Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 04.06.2024 - Wired

Einflussnahme auf Wahlen durch Deepfakes und KI wird bei uns noch als drohendes Szenario diskutiert. Im aktuellen indischen Wahlkampf wird diese Strategie bereits umarmt - wenn auch im gesetzlich regulierten Rahmen und - zumindest, wenn es legal sein soll - nur zur Eigenwerbung. So etwa in Form von personalisierten Video Calls, bei denen die angerufene Person im Glauben gelassen wird, mit einem prominenten Politiker persönlich gesprochen zu haben, berichten Nilesh Christopher und Varsha Bansal. Eine einzelne Firma etwa, die diesen Service anbietet, "führte während der zwei Wochen vor der Wahl in den südlichen Staaten von Telangana und Andhra Pradesh 25 Millionen personalisierte KI-Anrufe durch. Während Stadtbewohner unangekündigte Telefonanrufe lästig finden, erzählten die politischen Berater, mit denen wir sprachen, dass Landbewohner nach Anrufen von Leuten in hohen Positionen oft das Gefühl hätten, wichtig genommen zu werden. ... Die Vorzüge dieser Technologie, wenn man sie richtig anwendet, liegen auf der Hand: personalisierte Ansprache und das im riesigen Maßstab. Dafür auf echte Menschen in Callcentern zurückzugreifen, kostet vier Rupien pro Anruf, achtmal mehr als KI-Anrufe. ... Traditionelle, unpersönliche und vorab aufgenommene Robo-Anrufe sind günstiger, bringen aber auch nicht so viel. Nach den Angaben eines Anbieters halten KI-Anrufe die Angerufenen länger am Apparat. ... 'Zwischen Wähleransprache, den Kandidaten menschlicher wirken zu lassen und Täuschung liegt ein schmaler Grat, der viel damit zu tun hat, wie vertraut wir mit einer Technologie sind', sagt Sam Gregory von der Nonprofit-Organisation Witness. Wir sind daran gewöhnt, personalisierte Emails und Briefe zu erhalten, aber Stimmnachrichten und Videos sind nochmal eine andere Sache." Divyendra Singh Jadoun, dessen Firma solche Deepfakes erstellt, "mag die Zustimmung der Politiker haben, für die er arbeitet, aber die Wähler, die sie kontaktieren, haben vielleicht keine Ahnung, dass sie mit einem Klon sprechen. Kurz vor dem Ende der Wahlen in Indien bewegt sich die größte Demokratie der Welt in eine ungewisse, von KI angetriebene Zukunft."

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - Wired

Dass die KI-Fortschritte der letzten Jahre nicht vom Platzhirsch Google in die Weltöffentlichkeit getragen wurden, sondern vom Startup OpenAI hat viele erstaunt. Nicht ganz so bekannt ist allerdings, dass maßgebliche Vorarbeiten - darunter die sogenannte Transformer-Technologie - tatsächlich mit einem Paper aus der Forschungsabteilung von Google auf den Weg gebracht wurden. Verschläft der einst so innovative Konzern die KI-Revoltion, fragt sich Steven Levy in einem Porträt der acht Autoren dieses Papers. "Viele Tech-Kritiker weisen darauf hin, wie Google sich von einer auf Innovation setzenden Spielwiese zu einer gewinnorientierten Bürokratie gewandelt habe. 'Sie haben nicht modernisiert', erzählte Aidan Gomez der Financial Times, 'sie haben sich neuen Technologien nicht angepasst.' Aber das wäre auch äußerst gewagt gewesen für eine riesige Firma, deren technologische Errungenschaften die Branche seit Jahrzehnten anführt und riesige Profite einbringt. Google begann 2018 damit, die Transformer-Technologien in seine Produkte einzupflegen, beginnend mit seiner Sprachübersetzung. Im selben Jahr führte es ein Sprachmodel namens BERT ein, das ebenfalls auf Transformers basiert, und begann dies im Jahr danach in seiner Suchfunktion zu nutzen. Aber diese Anpassungen unter der Motorhaube wirken zaghaft im Vergleich zu OpenAIs Quantensprüngen und Microsofts kühner Integration von transformer-basierten Systemen in seiner Produktlinie. Als ich den Geschäftsführer Sundar Pichai vergangenes Jahr fragte, warum seine Firma nicht die erste war, die ein 'Large Language Model' wie ChatGPT einführe, vertrat er den Standpunkt, dass Google es in diesem Fall vorteilhaft fand, wenn andere hier die Speerspitze bildeten. 'Mir ist einfach unklar, ob es genauso gut funktioniert hätte. Tatsache ist, dass wir mehr tun können, nachdem die Menschen gesehen haben, wie es funktioniert', sagt er. Eine unbestreitbare Wahrheit ist es aber auch, dass alle acht Autoren des Papers Google verlassen haben."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - Wired

Im Zuge der NSA-Enthüllungen vor nun auch schon wieder über zehn Jahren verschlüsselten viele Kommunikationsanbieter ihre Angebote und Apps zum Schutz der Privatsphäre ihrer Kunden. Schön und gut, aber mit den Smartphones in unseren Taschen hat sich das im Grunde auch schon wieder erledigt, schreibt Byron Tau. Zumindest gilt dies, wenn man die Standortübermittlung aktiviert hat und durch Werbeeinblendungen finanzierte Apps nutzt, die auf diesen Standort zugreifen können. Das ist bei den meisten Dating-Apps üblich ist - aber auch bei ganz normalen Wetter-Apps. Anhand dieser nur vorderhand anonymisierten Daten lassen sich jedoch komplexe Nutzerprofile erstellen, die zahlreiche, de facto entanonymsierte Rückschlüsse gestatten - bis hin zum Privatadresse, persönlichen Netzwerken und (nicht nur, aber auch sexuellen) Vorlieben. Und der Clou: Da Werbe-Einblendungen innerhalb von Sekundenbruchteilen digital "versteigert" werden, haben auch jene Anbieter Zugriff auf diese Daten, deren Werbung am Ende doch nicht eingeblendet wird. "Die größten amerikanischen Firmen haben Milliarden von Dollars in dieses System fließen lassen. Angesichts eines kommerziell erhältlichen Silos mit derart angereicherten und detaillierten Daten, haben auch die Regierungen dieser Welt ihre Geldbeutel geöffnet, um diese Informationen über quasi jedermann einzukaufen, anstatt sie sich mit Hackermethoden oder über geheime Gerichtsbeschlüsse zu erarbeiten. ... Nachdem es ein Datenset aus Russland gekauft hatte, bemerkte ein Team, dass sie damit Telefone in der Entourage des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin tracken konnten. Die Handys bewegten sich überall dorthin, wo sich auch Putin hinbewegte. Sie schlossen, dass die fraglichen Geräte nicht Putin selbst gehörten; die russische Staatssicherheit und die Spionageabwehr waren klüger als das. Stattdessen gingen sie davon aus, dass sie Putins Fahrern, seinem Sicherheitspersonal, politischen Weggefährten und anderem Personal rund um den russischen Präsidenten gehörten. Die Handys dieser Leute waren über Werbedaten verfolgbar." Doch "nichts davon ist nur eine abstrakte Sorge", denn "die Chancen liegen gut, dass es auch über Ihre Bewegungsmuster ein detailliertes Log gibt, das abgesaugt und in einer Datenbank hinterlegt ist, auf die zehntausende Fremde Zugriff haben. Darunter Geheimdienste. Darunter ausländische Regierungen. Darunter Privatdetektive. Darunter sogar schnüffelnde Journalisten."

Außerdem: Lauren Goode spricht mit Jensen Huang, dem Geschäftsführer des Chipherstellers Nvidia, der die KI-Revolution mit seiner Rechenpower maßgeblich befeuert. Der russische Journalist Vadim Smyslov erzählt von seinem einjährigen Exil nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, von seiner Rückkehr nach Hause - und seinem erneuten Weg ins Exil. Hemal Jhaveri porträtiert den Schauspieler Javier Bardem, der aktuell in "Dune: Teil 2" (unsere Kritik) zu sehen ist.

Magazinrundschau vom 30.01.2024 - Wired

Ein neuer Space Race ist längst im Gange - auch wenn es diesmal nicht um den Mond, sondern nur um einen Bereich unmittelbar vor unserer Haustüre geht: Knapp 9000 Satelliten befinden sich derzeit im niedrigen Orbit um die Erde, etwa 30 Prozent davon starteten alleine im letzten Jahr, berichtet Khari Johnson - und Elon Musk, dem via Starlink knapp 50 Prozent all dieser Satelliten gehören, ist auf dem besten Weg, ein Monopol zu errichten, während Amazon mit vergleichbaren Projekten bereits mit den Hufen scharrt. Dabei legte der 1967 von 20 Nationen - darunter die USA und die UdSSR unterzeichnete - Weltraumvertrag einst fest, dass das All der gesamten Menschheit gehöre und nur zum Vorteil aller Menschen genutzt werden dürfe. Das Nachsehen haben heutige Schwellenländer, für die es immer drängender wird, sich einen Platz am Himmel zu sichern. "Nach Ansicht von immer mehr Anwälten, Akademikern und Funkionären auf der ganzen Welt ähnelt diese zunehmende Dominanz im Orbit etwas, was man nur zu gut kennt: einer kolonialen Landnahme. Manche Wissenschaftler mutmaßen gar, dass damit der Weltraumvertrag verletzt werde. Nur einer von vielen Gründen, warum einige Akteure im globalen Süden sich für die orbitale Zukunft rüsten, indem sie sich nicht nur anstrengen, Satelliten zu starten, sondern auch, indem sie ihre Kompetenzen im Bereich des Weltall-Rechts ausbauen." Denn "mit jedem Schwung von 50 Starlink-Satelliten, die SpaceX ins All bringt, und mit jeder neuen Nation und jedem neuen kommerziellen Akteur, der seinen Claim im Orbit absteckt, erscheinen tatsächliche juristische Auseinandersetzungen unvermeidbarer - und was hier auf dem Spiel steht, könnte sehr schnell sehr kostenempfindlich werden. Man bedenke ja bloß, dass neben den tausenden Satelliten im niedrigen Erdorbit mehr als eine Million Stücke Weltraummüll mit Geschwindigkeiten von 17500 Meilen pro Stunde herumfliegen."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - Wired

Laura Kipnis porträtiert den TV-Autor Joe Weisberg, dessen Serie "The Americans" (2013-2018) gerade einen neuen Popularitätsschub erfährt und der vor kurzem mit der Miniserie "The Patient" einen weiteren Erfolg feierte. "Irgendwas an diesen Serien treibt mich um, und das nicht nur weil sie sich anfühlen wie Fallstudien in amerikanischer Paranoia", schreibt Kipnis dazu. "The Americans" etwa handelt von einem Ehepaar im Kalten Krieg, bei dem es sich in Wahrheit um Spionage-Schläfer der Sowjetunion handelt. "In einer Zeit, in der die meisten Fernsehserien sich auf moralische Federpflege spezialisieren (...) wringen einen Weisbergs Serien einen geradzu psychologisch und spirituell aus. Sie wollen ihr Publikum stolpern lassen." Das Besondere an Weisberg: Er war zuvor ein paar Jahre lang CIA-Mitarbeiter - und entschied sich für diesen Weg einst aufgrund einer tiefempfundenen Abscheu gegenüber der Sowjetunion, wie sie in den Achtzigern unter den Eindrücken des Kalten Kriegs zentraler Bestandteil der us-amerikanischen Kultur gewesen ist. "Es war erst eine Psychotherapie, die Weisberg dazu befähigt hat, Figuren mit einem komplexen Innenleben zu schreiben - das sei ihm nicht gelungen ehe er begriffen hatte, dass er selber ein solches habe, sagt er. Das bedeutete auch, dass er sich damit auseinandersetzen musste, welche falschen Fronten er in seinem Leben aufgebaut hat und wie viel er vor sich selbst verstecken musste. Er begann darüber nachzudenken, dass seine kindliche Identifikation mit den unterdrückten Bürgern der Sowjetunion ein Weg gewesen ist, seinen Zorn über Repression in seiner eigenen Familie zu externalisieren. Von klein auf war ihm beigebracht worden, negative Gefühle nicht zuzulassen. Er konnte sich mit seinen Eltern nicht anlegen, aber er konnte daran mittun, die Sowjet-Führerschaft zu Fall zu bringen, die die freie Meinungsäußerung ihrer Bevölkerung unterdrückte. Anders ausgedrückt: Einen Feind auszumachen, half ihm dabei, sich mit seiner eigenen dunklen Seite nicht auseinandersetzen zu müssen." Mittlerweile schlägt diese Obsession freilich in ihr Gegenteil um, erfahren wir außerdem: In seinem "memoir-artigem Buch 'Russia Upside Down: An Exit Strategy for the Second Cold War' aus dem Jahr 2021 behauptet Weisberg, dass er (und wir) die Sowjets fundamental falsch verstanden hätten: Der KGB sei bemerkenswert unkorrupt gewesen, die Bolschewiken hätten Pogromen ein Ende bereitet und die Sowjets dem Holocaust Einhalt geboten, als sie die Wehrmacht in Osteuropa zurückgeschlagen hatten. ... Diese vielen Verkehrungen ins Gegenteil und Bilanzkorrekturen gestalten die Lektüre sonderbar, als würde man jemanden dabei beobachten, wir er mit seinen eigenen Überzeugungen in den Boxring steigt und sich dabei ständig selbst ins Gesicht schlägt."

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - Wired

In den meisten aktuellen Diskussionen nimmt KI den Status des absolut Bösen ein. Dass KI aber auch ein Werkzeug sein kann, um die Welt zu verbessern, gerät dabei rasch aus dem Sinn. Camille Bromley wirft einen Blick auf Experimente, die es gestatten sollen, die Sprache von Walen besser zu verstehen. Die Walforscherin Michelle Fournet arbeitet genau daran. "Sie hat ihren Katalog an Buckelwal-Rufen dem Earth Species Project zur Verfügung gestellt, einer Gruppe von Technologen und Ingenieuren, die daran arbeiten, mithilfe von KI ein künstliches 'Whup' [die typische Begrüßungsfloskel von Buckelwalen] zu erstellen. Und sie beabsichtigen nicht nur, die Stimme eines Buckelwals zu emulieren. Die Mission der Non-Profit-Organisation besteht darin, menschliche Ohren für das Geplauder des gesamten Tierreichs zu öffnen. In 30 Jahren, behaupten sie, kommen Naturdokus auch ohne einlullende Voiceovers im Stil von Richard Attenborough aus. Die Gespräche der Tiere werden einfach Untertitel haben. Und so wie die Ingenieure heute kein Mandarin oder Türkisch mehr können müssen, um einen Chatbot für diese Sprachen zu erstellen, werde es künftig auch möglich sein, einen Bot zu programmieren, der Buckelwalisch spricht - oder Kolibrinisch, Fledermausisch und Bienesisch. Die Idee, die Kommunikation der Tiere zu dechiffrieren ist kühn, vielleicht auch unglaublich, aber eine Zeit der Krise bedarf kühner und unglaublicher Maßnahmen. Überall wo Menschen sind, also wirklich überall, verschwinden die Tiere. Die Wildtierpopulation ist im Schnitt in den letzten 50 Jahren um 70 Prozent gesunken. ... Aza Raskin, ein Mitbegründer von Earth Species Project, ist der Überzeugung, dass die Möglichkeit, Tiere zu belauschen, einen Paradigmenwechsel nach sich ziehen wird, der nichts geringerem als der Kopernikanischen Wende gleichkommt. 'KI ist die Erfindung der modernen Optik', sagt er mit spürbarem Vergnügen. Was er damit meint: So wie die Astronomie des 17. Jahrhunderts mit verbesserten Teleskopen neuentdeckte Sterne wahrnehmen konnte und die Erde ein für allemal aus dem Zentrum des Universums rückte, wird auch KI die Wissenschaft dabei unterstützen, mehr zu hören als die Ohren es ihnen gestatten: dass Tiere sinnhaft sprechen und dies auf mehr Arten als wir es uns vorstellen können. Dass ihre Fähigkeiten und ihre Leben nicht unter unseren stehen. 'Dieses Mal werden wir hinaus ins Universum blicken und feststellen, dass die Menschheit nicht in seinem Zentrum steht', sagt Raskin."

Hier hören wir das Whup eines Buckelwals. Ob es sich um ein formelles "Guten Tag" oder um ein joviales "Servus" handelt, muss die Wissenschaft noch klären.

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Magazinrundschau vom 29.08.2023 - Wired

Eine Epidemie ist im vollen Gange, aber kaum jemand sieht sie - buchstäblich: Die Rede ist von Kurzsichtigkeit, die in den letzten Jahrzehnten in den Industrienationen dramatisch zugenommen hat, und einige Betroffene sogar erblinden lässt. Liegt's am hohen Smartphone-Gebrauch oder schlicht an der Genetik? Nein, das sind populäre Mythen - es liegt vor allem am Dopamin-Mangel, der alle Gesellschaften trifft, deren Leben sich immer mehr in geschlossenen Räumen abspielt, erfahren wir in Amit Katwalas Reportage. Insbesondere in Asien, wo ein rigides Erziehungssystem die Kinder jahrelang von früh bis spät büffeln lässt, grassiert die Kurzsichtigkeit unter Minderjährigen. Eine zentrale Rolle bei dieser Beobachtung und für die Gegenmaßnahmen nimmt dabei der Forscher und Arzt Pei-Chang Wu ein: Er "überzeugte den Direktor der Schule seines Sohnes Maßnahmen zu ergreifen und die Kinder pro Tag sechsmal nach draußen zu scheuchen, was zu sechseinhalb Stunden mehr Aufenthalt im Freien pro Woche führte. Als Wu zu Beginn des Programms im Februar 2009 Messungen vornahm, lag die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit unter den Sieben- bis Elfjährigen an der Schule seines Sohnes und an jener Schule, die er zur Kontrolle hinzugenommen hatte, bei 48 Prozent. Ein Jahr später wurden an der Kontrollschule doppelt so viele neue Fälle von Kurzsichtigkeit registriert wie an der Schule seines Sohnes. ... Die Ergebnisse des in Taiwan infolge installierten Tian-Tian-120-Programms waren sofort zu sehen und beeindruckend. Nach Jahren eines Aufwärtstrends erlebte die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit an taiwanesischen Grundschulen 2011 eine Spitze von 50 Prozent. Danach senkte sie sich. Binnen weniger Jahre lag sie bei 46,1 Prozent. ... Dem Internationalen Myopie-Institut zufolge werden 2050 zehn Prozent der Bevölkerung extrem kurzsichtig sein. Wiederum 70 Prozent von diesen werden pathologische Kurzsichtigkeit haben, die zu Blindheit führen kann. Wir sprechen hier von bis zu 680 Millionen Menschen, die vom Verlust der Sehkraft oder Blindheit betroffen sind, mit katastrophalen Folgen für Volkswirtschaften und Gesundheitssysteme."

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Wired

Mit der kometenhaften Entwicklung der Fähigkeiten von Künstlicher Intelligenz in den letzten Monaten ist auch der gute alte Turing-Test Geschichte, schreibt Ben Ash Blum (was der Turing-Test ist, erklärt Wikipedia in aller Kürze sehr gut). Wäre es daher nicht langsam Zeit, Künstlicher Intelligenz Subjektstatus zuzugestehen? Von dämonisierender "Entmenschlichung" der Maschinen-Intelligenz hält Blum jedenfalls nichts - und Alan Turing wäre wohl auf seiner Seite, meint er. Denn "KIs zu entmenschlichen, amputiert uns von unseren mächtigsten kognitiven Werkzeugen, um über KIs nachzudenken und sicher mit ihnen zu interagieren. ... Schmähbegriffe wie 'stochastische Papageien' bestätigen zwar unser Selbstbild, wie einzigartig und überlegen wir sind. Aber sie zerstören auch unsere Fähigkeit, zu staunen und ersparen es uns, schwerwiegende Fragen nach der Subjektivität in Maschinen und in uns selbst zu stellen. Alles in allem sind ja auch wir stochastische Papageien, die auf komplexe Weise all das remixen, was wir von unseren Eltern, unseren Freunden und Lehrern gelernt haben. Auch wir sind verschwommene JPEGs aus dem Netz, die auf nebulöse Weise Wikipedia-Fakten in unsere Abschlussarbeiten und Magazinartikel erbrechen. Wenn Turing in einem Fenster mit ChatGPT plaudern würde und in einem anderen mit mir an einem durchschnittlichen Morgen vor dem ersten Kaffee, wäre ich dann gar so selbstsicher, wen von uns beiden er eher als vernunftbegabt einschätzen würde?"

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - Wired

Im Juli kommt Christopher Nolans Film "Oppenheimer" in die Kinos: Der neue Film des Blockbuster-Autorenfilmers - natürlich gedreht im großen Imax-Format - verspricht eine düstere Reise in die zerrissene innere Welt des Atombomben-Erfinders Robert Oppenheimer, der seinerzeit nicht ganz genau vorhersagen konnte, ob eine Atombombe womöglich die gesamte Atmosphäre des Planeten in Flammen setzen oder ob ihre Wirkung beschränkt bleiben würde. Dieser Film kommt genau zur richtigen Zeit, findet Maria Streshinsky - nicht nur, weil Russlands Angriff auf die Ukraine die längst eingemottet geglaubte Angst vor einem atomaren Krieg wieder aktuell gemacht hat, sondern auch weil der Siegeszug Künstlicher Intelligenz  düsterste Fantasien befügelt. Der Regisseur gibt sich im Gespräch mit Streshinsky allerdings gelassen: "Wenn wie die Ansicht stützen, dass KI allmächtig ist, dann stützen wir die Ansicht, dass sie Leute ihrer Verantwortung für ihr Handeln entheben kann - militärisch, sozioökonomisch, wie auch immer. Die größte Gefahr, die von KI ausgeht, ist die, dass wir ihr diese gottähnlichen Eigenschaften andichten und uns selber damit ziehen lassen. Ich weiß nicht, was die mythologische Grundlage dafür ist, aber in der ganzen Menschheitsgeschichte zeigt sich diese Neigung, falsche Idole zu schaffen, etwas nach unserem eigenen Bild zu schaffen und dann zu behaupten, wir haben gottähnliche Macht, weil wir das getan haben."

Magazinrundschau vom 04.04.2023 - Wired

Computer sind digital. Denkt zumindest der Laie. Die Frühgeschichte der Computerei griff allerdings auf Analogtechnik zurück. Und diese könnte ein Comeback erfahren, wie Charles Platt zunächst sehr ungläubig feststellen muss. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein nostalgisches Revival unter verschrobenen Hobbyraum-Nerds mit Lötkolben, sondern um ernstzunehmende Forschungsprojekte: Start-Ups im Silicon Valley, aber auch IT-Platzhirsche wie IBM erforschen gerade die Möglichkeiten analoger, zeitgenössischer Computerei und machen auf diesem Gebiet erhebliche Fortschritte. Aber warum zum Teufel interessieren sich all diese Player wieder für eine an sich doch obsolete Technologie? "Weil sie so wenig Energie verbraucht", verrät der Computerhistoriker Lyle Bickley Platt. Er "erklärte mir, dass der Prozess, wenn, sagen wir, mit roher Kraft vorgehende, auf natürlichen Sprachen basierende K.I.-Systeme Millionen von Wörtern aus dem Internet destillieren, extrem energieintensiv ist. Das menschliche Gehirn läuft mit einer kleinen Menge Elektrizität, sagt er. Etwa 20 Watt (soviel wie eine Glühbirne). 'Aber wenn wir dasselbe mit digitalen Computern versuchen, reden wir von Megawatt.' Für eine Anwendung dieser Art, ist Digital 'einfach nicht funktionabel. Es ist einfach nicht klug, das so zu machen.'" Mike Henry vom Start-Up Mythic führt das weiter aus und spricht von dem "gehirn-artigen neuralen Netzwerk, das GPT-3 speist. 'Das hat 175 Milliarden Synapsen', erzählt Henry und vergleicht dabei die Prozesselemente mit den Verbindungen zwischen Neuronen im Gehirn. 'Jedes Mal, wenn Du das Modell laufen lässt, um eine bestimmte Sache zu machen, musst Du 175 Milliarden Werte laden. Richtig große Datencenter-Systeme können da fast nicht mehr mithalten.' ... Was die Geschäftstauglichkeit betrifft, wird der entscheidende Faktor die Rentabilität sein. Mit Künstlicher Intelligenz wird sich in Zukunft sehr viel Geld verdienen - und mit smarten Medizinmolekulen, agilen Robotern und mit einem Dutzend weiterer Anwendungen, die die schwammige Komplexität der physischen Welt modellieren. Wenn Energieverbrauch und Wärme-Abstrahlung wirklich teure Probleme werden und es günstiger wird, eine gewisse digitale Last auf miniaturisierte Analog-Ko-Prozessoren zu verlagern, dann wird es auch niemanden mehr jucken, dass analoge Computerei früher einmal von deinem mathe-besessenen Opa auf einer großen Stahlbox mit Vakuumröhren betrieben wurde."