Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

866 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 87

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - New Yorker

Geld regiert die Welt? Adam Gopnik bezweifelt es - auch nach Lektüre von Richard Vagues hoch interessantem Buch "The Banker Who Made America: Thomas Willing and the Rise of the American Financial Aristocracy, 1731-1821", das sich der Frage widmet, wer eigentlich die amerikanische Unabhängigkeit finanziert hat und wie. Der Kaufmann Thomas Willing wusste, wie er das von den Briten oktroyierte System ausdribbeln konnte: "Die wirklich politische Frage war, ob maritime Händler wie Willing - erzürnt ob der britischen Unterdrückung aber mit wenig Lust auf eine politische Revolution - sich am Ende auf die Seite der Radikalen und Idealisten schlagen würden. Vague macht klar, dass Willing nicht wollte. Als widerwilliger Delegierter des Kontinentalkongresses 1775 und 1776 stimmte er gegen die Unabhängigkeitserklärung und zog sich dann in sein Privatleben in Philadelphia zurück. Und trotzdem haben er und sein Geschäftspartner Morris in den nächsten Jahren weiterhin eine zentrale Rolle gespielt, als es um die Finanzierung der Rebellen ging, selbst wenn Willing eine zögernde Distanz zum revolutionären Anlass hielt." Was genau taten diese soliden konservativen Geschäftsleute? Sie nutzten ihren guten Ruf, "um eine radikale Sache zu finanzieren. Sie weiteten die etablierte Praxis der Kreditgewährung für Schiffe auf See aus: Sie nahmen Wechsel entgegen, die in den Häfen von Frankreich und Amsterdam zahlbar waren, und verkauften diese oder nahmen gegen sie Kredite in den Kolonien auf, um Uniformen, Waffen und Pferde zu bezahlen. Im Grunde genommen nutzten sie den Kredit, den sie im Ausland hatten - Amsterdam war damals so etwas wie das Hongkong jener Zeit -, und setzten ihn vor Ort ein, um Washingtons Armee zu unterstützen. ... Es ist erstaunlich zu sehen, dass die Finanzgewohnheiten, die wir als neu und dekadent ansehen - all das Papiergeld, all das Risikokapital, all das unversicherte Risiko -, bereits bei der Gründung vorhanden waren. Es liegt sogar ein Hauch von Kryptowährung in der Leichtigkeit, mit der Willing und Morris Papiergeld in Umlauf brachten, das durch nichts anderes als ihre eigene Bürgschaft gedeckt war. Doch am Ende neigt man mehr denn je dazu, die Ideen zu respektieren, die die Zinssätze antrieben, mehr als die Zinssätze, die die Ideen antrieben. ... die Finanzen waren vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie halfen, Uniformen zu nähen und Waffen zu beschaffen, nicht weil sie die Männer zum Kämpfen brachten. Ein Grund, warum wir nicht immer dem Geld folgen, ist, dass es nicht immer entscheidend ist. Washingtons Armee blieb eine provisorische Streitmacht, unterstützt durch Material, aber getragen von der Moral."

Magazinrundschau vom 24.03.2026 - New Yorker

Nachdem Trump beschlossen hat, Kuba eine Blockade aufzuerlegen, ächzt die Insel unter Engpässen und politischer Unsicherheit. Die Regierung trägt auch nicht dazu bei, die Bevölkerung zu entlasten, wie Jon Lee Anderson beobachtet: "Die Verzweiflung der kubanischen Regierung hat Aktionen befeuert, die das Land noch weiter von einflussreichen Freunden entfremdet haben. Im November haben sie die Devisenkonten der ausländischen Botschaften und Unternehmen gesperrt, anscheinend, weil sie das Geld brauchten. Ein Bekannter, der enge Verbindungen zur Parteielite hat, erzählte mir, dass ihm sieben Millionen Dollar beschlagnahmt wurden, was sein Unternehmen gelähmt habe. Für andere war es noch schlimmer, sagte er: Er hatte von Firmen gehört, die den Zugang zu Summen im zweistelligen Millionenbereich verloren hatten. Er zuckte mit den Schultern. 'Weißt du was?', sagte er, 'Ich gehe nicht davon aus, das Geld wiederzubekommen.' Am Ende unseres Treffens umarmte er mich und flüsterte mir die Prognose für das Regime ins Ohr 'Es ist vorbei.' Wenn ich mich mit Kubanern über die Krise unterhalten haben, sprachen viele euphemistisch über 'Veränderung'. Manche bezogen sich auf die US-Invasion in Venezuela, wo dem Vizepräsidenten Delcy Rodríguez und anderen Anführern des Regimes erlaubt wurde, an der Macht zu bleiben, solange sie sich Trumps Bedingungen fügen. Ein einflussreicher Kubaner sagte mir, dass das venezolanische Modell einen großen psychischen Einfluss ausübt, denn es zeigt, dass es pragmatische Veränderungen geben kann, ohne dass das Regime abgesetzt werden muss. 'Ich meine nicht, dass sie etwas ähnliches tun sollten wie in Caracas, mit Helikoptern einfliegen und Leute erschießen', befand er. 'Aber der Fakt, dass sie dort Menschen gefunden haben, mit denen sie arbeiten konnten, lässt die Idee aufkommen, dass etwas ähnliches auch hier möglich ist. Ein früherer Bediensteter von Chávez und Madura merkte an, dass die Situation in Venezuela nicht erstrebenswert ist. Er erzählte mir spöttisch: 'Venezuela wird gerade zum Puerto Rico des 21. Jahrhunderts' - im Grunde eine amerikanische Kolonie, geleitet von einem bekennenden Sozialisten in Kooperation mit einem rechten amerikanischen Präsidenten. 'Wer hätte sich das vorstellen können?', fragte er. 'Es ist so bizarr.' Und trotzdem bietet es den Kubanern Hoffnung, dass ihr Leben ohne zu viel Aufruhr verbessert werden kann. Ein europäischer Diplomat auf der Insel meinte zu mir: 'Wegen Venezuela denken die Leute hier jetzt, dass sie ausharren können, trotz allem.' Aber, fragte er, 'wer wird dieses Land in einer pro-kapitalistischen, pro-US-amerikanischen Weise regieren? Wer ist unser Delcy?'"

Außerdem: Jill Lepore fragt sich, ob Künstliche Intelligenz eine Verfassung braucht. Hilton Als berichtet von der Whitney Biennale.

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - New Yorker

Während das Studium der Klassischen Philologie im Westen in der Krise steckt - allein in den letzten sechs Jahren haben etwa zehn Hochschulen ihre Institute geschlossen, erfahren wir, boomen die alten Griechen und Römer plötzlich in China, und das obwohl westliche Gesellschaften als "Höllenlandschaften" gelten und Mao Zedong die Antike einst als "feudale Schlacke" bezeichnete, staunt Chang Che: "Die Gründe für diese Begeisterung sind umstritten, doch die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass chinesische Beamte die westlichen Klassiker als Ergänzung ihrer Politik betrachten. In den letzten Jahren hat Xi Jinping das 'kulturelle Selbstbewusstsein' zu einem Eckpfeiler der nationalen Politik gemacht und damit den Stolz auf chinesische Traditionen und Werte zum Ausdruck gebracht. In ganz China schießen archäologische Museen und Ausstellungen wie Pilze aus dem Boden, und vernachlässigte Dörfer werden zu detailgetreuen Kulissen alter Städte umgestaltet. An den Universitäten war das Studium altchinesischer Texte traditionell auf verschiedene Disziplinen verteilt; nun versuchen die Universitäten unter staatlicher Anleitung, diese Forschung in neuen klassischen Instituten zu bündeln, wo - so eine Theorie - alte Wahrheiten bewahrt und weitergegeben werden können." Bei der Einweihung eines Zentrums der Chinesischen und Griechischen Zivilisationen wurde ein Brief von Xi Jinping verlesen, der denn auch offenlegte, wie Xi sich den Umgang mit dem westlichen Kulturerbe vorstellt: "'Wie einander von beiden Enden des eurasischen Kontinents entgegenstrahlend', hatte Xi geschrieben, 'sollten China und Griechenland zusammenarbeiten, um den gegenseitigen Wissensaustausch zu fördern.' Das Schreiben verankerte die Idee, dass der moderne Westen - geprägt von Liberalismus, Konstitutionalismus und Mehrparteiendemokratie - konzeptionell vom antiken Westen, repräsentiert durch Griechenland und Rom, zu trennen sei. Im Bestreben Chinas, seine Zivilisation zu entwickeln, galt der moderne Westen als ideologischer Gegner, der antike Westen hingegen als potenzieller Verbündeter."

Magazinrundschau vom 24.02.2026 - New Yorker

Der Bialowieza-Nationalpark in Polen ist der letzte Tiefland-Urwald in Europa, seit vier Jahren wird hier an der Grenze zu Belarus eine aufwendige Grenzmauer errichtet, die die Region zu einem Krisenherd von Migrationsbewegungen macht, wie Elizabeth Flock für den New Yorker berichtet. Polen hat das Asylrecht ausgesetzt, mit schwerwiegenden Folgen, auch für die humanitäre Hilfe, deren Vertreter Flock in der Waldregion begleitet: "Als wir zum Auto zurückgingen, sprintete vor uns ein junger Mann mit dunklem, lockigen Haar in die Büsche. Es war erschütternd. Hier, mitten im Bialowieza-Nationalpark - einem Urwald, einem Touristenziel, ein Ort, an dem polnische Dörfler Pilze sammeln, um sie in Butter und Salz zu braten - ist ein Mann auf der Flucht vor der Grenzpatrouille. Ein Einwohner hatte das Dorf Bialowieza mit Twin Peaks verglichen, weil nichts hier Sinn mache. 'Bitte nicht die Polizei rufen', flüsterte der Mann auf Englisch, die Hände erhoben, als wir uns ihm näherten. Er kam aus Afghanistan, aber er war nicht derjenige, der die Helpline angerufen hatte. Seine Sneaker fielen auseinander, aber er war warm angezogen und trug einen einzelnen, zerrissenen Handschuh. Er sagte, er sei auf der Suche nach dem Auto seines Schmugglers. (…) Niemand weiß, wie viele Migranten in Belarus gefangen sind. Die Organisation Hope & Humanity Poland schätzt, dass es sich um Tausende handelt. Helfer sagen, seit dem Bau der Mauer findet die wahre Krise außer Sichtweite statt." Die Migrationskrise und der Krieg in der Ukraine sind eng miteinander verbunden, vermutet der belarusische Oppositionspolitiker Franak Viacorka. "Er ist einer von vielen Leuten, die glauben, dass Russland in Kollaboration mit Belarus diese Krise orchestriert hat. Die Situation, sagte er, ist 'sehr vorteilhaft für Russland, weil die EU, statt die Ukraine zu unterstützen, Geld für den Grenzschutz ausgibt.' Die polnische Grenzmauer allein kostet hunderte Millionen Dollar. Und, fügte er hinzu, die Krise hat Russland geholfen, die EU zu diskreditieren und sie für die unmenschlich aussehen zu lassen, die vor Gewalt fliehen."

Weiteres: Rachel Aviv berichtet über den Fall Gisèle Pelicot. Tad Friend stellt den Demokraten James Talarico vor, der hofft, die nächsten Wahlen in Texas zu gewinnen. Ian Buruma überlegt, warum Fußballspiele heute oft mit soviel Gewalt und Chauvinismus einhergehen. Anahid Nersessian liest eine neue Biografie über den "Perlentaucher" Walter Benjamin. Und Zachary Fine porträtiert den jung verstorbenen Künstler Noah Davis.
Stichwörter: Migration, Migrationskrise, Polen

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - New Yorker

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Shere Hite ist heute fast vergessen, obwohl sie in den 1970er Jahren millionenfach verkaufte Bücher zur weiblichen Sexualität vorgelegt hat. Margaret Talbot sieht für den New Yorker Nicole Newnhams Doku "The Disappearance of Shere Hite" und liest Rosa Campbells Buch "The Book that Taught the World to Orgasm and Then Disappeared" über eine Frau, die Sexualität immer im Zusammenhang mit den Geschlechterrollen im Großen und Ganzen gesehen hat und deren Werk vielleicht auch deswegen irgendwann dem Vergessen überantwortet wurde: "Für Hite war das Verständnis davon, wie Sex tatsächlich für Menschen funktioniert, oder auch nicht, Schlüssel, um Geschlechterrollen insgesamt besser zu verstehen. 'Die Rolle einer Frau beim Sex', schrieb sie, 'spiegelt ihre Rolle in der restlichen Gesellschaft'. Vielleicht, dachte sie, würde eine anonyme Umfrage ihr die Erkenntnisse liefern, nach denen sie suchte. Ab 1972 war Hite in Manhattan auf ihrem Motorrad unterwegs, ihr 'Vintage-Spitzenmantel flatterte hinter ihr her', wie Campbell schreibt, und hielt an, um Fragebögen an alle Frauen auszuteilen, die einen nehmen würden. Sie schickte Fragebögen an Zweigstellen von Frauenorganisationen und Frauenzentren von Universitäten und platzierte Hinweise darauf in Kirchen-Newslettern und Magazinen wie Mademoiselle und Bride's. Am Ende hat sie von mehr als 3000 Frauen aus fast allen Staaten Antworten bekommen. Abgesehen vom Auswahl-Bias war das ein beeindruckendes Ergebnis für eine FSK-18-Klausur, die niemand hätte schreiben müssen. Frauen haben Fragen zu allem, von ihren ersten sexuellen Erfahrungen bis zum Einfluss des Alterns auf ihr Sexleben, beantwortet. (…) Besonders augenöffnend im 'The Hite Report' war jedoch, dass siebzig Prozent der Frauen in ihrer Stichprobe bei heterosexuellem Sex nicht regelmäßig zum Orgasmus kamen, während diverse Formen klitoraler Stimulation, inklusive Masturbation, zuverlässig dazu führten. Dieses Ergebnis hat within dominante Annahmen auf den Kopf gestellt: Dass die Orgasmen von Frauen schwieriger zu erreichen und inherent schwächer wären als die von Männern und das sein ausbleibender vaginaler Orgasmus Zeichen einer neurotischen Blockade wären, die man am besten psychologisch behandeln sollte."

Weiteres: Jill Lepore graust es jetzt schon vor der 250-Jahr-Feier der Gründung der USA - ein Blick zurück auf deren Geschichte hilft auch nicht. Hilton Als besucht eine Ausstellung des französischen Fotografen Eugène Atget im International Center of Photography in New York. Justin Chang sah im Kino zwei Dokumentarfilme: Gianfranco Rosis "Pompei: Below the Clouds" and Werner Herzogs "Ghost Elephants".

Magazinrundschau vom 10.02.2026 - New Yorker

Ozempic wird zwar in erster Linie zum Abnehmen genutzt, zeigt sich aber in verschiedenen Studien als vielversprechendes Mittel gegen Suchterkrankungen, wie Dhruv Khullar für den New Yorker herausgefunden hat. Alkoholkranke, die mit dem Medikament behandelt wurden, waren nach kurzer Zeit in der Lage, dem Drang nach einem Drink zu widerstehen, die mit dem Trinken verknüpften Dopaminspitzen blieben aus und erlaubten den Studienteilnehmern einen moderaten Umgang mit dem Suchtmittel: "GLP-1-Medikamente scheinen den Druck, der von den Substanzen ausgeht, mental abzumildern. Es ist, als ob die Medikamente die Antwort des Hirns zu bestimmten Belohnungen runterregulieren - und vielleicht die roten Flecken, die ich auf dem MRT aufleuchten gesehen hab, dimmen - und damit eine überwältigende emotionale Reaktion in etwas verwandeln, das sich losgelöst betrachten lässt, aus einer Distanz." Mit der Ärztin und Suchtforscherin Sarah Kawasaki spricht Khullar aber auch über eine Perspektive, die bislang ausbleibt: "Es ist gefährlich zu denken, dass GLP-1-Medikamente ein Heilmittel sind, argumentiert sie - und das nicht nur, weil sie je nach Person anders wirken. 'Sie tun nichts, um das Warum hinter einer Sucht zu adressieren', sagt sie: Trauma, Einsamkeit, Schmerz, Stress, Armut. 'Diese Warums sind zunächst greifbar, aber über die Zeit, wenn Drogen zum Bewältigungsmechanismus werden, verschwinden sie. Die Warums werden zu einem unsichtbaren Teil dessen, was es so schwierig für die Menschen macht, durch den Tag zu kommen.'"

David Remnick hat durchaus Sympathie für die Irren da draußen, die nachts im Radio oder heute im Netz die anderen Schlaflosen mit ihren Verschwörungstheorien, Ufo-Sichtungen oder Erweckungsmomenten in der Mülltonne von Bob Dylan unterhalten. In dieser Tradition eines Long John oder Art Bell steht für Remnick auch "The Joe Rogan Experience", Joe Rogans dreistündiger Podcast, das einfach so zum populärsten Podcast der Welt und damit zu einer echten Macht geworden ist,  - mit 14 Millionen Followern auf Spotify, und mehr als 20 Millionen Zuhörern auf Youtube. Rogan ist so unberechenbar wie seine Vorgänger im Radio, meint Remnick. "Er ist für die Homo-Ehe, für ein universelles Grundeinkommen und für den zweiten Verfassungszusatz. Er mischt eine Prise Anti-Woke- und Anti-Identitätspolitik-Comedy mit einer breitbeinigen Art von Aufgeschlossenheit. ... Er hat mit Bernie Sanders eine gemeinsame Basis in Bezug auf Einkommensungleichheit, Auslandskriege und automatisierte Arbeit gefunden, obwohl sie sich über Elon Musk uneinig waren." Dann wieder flirtete er mit Donald Trump, bevor er sich jüngst von ihm distanzierte. Rogan liebt Provokateure, aber er ist kein Journalist, und das ist - jedenfalls immer dann, wenn es politisch wird - ein Problem für Remnick, denn Rogan orientiert sich immer noch an alten Größen wie Art Bell: "Rogan sprach einmal ausdrücklich über seine Bewunderung für Bells Methode. 'Er hatte viele interessante Leute zu Gast, aber dann mischte er sich hin und wieder mit einem Typen ein, der behauptete, er sei ein Werwolf. Und Art würde niemals sagen: Mann, du bist kein Werwolf! Er würde sagen: Interessant, erzähl mir mehr darüber. Er ließ die Typen reden. Er ließ die Typen die lächerlichsten Sachen erzählen.' Das war auch immer Rogans Methode - die Leute die absurdesten Dinge sagen zu lassen. Das ist harmloser Spaß, wenn Bill Burr Witze über die Ehe macht oder Mark (der Bestatter) Calaway seine Karriere als Profi-Wrestler Revue passieren lässt." Doch Rogan hört Impfgegner oder Antisemiten mit dem gleichen symphatisierenden Interesse zu. Zum Bespiel den selbsternannten Forschern Ian Carroll oder Darryl Cooper, der in Rogans Podcast "auf 'jüdische Milliardäre, die sich im Namen des globalen Judentums zusammenschließen' zu sprechen kam. Jeffrey Epstein, so behauptete er, sei Teil einer 'jüdischen Organisation, die im Namen Israels und anderer Gruppen arbeiten' und mit der CIA, dem Mossad und dem britischen Geheimdienst verbunden seien. Israel, so Carroll weiter, sei von jüdischen Gangstern und 'der Bankiersfamilie Rothschild' gegründet worden. Als Antwort auf eine von Carrolls Arien über die Geschichte Israels und frühe paramilitärische Gruppen bemerkte Rogan 'Interessant ist, dass man jetzt, nach dem 7. Oktober, nach Gaza, darüber sprechen kann.'" Rogan hat nicht verstanden, dass er kein Showmaster mehr ist, sondern "Teil des Mechanismus, durch den Ideen - gute, schlechte und groteske - aus der Randzone in den Mainstream gelangen", meint Remnick.

Weiteres: Rebecca Mead schreibt über den britischen Landschaftsmaler Andy Goldsworthy. Und Gideon Lewis-Kraus erzählt, wie die Firma Anthropic versucht, ihre AI zu verstehen.

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - New Yorker

Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges sind im Westen immer wieder Aktionen aufgeflogen, die von sogenannten Single-Use-Agents verübt wurden - das sind Menschen, die vom russischen Geheimdienst über Mittelsmänner angeworben werden und oft nicht einmal wissen, für wen und warum sie beispielsweise ein Paket zu einem bestimmten Ort bringen sollen, bis es dann explodiert, erklärt Joshua Yaffa im New Yorker. So wurden Einkaufszentren und Möbelhäuser in Brand gesetzt, keine militärischen Ziele, aber den Russen nutzt es trotzdem: "Russland weiß, dass die Sabotagekampagne, eine Art hybride Bedrohung - wie im Grunde genommen jede staatlich geleitete Attacke, die sich unterhalb militärischer Aktion befindet - für die europäischen Rechtssysteme ein besonders Rätsel darstellt. 'Sie lassen eine Operation laufen, die ein paar Tausend Euro kostet, ausgeführt von Leuten, für deren möglichen Verlust sie sich nicht interessieren', so Bart Schuurman, der Leiter einer Forschungsgruppe für Terrorismus und politische Gewalt an der Uni Leiden. 'Und wir in Europa antworten mit einer Investigation, die Monate dauert und endliche Ressourcen über mehrere Länder hinweg beansprucht. Die Russen sind derweil längst am nächsten Ziel dran.' Die Intention ist nicht notwendigerweise, die Fähigkeit des Westens zu unterminieren, der Ukraine zu helfen, sondern eher, die Kosten für größere Kriegsanstrengungen in die Höhe zu treiben und so die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Ein europäischer Außenpolitik-Beamter hat die von Russland intendierte Message an die Öffentlichkeit so zusammengefasst: 'Es wird gefährlich mit diesen Kriegshetzern im Amt. Ihr riskiert euch selbst. Also wählt besser Marine Le Pens Partei in Frankreich oder die AfD' - rechtspopulistische Parteien, die ihre Gegnerschaft bezüglich der Ukraineunterstützung des Westens offen ausdrücken. Paulina Piasecka, eine bekannte polnische Forscherin und Expertin für hybride Bedrohungen, sagt: 'Zusammengenommen sollen solche Vorfälle Unsicherheit, Angst, Misstrauen säen. Der Staat sieht unfähig aus. Und die Menschen fangen an darüber nachzudenken - Was passiert um uns herum, weil wir an diesem Krieg beteiligt sind, der tatsächlich vielleicht nicht unser Krieg ist oder sein sollte?'"

Außerdem: Nathan Heller porträtiert Gavin Newsom, den derzeit vielleicht erfolgversprechendsten demokratischen Politiker, der jedoch von den Linken in seiner Partei abgelehnt wird. Andrew O'Hagan liest Gabriel Shermans "Bonfire of the Murdochs" über das Murdoch-Imperium. Thomas Meaney liest Jason Burkes "The Revolutionists" über die gute Zusammenarbeit westdeutscher mit palästinensischen Terroristen in den 1970ern. Justin Chang sah im Kino Harry Lightons "Pillion".

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - New Yorker

2022 wurde Shinzo Abe erschossen - das Motiv des Schützen Tetsuya Yamagami war die enge Verbindung, die der ehemalige Premierminister von der Liberaldemokratischen Partei (LDP) zur Moon-Sekte hatte. E. Tammy Kim ist für den New Yorker nach Japan gereist, um mit Eito Suzuki zu sprechen, einem Journalisten, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, die Machenschaften der Sekte aufzudecken, die sich "Vereinigungskirche" nennt. Der Attentäter hatte immer wieder den Kontakt zu ihm gesucht, vor allem, weil seine Mutter in den Fängen der Sekte gefangen war und ihr fast das ganze Familienvermögen übergeben hatte. Letzte Woche wurde das Urteil verkündet: Yamagami wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Was Kim während seines Japanbesuchs verstanden hat, ist vor allem das Ausmaß des politischen Einflusses, den die ursprünglich aus Korea stammende Moon-Sekte hat: "In den frühen sechziger Jahren freundete sich Moon mit Abes Großvater Nobusuke Kishi an, einem verurteilten Kriegsverbrecher, der später als Premierminister und Vorsitzender der LDP fungierte. Kishi war häufig zu Gast bei Veranstaltungen der Kirche und verwandter Organisationen und nutzte deren Freiwilligenkorps", wie auch sein Enkel Abe, als Wahlkämpfer für seine Partei. Dafür konnten die Moonies ungestört ihren Geschäften nachgehen, und Anhänger zum Beispiel für den Weltfrieden anwerben: "Der religiöse Aspekt wurde oft erst viel später offenbart. Sobald sie in die Kirche aufgenommen worden waren, wurden die Mitglieder angewiesen, gesalbte Gegenstände - Ginseng-Tee, eine Rollbildmalerei, eine Vase, eine Pagodenfigur - zu überhöhten Preisen zu kaufen, eine Praxis, die als 'spiritueller Verkauf' bekannt ist. Wenn sie nicht genug Geld hatten, wurden sie aufgefordert, sich von Verwandten Geld zu leihen oder Kredite aufzunehmen. ... Diese Gelder flossen in Moons Imperium, das sich auf fast allen Kontinenten zu einem Netzwerk aus Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen entwickelte". In Südkorea, dem Heimatland der Kirche, zeigte sich 2024 nach einem Skandal um die Ehefrau von Präsident Yoon Suk-yeol, "dass beide großen politischen Parteien in Südkorea finanzielle Verbindungen zur Vereinigungskirche hatten. Der neue Präsident des Landes, Lee Jae-myung, schlug vor, dass Korea sich ein Beispiel an Japan nehmen und die Auflösung religiöser Gruppen in Betracht ziehen sollte, die 'organisatorisch und systematisch in die Politik eingreifen'. ... Die Kirche ist offensichtlich erschrocken über die Aussicht, ihren rechtlichen Status in Ostasien zu verlieren. Dennoch haben die Moonies - und die Unternehmen der Familie Moon - seit langem auf mehrere Pferde gesetzt. Der westafrikanische Zweig beispielsweise hat seine Aktivitäten wie gewohnt fortgesetzt."

Außerdem: Jason Zengerle beschreibt, wie der Moderator Tucker Carlson von rechts nach ganz rechts wanderte, an die Seite des Verschwörungstheoretikers, Nationalisten und Antisemiten Nick Fuentes. Die Demokraten könnten von Maga einiges lernen, meint Charles Duhigg: Zum Beispiel, wie man eine breite Koalition von Verbündeten schmiedet, statt sich in immer kleinere Einheiten aufzuspalten, die sich bekämpfen. (Diese Lektion könnten sie auch von Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) lernen, einer Organisation der Hindu-Rechten, die im Zentrum eines weitläufigen Netzwerks von sympathisierenden Organisationen steht, wie Felix Pal in einer sehr langen Reportage in Caravan berichtet.)

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - New Yorker

Eine konstante Unterströmung von Donald Trumps zweiter Amtszeit ist die Drohung, Grönland zu annektieren - eine große und ernstzunehmende Bedrohung, wie Margaret Talbot im New Yorker zeigt. Aber die Drohung setzt in Dänemark auch Reflexionsprozesse in Gang: "Manche Leute in Kopenhagen haben mir erzählt, dass die Black Lives Matter-Bewegung in den USA auch jüngere Dänen zum Nachdenken über den Rassismus des eigenen Landes gegenüber den grönländischen Inuit angeregt hat. Aber das plötzliche Interesse Dänemarks an Grönland war auch ein unbeabsichtigtes Geschenk von Trump. Der Fotograf Mikkel Hørlyck sagte mir, 'er hat die Verbindung der Dänen zu Grönland aktiviert'. Dänen seiner Generation hätten sich zum ersten Mal ernsthaft gefragt, 'Was weiß ich wirklich über Grönland? Habe ich mich überhaupt schon einmal mit Grönländern unterhalten?' Er fuhr fort: 'Seltsam, dass Trumps Strategie bei uns auch zu etwas Positivem führt.' Trumps Antagonismus gegenüber Grönland hat auch die dänische Sicht auf die europäische Einheit verändert. In der Vergangenheit waren die Dänen eher leicht euroskeptisch. Sie sind der EU in den 1970er Jahren beigetreten, haben aber ihre eigene Währung, die dänischen Kronen, beibehalten und 1992 gegen den Vertrag von Maastricht gestimmt, der für mehr europäische Gleichförmigkeit in Sachen Sicherheit, Staatsbürgerschaft und anderen Themen gesorgt hat. Die Premierministerien Fredriksen hat neulich, als sie für einen größeren Verteidigungshaushalt geworben hat, eingeräumt: 'Europäische Kooperationen wurde von vielen Dänen nie wirklich favorisiert.' Sie maulten, sagte sie, über alles von 'schiefen Gurken und verbotenen Plastikstrohhalmen' bis zu offener Migrationspolitik, die von Fredriksens Regierung abgelehnt wurde."

Magazinrundschau vom 20.01.2026 - New Yorker

Der britisch-venezolanische Essayist und Dichter Armando Ledezma erzählt in einem Brief aus Caracas, wie zerrissen und ängstlich das eh schon krisengebeutelte Venezuela ist, nachdem Trump den Diktator Maduro entführen ließ: "Wir in Venezuela wissen sehr wohl Bescheid, was die Misshandlung lateinamerikanischer Immigranten in den USA unter der Trump-Regierung angeht, die 252 venezolanischen Männer eingeschlossen, die ins CECOT geschickt wurden, das Hochsicherheitsgefängnis in El Salvador, wo ihre Köpfe bei der Ankunft rasiert und einige von ihnen schwer geschlagen wurden. ... Trumps Rhetorik hat sich auffällig verschoben von der Prävention des Drogenschmuggels hin zu Kontroll- und Ressourcengewinn und unterstreicht damit, dass es bei seiner Operation nie um Demokratie oder das Recht der Venezolaner auf Selbstbestimmung ging. Nachdem Trump kürzlich in einem Times-Interview bekanntgegeben hat, dass die USA Venezuela regieren werden, offenbar für Jahre, und auf Truth Social ein fotomontiertes Bild einer Wikipedia-Seite gepostet hat, das ihn als 'regierenden Präsidenten Venezuelas' ausweist, fürchten manche von uns, dass ein nicht gewählter Despot durch einen anderen ausgetauscht wurde und dass es uns möglicherweise so gehen wird wie Hawaii und Puerto Rico." Und so wissen viele Venezolaner nicht mehr, was sie denken sollen. "Gleichzeitig wütend auf Maduros diktatorisches Regime und ohne Vertrauen in die USA, haben sie das Gefühl, eine Seite wählen zu müssen, obwohl es keine guten Optionen gibt. Die Extremisten auf beiden Seiten - hier die glühenden Unterstützer der bolivianischen Linken um Evo Morales und dort die entrechtete herrschende Klasse, die die Revolution seit ihren demokratischen Anfängen gehasst hat, lange bevor sie in eine Diktatur abgeglitten ist - sind unverhältnismäßig laut und zeichnen ein Bild des Landes und seiner Leute, das viel ideologischer ist als die Realität. Auch die Angehörigen der Diaspora, mit vor den staatlichen Repressionen sicher sind, verbreiten ein verzerrtes Bild."

Ian Frazier erzählt, wie in den 1980ern Bürgerdiplomatie in Alaska dazu führte, den eisigen Vorhang zwischen Russland und den USA zu lüpfen. Einfach war es nicht, zumal die kulturellen Unterschiede riesig waren, aber es gab doch regelmäßige Begegnungen. Vor allem durften die Ureinwohner sich ohne Visum gegenseitig besuchen. In den 90ern kühlten die Beziehungen ab und nach dem russischen Überfall auf die Krim war fast ganz Schluss. Frazier fragt unter anderen Mead Treadwell, der seit siebenundvierzig Jahren in Alaska lebt und in vielen Arktis-Kommissionen saß, "was heute zu tun sei. Er weiß keine Antwort. 'Ich sage immer, dass die Bürgerdiplomatie in den achtziger Jahren die Grenze geöffnet hat', so Treadwell. 'Und das Versagen der Großmachtdiplomatie trug zu ihrer Schließung bei, die mit Putin im Jahr 2000 begann. ... 'Aber es gibt immer Veränderungen', fuhr er fort. 'Eine Delegation von Geschäftsleuten begleitete Putin kürzlich zu seinem Gipfeltreffen mit Trump in Alaska. Ich weiß nicht, welche Themen besprochen wurden. Aber auf internationaler Ebene kann viel getan werden in den Bereichen Bergbau, Schifffahrt, Fischerei, Energiegewinnung und Tourismus in unserer gemeinsamen Arktis. Nur weil unsere russische Grenze weitgehend geschlossen zu sein scheint, sollte man nicht denken, dass die Menschen nicht über eine andere Zukunft nachdenken und planen.'" Man hätte gern noch erfahren, welche Rolle Grönland in diesem Rahmen spielt, aber dazu sagt Frazier nichts.