Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 86

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - New Yorker

New-Yorker-Mitarbeiter Hua Hsu ist gleichzeitig Englischprofessor am Bard College. In einem Essay überlegt er, was es bedeutet, in Zeiten von Künstlicher Intelligenz zu lehren und welchen Wert höhere Bildung noch hat, wenn es nur darum geht, mit wenig Aufwand Bestnoten zu erzielen, ohne selbst etwas dabei zu lernen. Eine Lösung hat er auch nicht: "Studenten dieser Tage betrachten das College wie Konsumenten, auf Arten und Weisen, die mir in ihrem Alter nie eingefallen wären. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der die Gesellschaft schnelle Meinungen wertschätzt, nicht langsames, kritisches Denken. (…) Bildung, insbesondere in den Geisteswissenschaften, verlässt sich auf die Annahme, dass neben den praktischen Dingen, die Studenten behalten, auch manche arkane Idee, die im Vorbeigehen geäußert wird, sich in ihren Hirnen festsetzt und irgendwann blühen kann. AI sorgt dafür, dass wir uns alle wie Experten fühlen können, aber es sind Risiko, Zweifel, Scheitern, die uns menschlich machen. Ich sage meinen Studenten oft, dass dies das letzte Mal in ihrem Leben ist, dass jemand lesen muss, was sie geschrieben haben, sie mir also auch einfach sagen können, was sie wirklich denken. Trotz des momentanen Aufruhrs um schummelnde Studenten sind sie nicht diejenigen, denen man die Schuld zuschieben sollte. Sie haben nicht dafür gekämpft, dass Laptops eingeführt werden, als sie in der Grundschule waren, und es ist nicht ihre Schuld, dass sie während der Pandemie Unterricht über Zoom hatten. Sie haben die AI-Tools nicht kreiert und waren auch nicht an vorderster Front, als es darum ging, technologische Innovationen zu hypen. Sie waren nur die early adopters, die versuchen, das System zu überlisten, in einer Zeit, in der das so einfach ist wie nie zuvor. Und sie haben nicht mehr Kontrolle darüber als der Rest von uns."

Im übrigen ist dies die Fiction-Ausgabe: Zadie Smith, Jhumpa Lahiri und Ottessa Moshfegh haben jeweils eine Erzählung beigesteuert (hier, hier und hier) und außerdem einen Text über das Buch, das sie zu ihrer Erzählung inspiriert hat (hier, hier und hier). Thomas Mellon erzählt, was New-Yorker-Autoren für die erste Ausgabe des Magazins 1925 gelesen haben. Anthony Lane schreibt über den Stil Elmore Leonards. Molly Fisher liest ein Buch von Matt Richtel, das fragt, ob Handys wirklich das Leben der Teenager ruinieren. Und Daniel Alarcón stellt die populäre sechsjährige Comicfigur Mafalda vor, die der argentinische Zeichner Quino in den Sechzigern schuf.

Magazinrundschau vom 24.06.2025 - New Yorker

Elizabeth Kolbert tauscht sich für den New Yorker mit verschiedenen Experten darüber aus, wie wir die stetig wachsende Bevölkerungszahl umweltfreundlicher ernähren könnten - und woran es momentan scheitert. Im Labor Kultiviertes hat schon mal nicht den gewünschten Erfolg gebracht, erklären die Bücher "We Are Eating the Earth: The Race to Fix Our Food System and Save Our Climate" von Michael Grunwald und "How to Feed the World: The History and Future of Food" von Vaclav Smil. Letzterer argumentiert, "die Welt könnte deutlich besser mit dem Ernährungsbedarf Schritt halten, wenn wir besser mit den Vorräten haushalten. Ein Report, der von der Food and Agriculture Organization der United Nations in Auftrag gegeben wurde, schätzt, dass global etwa 40 Prozent Obst und Gemüse, 30 Prozent Getreide und 20 Prozent Fleisch und Milchprodukte nicht gegessen werden. Das Problem ist am schlimmsten in wohlhabenden Ländern wie den USA, wo mehr als 200 Pfund Lebensmittel pro Jahr und Person weggeschmissen werden. 'Selbst geringe Reduzierungen von Lebensmittelverschwendung würden kumulativ große Einsparungen bedeuten', hat Smil beobachtet. Dann gibt es da noch Verschwendung, die aus unbedachten Gewohnheiten resultiert. Fotosynthese hat energietechnisch schon eine niedrige Konversionsrate, die Ernten an Tiere zu verfüttern, verstärkt das Problem um ein Vielfaches. Smil zufolge verstoffwechselt Mais circa 0,7 Prozent der Sonnenenergie, die auf ihn trifft, wenn er als Kuhfutter benutzt wird, im Steak sind nur noch ungefähr 0,002 Prozent der ursprünglichen Energie enthalten. Schweine und Hühner sind besser darin, Getreide zu Fleisch werden zu lassen. Trotzdem kostet es ein Vielfaches der Ressourcen, ein Pfund Schwein oder Hühnchen zu produzieren als dieselbe Menge Maisbrei. Fleischkonsum zu reduzieren, wäre, wie Smil argumentiert, 'sowohl rational als auch höchst wünschenswert.'" Allerdings ist auch ein erhöhter Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln nicht ganz risikofrei, wie Bestrebungen mit manipuliertem Getreide zeigen: "Erhöhter Wasserbedarf, Pestizide und Düngernutzung führen derweil zu einer Menge Umweltprobleme. In Indien beispielsweise hat die Regierung Bauern dazu ermutigt, ihre durstigen Pflanzen zu bewässern, indem sie Bohrungen in unterirdischen Grundwasserleitern vornehmen. Um die dreißig Millionen Rohrbrunnen wurden verlegt. Jetzt, nach mehreren Dekaden Pumpen, sind viele der Brunnen trocken. Einem kürzlich bei Deccan Herald erschienenen Bericht zufolge, 'ist Indien mit der schlimmsten Grundwasserkrise seiner Geschichte beschäftigt.'" Übrigens gibt es auch Prognosen, dass die Weltbevölkerung schrumpft, was auch wieder doof ist, unser Resümee.

Weitere Artikel: Joshua Yaffa erzählt, wie Donald Trump die Natomitgliedsstaaten dazu brachte, ihre Verteidigungsbudgets anzuheben. Jia Tolentino liest nach, ob junge Menschen genug Sex haben. Amanda Petrusich hört die neue Platte von Haim. Alex Ross hört Bach. Und Justin Chang sah im Kino Joseph Kosinkis Brad-Pitt-Vehikel "F1". Lesen dürfen wir außerdem Han Ongs Erzählung "Happy Days".

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - New Yorker

Für den New Yorker analysiert Benjamin Wallace-Wells, was in Donald Trumps und Elon Musks Department of Government Efficiency (DOGE) in den letzten Monaten angerichtet hat. Ein Beispiel ist die quasi ruinierte U.S.A.I.D., die US-Behörde für Entwicklungshilfe: "Vor DOGE hatte U.S.A.I.D. eine führende Rolle beim Sammeln von Gesundheitsdaten über Kinder- und Müttersterblichkeit, Krankheitsfälle, Unterernährung und den Zugang zu sauberem Wasser in ärmeren Ländern gespielt. Nun war die Möglichkeit, diese Informationen zu sammeln - 'das Frühwarnsystem für die nächste Pandemie', wie der ehemalige U.S.A.I.D.-Leiter Andrew Natsios es ausdrückte - nicht mehr gegeben. Ein Netzwerk von Hilfsorganisationen hatte eine globale Lieferkette für Medikamente, antiretrovirale Mittel und Impfstoffe aufgebaut. Es ist nun unklar, was mit den Verträgen für dieses System geschieht, die einige Milliarden Dollar pro Jahr kosten und von U.S.A.I.D. bezahlt werden. 'Es gibt keine Möglichkeit, diese Dinge ohne große Vertragspartner zu tun, da es sich um weltweite Verträge handelt', sagte Natsios. 'Keine N.G.O. kann diese Lücke füllen.' Die Beamten der DOGE sahen sich mit einer einfachen Haushaltswahrheit konfrontiert: Die radikale Kürzung der D.E.I.- und humanitären Programme sparte nicht viel Geld. Die Ausgaben von U.S.A.I.D. beliefen sich im letzten Haushaltsjahr auf rund vierzig Milliarden Dollar, weniger als ein Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Natsios betonte jedoch, dass die USA infolge der Kürzungen mit einer schwierigeren Welt konfrontiert sein würden. In den nächsten zwei Jahren rechne er mit einer verstärkten Massenmigration und Instabilität aufgrund von Hungersnöten. Er sei ein bekennender Anti-Trump-Republikaner, sagte er. 'Aber die Verantwortung hierfür liegt bei Musk', sagte er. 'Er ist derjenige, der mit Mord davonkommt.'"

Weitere Artikel: Daniel Immerwahr denkt über die Absurdität von Trumps Faszination für den 25. US-Präsidenten William McKinley (1843-1901) nach. Was nur wurde aus den Frauen der #MeToo-Bewegung, fragt Alexis Okeowo in einem Brief aus Alabama. Siddhartha Mukherjee beschreibt die Schwierigkeiten der Früherkennung von Krebs. Amanda Petrusich hört Addison Rae. Lesen dürfen wir noch Yiyun Lis Erzählung "Any Human Heart".
Stichwörter: Musk, Elon, Trump, Donald, Doge, Metoo

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - New Yorker

Evan Osnos beschäftigt sich mit der Kultur der Korruption, die Donald Trump derzeit in Washington installiert. Gleichzeitig ändert sich in der Gesellschaft der Blick auf individuellen Reichtum: "Vor zwei Jahrzehnten begann Jeffrey Winters, Professor für Politikwissenschaft an der Northwestern University, einen Kurs mit dem Titel 'Oligarchen und Eliten' zu unterrichten. Seine damaligen Studenten hielten das für ein exotisches Thema. Einer protestierte: 'In Russland gibt es Oligarchen. In Amerika gibt es reiche Leute.' Doch im Laufe der Jahre bemerkte Winters einen Wandel bei seinen Studenten, der sich durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 2010, die Begrenzung von politischen Spenden aufzuheben, noch beschleunigte. 'Die eigentliche Herausforderung bestand schließlich darin, sie davon zu überzeugen, dass die Vereinigten Staaten überhaupt noch eine Demokratie sind', sagte Winters. 'Sie argumentierten, dass Oligarchen alles dominieren, was zählt.' Viele Amerikaner hegen heute zwei scheinbar gegensätzliche Gefühle gegenüber den Superreichen: Groll und Bewunderung. In einer Harris-Umfrage von 2024 sagten 59 Prozent der Befragten, dass Milliardäre die Gesellschaft ungerechter machten - und fast genauso viele gaben an, selbst Milliardäre werden zu wollen. Es wächst das Gefühl, dass nur diejenigen, die zum Club gehören, wirklich erfolgreich sein können. Neue Anlageinstrumente ermöglichen es Menschen, die Portfolios von Kongressmitgliedern zu kopieren - in der Annahme, dass Gesetzgeber einen Wissensvorsprung haben, den der Rest von uns nicht hat. Der Rapper Kendrick Lamar sicherte sich seinen Status als Ikone des Liberalismus, indem er in der Halbzeitshow des Super Bowls gegen die Ungerechtigkeit des Lebens in Amerika protestierte. Gleichzeitig veröffentlichte er eine Hymne auf 'mehr Geld, mehr Macht, mehr Freiheit', deren Refrain lautet: 'Ich verdiene alles.'"

Weitere Artikel: Rivka Galchen stellt neue Schmerzmittel vor, die nicht abhängig machen sollen. Michael Schulman porträtiert die inzwischen 70-jährige Theaterdiva Patti LuPone. Louis Menand liest eine neue Biografie des amerikanischen Konservativen William F. Buckley jr.. Justin Chang sieht im Kino die jüngste Folge von "Mission Impossible". Lesen dürfen wir außerdem Louise Erdrichs Story "Love of My Days".
Stichwörter: Korruption, Trump, Donald

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - New Yorker

Nicolas Niarchos erzählt in einer niederschmetternden, aber unbedingt lesenswerten Reportage von der Flucht von Wanis, Intisar und ihren sieben Kindern aus Khartoum zu ihren Verwandten in die Nuba-Berge, immer auf der Flucht vor dem Krieg und den Rebellen des R.S.F.. Verzweifelt ist schon kein Ausdruck mehr, um die Lage im Sudan zu beschreiben: "Im derzeitigen Bürgerkrieg im Sudan - dem dritten seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten im Jahr 1956 - schwanken die Schätzungen der Opferzahlen zwischen sechzigtausend und hundertfünfzigtausend. Das Land verfügt jedoch nur über wenige Ressourcen, um die Toten zu zählen, so dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer möglicherweise nie bekannt wird. Seit 2024 herrscht im Sudan außerdem eine Hungersnot, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Kämpfe die Verbreitung humanitärer Hilfe behindert haben. Neben der R.S.F. kämpfen mindestens sechzehn Milizen um die Macht. Die R.S.F. hat das Chaos ausgenutzt, um Gold, das im Sudan in großem Umfang abgebaut wird, aus dem Land zu bringen, und ist damit die bei weitem reichste Miliz. (In dem Maße, wie sich die Lage im Sudan verschlechtert hat, ist der Weltmarktpreis für Gold in die Höhe geschossen und hat vor kurzem ein Allzeithoch erreicht.) Hemedti, der R.S.F.-Warlord, ist ein arabischer Sudanese, der als Mohamed Hamdan Dagalo als Sohn eines Kamelzüchters geboren wurde, der zwischen Darfur und dem Tschad, dem westlichen Nachbarland des Sudan, pendelte. In seinen Fünfzigern wurde Hemedti zum Milliardär, vor allem dank des Schwarzmarkthandels mit Gold durch die RSF. Er unterhält enge Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ein bevorzugtes Ziel für das Edelmetall sind. ... Die arabische Vorherrschaft ist eine der Leitideen der RSF, und nichtarabische Sudanesen werden zunehmend zur Zielscheibe rassistisch motivierter Gewalt. Laut Tom Perriello, dem Sondergesandten für den Sudan während der Biden-Administration, hat die R.S.F. in einigen Teilen des Landes sogar nichtarabische Zivilisten vergiftet, indem sie angeblich Mehlsäcke mit Dünger versetzte. (Die Trump-Administration hat noch keinen neuen Gesandten ernannt.)"

Clare Malone fragt sich, womit Jeff Bezos die Washington Post wohl am meisten beschädigt hat, nachdem er die Zeitung 2013 gekauft hatte. Während er sich anfangs als Freund der Tradition des Blattes gerierte, zeigt sich immer mehr, dass ihn die Integrität der Zeitung kaum interessiert, wichtiger ist das Geld: "Jahrelang schienen Bezos' Ideen für die Post auf seiner Erfahrung mit Amazon zu basieren. 'Er meinte, 'Ich hätte lieber zweihundert Millionen Abonnenten, die zehn Dollar im Jahr zahlen als eine geringere Anzahl, die einen höheren Preis zahlt'', berichtet mir ein früherer Redakteur. 'Einfach die Zahlen in die Höhe treiben. Das war immer seine Auffassung eines wirklich erfolgreichen digitalen Nachrichtenunternehmens. Aber in einer Zeit, wo Mainstream-Medien oft nicht getraut wird, ist die Menge an Leuten, die für Qualitätsjournalismus in Amerika zahlen wollen, empfindlich geringer als die jener, die zweilagiges Toilettenpapier bestellen wollen, das am nächsten Tag ankommt.'" Insbesondere die Meinungsseiten der Zeitung stehen jetzt unter Beschuss: "Als Bezos begann, über Veränderungen der Meinungsseiten nachzudenken, hat er die Sache mit Barry Diller besprochen, dem Medienmogul, der neben Rupert Murdoch an der Gründung der Fox Broadcasting Company beteiligt war. (…) Der neue Fokus, so Diller, reflektiert Meinungen, die Bezos seit Langem hat. Aber es gibt auch Risiken, gibt Diller zu. Bezos' Motivation könnte falsch interpretiert werden als Versuch, 'eine unparteiische Beziehung zu der neuen und möglicherweise gefährlichen Regierung' zu halten. Das, unglücklicherweise oder nicht für Bezos, scheint zu passieren. 'Ich habe ihn kennengelernt und ich glaube, er versucht einen guten Job zu machen,' so Trump im März über Bezos. 'Jeff Bezos versucht einen guten Job mit der Washington Post zu machen, und das ist vorher nicht passiert.'"

Weitere Artikel: Früher misstrauten Linke den Experten, heute sind es Rechte: Daniel Immerwahr überlegt, wie es dazu kam. Adam Gopnik liest die Memoiren von Barry Diller. Hua Hsu hört und sieht ein experimentelles musikalisches Biopic über die amerikanische Indieband Pavement. Alex Ross sieht zwei Strauss-Produktionen in New York. Lesen dürfen wir außerdem Patricia Lockwoods Story "Fairy Pools".

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - New Yorker

Momentan strauchelt die US-amerikanische Demokratie, aber tot ist sie noch nicht, analysiert Andrew Marantz im New Yorker die Situation, im Vergleich zu Ungarn, El Salvador, Brasilien und Indien. Für ihn gibt es noch Grund zur Hoffnung: "Ein Paradox bei Diktatoren wie Bukele und Modi ist, dass ihre antidemokratischen Manöver sie wirklich populär gemacht haben. Brich genügend bürokratische Blockaden, entweder durch Erfindungsreichtum oder gangsterhafte Einschüchterung, und die Leute feiern dich als Mann der Tat. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob Trumps frenetische Herangehensweise seinen Popularitätswerten guttun oder ihnen schaden wird, aber man kann unmöglich verneinen, dass er ein Mann der Tat ist. Der zentrale Grundsatz des kompetitiven Autoritarismus ist jedoch, dass auch ein Autokrat, auch einer, der seine Karten schon auf den Tisch gelegt hat, immer noch verlieren kann. In Polen hat die PiS-Partei ihre Macht nach dem ungarischen Modell zu verfestigen gesucht - ist dabei aber zu weit gegangen, insbesondere mit einer Serie von unpopulären Anti-Abtreibungsmaßnahmen, und hat 2023 die Mehrheit verloren. In Brasilien hat Jair Bolsonaro, der 'Trump der Tropen' 2022 versucht, seine Wiederwahl zu manipulieren, aber alle seine Bemühungen sind fehlgeschlagen. Er muss sich bald vor Gericht verantworten, weil er versucht hat, die Regierung zu stürzen. Rodrigo Duterte von den Philippinen schien einst unbesiegbar, ist aber im März verhaftet und nach Den Haag gebracht worden. In Ungarn gibt es nächstes Jahr Wahlen und Orbán muss sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten einem beachtlichen Herausforderer stellen müssen. Gerade sind die Umfragen unentschieden. Nichts in der Politik ist permanent und nichts ist unausweichlich. Der Historiker Timothy Snyder warnt vor 'vorauseilendem Gehorsam' gegenüber Tyrannei: Fatalismus kann eine eigene Form von Kapitulation sein. Aber auch eine entkernte Demokratie kann immer von den Toten wiederauferstehen."

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - New Yorker

Die aktuellen Debatten um künstliche Intelligenz lassen John Cassidy an die Ludditen denken, die im England des frühen 19. Jahrhunderts aus Angst um ihre Arbeitsplätze gegen die Textilmaschinen kämpften, auch gewaltvoll: "So kurz diese Zeit auch war, der Luddismus hatte enorme historische Bedeutung, da er die 'soziale Frage' stellte, wie sie später genannt wurde - wie man es schafft, die Legitimität eines ökonomischen Systems zu erhalten, in dem die Arbeiter die Wertschöpfung erbringen, aber den Launen des Marktes und den Privilegien des Kapitalismus untergeordnet waren. Diese grundlegende Herausforderung sollte die Politik des 19. Jahrhunderts in allen industrialisierten Ländern dominieren." Eine ähnliche Herausforderung steht uns auch jetzt bevor, erfährt Cassidy vom Wirtschaftswissenschaftler David Autor am M.I.T.: "'Das Problem der Wirtschaft gerade ist, dass die wertvollste Arbeit Entscheidungen von hochspezialisierten und -gebildeten Experten erfordert, die nicht notwendigerweise produktiver werden', sagt er. 'Das Resultat ist, dass wir alle eine Menge zahlen für Bildung, Gesundheitswesen, Rechtswesen und Design. Das ist gut für jene von uns, die diese Services leisten - wir zahlen hohe Preise, verdienen aber auch einen hohen Lohn. Aber viele von uns konsumieren diese Services nur. Sie sind auf der Verliererseite.' Würde A.I. dazu entworfen, die menschliche Expertise zu erweitern anstatt sie zu ersetzen, könnte sie weitere ökonomische Gewinne ermöglichen und Ungleichheit reduzieren, indem sie Möglichkeit für Arbeiten mit mittlerer Qualifikation schafft', so Autor. Seine große Sorge jedoch ist es, dass A.I. nicht mit diesem Ziel im Hinterkopf entwickelt wird. Anstatt Systeme zu schaffen, die menschliche Arbeiter in der echten Welt unterstützen - wie Notfallzentren - konzentrieren sich Entwickler darauf, die Performance anhand eng definierter Datensets zu optimieren. 'Die Tatsache, dass eine Maschine bei einem Datenset gut performt, sagt wenig darüber aus, wie sie im echten Leben funktionieren wird,' erklärt Autor. 'Ein Datenset geht nicht in die Arztpraxis und sagt, es geht ihm nicht gut.'"

Weiteres: Emma Green fragt, was nach dem Ende der Diversity, Equity & Inclusion-Programme an amerikanischen Colleges kommt. Amanda Petrusich porträtiert die Rockband Phish. Alex Ross bewundert auf New Yorker Bühnen Kurt Weills Musik für die "Drei Groschenoper" und "Love Life". Justin Chang sah im Kino David Cronenbergs Fim "The Shrouds" mit Vincent Cassel in der Hauptrolle. Lesen kann man außerdem die Erzählung "Jenny Annie Fanny Addie" von Adam Levin.

Magazinrundschau vom 08.04.2025 - New Yorker

In Brasilien ist nicht nur die Nutzung sozialer Medien besonders verbreitet, auch rechte Desinformationskampagnen werden dort über ebenjene Medien außerordentlich aggressiv betrieben. Jon Lee Anderson porträtiert den Supreme Court-Richter Alexandre de Moraes, der sich entschieden dagegen einsetzt: "Unter den geltenden Gesetzen sind digitale Plattformen nur haftbar für die Inhalte der Nutzer, wenn sie eine gerichtliche Anordnung ignoriert haben, sie zu entfernen. Der Supreme Court muss nun entscheiden, ob sie auch dann haftbar zu machen sind, bevor so eine Anordnung ausgestellt wird - damit würden sie Internetunternehmen verpflichten, ihre Nutzer umfassend zu überwachen. Für De Moraes sind solche Regularien ein Mittel, die Kontrolle zurückzuerlangen. Soziale Medien sind 'nun die größte Macht von allen', findet er. 'Sie beeinflussen nicht nur die Leute, sondern generieren auch die meisten Werbeeinkünfte weltweit, sodass sie die finanzielle Stärke haben, Wahlen zu beeinflussen.' Er vergleicht Tech-Firmen mit der East India Company, die britische Handelsfirma der Kolonialzeit, die viele Ländern dominiert hat, in denen sie operierte. 'Sie wollen eine neue East India Company erschaffen, um die Welt zu kontrollieren', sagt er. 'Sie wollen in keinem Land die Gesetzgebung respektieren, weil sie in Wahrheit immun gegenüber einzelnen Nationen sein wollen.' De Moraes' schärfste Maßnahmen haben Bolsonaros Anhänger nur weiter angestachelt. Auf der Straße ist es zur Normalität geworden, Beschwerden zu hören, dass die Redefreiheit tot wäre und der Supreme Court diktatorische Macht hätte. Oliver Stuenkel, ein bekannter Politologe aus Sao Paulo, unterstützt die Entscheidungen des Gerichts weitestgehend, sagt aber auch, dass diese Durchsetzungsfähigkeit Risiken birgt. 'Brasilien wurde in den letzten Jahren zum Vorzeigemodell, wie die Demokratie geschützt werden kann', so Stuenkel. 'Die Herausforderung liegt nun darin, sicherzustellen, dass das Gericht zur Normalität zurückkehrt, denn ich glaube nicht, dass es gut für irgendeine Demokratie ist, wenn der Supreme Court permanent ein entscheidender politischer Akteur ist.'"

Außerdem: Kyle Chayka unterhält sich mit C.E.O. Jay Graber über Bluesky, das eine Alternative zu X und Facebook sein will. D.T. Max stellt das Gentechnik-Start-up Colossal vor, das ausgestorbene Tierarten wie den Schattenwolf wiederbeleben will (mehr hier auf Deutsch). James Wood bespricht Eva Menasses Roman "Dunkelblum". Nikil Saval liest James C. Scott, der Formen des leisen Ungehorsams gegen Diktaturen empfahl. Kelefa Sanneh hört Folk-Punk von Patrick Schneeweis. Adam Gopnik besucht die Frick Collection vor ihrer Wiedereröffnung am 17. April. Justin Chang sah im Kino "Warfare" von Alex Garland und Ray Mendoza. Lesen dürfen wir noch David Bezmozgis' Erzählung "From, To".

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - New Yorker

Liest man die epische Reportage von David D. Kirkpatrick, dann scheint die amerikanische Demokratie an einem Mann zu hängen: John Thune, Mehrheitsführer der Republikaner im Senat. Ein Mann, den Politiker aller Couleur als aufrichtig beschreiben, der irgendwie mit Donald Trump klar kommt, sich aber tatsächlich um die von Trump in Frage gestellte Gewaltenteilung sorgt. Und die ist wirklich in Gefahr: "Der durch Blockaden gelähmte Kongress hat es zunehmend versäumt, selbst sein wichtigstes Vorrecht auszuüben: die Befugnis zur Kontrolle von Steuern und Ausgaben, die das wichtigste Druckmittel der Legislative gegenüber der Exekutive darstellt. Der erste Artikel der Verfassung, in dem die Befugnisse des Kongresses aufgezählt werden, legt fest, dass 'kein Geld aus der Staatskasse entnommen werden darf, es sei denn auf Grund von Bewilligungen, die durch Gesetz erfolgen'. Da der Kongress jedoch nicht in der Lage ist, jährliche Bewilligungsgesetze zu verabschieden, verlässt er sich jetzt oft auf sogenannte fortlaufende Beschlüsse, die im wesentlichen das aktuelle Ausgabenniveau verlängern, um zu verhindern, dass der Regierung das Geld ausgeht. Eine aktuelle Studie kam zu dem Schluss, dass der Kongress seit 2012 fast die Hälfte der Zeit auf solche Beschlüsse zurückgegriffen hat. Philip Wallach, Mitglied des konservativen American Enterprise Institute und Autor des Buchs 'Why Congress', sagte mir: 'Dieses Gefühl des fiskalischen Autopiloten ist wirklich tiefgreifend.' In seinem Buch prognostizierte er, dass der Kongress, wenn er so weitermache wie in den letzten zehn Jahren, entweder zu einem nutzlosen Zirkus oder zu einem bloßen Gummistempel würde und in beiden Fällen seine Autorität an ein zunehmend dominantes Weißes Haus abgeben würde. … Wenn Fraktionsloyalität über allem steht, muss sich ein Präsident, dessen Partei den Kongress kontrolliert, kaum Sorgen um die Gerichte machen, die kaum eigene Durchsetzungskraft haben. Ein Präsident, der zum Alleingang entschlossen ist, könnte willkürlich Bundeszuschüsse, Verträge und Arbeitsplätze vergeben oder verweigern, selektive Zölle nach Lust und Laune einführen oder aufheben, sein öffentliches Amt für persönlichen Profit ausnutzen, die Interessen von Freunden fördern, Strafverfolgungen anordnen oder unterdrücken und Vorschriften so umgestalten, dass sie bevorzugten Geschäftsleuten zugute kommen. In der Tat hat Trump all diese Dinge bereits versucht."

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - New Yorker

Wie das eigentlich wirklich war mit der Großen Hungersnot in Irland, erfährt Fintan O'Toole im New Yorker aus dem Buch "Rot: An Imperial History of the Irish Famine" des Historikers Padraic Scanlan. Während einige Autoren früherer Bücher argumentieren, die Wirtschaftspolitik des britischen Königreiches wäre einem Genozid an den Iren gleichgekommen, kann O'Toole bei Scanlan eine differenziertere Sichtweise nachvollziehen: "Die Briten haben nicht dafür gesorgt, dass die Kartoffeln in der Erde vergammelten. Sie haben, für die Standards des 19. Jahrhunderts, ziemlich große Anstrengungen unternommen, um die Leute am Leben zu halten, Getreide aus Amerika importiert, Suppenküchen errichtet und Arbeitsprogramme gestartet, um die Hungernden einstellen zu können. Aber sie waren verblendet von ihren Vorurteilen, ihrer Ignoranz und ihrer fanatischen Hingabe an zwei Orthodoxien, die auch heute noch quicklebendig sind: Ihr Glaube, Armut liege im moralischen Versagen der Armen begründet, und ihr Glaube an den sogenannten freien Markt. Die Hungersnot war deswegen so verheerend, weil nicht nur die Kartoffeln von Schimmel befallen waren, sondern auch die gängige britische Meinung von kognitiver Fäule." Als wären die Iren einfach nur zu blöd, um auf die Idee zu kommen, man könnte auch anderes als Kartoffeln essen, empfehlen die Briten, auf Fleisch umzusteigen: Sie glaubten, "der Wille, tierisches Fleisch zu essen, würde Anstrengung und Tatendrang stimulieren. So würde der Ausfall der Kartoffelernte, so tragisch die Kurzzeiteffekte auch sein mochten, den Iren beibringen, nach Fleisch zu verlangen und endlich richtige kapitalistische Arbeitstätige werden, sodass sie es sich leisten können würden. 'Wenn die Kelten mal aufhören, Kartoffelphagen zu sein,' schrieben die Herausgeber der London Times, 'werden sie Carnivore.' Sollen sie doch Steak essen, wie Marie Antoinette sicher nie gesagt hat."

Weitere Artikel: Beverly Gage liest Clay Risens Buch "Red Scare: Blacklists, McCarthyism, and the Making of Modern America", ohne bei der Lektüre allzuviel über die Gegenwart herauszuholen. Jackson Arn besucht im Ukrainischen Museum in New York die Ausstellung "Tatlin: Kyiv", die Wolodimir gewidmet ist, nicht Wladimir. Jennifer Homans sah Akram Khans vom Mahabharata inspirierte Choreografie "Gigenis". Alex Ross hört zwei Pianisten am Limit: Yunchan Lim mit Bachs Goldberg Variationen und Seong-Jin Cho mit Ravel. Richard Brody sah im Kino Carson Lunds "Eephus". Lesen dürfen wir außerdem eine Erzählung von Yiyun Li, "Techniques and Idiosyncrasies".