Magazinrundschau - Archiv

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158 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 16

Magazinrundschau vom 30.03.2021 - Wired

Große Teile der Popgeschichte liegen lediglich in Mono vor - ohne Zugriff auf die einzelnen Instrumentespuren, die zum Beispiel einen Stereo-Upmix oder gar eine von Grund auf polierte Neuabmischung gestatten würden. Jesse Jarnow erzählt, wie Audio-Füchse mittels Algorithmen, Deep Learning und anderen digitalen Analysemethoden - eine Gitarrenspur von George Harrison wurde gar in monatelanger Detailarbeit aus dem Frequenzwust eines Beatles-Mono-Tracks herausisoliert - sich seit geraumer Zeit daran machen, diesen Audioschatz zu heben. Dadurch kann man dann nicht nur erstmals die tatsächliche Musik auf dem notorisch verkreischten Beatles-Livealbum "At the Hollwood Bowl" hören (hier dazu ein Vortrag), es gibt auch Heimanwenderlösungen, die schon recht guten Ergebnisse zeitigen: "Audioshake gelingt etwas, was vor wenigen Jahren noch nicht möglich war und weist damit in eine Zukunft, in der Maschinen noch mehr Instrumente erkennen werden. Es mag unüberwindbare Grenzen geben. Seit den Sechzigern war das Studio im Grunde für alle Produzenten der Ort, an dem man ungewöhnliche Instrumente kombinierte und wundersame Sounds (und buchstäbliche Obertöne) erfinden konnte, die explizit dafür geschaffen wurden, in den Ohren des Zuhörers zu verschmelzen. Aber was, wenn diese Artefakte sich als Kunst heraustellen? Wenn ein Demixing-Prozess, der daneben geht, in den Ohren des richtigen Produzenten cool klingt, könnte er sich als Basis für fantastische neue Musik herausstellen. Man denke nur an Cher, die mit 'Believe' Autotune zu einem Poptrend werden ließ. Wie es der Archivar Andy Zax ausdrückt: 'Irgendein 16-Jähriger, der auf seiner Playstation Hiphop produziert, wird irgendeinen Weg finden, wie man diese Sache genial nutzen kann und damit eine Klangwelt schaffen, wie wir sie noch nicht gehört haben.'"

Magazinrundschau vom 16.03.2021 - Wired

Xiaodi Zheng fährt mit dem Schriftsteller Chen Qiufan durch Peking. Neben dem Pionier Liu Cixin und der Schriftstellerin Hao Jingfang ist Chen Qiufan international der derzeit wohl bekannteste Autor chinesischer Science-Fiction, die in den letzten Jahren national wie international enorm erfolgreich war. Nicht zuletzt dieser Erfolg dürfte wohl auch das Begehr der chinesischen Regierung geweckt haben: "Im letzten Sommer veröffentlichten die Filmbehörden Richtwerte dahingehend, wie man Science-Fiction-Filme zu drehen habe. Sie halten die Filmemacher dazu an, 'chinesische Werte zu betonen', 'die chinesische Innovationskraft zu kultivieren' und 'die Gedanken Xi Jinpings sorgfältig zu studieren und zu implementieren'. Diese Maßnahmen haben Autoren und Verlage in ihrer Sorge, einen Fehlschritt zu tun, paranoider gemacht. ... International gesehen befinden sich Chinas Science-Fiction-Autoren mitten in einem Tauziehen zwischen miteinander konkurrierenden geopolitischen Agendas. ... Vor fünf Jahren pries US-Präsident Obama Liu Cixins 'Die Drei Sonnen' noch als Must-Read, während republikanische Senatoren letzten September die anstehende Netflix-Adaption wegen Lius politischer Ansichten verdammten. ... Chen zufolge war das Timing der Veröffentlichung von 'Die Drei Sonnen' entscheidend. Würde der Roman heute erscheinen statt 2008 - den Tagen bilateraler Beziehungen, wirtschaftlicher Zusammenarbeit und der Olympischen Spiele in Peking - würde er wohl von den chinesischen Behörden zensiert oder von Amerikanern verdammt und von beiden genau ins Visier genommen werden. 'Ich halte mich aus der Politik raus, denn was weiß ich denn schon', sagt Chen. 'Manchmal fühle ich mich so, als baumle ich an den Strippen der Geschichte.'"

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Wired

Sextapes - also Aufnahmen von Stars und Promis in einschlägigen Situationen - sind die schmierige Schattenseite des Glitz'n'Glam von Hollywood. Dass es drumherum ein ganzes Wirtschaftssystem gibt, in dessen Netz ein gewisser Kevin Blatt sitzt, der damit seit geraumer Zeit gut verdient, wusste hierzulande vielleicht noch nicht jeder. Blatt ist jedoch überzeugt, durchaus ethisch in dem unmoralischen Geschäft zu handeln, entnehmen wir Amanda Chicago Lewis' Reportage: Weil er einen Großteil der ihm zugespielten Aufnahmen - natürlich nach großzügigen "Honoraren" - gar nicht erst in die Öffentlichkeit geraten lässt. Auch ansonsten ist Blatt von sich und seiner Arbeit sehr überzeugt: "In den Monaten, als die MeToo-Bewegung an Fahrt aufnahm, stiegen seine Geschäfte ums Fünffache, nachdem mehr und mehr Frauen sich dazu entschlossen, einflussreiche Männer an ihre Übergriffe in der Vergangenheit zu erinnern. Doch als die Berichte über Hollywoods Belästigungs- und Missbrauchsprobleme sich erhärteten, dämmerte es Blatt, dass seine Kompetenzen - Schweigegeld und rechtlich verbindliche Übereinkünfte - selbst Aufmerksamkeit auf sich zogen. Experten hinterfragten die zugrunde liegende Ethik dahinter, Frauen Geld dafür zu bezahlen, dass sie über ihre Erfahrungen Stillschweigen bewahren. Irgendwie war es Blatt stets gelungen, sich selbst für einen guten Typen zu halten, indem er all diese berühmten Leute vor Peinlichkeiten bewahrte. Jetzt aber fragte er sich: War er vielleicht tatsächlich der Böse?"
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Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Wired

Dank avanciertester Überwachungstechnologien im Netz, in den Behörden und im öffentlichen Raum sind die Datensilos zum Bersten gefüllt. Längst hat sich aus Analystenperspektive ein Informations Overload eingestellt, der dazu führt, dass man in einer hochauflösenden Datenlage die Nadel im Heuhaufen schon wieder nicht findet, erklärt Arthur Holland Michel in einer großen Reportage. Abhilfe schaffen nun automatisierte Fusionsstrategien, also die zentrale Synchronisierung, Abgleichung und Auswertung riesiger Datenmengen unter Hochgeschwindigkeitsbedingungen, die Muster und Abweichungen davon quasi in Echtzeit erkennen und damit - etwa in militärischen oder in polizeilichen Situationen - schnelles und zielgerichtetes Handeln gestatten sollen. Dystopisch ist die Sache obendrein natürlich auch und selbstredend verdient Microsoft an der Sache mit: "Ein Beamter der NYPD zeigte mir, wie er sich jedes Führungszeugnis jedes Bürgers der Stadt aufs Telefon holen kann, dazu Listen ihrer bekannten Kontakte, Fälle, in denen sie als Opfer eines Verbrechens oder als Zeuge genannt werden und, sofern sie ein Auto besitzen, eine Karte mit ihren gängigen Fahrtwegen, sowie eine komplette Liste, wann sie falsch geparkt haben. Dann reichte er mir das Telefon. Machen Sie mal, sagte er, suchen Sie einen Namen. Zig Leute kamen mir in den Sinn. Freunde, Geliebte, Feinde. Letztendlich entschied ich mich für das Opfer einer Schießerei, deren Zeuge ich in Brooklyn vor ein paar Jahren war. Sofort tauchte es auf, mit einer ganzen Menge weiterer persönlicher Informationen, bei denen mich der Eindruck beschlich, dass weder ich noch ein neugieriger Polizeibeamter ein Recht auf ihre Kenntnis besaßen, sofern kein Gerichtsbeschluss vorlag. Mit einem leichten Schwindelgefühl reichte ich das Telefon zurück."

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - Wired

Bei Rachel Monroes im Modus teilnehmender Beobachtung verfasster Reportage über die paramilitärische Waffenausbildung für zivile US-Bürger wird einem ganz anders - zumal wenn man sich vor Augen hält, dass die Zahl der Waffenträger in den USA trotz enorm sinkender Verbrechensrate in den letzten 30 Jahren rapide zugenommen hat. Für die Ausbilder ist es ein florierendes Geschäftsmodell: "Viele Ausbilder im taktischen Training nutzen ihre Kampferfahrung als Werbemittel, was nur eine weitere Art und Weise ist, wie unsere Kriege nicht in Übersee bleiben. Die Historikerin Kathleen Belew schreibt über die Nebenwirkungen des Vietnamkriegs auf die US-Kultur in den 80ern und 90ern: Es war die Zeit des Magazins Soldier of Fortune, von Rambo, Paintball, von Kriegsneurosen - aber auch der widerspenstigen, gewalttätigen Milizbewegungen. 'Es gab einen Punkt, an dem die Leute, die sich in paramilitärischen Orten einfach nur zum Spaß austobten, auf jene radikalen Elemente trafen, die diese Orte mutwillig nutzen, um gewalttätigen Aktivismus zu fördern', erzählt mir Belew. Nach dem Anschlag in Oklahoma City im Jahr 1995 geriet die paramilitärische Kultur zwar außer Mode. Doch in jüngsten Jahren ist eine aufs Neue militarisierte Ästhetik und das Weltbild gleich dazu in unsere Popkultur eingesickert, ein Folgeeffekt der Konflikte in Irak und Afghanistan. ... Und wenn ganz normale Leute Militär- und Polizeitaktiken von eben jenen Leuten lernen, die auch die Profis im Feld - mitunter gleichzeitig - ausbilden, dann liegt es auch für die ganz normalen Leute zunehmend nahe, dass auch sie sich damit beauftragt sehen, die gesellschaftliche Ordung - oder was sie darunter verstehen - aufrecht zu erhalten. Die Gefahr, die in der Ausbildung zum Kampf liegt, ist die, dass sie einen Feind voraussetzt und dass militarisierte Bürger, genau wie die militärisierte Ordnungskräfte, diesen Feind zunehmend unter ihren amerikanischen Mitbürgern verorten."

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Wired

Die Nachrichtenlage zum Corona-Impfstoff entwickelte sich in den letzten Tagen sehr erfreulich. Da mit einer global flächendeckenden Impfung mangels Ressourcen und Infrastruktur fürs Erste wohl nicht zu rechnen ist, stellt sich die Frage nach der epidemiologisch sinnvollsten Strategie. Dass man besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen als erste immunisiert, klingt zunächst sehr menschenfreundlich und legt einem der gesunde Menschenverstand auch nahe. Und da andere Lösungen wohl zu aufwändig oder mit dem Datenschutz nicht vereinbar wären, wird es letztendlich darauf wohl auch hinauslaufen, schreibt Christopher Cox. Anregend sind seine Überlegungen über alternative Impfstrategien aber dennoch: Ausgehend von der epidemiologischen Faustregel, dass 80 Prozent aller Ansteckungen auf lediglich 20 Prozent aller Infizierten zurückzuführen sind, wäre es sinnvoll, potenzielle Superspreader zuerst zu impfen. Problem natürlich: Wie diese idenfizieren? "Und selbst wenn eine Strategie, diese ausfindig zu machen, reibungslos funktionieren würde, könnte sie zu Ergebnissen führen, die sich moralisch fragwürdig anfühlen. Mal angenommen, man impft geradlinig durch, hat aber zwei mögliche Kandidaten. Der erste studiert am College, betreibt kein Social Distancing, trägt seine Atemmaske lediglich unter dem Kinn und spielt das ganze Wochenende auf Undergroundpartys Beer Pong mit seinen Kumpels. Kandidat Nummer zwei ist eine 87 Jahre alte, verwitete Großmutter, die alleine lebt und seit März kaum vor der Türe war. Besteht Dein Ziel darin, die Person mit dem höheren Risiko zu schützen, ginge der Impfstoff an Großmutter. Wenn Dein Ziel darin besteht, die Übertragungsraten zu senken, sollte man den Partykumpel impfen. Aus Perspektive der Gesellschaft ist er ein Volltrottel. Aus Perspektive des Netzwerks ein Hauptumschlagplatz."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - Wired

"Mostly Harmless" nannte sich ein Hiker, der ohne digitale Hilfsmittel vom Norden der USA entlang der Ostküste bis nach Florida kommen wollte. Dort in den Sümpfen wurde 2018 seine Leiche entdeckt - Todesursache unbekannt. Auch eine Identifizierung war nicht möglich. Eventuell kann nun ein Gentech-Unternehmen namens Othram entscheidende Hinweise liefern, schreibt Nicholas Thompson: Dort wurde vor kurzem eine Gewebeprobe sequenzialisiert. "Um Mostly Harmless zu identifizieren, muss das Othram-Team seine Geninformationen mit denen anderer Leute abgleichen. Dies geschieht über einen Dienstleister namens GEDMatch und dessen Datenbank von DNS-Proben, die Leute freiwillig abgegeben haben, um ihrerseits auf Hoffnungen und Fragen Antworten zu finden - sie suchen eine verlorene Halbschwester oder nach Hinweisen auf ihren Großvater. Für die Ermittlungsbehörden stellt diese DNS-Sammlung geradezu ein Füllhorn dar. Jede neue Probe entspricht einem weiteren neuen Buch in einer Bibliothek, das durchsucht und ausgewertet werden kann. Es war diese Technologie, die es den Ermittlern im kalifornischen Contra Costa County im Frühjahr 2018 ermöglichte, den Golden State Killer zu überführen, indem sie eine DNS-Probe des Mörders mit GEDMatch-Proben von Verwandten abglichen. ... Just in diesem Moment arbeiten sich die Datenanalysten auf der Suche nach Mustern durch alle DNS-Proben, die bei GEDMatch hinterlegt sind, um die Kreise um die Identität von Mostly Harmless enger zu ziehen. Sie arbeiten derzeit wahrscheinlich daran, einen Stammbaum zu erstellen. Angenommen, sie finden jemanden in den Datenbanken, dessen DNS nahelegt, dass es sich um einen Cousin vierten Grades handelt, und dann vielleicht noch jemanden, der ein Cousin dritten Grades zu sein scheint. In welcher Verbindung stehen diese beiden Personen? Mithilfe dieser langsamen, sorgfältigen Analyse sind sie in der Lage, sich einer Antwort anzunähern."
Stichwörter: Dna-Analysen, Gentechnik

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Wired

Die ersten beiden Romane aus Cory Doctorows "Little Brother"-Trilogie richteten sich noch an ein jüngeres Lesepublikum, dem der Autor ein ethisches Hacker- und Kryptografen-Bewusstsein mit auf den Weg geben wollte. Der dritte Teil schlägt nun erwachsenere Töne an, schreibt Andy Greenberg: Dem Nerd-Triumphalismus der Hauptfigur Marcus Yallow folgt der Nerd-Realismus der neuen Hauptfigur Masha Maximow, eine Computerspezialistin und Idealistin, die aber feststellen muss, dass ihr Arbeitgeber in ethisch unverantwortliche Geschäfte investiert. "Doctorow geht es nicht darum, dass das Publikum sich zwischen den beiden Figuren entscheiden muss. Vielmehr möchte er, dass sich die Leser in beiden Figuren gleichberechtigt wiedererkennen, um Doctorows Moralitätenspiel aus beiden Perspektiven zu durchleben. Und er sagt, dass die zweite Perspektive vielleicht sogar viel näher an der Lebenswirklichkeit ist: Sein Buch richtet sich nicht an die kükenhaften Marcusse, die noch moralisch unbefleckt sind, sondern an die viel größere Kohorte der Mashas, die in ihren Tech-Karrieren bereits moralische Kompromisse hinter sich haben, die bei einem Social-Media-Giganten arbeiten, der die Privatsphäre unterwandert, bei einer Adtech-Firma, einem Überwachungsanbieter oder bei einem Geheimdienst. 'Ich möchte diejenigen Leute erreichen, die wie Robert Oppenheimer sind, denen mit Verspätung einfällt, ob es wirklich eine gute Idee ist, dieses Manhattan-Projekt vorwärts zu treiben, das Leute manipuliert, ausspioniert oder kontrolliert.' ... Doctorows Ziel ist es nicht, diese Leute zu beschämen, noch ihnen Absolution für ihre Sünden zu erteilen. Seine Nachricht an all die ethisch kompromittierten Mashas ist, dass es nicht zu spät ist. 'Jetzt ist die Zeit, sich darüber klar zu werden, auf welcher Seite des Kampfes man steht', sagt er: 'ob uns die Computer kontrollieren, oder ob die Computer uns Kontrolle geben."

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - Wired

Von Glück reden kann Twitter, dass der Hacking-Angriff vom 15. Juli, als eine Reihe prominenter Twitter-Accounts für einen Scam gekapert wurde, lediglich auf schnellen Gelderwerb abzielte und keine politischen Interessen verfolgte. Sollte ein vergleichbarer Angriff zu den US-Prädidentschaftswahlen stattfinden, käme dies einer globalen Katastrophe gleich, schreiben Nicholas Thompson und Brian Barrett. "Hausinterne Untersuchen ergaben, dass die Angreifer die privaten Nachrichten von 36 der 130 Ziel-Accounts eingesehen haben. Im Fall von acht Opfern luden sie die unter 'Your Twitter Data' hinterlegten Informationen herunter, also unter anderem sämtliche Tweets und alle persönlichen Nachrichten, die je von diesem Account verschickt wurden. ... Ein Hacker, der sich mehr für Spionage als für Krypto-Währungen interessiert, würde diese Art des Zugriffs lieben. Auch gibt es die Möglichkeit der direkten Disruption: Wer Chaos am Wahltag stiften will, könnte das mit einem gut getimeten Tweet von Joe Bidens Profil aus sehr gut bewerkstelligen. Oder mit so etwas wie den 'Hacken und Leaken'-Aktionen, die Russland erst 2016 in den USA und im Folgejahr in Frankreich abgezogen hat. ... Twitter befasst sich mit solchen Risiken derzeit ohne einen Hauptverantwortlichen für die Sicherheit. Den gibt es seit vergangenem Dezember nicht mehr. Dennoch hat sich das Unternehmen für die Apokalypse vorbereitet. Zwischen erstem März und erstem August hat Twitter die oben genannten und weitere Szenarien in einer Reihe von Planspielen durchgearbeitet und die Vorgehensweise für den Fall festgelegt, dass die Lage unvermeidlich außer Kontrolle gerät. Man hat Optionen überprüft und optimiert, um sicherzustellen, dass im Falle des nächsten Dammbruchs das Sicherheitsteam nicht gerade beim Angelausflug ist. Und selbstverständlich gibt es auch einen Plan dafür, was passiert, wenn der Konflikt auf der Plattform nicht von einem Hacker verursacht wird, sondern von einem Politiker oder Präsidenten, dem gerade der Sinn danach steht, Scheiße zu posten."

Außerdem: Clive Thompson hat recherchiert, wie YouTube die lange Zeit aufgrund von Empfehlungsalgorithmen florierenden Accounts von Verschwörungstheoretikern, Esoterikern, Flacherdlern und anderen Spinnern wieder kleinzukriegen versucht. Die Trump-Administration legt einen eisernen Willen zutage und hat sich für die Zukunft fest vorgenommen, dem Klimawandel auch weiterhin nicht entgegen zu treten, berichtet Adam Ferman. Netflix, einst als Retter von bei anderen Sendern abgesetzter Serien an den Markt getreten, setzt seine Serien nun selbst auf Grundlage kühlster Datenanalysen ab, schreibt Alex Lee. Jason Kehe porträtiert die Schriftstellerin Susanne Clarke, die nach ihrem internationalen Fantasy-Bestseller "Jonathan Strange & Mr. Norrell" 16 Jahre für ihren jetzt erschienenen zweiten Roman brauchte - auch wohl, weil sie eine schwere Phase einer psychischen Krankheiten durchleben musste. Jason Parham stellt den Radioarchivar Jean-Gabriel Prats vor, der alte Radiosendungen sammelt und auf Youtube archiviert. Terry Virts liefert außerdem wertvolle Informationen für den Fall, dass man mal den eigenen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre meisten muss.

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - Wired

Von wegen Liebesgöttin: Venus ist buchstäblich die Hölle - zwar nicht auf Erden, aber in unserem Sonnensystem. Die Temperatur dort beträgt bleischmelzende 400 Grad, es herrscht ein Druck wie bei uns 900 Meter unter der Meeresoberfläche. Und dieses Inferno soll Leben bergen? Spuren von Monophosphan, von dem man annimmt, dass es in signifikanten Mengen nur im Zusammenhang mit organisch-biologischen Prozesse auftritt, könnten jedenfalls darauf hindeuten, erfahren wir aus Sarah Scoles' Porträt der Astronomin Jane Greaves, die auf diese Spuren gestoßen ist und nun erforscht, inwiefern dieser Fund tatsächlich die Aussage bekräftigt, dass sich in unserem Sonnensystem auch außerhalb der Erde Lebensformen finden - in diesem Fall womöglich eine primitive in den oberen Atmosphärenschichten des Planeten, wo bessere Bedingungen herrschen. "Um nichtbiologische Szenarien auszuschließen, warf ein MIT-Team unter der Leitung von Williams Bains seine Venus-Simulationen an und einen Blick auf andere Prozesse, die Phosphine entstehen lassen könnten: Sonnenlicht, von der Oberfläche aufgewirbelte Mineralien, vulkanische und tektonische Aktivitäten, Blitze oder Kometen und Meteoriten, die das Material einsprenkeln. 'Die meisten chemischen Zusammensetzungen lassen sich auf verschiedenen Wegen hervorbringen', sagt Greaves. Das Team spielte also jede ihnen nur denkbare Möglichkeit durch. Keine würde diese Mengen an Monophosphan freisetzen, auf die sie gestoßen sind. Die letzte, die ihnen blieb? Leben. ... Doch Monophosphan, erklärt die Astrobiologin Victoria Meadows, ist ein einfaches Molekül, das unter Umständen auch in planetarischen Prozessen entsteht, die uns nicht vertraut sind. In diesem Falle also Prozesse jenseits dieser Simulation. Das wäre die einfachste Erklärung dafür, warum ein Planet wie Venus Monophosphan aufweist."

Außerdem: Die Open-Source-Plattform GitHub ist in China unter dem Corona-Lockdown ein Hafen der freien Rede in einem ansonsten schwer zensierten Internet geworden, berichtet Yi-Ling Liu. Jack Hitt porträtiert den Aktivisten Steve Tingley-Hock, der sich mit den Tücken und Abgründen des amerikanischen Wahlsystems auseinandersetzt, das regelmäßig Teilen der Bevölkerung ihr Wahlrecht erschwert. Cody Cassidy erklärt am Beispiel des historischen Vesuvausbruchs in der Antike, wie man sich vor einem speienden Vulkan in Sicherheit bringt (Spoiler: Allzu gut stehen Ihre Chancen nicht).