Magazinrundschau

Doppeltes Bewusstsein

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.07.2025. Weggehen ist nicht einfach, aber zurückkommen auch nicht, lernt New Lines von nigerianischen Emigranten. Der New Yorker begreift die Wehmut der Renaissance, deren Welt nicht weniger unsicher war als unsere heute. In Mosaic sucht der ägyptisch-amerikanischer Autor Hussein Aboubakr Mansour eine Erklärung für die islamistische Gewalt und findet sie in Deutschland. Le Grand Continent erklärt den Konflikt zwischen Kambodscha und Thailand. Der Guardian lernt, warum es so schwer ist, die Jesus Army zu verlassen.

Mosaic (UK), 01.07.2025

Dieser Essay ist ein Geniestreich, möglicherweise epochal. Hussein Aboubakr Mansour, der sich in der Autorenbio schlicht als "ägyptisch-amerikanischer Autor" vorstellt, versucht nicht weniger als eine Antwort auf Bernard Lewis' berühmte, nach dem 11. September gestellte Frage: "What went wrong?" Der Orientwissenschaftler hatte als Erklärung für die islamistische Gewaltexplosion den Niedergang der islamischen Zivilisation ausgemacht, der am Ende in den Hass auf den Westen und letztlich auch sich selbst geführt habe. Mansour sucht dagegen die Antwort nicht in internen Ursachen der islamischen Länder und Kulturen. Für ihn ist der Islamismus nicht der Versuch einer Rückkehr zum wahren Islam, sondern das Ergebnis einer höchst toxischen Befruchtung eigener Traditionen mit Ideologien, die aus Europa, und zwar besonders aus Deutschland importiert wurden, allerdings nicht mit der Skepsis der Aufklärung, sondern mit romantischen und totalitären Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts von Marx bis Heidegger. Sowohl der arabische Nationalismus, als auch der Panarabismus, als auch der Islamismus saugen aus diesen Quellen, so Mansour. Der Panarabismus bediente sich aus sozialistischen Ideen, der Islamismus aus dem eliminatorischen Antisemitismus, den Mohammed Amin al-Husseini, der "Mufti von Jerusalem" und Mentor Jassir Arafats mit Hitler teilte. Mansour spricht von einem Prozess "intellektueller Ansteckung". Deutsche Geschichtsphilosophie war äußerst nützlich: "Der Traum von einer völlig neuen Weltordnung - sei es im Namen der Nation, der Rasse oder der Klasse - bot einen radikalen Bruch mit der Unterlegenheit." Und etwas anderes kam hinzu: "Die deutsche philosophische Tradition, von Fichte bis Heidegger, trug eine tiefe Feindseligkeit gegenüber der imperialen Moderne in sich, die durch Frankreich und England repräsentiert wurde. Sie entstand aus der deutschen Revolte gegen die napoleonische imperiale Herrschaft. Sie stellte die französische und britische Aufklärung nicht als Höhepunkt der Zivilisation dar, sondern als Verrat am Sein, an der Verwurzelung, an Blut und Boden, an der ursprünglichen Authentizität. Diese Kritik fand bei den Arabern großen Anklang. Hier war ein Europa, das die westliche Vorherrschaft ablehnte. Hinzu kam, dass Deutschland sich nicht an der Aufteilung des Nahen Ostens beteiligt, sondern den Sultan gegen die Kolonialmächte unterstützt hatte." Der Nahe Osten wird so für Mansour zum Fokus, in dem die drei Totalitarismen verschmelzen. Heutige "propalästinensische" Demonstranten stehen sowohl in einer Linie mit dem Antiimperialismus als auch dem eliminatorischen Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung. Auch die postmoderne Wende - "die Wende von Geschichte zu Identität" - hat diese Fusion der Totalitarismen überlebt: "Auch der Westen ist von der Wahrheit zum Narrativ, von der Geschichte zum Trauma, von der Politik zur Identität übergegangen - und zunehmend zum Nihilismus." Was in der arabischen Welt falsch lief, so Mansour, könnte, ja wird nun auch im Westen schief laufen.
Archiv: Mosaic

New Lines Magazine (USA), 28.07.2025

Kingsley Charles erläutert am Beispiel Nigerias, welche unerwarteten Komplikationen eine Rückkehr in das vor Jahren verlassene Heimatland mit sich bringt. Unter anderem berichtet die alleinerziehende und hart arbeitende Mutter Noju von ihren Problemen in Britannien: "'Sowohl meine Familie als auch meine Freunde sagten, es seien Dorfbewohner gewesen', erzählt Kelly Njoku, die 2023 aus Großbritannien zurückgekehrt war. Sie bezog sich dabei auf die Vorstellung, dass sie von boshaften Geistern beeinflusst worden sei. Njoku, eine alleinerziehende Mutter, war 2018 als Doktorandin nach Britannien gezogen. 'Ich ging abends mit meiner Arbeitskleidung im Rucksack in die Bibliothek meiner Schule, nur für den Fall, dass ich zu einem Notfall gerufen werden könnte', erinnert sie sich. Bald nach ihrem Abschluss wurde sie Vollzeitkraft im Gesundheitswesen, was ihre Qualen nur noch verstärkte. Da sie hauptsächlich ältere Patienten betreute, wuchs ihre Frustration. 'Es war nur Arbeit, eine Schicht nach der anderen, stundenlanges Stehen, das Einteilen des Budgets für Lebensmittel. Ich hatte kaum Zeit für andere Dinge als Arbeit und Rechnungen bezahlen. Ich hatte kaum Zeit für meine Tochter.' Aber ihre Familienmitglieder, die immer mit dringenden Geldanfragen zu ihr kamen, konnten ihre Probleme nicht nachvollziehen. 2023 kehrte Njoku nach Hause zurück, um eine Karriere als Filmemacherin zu starten - eine Entscheidung, die sowohl ihre engen Freunde als auch ihre Familie verwirrte. "Meine Mutter weinte wie nie zuvor. Sie dachte, ich wäre verrückt geworden, dass ihre Feinde es geschafft hätten, sie zu ruinieren. Sofort kontaktierte sie ihren Pastor, um für mich zu beten', erzählte sie und lachte bei der Erinnerung. 'Ich war auf diese Reaktion vorbereitet, daher hat mich das nicht sonderlich bewegt.'"

Kamal Shahin schlüsselt auf, wie brüchig der Sicherheitsstaat Assads schon lange vor seinem Zusammenbruch war. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass "Syriens Sicherheitssystem über die Jahrzehnte zu einer krakenartigen Struktur anschwoll, mit mehr als 14 großen Geheimdienstzweigen, jeder mit seinen eigenen untergeordneten Einheiten", zerfressen von Korruption, Vetternwirtschaft und gleichzeitiger Konkurrenz. Es lag auch zu einem nicht unerheblichen Teil an der Unfähigkeit, mit den technischen Entwicklungen der Gegenwart Schritt zu halten: "Trotz Assads Behauptungen Anfang der 2000er Jahre, seine Regierung läute eine Ära der 'digitalen Transformation' ein, hielt der syrische Staat an Aktenschränken, Stempeln und handschriftlichen Berichten fest. Selbst als Kriege auf Servern und hinter Tastaturen geführt - und verloren - wurden, blieb Damaskus einer bürokratischen Vergangenheit verhaftet. Syrien brauchte keine brillanten Feinde, um den Sicherheitskrieg zu verlieren. Es verlor ihn von innen." Trotz "seiner enormen Größe fungierte der syrische Sicherheitsapparat fast ausschließlich als Instrument der internen Repression und vernachlässigte seine vermeintliche Kernaufgabe der Informationsbeschaffung und strategischen Verteidigung fast vollständig. Folter, Zwang und systematischer Missbrauch waren die Triebkräfte des Systems. Geständnisse, unter Zwang und oft von unschuldigen Häftlingen erpresst, wurden zum Eckpfeiler der 'Beweissammlung' und nährten eine ganze Lügenbürokratie. Falsche Geständnisse führten zu falschen Anklagen. Akten quollen über vorgetäuschten Informationen. Ganze Ermittlungen basierten auf Phantombildern. Als sich diese Verzerrungen verstärkten, gerieten die Behörden selbst in einen Teufelskreis der Selbsttäuschung: Sie verwechselten Lärm mit Signalen, Fiktion mit Fakten. Dem System gelang es zwar, die Gesellschaft zum Schweigen zu bringen, doch es versäumte es völlig, sie zu verstehen. Professionelle Ermittlungsmethoden, die bei seriösen Geheimdiensten üblich waren, wurden verworfen oder ignoriert."

Eurozine (Österreich), 28.07.2025

Schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätten im Westen "die Alarmglocken schrillen" müssen, meint der Politikwissenschaftler Martin Malek. Denn schon zu Beginn der neunziger Jahre wurden Stimmen nach der "Wiederherstellung der Sowjetunion oder eines 'Russischen Reiches' aus verschiedenen Bereichen laut, darunter kommunistischen und nationalistischen Parteien, Bewegungen und Politikern". Unter ihnen zum Beispiel der nationalistische Politiker Sergej Nikolajevich Baburin: "Am 12. Dezember 1991 war Baburin einer von sieben Abgeordneten, die im Obersten Sowjet Russlands gegen die Ratifizierung der Belowescha-Abkommen stimmten (188 Abgeordnete waren dafür). Später war er zweimal Mitglied der Staatsduma, von 1993 bis 2000 und von 2003 bis 2007. Baburin befürwortete die Gründung einer 'Russischen Union' (Rossijski Sojus) auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR und betonte, dass er und seine Partei, die 'Russische Volksunion', die Rechtmäßigkeit der Auflösung der UdSSR durch die Belowescha-Abkommen leugneten. Das Hauptziel der 'Russischen Volksunion' war eine 'energische Bewegung zur Wiederherstellung eines neuen einheitlichen Staates auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR'. Laut Baburin ging es 1996 in einem Zeitungsartikel um die 'schrittweise Bildung einer föderalen Union, der Russischen Union'. In einem 1997 erschienenen Buch schrieb er: 'Die Einheit der Kultur und vor allem die Existenz der russischen Sprache bleiben die wichtigste Voraussetzung für die Wiederherstellung der Einheit des Volkes' innerhalb der Grenzen der ehemaligen UdSSR."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Russland, Udssr, Malek, Martin

Le Grand Continent (Frankreich), 27.07.2025

Ah, die französischen Elite-Institutionen haben doch auch ihr Gutes. Höchst kenntnisreich und dabei interessant zu lesen entfaltet Michel Foucher, ehemaliger Diplomat, und Professor an der Ecole Normale Supérieure und an Sciences Po, alle Aspekte, die den aktuellen Konflikt zwischen Kambodscha und Thailand erklären - dass die beiden Länder sich jetzt erstmal wieder vertragen, sollte von der Lektüre nicht abhalten. Zunächst einmal ist da die uralte Konkurrenz zwischen den Khmer und den Thailändern, so Foucher - die übrigens auch Thema der Tempelfriese an den von den Franzosen wiederentdeckten Anlagen von Angkor wat sind. Der eigentliche Grenzkonflikt, bei dem es unter anderem um einige Tempel geht, ist auch schon mehr als hundert Jahre alt. Nach dem Krieg hatten die Thailänder die Anlagen erobert, so Foucher: "Als Reaktion darauf brachte Kambodscha den Streit vor den Internationalen Gerichtshof (IGH), der 1962 zugunsten Kambodschas entschied." Dies sei einer der Faktoren, die zu Spannungen führen. "Er hat dazu beigetragen, die tiefsitzenden und feindseligen Gefühle zwischen den beiden Völkern zu kristallisieren. Da es sich um einen der großen Klassiker der internationalen Rechtsprechung handelt, den Fall des Tempels von Preah Vihear (aber auch um einen aktuellen Fall mit der Entscheidung von 2013), findet er weltweite Resonanz, was die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze noch mehr erzürnt, da sie vor der ganzen Welt, die ihrer Meinung nach auf sie schaut, ihr Gesicht wahren will." Der Konflikt wird immer wieder neu belebt, so Foucher, wenn es in einem der beiden Länder darum geht, Sündenböcke für innenpolitische Geplänkel zu finden. "Da die Frage der Grenzen die Bevölkerungen der jeweiligen Seite stark eint, nutzen politische Entscheidungsträger dieses Einheitsmoment für interne politische Zwecke, beispielsweise bei Wahlen, oder um politische Krisen zu überwinden."
Stichwörter: Thailand, Kambodscha

Guardian (UK), 29.07.2025

Barbara Speed erzählt die Geschichte der Jesus Army, einer insbesondere in den 1990er Jahren prominenten britischen Sekte, die in der Öffentlichkeit lange verharmlost, aufgrund ihrer sozialen Aktivitäten gar glorifiziert wurde. Speed porträtiert insbesondere Philippa Barnes, eine junge Frau, die seit ihrer frühen Kindheit Teil der Sekte war und lange brauchte, um sich von der Gruppierung zu lösen - selbst nachdem ihr Vater und sie im Zuge eines Missbrauchsskandals in Konflikt mit der Sektenführung geraten waren. Warum fiel ihr und vielen anderen der Austritt so schwer? "In der öffentlichen Vorstellung sind Kulte hermetisch geschlossene Gemeinschaften, die ihre Mitglieder physisch von der Außenwelt abschotten. Die Jesus Army behauptete jedoch, anders zu funktionieren: Mitglieder durften zur Schule gehen, arbeiten und außerhalb der Gemeinschaftshäuser wohnen. Doch ähnlich wie ein missbräuchlicher Partner Kontrolle über alle Lebensbereiche eines Opfers ausübt, hatte der Sektengründer Stanton ein System mentaler und emotionaler Kontrolle aufgebaut, das auf einer gängigen Sektentaktik beruhte: die schrittweise Trennung der Mitglieder von der restlichen Gesellschaft, von Familienangehörigen und sogar voneinander. Die durchbrochenen Bindungen wurden durch einen einzigen Bezugspunkt ersetzt: die Sektengemeinschaft. Da es keinen anderen Ort mehr gab, an den sie sich wenden konnten, verstärkten alle Gefühle von Angst und Stress, die durch das Leben in der Organisation ausgelöst wurden, letztlich nur die Bindung an sie. Das hilft zu erklären, warum Philippa und ihre Eltern nach dem Prozess und der Verurteilung durch die Leitung dennoch in der Gemeinschaft blieben. 'Eigentlich hätten wir damals gehen müssen', sagte sie. 'Aber es kam uns gar nicht in den Sinn. Wir hatten ein lebenslanges Versprechen abgegeben.' Ihre Wohnungen, Arbeitsplätze, Freundschaften und ihr Besitz waren vollständig mit der Gruppe verflochten. Wer die Gemeinschaft verließ, wurde geächtet - die übrigen Mitglieder durften nicht mehr mit ihnen sprechen oder ihnen schreiben, und bei den Gottesdiensten wurden Lieder über ihren Verrat gesungen."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Sekte, Jesus Army, 1990er

Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 27.07.2025

Mehr denn je geht die Welt unter und das über die Grenzen unterschiedlichster weltanschaulicher Lager und gesellschaftlicher Milieus hinweg, stellt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube fest. Und je weiter in der Vergangenheit die einstige Hegemonie der Kirche liegt, umso theologischer wird das Vokabular, das dafür in Stellung gebracht wird: Fortlaufend öffnen sich "Tore zur Hölle", geht es um Apokalypsen, zeichnet sich zweifelsfrei Armageddon am Horizont ab, und der Zeiger der Doomsday-Clock wird immer mal wieder um eine Sekunde nach vorne geschoben wird. Doch "der gegenwärtige Gebrauch von Begriffen wie 'Apokalypse' oder 'Weltende' hat sich stark von ihrer hergebrachten Verwendung abgelöst. Weder geht mit ihnen der Gedanke an ein letztes Gefecht einher, dessen Sieger alles besser machen wird, noch sind sie überhaupt in eine Geschichtsphilosophie mit religiösen Endabsichten eingebunden. Zumeist handelt es sich um maßlose Übertreibungen mit dem leicht erkennbaren Zweck der Erzeugung von Aufmerksamkeit. Im Rückblick gilt das sogar für die biblischen Prophezeiungen der Apokalypse. Versprochen war den Jüngern im Markusevangelium, manche von ihnen würden den Tod noch nicht geschmeckt haben, bevor Christus wiederkomme. Doch was kam, war nicht das Weltende, was kam, war die katholische Kirche. ... Die 'Anderen', die an allem Schuld sind, haben heute noch mehr Namen als früher. Weil aber alles, woran sie Schuld tragen, zusammenhängt und eine ganze Welt ausmacht, müssen für das apokalyptische Bewusstsein auch die vielen Schuldigen untereinander zusammenhängen: Die Kapitalisten und die Faschisten und die Konservativen und die Brüsseler Technokraten einerseits, die Grünen und die Etatisten und die Feministen, der öffentliche Rundfunk und die Universitäten andererseits. ... Die Welt ist also technologisch hochgerüstet und gedanklich stark verwahrlost. Beides zusammen ergibt die apokalyptische Stimmung des Eindrucks, es stünden letzte Gefechte bevor. Fast scheint es, als leide die Gesellschaft am Phantomschmerz der nicht geschlagenen Schlachten aus der Vergangenheit, als vermisse sie so verzweifelt die Gegnerschaften von gestern, dass sie umso weniger wählerisch ist im Erfinden neuer absoluter Feinde."

New Yorker (USA), 04.08.2025

Adam Gopnik liest die Renaissance-Experten Bernd Roeck mit "Der Morgen der Welt" und Ada Palmer mit "Inventing the Renaissance" und zieht Parallelen zu heute. Die Renaissance hat etwas zutiefst Modernes, lernt er: "Filippo Brunelleschi wusste, wie man Gebäude denken und Gebäude bauen konnte. Galileo hat ebenso viel Zeit mit dem Schleifen von Linsen verbracht wie mit der Theoretisierung von Planetenbewegungen. Diese Aufgaben waren notwendigerweise gemeinschaftliche - man braucht eine Gilde, um ein Teleskop zu bauen - und haben dabei geholfen, horizontale Sozialstrukturen zu schaffen, die egalitäre, sogar demokratische Gewohnheit geformt haben, die wiederum geholfen haben, die Welt neu zu formen. Was den 'Renaissancemenschen' auszeichnet, ist nicht die Vielfältigkeit von Aufgaben, sondern vielmehr eine so intensive Bestimmung, dass die Begeisterung für alle Facetten einer einzigen Aktivität reicht. (…) Obwohl demokratische Staaten noch in ferner Zukunft lagen, keimten demokratische Gepflogenheiten in den Gilden, Fakultäten und sogar Klöstern auf. Die Renaissanceleute waren keine bewussten Egalitaristen, aber sie waren an offene Wettbewerbe und Konkurrenz gewohnt, eines der Markenzeichen der Moderne. (..) Neue Perspektiven kommen von alten Dingen, die neu gesehen werden. Wenn die Aufklärung es darauf abgesehen hat, die Welt so zu sehen wie sie ist, hat die Renaissance die Welt, wie sie war, und die Welt, wie sie werden würde, ausbalanciert. Dieses doppelte Bewusstsein gibt den Gemälden, und der Zeit, ihre Anmut. Botticellis Figuren haben die 'Wehmütigkeit der Exilanten', um mit Walter Pater zu sprechen. Ihre Melancholie entsprang der Unsicherheit einer Zeit voller Wandel. Dieser Spirit, zu unserer ursprünglichen Melodie zurückzukehren, war ähnlich dem Spirit der disruptiven Rockmusik der 1960er, die sich wiederum nach einem verlorenen England oder einem verschwindenden Amerika voll Zügen und Outlaws sehnten. Renaissance-Malerie nimmt einen ähnlichen Raum zwischen dem Magischen und dem Materiellen ein, oder, wenn man so will, zwischen dem Mittelalterlichen und dem Modernen - den gleichen Raum, den Shakespeare einnimmt, der ihn zum letzten Renaissancemeister macht. Es ist dieses doppelte Bewusstsein, das uns heute noch so hellsichtig scheint. Sie wussten, dass nichts unter ihren Füßen fest war, selbst als sich die Sterne über ihren Köpfen neu bewegten."

Weitere Artikel: David Remnick zeichnet ein Stimmungsbild der Israelis. Rebecca Mead besucht den Astronom des Papstes. Und Anne Enright steuert die Erzählung "The Bridge stood fast" bei.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Renaissance, Renaissancekunst

Elet es Irodalom (Ungarn), 25.07.2025

János Széky erklärt, wie und warum zwei Länder - Polen und Rumänien -, die vor 15 Jahren weniger entwickelter waren als Ungarn, nun beide (Polen vor längerer Zeit, nun aber auch Rumänien) Ungarn, hinsichtlich des realen Pro-Kopf-Konsums der privaten Haushalte in der EU, überholt haben. Széky betrachtet die vergangenen 15 Jahre des rechtskonservativen Versuchs als verschwendete Jahre. "Ungarn hat also mindestens zwei Jahrzehnte, wenn nicht mehr, aus dem Fenster geworfen. Andere haben das nicht getan. Was ist das rumänische und polnische Geheimnis? Die reflexartige Antwort lautet: 'Sie stehlen das Geld nicht.' Oder noch allgemeiner: Sie haben keinen Orban. Wenn es nur so einfach wäre. (…) Und warum wurde das nationale wirtschaftliche Interesse nicht den Interessen bestimmter politischer Gruppen in Polen oder Rumänien untergeordnet? Es liegt nicht daran, dass das menschliche Material besser, die politische Kultur entwickelter, die historischen Traditionen günstiger (oder schlechter) sind. Es lag am Fehlen einiger einfacher Bedingungen: Die Menschen waren gegen eine staatlich gelenkte Wirtschaft geimpft; es konnte nicht alle Macht in einer Hand konzentriert werden, d. h. es gab eine institutionelle Gewaltenteilung (nicht das, was Montesquieu im 18. Jahrhundert theoretisierte, sondern tatsächliche territoriale und städtische Selbstverwaltungen, die nicht von der Gunst der Zentralregierung abhängig sind; ein direkt gewählter Präsident mit einigen echten Befugnissen; ein Zweikammerparlament); kein allgegenwärtiges Zwei-Drittel-System, das Parlamentswahlen weitgehend überflüssig macht; und kein grob unverhältnismäßiges Wahlsystem, das es leichter macht, zwei Drittel zu erreichen. Damit Ungarn wieder aufblühen kann, müssen sich diese Bedingungen ändern, und dann können wir hoffen, einen Teil des Rückstands von zwei oder drei Jahrzehnten aufzuholen."
Stichwörter: Ungarn, Rumänien

OVD Info (Russland), 02.07.2025

Es hat in Russland nie eine große Protestbewegung gegen den Angriffskrieg gegen die Ukraine gegeben. Was dem am ehesten nahe kam, waren Protestaktionen von Organisationen wie "Put Domoi" ("Bringt sie nach Hause"), die größtenteils aus Frauen bestanden, deren Männer in der Ukraine kämpfen. Marina-Maya Govzman berichtet in einem lesenswerten Artikel für OVD (hier bei Meduza in englischer Übersetzung), dass auch diese schwache, keineswegs konsequent regierungskritische Protestbewegung auseinandergefallen ist. "Das russische Justizministerium hat die Bewegung 'Put Domoi' im Juni 2024 auf seine schwarze Liste der 'ausländischen Agenten' gesetzt." Die Aktivistinnen beschuldigten sich im Anschluss gegenseitig, für diese Einstufung verantwortlich zu sein. "Nachdem sie 'das Vertrauen' in Put Domoi verloren hatte, verließ auch Maria die Gruppe. 'Die Bewegung hatte ihr logisches Ende erreicht. Mir schien, dass sie nichts mehr zu bieten hatte und ihr Instrumentarium voll ausgeschöpft war', erklärt sie. 'Ich dachte, es wäre einfacher, eine gemeinsame Basis mit den anderen Frauen zu finden, wenn ich mich nicht mit einer radikalen Bewegung assoziieren würde. Aber diese Annahme war falsch', fügt sie hinzu. 'Das sind keine Menschen, die kämpfen werden. Es spielt keine Rolle, ob man zu 'Put Domoi' gehört oder nicht.'"
Archiv: OVD Info