Magazinrundschau - Archiv

Wired

129 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 13

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Wired

Von Disneys derzeitiger Strategie, den hauseigenen Fundus an Animationsfilmklassikern für aufwändige Neuverfilmungen zu plündern, mag man halten, was man will. Filmtechnisch interessierte Menschen finden hier aber reichlich Anschauungsmaterial über den tricktechnischen state of the art. Beispiel: "Der König der Löwen". Dessen CGI-Fotorealismus hat zumindest nach dem ersten Trailer Peter Rubin mit offenem Mund dastehen lassen, wie wir erfahren: Produzent Jon Favreau ließ den Film in einer VR-Umgebung drehen und zwar "mit Dollies, Kränen und anderen Werkzeugen, die es Kameramann Caleb Deschanel gestatteten, genau die richtigen Blickwinkel zu treffen. Es gab sogar Beleuchtung und Kameras. Nur dass man diese Kameras und Lampen nirgends in echt finden konnte. ... All die Drehorte, die man aus dem Original kennt - Pride Rock, der Friedhof der Elefanten, Rafikis alter Baum - existierten tatsächlich, wenngleich nicht als konkrete Sets oder Dateien, die irgendwo auf dem Rechner eines Animators schlummerten. Vielmehr fanden sie sich in einer Art Filmemacher-Videospiel als virtuelle, in 360 Grad begehbare Umgebung voller digitalisierter Tiere, in der sich Favreau und seine Crew frei bewegen konnten. Mit ihren Headsets hatten die Filmemacher freien Zugang zur kompletten Ausstattung. ... Draußen, in der echten Welt, gab es das sogenannte 'Volume', gewissermaßen ein Set, wenn sich dort denn tatsächlich irgendwas befände. Stattdessen ist das 'Volume' ein riesiger, offener Raum, in dem die Crew Kamerawägen und Kräne installiert hatte - zwar nicht wirklich für Kameras, sondern für Motivsucher, die in Größe und Gewicht etwa jenen Kameras entsprechen, die sie ersetzen. ... Um nun eine Szene zu inszenieren, stülpten sich die Filmemacher ihre Headsets über, um genau zu ermitteln, wo die Kameras und Lampen aufgestellt sein müssten, um die Action am besten einzufangen. Dafür verwendeten sie tragbare Kontrollgeräte, um das virtuelle Equipment wie Schachfiguren zu verschieben. In der echten Welt, im 'Volume', würden dann echte Kameramänner die virtuelle Umgebung 'fotografieren', indem sie ihre echten, verkabelten Motivsucher bewegten, deren Bewegungen in der virtuellen Welt von virtuellen Kameras nachempfunden wurden. Zwei Ebenen der Realität - Fleischwelt-Bewegungen, die digitales Material einfangen."

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - Wired

Nicholas Thompson und Fred Vogelstein resümieren 16 Monate Reboot bei Facebook und stellt fest, dass Mark Zuckerberg seine Chance vermasselt hat: "Dies ist die Geschichte des Annus horribilis, basierend auf Interviews mit 65 aktiven und ehemaligen Mitarbeitern. Sie handelt von den größten Veränderungen, die je innerhalb des weltgrößten sozialen Netzwerks stattgefunden haben, und von einem Unternehmen, das in seinen Pathologien und der unerbittlichen Logik seines eigenen Erfolgsrezepts gefangen ist. Die leistungsstarken Netzwerkeffekte von Facebook haben Werber daran gehindert, zu fliehen, und die Zahl der Nutzer bleibt konstant, zählt man die User von Instagram, das zu Facebook gehört, hinzu. Doch die Kultur und Mission des Unternehmens war in den letzten 16 Monaten regelmäßig für drastische Einbrüche verantwortlich. Das Unternehmen strauchelte und entschuldigte sich, doch selbst wenn es die Wahrheit sagte, glaubte man ihm nicht. Die Kritiker forderten Veränderungen, aber die Lösungen, die Facebook fand, kamen sich gegenseitig in die Quere … Sommer 2018 wirkte Facebook wie Monty Pythons Schwarzer Ritter: ein Torso, der auf einem Bein hüpfte, aber dennoch voller Selbstvertrauen … Dann verlor der Schwarze Ritter auch sein letztes Bein. Der britische Abgeordnete Damian Collins hatte von 2012 bis 2015 Hunderte Seiten interner Facebook-Mails erhalten, ironischerweise von einer schäbigen Firma, die nach Fotos von Facebook-Nutzern in Bikinis suchte … Die geleakte Mailkorrespondenz zwischen Zuckerberg und Top-FB-Managern zeigte, dass Facebook nach Wachstum strebte, und zwar um fast jeden Preis. In einer Mail von 2015 erklärte ein Mitarbeiter, dass das Sammeln der Anrufprotokolle von Android-Nutzern 'aus PR-Sicht eine riskante Sache' sei und er schon den Aufschrei höre, dass Facebook immer dreister die Privatsphäre verletze. Aber, fügte er hinzu, 'es scheint, das Wachstumsteam werde es dennoch tun.' (Und so geschah es.) Die vielleicht aufschlussreichste E-Mail, weil sie Facebooks Selbstgerechtigkeit illustriert, stammt vom damaligen Manager Sam Lessin. Das Unternehmen, so Lessin an Zuckerberg, könnte rücksichtslos und sozial zugleich sein, denn letztlich handle es sich um ein und dasselbe: 'Unsere Mission ist es, die Welt offener und vernetzter zu gestalten, und dafür benötigen wir die besten Mitarbeiter und die beste Infrastruktur, dafür wieder brauchen wir viel Geld, müssen also sehr profitabel sein.'"

Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Wired

Nach den Kämpfen im syrischen Bürgerkrieg und den Massakern des IS müssen zahlreiche Leichen aus dem Boden in und rund um Raqqa exhumiert werden - allein in einem Massengrab fanden sich bis zu 1500 oft eilig verscharrte Leichen. Die so geborgenen Körper sollen langfristig nicht nur formal beerdigt, sondern idealerweise zuvor noch identifiziert werden - bis dahin werden sie mitunter auf Eis gelegt und eingelagert. Kenneth R. Rosen hat die Ausgräber beobachtet und liefert in seiner Reportage Hintergründe zu dieser auch psychisch furchtbaren Arbeit. Üblicherweise müssten die Leichen zum Zweck der späteren Identifizierung detailliert fotografiert werden, um neben einer späteren DNA-Analyse zusätzliches Informationsmaterial zu sichern. "Doch das Team in Raqqa verfügt über nichts dergleichen. Sie haben geringe finanzielle Mittel und wenig Instrumente. Es gibt kein Equipment, um die DNA zu analysieren und auch keine Kamera. Die Verwesung verkompliziert das Ganze zusätzlich. ... Zunächst einmal müssen sie die Gräber überhaupt entdecken. Unter Umständen gibt es entsprechende Gerüchte, aber das Team nutzt auch Google Maps oder Google Earth und Satellitenbilder, um in Frage kommende Orte zu lokalisieren. Aus der Höhe betrachtet ist es leicht, die Gräber zu entdecken: In neuen Satellitenbildern erscheinen sie als Reihen umgegrabener Erde in lokalen Feldern oder in geräumten Höfen in der Stadt, so wie ein Saum auf der Landschaft. Ist ein Gebiet erstmal als potenzielles Grab identifziert, nutzen die Teams Facebook und WhatsApp um weitere Informationen zu beziehen. Sie posten Nachrichten, dass sie ein neues Massengrab 'geöffnet' (der gängige Begriff) haben und geben seinen Ort bekannt. Während das Team Körper freilegt, laufen Informationen von Familien ein - welchen Schmuck ihr vermisster Verwandter getragen haben könnte, ob er Goldzähne hatte, welche Schuhe er trug, als er zuletzt lebendig gesehen wurde. ... Diese Hinweise werden weitergeleitet an die Mitarbeiter im Büro, die versuchen, diese Identifikationsmerkmale mit einer stetig wachsenden Datenbank abzugleichen, die aus der Arbeit des Teams hervorgeht, das sich darum bemüht, kleine Details - eine Armbanduhr, einen beschädigten Zahn - in mitgeführten Notebooks festzuhalten."
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Magazinrundschau vom 19.02.2019 - Wired

In zwei langen Beiträgen befasst sich Wired mit der nächsten Generation der Online-Nutzung, die dramatische Auswirkungen auf unseren Alltag haben könnten und das Internet völlig neu strukturieren werden - und nicht eben unbedingt zum Besseren. Schon jetzt gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Internetnutzung in Zukunft immer weniger auf Schrift und Text, sondern immer mehr auf gesprochener Sprache basieren wird, schreibt James Vlahos mit dem Blick auf den Siegeszug von Geräten wie Alexa Echo und Konsorten, die mehr und mehr darauf trainiert werden, auf jede Frage im Nu die eine richtige Antwort parat zu haben. Nicht mehr eine Auswahl an Suchergebnissen wie jetzt noch bei Google steht dann noch im Vordergrund, sondern ein algorithmischer Auswahl- und Verknüpfungsprozess, der passabel liefert. "Diese Bewegung hin zu eindeutigen Antworten hat sich langsam genug vollzogen, um eine seiner wichtigsten Konsequenzen zu vertuschen: Das Internet, wie wir es kennen, zu zerstören. Das konventionelle Web, mit all seinen mühsamen Seiten und Links, macht Platz für das Konversations-Web, in dem plaudernde KIs die Herrschaft übernehmen. Dies führe zu mehr Komfort und Effizienz, erzählt man uns. Aber für jeden, der wirtschaftliche Interessen hat, die an traditionelle Webrecherche geknüpft sind - Werber, Autoren, Verlage, Tech-Giganten - ist diese Situation lebensgefährlich."

Das andere Zukunftsszenario des Internets ist "Mirrorworld" - eine Augmented-Reality-Lösung, die extrem rechenintensiv, extrem datenintensiv, extrem alltagsinvasiv ist, für die das Internet räumlich wird und sich als Datenlayer über die kartografierte tatsächliche Wirklichkeit legt. Bewerkstelligt werden könnte dies über immer mehr Kameras in allen möglichen Geräten, die klein aber effektiv sind und vor allem so smart, dass sie räumliche Umgebungen hervorragend analysieren können. Was Kevin Kelly nicht daran hindert, im Science-Fiction-Rausch davon zu galoppieren und sich diese "Mirrorworld" auszumalen: "Die Street-View-Ansichten in Google Maps sind lediglich Fassaden, flache, aneinandergeklebte Bilder. Aber in der Mirrorworld wird ein virtuelles Gebäude Volumen haben, ein virtueller Stuhl wird Stuhl-artigkeit ausstrahlen und eine virtuelle Straße verfügt über Schichten von Texturen, Lücken und anderen Unwägbarkeiten, die alle einen Sinn von 'Straße' vermitteln. Die Mirrorword - ein erstmals von Yale-Informatiker David Gelernter popularisierter Begriff - wird nicht nur reflektieren, wie etwas aussieht, sondern auch dessen Kontext, Bedeutung und Funktion. Wir werden damit interagieren, es manipulieren und damit genau wie in der echten Welt umgehen. Zunächst mag die Mirrorworld lediglich den Eindruck einer hochaufgelösten Schicht von Informationen erwecken, die sich über die echte Welt legt. Vielleicht sehen wir ein Namensschild über einer Person, mit der wir schon mal zu tun hatten. Vielleicht auch einen blauen Pfeil, der uns darauf hinweist, an welcher Ecke wir abbiegen sollten. Oder wir stoßen an interessanten Orten auf hilfreiche Hinweise. ... Schlussendlich werden wir in der Lage sein, den physischen Raum genauso zu durchsuchen wie Text: 'Zeig mir alle Orte mit einer Parkbank, von der aus sich der Sonnenaufgang über einem Fluss beobachten lässt'."

Magazinrundschau vom 12.02.2019 - Wired

Wenn das Zeitalter des um Ausgewogenheit bemühten Journalismus zu Ende geht und jetzt sogar die Aushängeschilder smart, social und wirtschaftlich arbeitender Online-Only-Medien wie Huffington Post und Buzzfeed massenhaft Leute entlassen, dann drohe nicht gleich das Ende der Demokratie, schreibt Antonio García Martínez. Diese objektive Periode dürfte in der Geschichte des Journalismus eher eine Ausnahme als ein Regelfall sein. Die Gründerväter der amerikanischen Demokratie jedenfalls hätten reichlich Mühe, den bürgerlich-liberalen Journalismus des späten 20. Jahrhunderts mit ihrer eigenen Vorstellung von Journalismus abzugleichen. "Würde man ihnen allerdings Twitter erklären, die Blogosphere und nachrichtlich angehauchte Parteigänger-Medien wie Daily Kos oder National Review, dann würde sie das sofort wiedererkennen. Ein wiederbelebter Benjamin Franklin hätte keinen Job bei der Washington Post, sondern einen anonymen Twitter-Account mit riesiger Follower-Basis, die er regelmäßig dazu anstacheln würde, politische Gegner zu trollen. Oder er hätte ein parteiisches Vehikel wie Ben Shapiros Daily Wire. Oder er würde gelegentlich eine Kolumne in einem nicht ganz so parteiischen Magazin wie Politico schreiben oder er hätte einen populären Podcast, wo er die politische Lage mit anderen Söhnen der Freiheit aufspießen wäre, so wie das Chapo Trap House oder Pod Save America betreiben. 'Der Journalismus geht vor die Hunde, sagst Du', würde dieser Franklin 2.0 sagen, 'Dem Journalismus geht es absolut prächtig, genau wie zu meiner Zeit.'"

Außerdem: Troy Farah befasst sich mit den Plänen einiger Therapeuten und Wirtschaftsunternehmen, psychedelisch wirkende Pilze zu Therapiezwecken nicht nur zu erforschen, sondern auch legal einsetzen (und verkaufen) zu können. Amanda Chicago Lewis hat sich näher angesehen, wie Start-Ups den florierenden Handel mit legalisiertem Marijuana zu Geld machen. Und Emily Dreyfuss und mit ihr die digitale US-Öffentlichkeit staunt darüber, wie Deutschland Facebooks Werbemodell einen Riegel vorgeschoben hat.

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - Wired

Die großen IT-Konzerne schlüpfen immer unverhohlener ins Bett mit Regierungen, deren Überwachungsbegehrlichkeiten sie befriedigen. David Samuels großer Essay untersucht das von Chinas gegenwärtigem Social-Scoring-System bis hin zu aktuellen Entwicklungen im Westen. Die Hinweise mehren sich, "dass die einst weit entfernten Planeten von Consumer Big Tech und amerikanischen Überwachungseinrichtungen in rasantem Tempo zu einer einzigen wirtschafts-bürokratischen Lebenswelt verschmelzen, deren Potenzial, die Bürger zu verfolgen, zu sortieren, ihnen falsche Tatsachen vorzutäuschen, sie zu manipulieren und zu zensieren zu einer softeren Version von Chinas Big Brother führen könnte. Diese Besorgnis erregenden Trends werden teilweise noch dadurch beschleunigt, dass Big Tech sich Washington gegenüber zusehends verpflichtet fühlt, während Washington wiederum kein Interesse daran, die goldene Gans zu schlachten, die seine Taschen reich befüllt. ... Als Jeff Bezos die Washington Post aufkaufte, übernahm er die direkte Kontrolle über Washingtons Lokalzeitung. Indem er eines von Amazons zwei neuen Hauptquartieren im nahe gelegenen North Virginia errichtete, wurde Bezos mit 25000 Jobs zu einem der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Letztes Jahr kündigte Amazon Web Services das neue Produkt AWS Secret Region an, das Resultat eines 10 Jahre laufenden, 600 Millionen Dollar umfassenden Vertrags, den die Firma nach einer Ausschreibung der CIA an Land ziehen konnte. Dies macht Amazon zum einzigen Anbieter von Cloud-Diensten, die 'die volle Bandbreite von Datenklassifikationen abbildet, inklusive frei zugänglicher, sensibler, geheimer und absolut geheimer Daten', wie es in der Pressemitteillung des Anbieters heißt. Kaum waren die von Amazon betriebenen, eigenständigen CIA-Server am Laufen, beeilte sich die NSA gleichzuziehen und kündigte ihr eigenes integriertes Big-Data-Projekt an. Im vergangenen Jahr legte die Behörde die meisten ihrer Daten in eine neue, geheime Rechnerumgebung bei Amazon, bekannt als Intelligence Community GovCloud, eine integrierte Umgebung für die Zusammenlegung von Big Data, wie es die Nachrichtenseite NextGov beschreibt. Sie gestattet es den Analytikern der Regierung, 'die Punkte' zwischen allen zugänglichen Datenquellen 'zu verbinden', ob sie nun geheim sind oder nicht. Die Einrichtung von IC GovCloud sollte jedem Schauer über den Rücken jagen, der weiß, wie mächtig diese Systeme sein können und wie widerständig sie sich gegenüber traditionellen Formen der Aufsicht verhalten. ... Microsoft reagierte prompt auf Amazons IC GovCloud mit einem auf 17 Geheimdienstbehörden maßgeschneiderten Cloud-Dienst Azure Government. Amazon und Microsoft werden sich wohl beide exzessiv um den Cloud-Dienst des Pentagon bewerben, die Joint Enterprise Defense Initiative - JEDI - ein absoluter Hauptgewinn, der wohl mindestens 10 Milliarden Dollar wert sein dürfte. Bei so vielen Goldtöpfen am Ende des Regenbogens in Washington DC scheint es für die Tech-Firmen nur eine kleine Angelegenheit zu sein, Ihre persönlichen Daten - die legal gesehen ohnehin ihnen gehören - jenen Spionage-Behörden zu überantworten, denen sie ihre Profite verdanken. Dies ist die Bedrohung, die sich gerade direkt vor unseren Augen abzeichnet. Wir sollten uns damit befassen, bevor es zu spät ist."

Dazu passend erzählt Issie Lapowsky den langen und zehrenden Kampf des Medienprofessors David Carroll um seine von Cambridge Analytica abgegriffenen Daten.

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - Wired

Antonio Garcia Martinez lässt sich von der allgemeinen Kater-Stimmung im Netz nicht beirren: Ja, es mag Trolle geben, Clickbaiting, derbe Diskursverzerrungen durch irgendwelche Schreihälse, nicht zuletzt zerfällt die Öffentlichkeit in immer kleinere Splitter - aber: Für den intellektuellen Diskurs ist das Internet nach wie vor ein Segen und Paradies. "Man denke inmitten all dieses Online-Gelärms nur einmal zurück an jene Zeiten, als eine Fernsehserie über zwei vergnügte Twentysomehtings, die sich eine gemeinsame Kellerwohnung teilen  und diese nie zu verlassen scheinen, und deren ausgiebig ausgewalzter Running-Gag darin bestand, dass der eine der beiden Milch-und-Pepsi-Cocktails trank, die populärste Show des Landes war ('Laverne & Shirley' ist gemeint, Kinder). Danach greife man zu einem smarten Podcast, in dem zwei intellektuelle Antagonisten einander beharken wie einst Lincoln und Douglas. Dann gehe man auf Twitter und entkräfte die Argumente des einen mit Zitaten aus dem heruntergeladenen Kindle-Buch des anderen. Man lasse beide antworten und sich im Zuge von irgendeinem Typen trollen, den man dann einfach blockiert. Schließlich lese man eine 3000 Wörter umfassende Antwort wieder eines anderen auf Medium. Man denke nur daran, wie eine solche Konversation sich früher exklusiv auf Elitekreise beschränkt und sich wahrscheinlich auch nicht innerhalb eines Radius von 1000 Meilen um die eigene Heimatstadt abgespielt hätte. Danach fühlt man sich vielleicht wieder ein klitzekleines bisschen besser über den Status Quo der Medien. Die Propheten des Niedergangs existieren nur aus einem Grund: um uns vor Risiken zu warnen, solange es noch die Möglichkeit gibt, einen anderen Kurs einzuschlagen. Die Gesellschaft hat ihre Wahl getroffen, aber dank der Zersplitterung der Öffentlichkeit kann jeder seine eigene Entscheidungen treffen. Wähle weise!"

Film-Streaming lockt mit Versprechungen allgemeiner Zugänglichkeit - und stellt damit das Geschäftsmodell von Videotheken und Heimmedien-Herstellern zunehmend in Frage. Doch die Realität sieht anders aus, schreibt Brian Raftery, der bereits eine (wenn auch auf Sammler beschränkte) Renaissance zumindest aufwändig gestalteter BluRay-Editionen heraufdämmern sieht: "Eine der Hauptantriebskräfte dahinter ist die simple Tatsache, dass in den Angeboten der 'Mainstreamers' - also bei allen von Netflix über Amazon Prime bis Apple - gewaltige Lücken klaffen. Diese Grenzen wurden im vergangenen Jahr schmerzhaft spürbar, als einige Filmfreunde mal genauer hinschauten und ihnen dabei auffiel, dass viele ihrer Lieblingsfilme - nicht nur alte Klassiker, sondern auch semi-alte Blockbuster wie 'True Lies' - in digitaler Form kaum aufzufinden waren. Bekräftigt wurde dieser Punkt noch durch die überraschende Schließung des ambitionierten, gut kuratierten Angebots FilmStruck, wo man Warner-Klassiker und Arthausfilme von Criterion sehen konnte. FilmStrucks Niedergang verdeutlichte, wie flüchtig Streaming ist: Wenn deine Lieblingsfilme nicht im Regal stehen, dann stehen die Chancen gut, dass sie über kurz oder lang verschwinden könnten."

Außerdem: Cholerische Wutanfälle, willkürlich ausgesprochene Kündigungen und ein vergiftetes Arbeitsklima  - wer sich schon immer gefragt hat, wie es um mögliche menschliche Defizite bei Elon Musk bestellt ist, kriegt in Charles Duhiggs epischer Reportage über "Teslas Produktionshölle" hinreichend Material an die Hand. In der britischen Wired-Ausgabe hat Amit Katwala vor einigen Wochen Musk porträtiert.

Magazinrundschau vom 11.12.2018 - Wired

Wenn der an seinem vorderen Ende knapp 160 Kilometer messende Thwaites-Gletscher in der Antarktis vom Wasser weiter angefressen wird, können seine Massen in die Ozeane kollabieren: Dann würden binnen kurzer Zeit die Meeresspiegel bedrohlich steigen - an deren jährlichem Zunahme das abgetaute Wasser dieses Gletschers schon jetzt einen Anteil von vier Prozent hat -, auch wegen der weiteren Gletscher, die Thwaites mit sich reißen würde, erfahren wir aus Jon Gertners großer Reportage über Sridhar Anandakrishnans Forschungsarbeiten vor Ort, die genau dieses horrende Szenario verhindern sollen. " Bis auf weiteres scheint die Aussicht auf Thwaites' rapiden Kollaps hinreichend wahrscheinlich, dass einige Wissenschaftler vorgeschlagen haben, ihn abzustützen. Michael Wolovick und John Moore vor kurzem vorgeschlagener Pläne für dieses Geo-Engineering sieht vor, an der Basis des Gletschers ein künstliches 'Sims' aus Kies und Stein zum Schutz vor warmem Wasser anzubringen. Ein solches Unterfangen wäre 'vergleichbar mit den größten zivilen Ingenieursprojekten, an denen sich die Menschheit je versucht hat', räumen Wolovick und Moore in einem Aufsatz ein. Im Gespräch erklärte Wolovick, dass er mit dieser Idee eine Debatte über 'glaziale Interventionen' anstoßen wollte. Diese zu konzipieren und durchzuführen könnte ein Jahrhundert veranschlagen. Die Kosten wäre es wert, egal, wie hoch sie ausfallen würde, sagt er. Ein rapider Anstieg des Meeresspiegel zöge Verluste in Billionen Dollar Höhe nach sich und eine  Massenmigrationen von hunderten von Millionen Menschen. Die ärmeren Teile der Welt würden darunter ausnahmslos am meisten leiden. "Sollte es gelingen, den Meeresanstieg an der Quelle aufzuhalten', sagt Wolovick, 'so haben alle was davon.'"

Die Meldung, dass der bis dahin gegenüber Porno-Inhalten liberale Mikroblogging-Service Tumblr pornografisch explizite Inhalte, entblößte Genitalien und weibliche Brustwarzen künftig auf seiner Plattform nicht mehr zulassen werde, nachdem Apple die App des Anbieters aus seinem App-Store verbannt hat, hat für einige Aufregung in den sozialen Medien gesorgt. Insbesondere Sexarbeiter und queere Aktivisten laufen Sturm, berichtet Paris Martineau. "In Gesprächen mit Wired erklärten mehr als ein Dutzend Sexarbeiter, dass sie gerade die frühere Offenheit von Tumblr gegenüber Inhalten für Erwachsene die Plattform schätzten. Sie beschrieben die Seite als deutlich bestärkender und freundlicher als traditionellere Orte für explizite Inhalte wie beispielsweise PornHub und nahmen Tumblrs Freiheiten und Möglichkeiten, ihre Inhalte viral gehen zu lassen, gerne in Anspruch. Viele nutzten die Seite, um Bezahlinhalte auf ihren eigenen Seiten zu bewerben oder sich mit Kollegen und Kunden auszutauschen. Laut einer E-Mail von Liara Roux, einer Sexarbeiterin und Online-Aktivistin, schwinden die Möglichkeiten, erwachsene Inhalte im Netz zu finden." Außerdem erklärt Louise Matsakis, wie störanfällig und fehlerbehaftet die von Tumblr eingesetzten Bilderkennungsverfahren sind, die garantieren sollen, dass anrüchige Inhalte von der Seite genommen werden.

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - Wired

Richtig schlechte Laune kann man kriegen, wenn man Paris Martineaus Reportage über die Horrorwelt der Instagram- und Youtube-Influencer liest: Während der traditionelle Werbemarkt, der journalistische Produkte stützt, vor sich hinsiecht, fließen an die "Influencer" Summen im hohen fünfstelligen Bereich für Product-Placement, gekaufte Jubelbesprechungen oder gekaufte Verrisse von Konkurrenzprodukten. Ein fast schon mafiös anmutender Markt ist die Folge: "Jemand mit drei Millionen Abonnenten berechnet üblicherweise mindestens 40 000 Dollar pro Video. Wünscht sich die Firma, dass ein Produkt eines Konkurrenten negativ besprochen wird, kostet das nochmal 10 000 bis 30 000 Dollar extra - oder mehr. Dass die Preise mit steigender Abonnentenzahl ebenfalls steigen, versteht sich von selbst. Nahezu jeder Influencer und Markenrepräsentant, mit dem Wired sprach, schiebt die steigenden Preise auf die Agenten und Mittelsmänner, die sich in der Branche in den letzten Jahren breitgemacht haben. Agenten berechnen üblicherweise zwischen 1 000 und 20 000 Dollar pro Monat für ihren Dienst, sowie einen Anteil von 20 Prozent auf jeden Deal. Selbst ein Influencer mit einer massiven Zahl enthusiastischer Follower wird mit einer einzelnen Video-Review wahrscheinlich nicht den direkten Umsatz für die Marke generieren, mit dem sich die teuersten Preisraten amortisieren würden, sagt Kosmetik-Youtuberin Marlena Stell. Aber die Marken zahlen weiter."

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Wired

Wenn es nach Amazon-Gründer Jeff Bezos geht, ist der Kampf gegen die Klimaerwärmung im Grunde genommen schon gescheitert und es hilft nur noch die Verteidigung nach vorne. Zumindest rechtfertigt er in Steven Levys großer Feature-Story auf diese Weise die Raumfahrtpläne seiner zweiten großen Firma Blue Origin. Derzeit zielt er zwar noch auf das Geschäftsmodell des suborbitalen Edel-Tourismus. "Doch in den Augen seiner Kritiker erscheinen solche hochfliegenden Absichten leichtfertig gegenüber allzu drückenden irdischen Angelegenheiten. Der reichste Mann der Welt solle sich lieber um den Klimawandel, extreme Armut und Seuchen kümmern, sagen sie, oder einfach um irgendetwas anderes. Eines der kritischen Lager sammelt sich um US-Senator Bernie Sanders als inoffizielles Sprachrohr und fordert, dass Bezos' Wohlfahrtsgedanke nicht erst im Weltall beginnt. ... Auf die Bitte, dies zu präzisieren, antwortete Sanders: 'Ich finde es absurd, dass Bezos offenbar Milliarden von Dollars für ein Weltall-Unternehmen hat, aber nicht genug Geld, um seinen Mitarbeitern bei Amazon hier unten auf dem Planeten Erde ein anständiges Gehalt zu zahlen.'  ... Anfang Oktober kündigte Amazon an, dass alle Angestellten künftig mindestens 15 Dollar pro Stunde erhalten würden. Doch Bezos ist der Ansicht, dass er mit seinen Geschäften am meisten bewirken kann: 'Meine Ressourcen sind ein großer Luxus', sagt er. 'Ich werde an nichts arbeiten, von dem ich nicht überzeugt bin, dass es der Zivilisation nützen wird. Ich meine, die Washington Post tut genau das, genau wie Amazon und auch Blue Origin. Langfristig gesehen ist Blue Origin am wichtigsten.' Bezos spricht oft davon, wie leicht man missverstanden werde, wenn man mit extremen langen Zeithorizonten arbeitet. Die Leute, sagt er, würden seinen Kreuzzug irgendwann zu schätzen wissen, sobald die Verwüstungen des Klimawandels, die Ressourcen-Knappheit und die Luftverschmutzung es nötig machen, das hinter sich zu lassen, was Isaac Asimov in einer Fernsehsendung in den 70ern, die Bezos damals so sehr in Begeisterung versetzte, 'planetarischen Chauvinismus' nannte." Der dann auf dem nächsten Planeten weitergeht?