände. "Der Roman spielt im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts, hat eine komplexe Handlung und zahlreiche Figuren, die Aufregung ist also verständlich... Verleger Gabor Csordas betrachtet die Raubkopie mit gemischten Gefühlen. Eine Verbreitung des Textes ohne die Genehmigung des Autors sei gesetzeswidrig und schädlich, und doch schmeichelt es ihm, dass der Hype so groß ist wie bei der Premiere eines Hollywood-Blockbusters."

In einem weiteren Artikel schwärmt die Rom-Korrespondentin Julia Sarközy vom Papst-Sekretär Georg Gänswein, der in Rom als Sex-Idol gefeiert wird.

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - Nepszabadsag

Überrascht berichtet die Publizistin Judit N. Kosa über den Erfolg einer neuen Website des ungarischen Bildungsministeriums und des Nationalen Staatsarchivs. Bei "Familienstammbaum.Erinnerung" kann jeder Urkunden, Briefe und andere Dokumente der Familiengeschichte kostenlos ins Netz stellen, die Daten mit einer Stammbaumsoftware ordnen und Anknüpfungspunkte zu anderen Familien entdecken. Kurz nach dem Start haben rund 10.000 Menschen ihren Familienstammbaum online gestellt, sich in Chatrooms kennengelernt oder Familienroman-Blogs geschrieben. "Der Direktor des Staatsarchivs Lajos Gecsenyi meint, dass die gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten fünfzig Jahre zur Lockerung menschlicher Beziehungen geführt haben. Welche Kenntnisse man über seine Vorfahren habe, sei oft zufällig. Das bedeute eine enorme Last für die Gesellschaft." Die Website, so sieht es die Autorin, wird als nach dem Grass-Root-Prinzip erstellte familiengeschichtliche Datenbank für die ungarische Gesellschaft zu einem wichtigen Instrument der Geschichtsschreibung werden.

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Nepszabadsag

In einem Interview über die Grenzen der Redefreiheit spricht sich der Philosoph und eine der legendären Gestalten der demokratischen Opposition Janos Kis dagegen aus, die diskriminierende Äußerungen gegen die ungarischen Roma strafrechtlich zu sanktionieren: "Die Verschärfung von Strafen gegen verbale Diskriminierung würde nichts nutzen, aber sie würde die Redefreiheit, eines der wertvollsten Güter moderner Demokratien gefährden. Es ist unmöglich, ein Gesetz gegen haßerfüllte Rede zu schaffen, das nicht auch gegen leidenschaftliche Gesellschaftskritik einsetzbar wäre." Kis plädiert für sozialpolitische Lösungen der Probleme der Roma, statt ihre Diskriminierung strafrechtlich zu sanktionieren: "Nicht deshalb sind heute diskriminierende Äußerungen gegen die Roma zu hören, weil wir jetzt Redefreiheit haben und vor der Wende keine hatten. Der Staatssozialismus hat eine Scheinlösung für das Problem der ungarischen Roma gefunden. Die Wege des gesellschaftlichen Aufstiegs blieben ihnen zwar versperrt, aber sie durften als Aushilfsarbeiter in der Industrie arbeiten. Die sozialistische Großindustrie ist nach der Wende zusammengebrochen, die meisten Arbeitsplätze für Niedrigqualifizierte sind verschwunden. Das stieß die Roma in die Arbeitslosigkeit und Armut zurück. Dies ist ist das eigentliche Problem."