Magazinrundschau - Archiv

Wired

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Magazinrundschau vom 24.03.2020 - Wired

Die große Frage, die jetzt allen auf den Nägeln brennt: Wann hört das mit der Corona-Krise wieder auf? Wann hält die Normalität wieder Einzug? Steven Levy hat bei dem Epidemiologen Larry Brilliant nachgefragt, der seit 2006 vor den verheerenden Folgen einer globalen Pandemie warnt. Seine Antwort: "Dafür müssen drei Dinge geschehen sein: Erstens, wir müssen herausgefunden haben, ob die Verteilung dieses Virus aussieht wie ein Eisberg, von dem nur ein Siebtel über dem Wasser liegt, oder wie eine Pyramide, die wir zur Gänze sehen. Wenn wir derzeit nur ein Siebtel der tatsächlichen Fälle sehen, weil wir nicht ausreichend testen, und wir dafür blind sind, dann befinden wir uns in einer Welt des Schmerzes. Zweitens, wir müssen eine effektive Behandlung gefunden haben - eine Impfung oder ein Gegenmittel. Und drittens und vielleicht am wichtigsten: Es muss sich abzeichnen, dass eine große Menge von Menschen - insbesondere Krankenschwester, Pfleger für den Heimbereich, Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute und Lehrer, die die Krankheit hatten - immun ist und dass wir sie getestet haben, um zu wissen, dass sie tatsächlich nicht mehr infektiös sind. Und wir brauchen ein System, dass sie als solche identifziert. Ein Armband oder eine Ausweiskarte mit ihrem Foto oder einer Art Beleg darauf. Dann können wir unsere Kinder ruhigen Gewissens zurück in die Schule schicken, im Wissen, dass der Lehrer sie nicht anstecken kann. Und statt dass wir sagen, 'nein, man kann niemanden in einem Pflegehaushalt besuchen', haben wir eine Gruppe von Leuten, die ausgewiesenermaßen mit älteren und anfälligen Leuten arbeiten können, und Krankenschwestern, die zurück in die Krankenhäuser gehen können, und Zahnärzte, die Deinen Mund öffnen und hineinsehen können, ohne Dir dabei den Virus zu verabreichen. Wenn diese drei Dinge geschehen, ist der Zeitpunkt genommen, an dem die Normalität zurückkehrt."

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Wired

Jahrelang hat Nordkorea nahezu perfekt gefälschte Dollars gedruckt, doch seit einiger Zeit hat sich das Land darauf spezialisiert, mit avancierten Hacks westliche Banken digital auszurauben, hat Ben Buchanan recherchiert. Nachdem ein groß angelegter Heist - für den auch diverse Drucker per Fernsteuerung lahmgelegt werden mussten - nicht ganz den ersehnten Ertrag brachte (zahlreiche Banken hatten Nachfragen angesichts der Häufung ungewöhnlicher Überweisungsanfragen), hat sich das Land 2018 auf eine andere Strategie verlegt: "Die Operation begann irgendwann im Juni 2018 damit, die Cosmos Cooperative Bank in Indien zu kompromittieren. Nachdem die Hacker dort erst einmal drin waren, erarbeiteten sie sich ein tiefgehendes Verständnis der Funktionsweise dieser Bank und verschafften sich einen geheimen Zugang zu maßgeblichen Teilen ihrer Rechner-Infrastruktur. Den ganzen Sommer 2018 lang schienen sie sich auf eine neue Art Operation vorzubereiten. Diesmal würden sie sich auf Bankkarten und elektronische Überweisungen konzentrieren, um das Geld rauszuschaffen. ... Am 11. August wurden die Nordkoreaner schließlich aktiv. In einem Zeitfenster von wenig mehr als zwei Stunden traten Geldkuriere in 28 Ländern in Aktion. Mit gefälschten, voll funktionsfähigen Kontokarten hoben sie an Automaten in aller Welt Beträge zwischen 100 und 2500 Dollar ab. Während frühere nordkoreanische Versuche daran gescheitert sind, dass der Transfer riesiger Summen ziemlich auffällig und leicht rückgängig zu machen ist, war diese Aktion darauf angelegt, breit, flexibel und schnell zu sein. Insgesamt erbeuteten sie elf Million Dollar."

Außerdem hat Nicola Twilley nachgeforscht, was wir künftig auf langen Weltraumreisen essen werden. Eine zentrale Frage, denn: "Ein durchtrainierter Astronaut mag zwar in der Lage sein, von Weltall-Studentenfutter zu leben, ohne durchzudrehen. Aber was ist mit den Zivilisten, die ein Ticket ohne Rückkehr zum Mars buchen? Maggie Coblentz, die die gastronomische Forschung der Space Exploration Initiative leitet, behauptet, dass uns erst gutes Essen, genau wie Kunst, Musik und ausreichend Bewegung, in die Lage versetzt, die Erde hinter uns zu lassen. ... 'Die Leute, fragen mich, warum ich denn nicht einfach Pasta im Weltall koche, ich sei doch Italiener', sagt der Astronaut Paolo Nespoli. 'Und ich sage nur: Nun ja, das würde ich rasend gerne. Aber das geht nicht.' Meiner Meinung nach kann man Essen im All nicht verstehen, solange man nicht einige der grundlegenden praktischen Probleme verstanden hat, die aus Essen im All das machen, was es nun einmal ist.'"

Stichwörter: Nordkorea, Bankraub, Raumfahrt

Magazinrundschau vom 11.02.2020 - Wired

Vikram Chandra ist ein rarer Typus Schriftsteller: Neben dem Verfassen komplex und episch angelegter historischer Romane gilt seine Leidenschaft dem Programmieren. Beides verbindet sich in seiner Software Granthika, die es erlauben soll, beim Verfassen komplizierter Romane den Überblick zu behalten und  die Architektur komplexer narrativer Strukturen stabil zu halten, wie Andrew Leonard in seinem großen Porträt schreibt. Wie darf man sich das vorstellen? Zentral für dieses Vorhaben ist der sogenannte Hypergraph, der das bloße Dokumentieren einfacher Verbindungen übersteigt: "Chandra wurde klar, dass ein Hypergraph-Ansatz ein Organisationssystem gestatten würde, dass vielfache Verbindungen zwischen Leuten, Orten und Objekten erlaubt, ohne dass man sich in Versuchen, die essenzielle Bedeutung jedes einzelnen Elements zu definieren, festfährt. Das Ziel, ein Textdokument in einen Hypergraph zahlreicher Verbindungen mit einer komplexen Knotenpunktstruktur umzuwandeln, ist das zentrale Arbeitsprinzip von Granthika. ... In der ersten Version, die im November veröffentlicht wurde, traten Schriftsteller in einen fortlaufenden Dialog mit der Software ein. Der Schriftsteller erklärt Granthik, dass dies-und-das eine 'Figur' ist, dass jenes-und-dieses ein 'Ereignis' darstellt, das zu jener Zeit geschieht oder an diesem Ort mit jener Figur und so weiter. Daraus entsteht das Regelwerk, die zeitliche Abfolge, das Wer-Was-Wo-Wann-Wie. Hinter den Kulissen, unter der Oberfläche des Dokuments ist Granthika eine Datenbank, die diese Querverweise zwischen den Textobjekten erstellt. Will man inmitten des kreativen Prozesses die Entwicklungslinie einer bestimmten Figur nachvollziehen, so kann man auf deren Namen klicken und erhält einen zeitlichen Ablauf aller Ereignisse und Szenen, die mit dieser Figur zu tun haben. ... Der Durchbruch besteht darin, dass der Computer an keinem sensiblen Punkt verstehen muss, wer diese Figur ist. Es reicht völlig aus zu wissen, mit welchen Textobjekten die Figur in Verbindung steht. Eine solche Hypergraph-Datenbank zu erstellen, ist ein rechenintensiver Prozess, der nach Angaben des Programmierers Borislav Iordanov bis vor kurzem gar nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Und es handelt sich um eine Umsetzung dessen, was die frühesten Beobachter elektronischer Textverarbeitung als einen zentralen Aspekt von computer-vermittelter, global vernetzter Technologie identifiziert hatten: die neue Möglichkeit, Dinge sinnhaft miteinander in Beziehung zu setzen."
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Magazinrundschau vom 28.01.2020 - Wired

Trevor Quirk porträtiert Steven Bonnell, einen früheren Online-Troll, der sich von einem streckenweise reaktionären Libertarismus hin zu liberaleren Position entwickelt hat und sein Geld mit dem Streaming von Computerspielen verdient, bei denen er sich im Chat auf Youtube und Twitch unter dem nom de guerre Destiny wort- und faktenreich mit früheren Gesinnungsgenossen anlegt. Aber bringt das was? Sind die Empfehlungsalgorithmen von Youtube in diesem Spiel nicht viel stärker? Quirk verweist auf eine Studie der Politikwissenschaftler Kevin Munger und Jospeh Phillips über Radikalisierung auf YouTube: Danach tragen die Empfehlungsalgorithmen von Youtube keineswegs zur Radikalisierung argloser Zuschauer bei. Sie befriedigen eher eine bestehende Nachfrage, indem sie radikale, alternative politische Kanons mit jenen Communities zusammenzubringen, die sich als dafür empfänglich erweisen, aber bisher kein sie ansprechendes Medienangebot hatten. In diesem Kosmos scheint Bonnell aka Destiny tatsächlich Wirkung zu zeigen, nicht, "weil er die Empfehlungsalgorithmen von YouTube gekapert hätte, sondern weil er die kulturellen Normen kennt, mit denen die Rechtsextremen operieren. Wenn Sie jemand sind, der online reaktionärer Politik erlegen ist, dann werden Sie in Bonnell einen verwandten Geist sehen - einen College-Abbrecher aus Nebraska, der über politische Höflichkeit spottet, in düsterem, selbstreferentiellem Humor schwelgt und über buchstäblich alles offen spricht. Und, was vielleicht am wichtigsten ist, Sie werden jemanden sehen, der jahrelang eine Gemeinschaft gepflegt hat, die Ihnen Ihre vergangenen Indiskretionen eher verzeiht, als Sie dafür an den Pranger zu stellen. Es ist mehr oder weniger unmöglich für Bonnell, seine Effektivität zu messen, deshalb verlässt er sich widerwillig auf seine Intuition. Nach jeder Debatte verbringt er viel Zeit damit, die verschiedenen Foren des Internets zu durchforsten - Reddit, 4chan, Kommentar-Threads auf YouTube oder Facebook - und nach verstörten Gemütern zu suchen. Dabei ist ihm eine unter den Zuschauern verbreitete Formulierung von Zweifeln aufgefallen, die er so zusammenfasst: 'Wisst ihr, normalerweise mag ich Figur X wirklich gern und ich denke, dass das Destiny ein verdammter Idiot ist, aber ich finde, dass Figur X ihm schlecht geantwortet hat.'"

Dazu passend: Auch Gideon Lewis-Kraus legt in einem langen Artikel nahe, dass es nicht die Algorithmen sind, die der Demokratie schaden. Es liege an politischen Verwerfungen, die in den globalen Gesellschaften schon vor dem Siegeszug von Facebook und Co. schlummerten: "Das Schuldigsprechen von Unternehmen hat wahrscheinlich eher zweckmäßige als empirische Gründe. Es ist viel einfacher sich vorzustellen, wie wir auf eine Handvoll Firmen Druck ausüben könnten, als die Überzeugungen von Milliarden von Nutzern anzusprechen. Es ist immer verführerischer, dort nach den Schlüsseln zu suchen, wo das Licht am hellsten ist. Eine bessere Lösung wäre es, von Tech-Kritikern abverlangen, die Bedürfnisse der Leute genauso ernst zu nehmen, wie es diese Firmen tun, auch wenn das heißt, in den Abgrund zu blicken."

Auch der Schauspieler Chris Evans, aus dem Superheldenkino bekannt als Captain America, sorgt sich im übrigen um vereinzelte politische Communities und möchte mit einem neuen Projekt dafür sorgen, dass wieder mehr politischer Austausch zwischen den politischen Lagern stattfindet - Arielle Pardes hat ihn dabei begleitet. Außerdem wirft Wired einen Blick zurück in die Geschichte der Gesichtserkennung und erzählt die lange Geschichte der Auseinandersetzung zwischen den USA und dem chinesischen Telekommunikationsanbieter Huawei. Donna Jackson Nakazawa wirft einen Blick unter unsere Schädeldecke und findet dabei die Gehirnzellen, die an der Schnittstelle zwischen mentaler und physischer Gesundheit werkeln. Simon van Zuylen-Wood war bei Rotten Tomatoes zu Besuch, einer Aggregator-Seite für Filmkritiken, die mittlerweile über eine hohe - und nach Ansicht vieler Kritiker und Studios: zu hohe - Macht verfügt.

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Wired

Der Klimawandel macht es möglich: In Sibiren boomt der "Abbau" von Mammut-Elfenbein, da immer mehr der geschätzt 10 Millionen im rapide abtauenden Permafrost eingelagerten Urzeitriesen zugänglich werden, berichtet Sabrina Weiss in der britischen Wired-Ausgabe. Insbesondere China, wo das Elfenbein für kunstvolle Schnitzereien verwendet wird, ist hier ein dankbarer Abnehmer, schließlich ist dort der Handel mit Elefanten-Elfenbein seit einigen Jahren verboten. Alles prima also? Nicht ganz: "Mammut-Elfenbein wurde als 'ethische' Alternative zum andauernden, illegalen Elfenbeinhandel beworben, der eine ganze Spezies der Ausrottung preiszugeben droht. Doch zu welchem Preis? Früher in diesem Jahr untersuchten Ökonomen der Texas A&M University und der University of Calgary, welche Auswirkungen die Versorgung mit ausgehobenem Mammut-Elfenbein zwischen 2010 und 2012 auf die illegale Jagd auf wilde Elefanten hat. Sie schätzten, dass die achtzig Tonnen Mammut-Elfenbein, die im Schnitt pro Jahr von Russland nach China gelangen, die Zahl gewilderter Elefanten von jährlich 55.000 auf 34.000 absenkt. Auf der anderen Seite gehen Umweltschützer und Aktivisten davon aus, dass der Mammut-Elfenbeinhandel eine kriminelle Industrie am Leben erhält. Sie befürchten, dass er ein Schlupfloch darstellt, um das Handelsmaterial bewusst falsch zu labeln und damit zu 'waschen'. Im August diskutierten Teilnehmer der CITES, der größten Konferenz über den Handel mit Wildtieren, darüber, ob man das Wollmammut, in einem Versuch, den Handel zu regulieren und den Elfenbein-Schmuggel zu zerschlagen, nicht als erste ausgestorbene Spezies auf die Liste der bedrohten Tierarten setzen sollte."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - Wired

Heftige Alarmsignale sendet Peter Guest in der britischen Ausgabe von Wired: Jakarta könnte die erste Millionen-Metropole sein, die den Folgen einer desaströsen Umwelt- und Sozialpolitik und nicht zuletzt dem Klimawandel zum Opfer fällt. Ursache dafür sind eine Mischung aus einer zu schnell gewachsenen Bevölkerung, mangelnder Infratstruktur und der Aussicht auf einen rapide ansteigenden Meeresspiegel in den kommenden Jahrzehnten. Paradoxerweise fällt die Stadt gerade deshalb ins Wasser, weil es in dieser wasserreichen Stadt einen eklatanten Mangel an Wasser gibt: "Als die Stadt im Zuge des Ölbooms der 70er wuchs - die Zahl der Bewohner in der Metro-Region stieg in 50 Jahren um mehr als Dreifache -, konnte die Infrastruktur damit nicht mithalten. Wasserleitungen erreichen gerade einmal 60 Prozent der Bevölkerung und konzentrieren sich auf die relativ wohlhabenden Gegenden im Süden und im Stadtzentrum Jakartas. Die Flüsse, die frisches Wasser zur Verfügung stellen sollten, sind zu großen Teilen unbrauchbar, weil unkontrolliert Müll in sie gekippt wird - von menschlichen Exkrementen bis zu Industrieabwasser. Um diesem Mangel an Trinkwasser zu begegnen, haben die Anwohner und Geschäfte Bohrungen in die Grundwasserführungen unterhalb der Stadt vorgenommen. Selbst einige Regierungsgebäude sind von Grundwasser abhängig. 'Das Wasser reicht nicht aus, deshalb pumpen die Leute zu viel Grundwasser ab. Und wegen der rapiden Urbanisierung der letzten 30 Jahre ist die Fläche, durch die noch Wasser dringen kann, so gering geworden, dass das Grundwasser kaum noch Nachschub hat', sagt Kian Goh, ein Mitarbeiter der Universität von Kalifornien, der ausführlich zu Jakarta forscht. Die Menge abgepumpten Grundwassers hat die Fundamente der Stadt buchstäblich herabgesetzt - in weiten Teilen der Stadt senkt sich der Boden. Einige Gebiete im Norden sind in den letzten zwei Jahrzehnten um vier Meter abgesunken. Damit liegt die Gegend so tief unter der Bucht, dass Wasser nicht mehr abfließen kann."

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Wired

Ein kurzweiliges Stück Computerspielgeschichte erzählt Lisa Wood Shapiro: In den 90ern war sie nämlich bei Take Two an der Produktion von "Ripper" beteiligt, einem Abenteuerspiel, das als interaktiver Film angelegt und mit Christoph Walken und Burgess Meredith (in seiner letzten Rolle!) bemerkenswert prominent besetzt war. Dass allerdings nicht etwa "full motion video" (mit allen Herausforderungen und Begrenzungen), sondern vielmehr die 3D-Egoperspektive das nächste große Ding der Gamekultur werden würde, dämmerte einigen wohl schon damals - das Spiel floppte, versank in der Versenkung und feierte zuletzt in Form von Youtube-Replays ein Comeback. Womit sich die Frage stellt: Wie sollen Games, als nicht unwichtiger Teil popkultureller Geschichte, künftig historisch gesichert und aufbereitet werden? Bücher und Filme aus den 90ern sind problemlos abrufbar, aber das Spiele-Erbe der 90er droht verloren zu gehen: "Versucht man, ein Videospiel aus diesen Jahrgängen zum Laufen zu bringen, merkt man schnell, wie weit entfernt die nahe Vergangenheit wirklich liegt. Wenn der physische Verfall die CD-ROM nicht sowieso schon unlesbar gemacht hat, müsste man Stunden an Arbeit investieren, um das Spiel zum Laufen zu bringen. ... Egal, wie viele Arbeitsstunden in ihnen stecken, um ihre detaillierten und beeindruckend gerenderten Welten entstehen zu lassen: Alte Spiele verschwinden rasch, ihr Programmcode ist dem Verfall preisgegeben. ... James Clarendon, der früher bei 2K Games arbeitete, einer Tochter von Take Two, räumt ein, dass die Firma, als sie ihren Megahit BioShock nach fünf Jahren wiederveröffentlichen wollte, feststellen musste, dass es von dem Spiel keine Archivversion gab. 'Wir mussten die Rechner der Mitarbeiter durchforsten - Künstler, Programmierer, allesamt -, um die fehlenden Teile zusammenzusuchen und wieder zusammenzufügen. Deshalb entsprach die wiederveröffentlichte Version auch nicht der ursprünglichen.' Take Two gab für diese Reportage keine Auskunft. Ob sie noch über die Bauelemente von 'Ripper' verfügen, ist somit unklar." Hier ein kleiner Ausschnitt mit Christopher Walken, der selbst noch unter den spärlichen Bedingungen einer Videospielproduktion liefert:

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - Wired

Jeder Unfall, jede Katastrophe setzt auch immer eine Wissensproduktion frei, die dabei hilft, künftige Unfälle und Katastrophen abzumildern oder gar zu verhindern. So auch die beiden großen Tsunami-Katastrophen von 2004 (Haiti) und 2011 (Japan), die beide inmitten eines medientechnologischen Umbruchs stattfanden: Beide wurden mithilfe von Smartphones massenhaft gefilmt. War die Tsunami-Forschung zuvor auf die nachbereitende Auswertung von Spuren und Anekdoten angewiesen, lieferte die fast schon forensische Auswertung der zahlreichen Privataufnahmen nun entscheidende Impulse, um zumindest das tragische Ausmaß solcher Katastrophen künftig zu dämpfen, erklärt Gloria Dickie: "Da parallel auch die Erdbeben-Analyse verbessert wurde, bedeutet dies, dass der Katastrophenschutz ziemlich schnell akkuratere Einschätzungen der Stärke des Erdbebens erhält. Mancherorts wurde die Personaldichte verdoppelt und tausende Forscher weltweit erforschen nun diese Naturkatastrophe. Hätte es das heutige System schon 2004 gegeben, 'dann hätten 15.000 Menschen in Sri Lanka vielleicht nicht sterben müssen. Und auch Tausende in Indien hätten nicht sterben müssen', erklärt Stuart Weinstein, der das Pacific Tsunami Warning Center bei Honolulu leitet. ... Gemeinsam mit den Informationen, die aus den Videos der Überlebenden gewonnen werden konnten, haben sich Daten der DART-Boyen und der Seismometer als mächtige Kombination herausgeschält. 'Vor 2004 war jeder der Ansicht, dass das Erdbeben Auskunft über die Schwere des Tsunamis geben könnte', sagt Eddie Bernard, Leiter des Pacific Marine Environmental Laboratorys in Seattle. 'Das war die krude Art, wie wir damals an die Sache herangegangen sind. Es war so krude, dass sich 75 Prozent aller Warnungen als falscher Alarm herausstellten.' Heutzutage, sagt Weinstein, 'verfügen wir über die Instrumente, binnen 20 Minuten eine Tsunami-Prognose zu erstellen.'"

Eher amüsant zu lesen ist Darryn Kings Reportage über die Dreharbeiten zu Ang Lees neuem Film "Gemini Man", in dem Will Smith gegen sein deutlich jüngeres Selbst antritt. Da Lee zudem mit erhöhter Framerate pro Sekunde dreht, musste die für Entalterung nötige Tricktechnik ordentlich was leisten, erfahren wir: Alte Filmaufnahmen aus den 90ern wurden hochauflösend eingescannt - genau wie Will Smiths heutiges Gesicht. Über ein Jahr lang war eine ganze Armada von Special-Effects-Experten damit beschäftigt, einen digitalen Klon zu schaffen, der bis in tiefsten Poren und Muskelschichten dem Vorbild entspricht. "Wie die Monate so dahinstrichen, erzählt Williams, wurden die Veredelungen und Feinabstimmungen geradezu absurd pedantisch. 'Bei diesem Job gab es Momente, wo eine ganze Meute erwachsener Menschen im mittleren Alter um einen Monitor herumsaß und darüber sprach, wieviel Glanz ein Pickel haben sollte.'" Dem Schauspieler selbst hat das Ergebnis im übrigen gut gefallen: "'Da gibt es jetzt eine komplett digitale, 23-jährige Version meiner selbst, die das mit dem Filmedrehen jetzt für mich übernehmen kann', sagte er bei einer Vorführung des Films im Juli. 'Ich werde jetzt schön rund und dick! Nehmt doch Gemini-Junior!'" Der Trailer ist schon mal überzeugend:

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Wired

Städte wandeln sich - und damit auch die wilden Tiere, die diese Städte bevölkern, viele von ihnen unter unserem Wahrnehmungsradar: "Urban Evolution" nennt sich ein relativ neuer, zusehends wichtig werdender Forschungszweig, den Brendan I. Koerner genauer unter die Lupe nimmt. Unter anderem zeigt sich, dass die Anpassung des Genoms mancher Spezies an das Großstadtleben deutlich rascher erfolgt, als der Laie annehmen würde. Die Biologin Kristin Winchell etwa erforscht ursprünglich in Puerto Rico beheimatete Eidechsen, die in den Großstädten der USA deutlich ausgeprägtere Gliedmaßen und sich selbst damit zu wahren Sprintern entwickelt haben, die in den Ursprungsländern jedes Rennen gegen ihre Verwandten für sich entscheiden würden - ein klarer Vorteil in einem Terrain, das von streunenden Katzen und schnellen Autos geprägt ist. Aber liegt dies nun an der Formbarkeit des Körpers, der sich auf eine neue Umgebung einstellt, oder hat sich tatsächlich das Genom verändert? "Diesen Unterscheidung zwischen Evolution und Wandelbarkeit im Hinterkopf hat Winchell eine Art Gartenexperiment durchgeführt. In ihrem Labor in Boston hat sie in Puerto Rico eingesammelte, erwachsene Eidechsen sich paaren lassen, um die Eier von Land- und Stadt-Echsen in einen Inkubator zu stecken. Die geschlüpften Babys verteilte sie auf getrennte Käfige mit identischen Lebensbedingungen. ... Nach einem Jahr, in dem sie die Eidechsen mit vitaminbestäubten Heuschrecken aufgezogen hat, untersuchte sie deren Beine und Zehen. Ihre Messungen und Beobachtungen, die sie 2016 im Journal Evolution veröffentlichte, bestätigten, dass die Stadt-Eidechsen tatsächlich Produkte rasanter Evolution waren. Winchell, die derzeit plant, die Entwicklung von Eichhörnchen und Waschbären in St. Louis, Boston und New York zu untersuchen, ist sich bewusst, dass ihre Arbeit eine der wenigen Quellen der Hoffnung für alle jene darstellt, die in Schockstarre die deprimierenden Nachrichten vom Zustand der Umwelt verfolgen. 'Die Leute haben nicht gedacht, dass Tiere sich im Maßstab menschlichen Ermessens anpassen können', sagt sie. 'Entsprechend freut es sie, dass einige Tiere durchaus mit dem umgehen können, was wir ihnen antun.' Diese Überlebenden, wenngleich überschaubar in ihrer Zahl, verfügen über Gene, die uns viel darüber zu erzählen haben, wie wir uns auf eine feindselige Zukunft vorbereiten können."

Weiteres: Jonah Weiner porträtiert Jack Conte, der aus Frust über die mageren Youtube-Ausschüttungen den Bezahldienst Patreon gegründet hat. Lauren Smiley erzählt die Geschichte eines Mordes, als dessen Hauptverdächtiger sich ein (mittlerweile verstorbener) Rentner von über 90 Jahren herausgestellt hat.

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - Wired

Auch die Gamingszene hat ihr #MeToo - und darin jüngst eine tragische Wendung genommen, da einer der Beschuldigten, Alec Holowka, sich Ende August das Leben nahm. Zoë Quinn, die Frau, die dem betreffenden Mann Vorwürfe gemacht hatte, sieht sich nun - entgegen dem expliziten Aufruf der Hinterbliebenen des Verstorbenen - massiven Anfeindungen ausgesetzt. Es läuft - mal wieder - auf männliche Fragilität hinaus, ärgert sich Laurie Penny. "Die Belästigungen, denen sich Quinn und andere ausgesetzt sehen, haben mit der Anteilnahme für Holowka und seine Familie nicht das geringste zu tun, wohl aber sehr viel damit, an Frauen und queeren Menschen, die es wagen, an die Öffentlichkeit zu gehen, ein Exempel zu statuieren. Die Botschaft ist eindeutig: Die mentale Gesundheit von Männern zählt mehr als die von Frauen. Männliches Leid und Selbstmitleid wird als öffentliche Angelegenheit begriffen, denn Männern ist es gestattet, echte Menschen zu sein, deren Innenleben und Träume von Belang sind. ... Die Drohung, dass Männer seelisch auseinanderfallen oder sich verletzen, wenn Frauen sich weigern, sich ihren Wünschen zu fügen, ist eine uralte, bestens erprobte Kontrolltaktik. ... Menschen, die für ihr missbräuchliches Verhalten zur Verantwortung gezogen werden, leiden - aber ihre Opfer sind für dieses Leid nicht verantwortlich. So wie auch Zoë Quinn nicht dafür verantwortlich ist, dass der mutmaßliche Täter sich dazu entschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Es war seine Entscheidung, sie zu verletzten und seine Entscheidung, sich selbst zu verletzen."