Magazinrundschau - Archiv

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15 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 2

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - Newlines Magazine

In einer großen mit 53 Minuten Lesezeit angegebenen Reportage schildert Lynzy Billing das ganze Ausmaß an giftiger Umweltbelastung, die erst das sowjetische und dann vor allem das amerikanische Militär in Afghanistan hinterlassen haben: "Anwohner berichten seit langem, dass US-Militärstützpunkte große Mengen an Abwasser, chemischen Abfällen und giftigen Substanzen von ihren Stützpunkten auf das Land und in Wasserstraßen kippen und so Ackerland und Grundwasser für ganze in der Nähe lebende Gemeinden verunreinigen. Sie verbrannten auch Müll und andere Abfälle in offenen Brenngruben - einige hatten Berichten zufolge die Größe von drei Fußballfeldern - und überschwemmten Dörfer mit giftigen Rauchwolken. Afghanistan hat mehr als 40 Jahre lang einen selten unterbrochenen Krieg erlitten. Die Beweise sind überall, einige davon statisch und vergraben, andere noch sehr lebendig. Die Kriegschemikalien vergifteten das Land auf eine Weise, die noch immer nicht vollständig verstanden ist. Bevor das US-Militär in Afghanistan eintraf, wurde den sowjetischen Streitkräften der Einsatz chemischer Waffen, darunter Napalm, vorgeworfen. Ihre Stützpunkte wurden dann von den Amerikanern umfunktioniert. Zurück bleiben heute Schichten über Schichten medizinischer, biologischer und chemischer Abfälle, die wahrscheinlich nie beseitigt werden."

Männer in Schlaghosen, Frauen in kurzen Röcken - kein seltenes Bild im Afghanistan der Sechzigerjahre, das modische Einflüsse aus Russland, Amerika und Indien vereinte, erinnert die in Afghanistan geborene Autorin Sofia Mahfouz, die Afghanistans Geschichte anhand der Mode in drei Generationen erzählt. Trugen Frauen Kopftuch, bekundete man ihnen Beileid, denn das Kopftuch wurde nur zu Traueranlässen oder zu Ramadan getragen. Und auch in den Neunzigern, als die Taliban erstmals die Macht übernahmen, versuchten afghanische Frauen noch, irgendwie ihre modische Freiheit zu bewahren: "In den dunklen Jahren der Taliban, als ich geboren wurde, war Mode ein verbotenes Wort. Meine Familie war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Kandahar gezogen. Frauen mussten sich mit formlosen Burkas bedecken und so ihre Schönheit und Identität verbergen. Doch schon damals erfreuten sie sich an den Farben ihrer Stickereien und stickten Muster aus Blumen und Vögeln auf ihre Kleidung. Meine Mutter war eine von ihnen. Da meine Mutter keine andere Möglichkeit hatte, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, musste sie sie auf eine neue Art und Weise entfalten. Einst Professorin, die Vorlesungen über organische Chemie hielt, musste sie nun ein neues Handwerk erlernen. Sie verwendete Seidengarn, das im Licht schimmerte, und verbrachte Stunden damit, die richtigen Farben und Muster auszuwählen. Wer Zugang nach Pakistan hatte, hatte Glück. Sie konnten sehen, was in der Modewelt passiert, und etwas davon mit nach Hause nehmen. (…) Die pakistanischen Kleider hatten raffiniertere Muster und Farben. Jeder, der nach Pakistan reiste, wurde daher mit der Aufgabe betraut, mit den gewünschten Stoffen und Stickmaterialien zurückzukehren."

Als Kind war der syrische Journalist Asser Katthab der einzige, der in der Schule Deutsch lernte. Hätte ihm jemand gesagt, dass ein paar Jahre später eine halbe Million syrische Menschen hier leben würden - er hätte es nicht geglaubt, schreibt er. Im Jahr 2017 floh auch er aus seiner Heimat, weil ihm wegen seiner Arbeit schwere Repressionen drohten. Ein französisches Asylvisum - sein Antrag in Deutschland wurde abgelehnt - erlaube ihm seitdem, nicht nur in Frieden zu leben, sondern auch frei reisen zu können. Kaum hatte er die Gelegenheit, reiste er nach Deutschland, nach Nürnberg um genau zu sein, um sich dort das Germanische Museum anzusehen. Die Begegnungen mit seinen Landsleuten waren nicht immer einfach, erzählt er, manchmal traf er auf Sympathisanten des Regimes oder konservative Syrer, die andere Mitglieder der Diaspora kontrollierten und sicherzustellen, dass sie keinen "westlichen" Gewohnheiten verfielen. Andere, so stellte er verblüfft fest, waren hundertfünfzigprozentige Bayern geworden. Vor allem aber konnte er beobachten, dass es eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Syrern gibt, auf die ihn seine eigenes Interesse für die deutsche Geschichte stieß: "Ich war mir bereits bewusst, dass die Deutschen angesichts dessen, was im vergangenen Jahrhundert geschehen ist, nicht sehr stolz auf die Vergangenheit ihrer Nation sind. Aber ich war überrascht, dass mein Interesse an der Geschichte des Landes - sogar vor der Vereinigung unter Kaiser Wilhelm I. und Bismarck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ganz zu schweigen von den beiden Weltkriegen - fast jeden, den ich dort traf Unbehagen bereitete. Die meisten Deutschen, mit denen ich zu tun hatte, schienen darin übereinzustimmen, dass ihr Land sein Recht verloren hat, seine Kultur und sein Erbe zu feiern. Viele der Syrer, die nun schon seit Jahren hier sind, scheinen die gleiche Einstellung zum Rückblick auf die Vergangenheit zu haben. Diese Syrer waren schließlich unter einem Regime aufgewachsen, das in vielerlei Hinsicht dem Nationalsozialismus ähnelte. Sie wissen sehr gut, wie der Stolz auf die Geschichte dazu genutzt werden kann, gefährliche Ideen über Nationalismus und Macht zu schmieden."

Magazinrundschau vom 06.06.2023 - Newlines Magazine

Auch jenseits restriktiver Gesetzgebungen wie in Polen wird es für Frauen in Europa immer schwieriger abzutreiben, berichtet Jessica Bateman in einem instruktiven Hintergrundartikel. Immer mehr Ärzte berufen sich auf Gewissenskauseln, um keine Abtreibungen vorzunehmen. Hinzukommt: "In Deutschland werden 420 Krankenhäuser - fast ein Viertel aller Krankenhäuser des Landes - von katholischen Organisationen betrieben, was bedeutet, dass für ganze Einrichtungen ein generelles Verbot von Abtreibungen gilt, auch wenn die einzelnen Ärzte selbst nicht religiös sind." Gerade die Kirchen machen Druck auf die Ärzte, so Bateman: "Im Jahr 2016 sprach Papst Franziskus von der 'moralischen Pflicht' der Beschäftigten im Gesundheitswesen, Abtreibungen zu verweigern. Die italienische Bischofskonferenz sprach sich 2017 gegen ein Krankenhaus aus, das eine Stellenanzeige für Gynäkologen, die sich nicht weigern, veröffentlicht hatte, und erklärte, dies 'verzerrt die Struktur des... Gesetzes, das nicht darauf abzielt, Abtreibungen zu veranlassen, sondern sie zu verhindern'... In Rumänien, wo das orthodoxe Christentum die vorherrschende Religion ist, veröffentlichte die Anti-Abtreibungsgruppe Pro Vita 2015 einen Leitfaden, in dem sie 'das gesamte medizinische Korps, insbesondere die Gynäkologen, auffordert, auf die barbarische Praxis der Abtreibung' zu verzichten und ihr 'Recht auf moralische Ablehnung zu nutzen'."

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - Newlines Magazine

Die Christin Asia Bibi war die erste Frau, die in Pakistan auf Grundlage des strikten Blasphemie-Paragraphen zum Tode verurteilt wurde, angeblich hatte sie den Propheten Muhammad in den Schmutz gezogen, erklärt Ailia Zehra im New Lines Magazine. Der Fall hatte international für Aufsehen gesorgt, der Druck der Öffentlichkeit hatte erreicht, dass sie das Land nach acht Jahren in der Todeszelle in Richtung Kanada verlassen konnte. Doch dort ergeben sich neue Schwierigkeiten, sie und ihr Mann sind Analphabeten, können kaum den Lebensunterhalt bestreiten, leiden unter gesundheitlichen Problemen. "Ihr Fall macht klar, wie schwierig es für Exilanten ist, die vor Traumatisierungen und Gewalt geflohen sind, sich an ein Leben in einem völlig neuen Umfeld wie Kanada zu gewöhnen. Das Land gewährt prominenten Regimegegnern und Unterdrückten Asyl. Die Fürsorge für die Geflohenen reicht aber oft nicht für die Bewältigung der Traumata und Traumafolgestörungen." Fremd hier, fremd da, beschreibt Zehra die Erfahrungen einer Dissidentin, die sich von verschiedenen Akteuren ziemlich im Stich gelassen fühlt: "Danach befragt, ob das pakistanische Konsulat in Kanada sich jemals bei ihr gemeldet habe, antwortet Bibi, dass sie keine Unterstützung von ihnen erwartet, da sie in ihrem Heimatland immer noch als Gotteslästererin gilt. Bei den Unruhen, die nach ihrem Freispruch ausgebrochen sind, wurden Plakate, die ihre Exekution forderten, gemeinsam mit hasserfüllten Parolen gegen sie und die christliche Gemeinde des Landes offen gezeigt. Anstiftung zur Gewalt und Hassrede sind in Pakistan strafbar, aber extremistische Gruppen kommen meist einfach so davon. 'Tehreek-e-Labbaik (eine dieser Gruppen) hat die Regierung aufgefordert, mich zu töten', macht sie klar, 'wie sollen sie mich unter diesen Umständen unterstützen?'" Sie ist resigniert: "Viele derjenigen, die mich genutzt haben, um Geld zu scheffeln, haben mich mittlerweile vergessen."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Newlines Magazine

Fazelminallah Qazizais und Chris Sands Artikel ist kilometerlang - ausgedruckt vierzig eng gesetzte Seiten. Sie erzählen die Geschichte des Islamischen Staats in Afghanistan, genauer des "Islamic State of Khorasan Province (ISKP)", und seines Kommandeurs Abu Omar Khorasani, der kurz nach der amerikanischen Übergabe Afghanistans an die Taliban von diesen erschossen wurde. Die Taliban waren ihm zu milde gewesen. Sie hatten mit den Amerikanern verhandelt. Ihre Religion war zwar so engstirnig, wie es nur geht, aber tribalistisch, an Traditionen des Landes gebunden und nicht expansionistisch genug. ISKP und Taliban bekämpfen sich bis heute. Der ISKP hatte beim chaotischen Abzug der Amerikaner in einem Attentat 170 Menschen getötet, darunter 13 amerikanische Soldaten, die letzten Gefallenen des Afghanistankriegs. Fazelminallah Qazizai hat über Jahre mit vielen Zeugen gesprochen, beschreibt die unfassbar blutigen Attentate des ISKP, der nach jedem Rückschlag wieder aufstand, auch als Donald Trump 2017 die stärkste nicht nukleare Bombe über einem Höhlenkomplex bei Achin abwarf und Dutzende Kämpfer tötete. "Die ISKP-Kämpfer wussten, dass sie nun nicht mehr damit rechnen konnten, weite Teile des Gebiets zu kontrollieren, aber das bedeutete nicht, dass sie aufgaben. Im Sommer 2017 rückte die 'Red Unit' der Taliban in Achin ein und hatte den Auftrag, die örtlichen Talibs bei einer 'Clear and Hold'-Operation zu führen. (Einer der Kommandeure) Qazi Malik… wurde mit ihnen in das Gebiet entsandt. 'Wenn der Prophet Mohammed noch leben würde, würde er uns die Treue schwören', spotteten ISKP-Kämpfer über ein Militärradio. Malik war von ihrer Willenskraft beeindruckt. Als er die Leichen auf dem Schlachtfeld durchsuchte, bemerkte er, dass sich einige ISKP-Kämpfer aneinander gefesselt hatten, damit Kämpfer, die es in der Hitze des Gefechts mit der Angst bekamen, nicht weglaufen konnten."

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - Newlines Magazine

Der Nobelpreis für Peter Handke vor anderthalb Jahren war auch Gelegenheit zu erkennen, dass es in den vornehmsten deutschen Feuiiletons Stimmen gibt, die Genozidleugner verteidigen, sofern es sich nur um verehrte Dichter handelt. Edin Hajdarpašić analysiert nochmal die Handkesche Rhetorik des Leugnens, die natürlich nicht einfach ein Leugnen ist, sondern ein Neu Arrangieren von Wirklichkeit, bekannt eher aus anderen politischen Ecken, wo es auch mit dem angemessenen Abscheu bedacht wird. Hajdarpašić erinnert an Handkes Freundschaft zu Novislav Djajić, der zu einem serbischen Erschießungskommando gehörte: "In Djajić hatte der Österreicher nicht nur eine Freundschaft gefunden - Handke war Trauzeuge bei Djajićs Hochzeit und wohnte der Taufe seiner beiden Töchter bei -, sondern auch die Schlüsselelemente, um die Fakten des Bosnienkrieges umzuschreiben. In Handkes Erzählung war Djajić ein idealistischer serbischer Dorfbewohner, der in die Kriegswirren hineingezogen wurde. In einer Zeit, in der das Töten überhand nahm, war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und hielt bei einer Massenhinrichtung eine Waffe in der Hand. An einer Stelle in der 'Reise' lässt Handke Djajić über seine Verantwortung nachdenken und dann feststellen: 'Wissend, dass ich schuldlos war, sagte ich Ja zu meiner Bestrafung. Vom fremden Staat bestraft und vom eigenen Volk verachtet, verlor ich das Gefühl für meine Schuld.' Wenn es in Handkes Geschichte eindeutige Bösewichte gibt, dann sind es die fremden Richter, die gedankenlos darauf bestehen, Männer wie Djajić zur Verantwortung zu ziehen."
Stichwörter: Handke, Peter, Bosnienkrieg