9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2026 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren putschte in Argentinien das Militär und ermordete in den Folgejahren Tausende von Menschen. Jürgen Vogt erinnert daran in der taz: "Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Opfer auf 30.000. Viele von ihnen gelten noch immer als verschwunden. Die Leichen dieser Opfer wurden vom Militär an geheimen Orten verscharrt oder bei den sogenannten Todesflügen ins Meer geworfen. In über 40 Jahren Ermittlungsarbeit konnte die Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF) 1.652 Überreste von Verschwundenen ausfindig machen und 848 von ihnen identifizieren."

Zwar gibt es Meldungen, dass Javier Milei Ermittlungen behindert, aber die Justiz arbeitet weiter unabhängig, versichert der Richter Daniel Rafecas im Gespräch mit Vogt. Sie steht vor zwei Schwierigkeiten: Durch das Verschwinden der Opfer sind Ermittlungen erschwert. Und die Täter praktizieren, ähnlich wie etwa in Deutschland die RAF-Angehörigen, einen absoluten Schweigepakt. "Der Schweigepakt basiert aber auch auf der Tatsache, dass es für die Angeklagten keine Zugeständnisse gibt. (...) Anders als beispielsweise in Kolumbien und Südafrika hat der argentinische Staat beschlossen, den Angeklagten keinerlei Anreize für eventuelle Aussagen zu bieten. Dies ist auch die entschiedene und unnachgiebige Haltung der Opfer in Argentinien. Menschenrechtsorganisationen wie die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo waren und sind in diesem Punkt kompromisslos. Diese Haltung wurde gewissermaßen durchgehend auch vom Parlament und der Exekutive unterstützt. Einmal war ein angeklagtes Mitglied des Geheimdienstes daran interessiert, ein Geständnis abzulegen, aber nur für eine Gegenleistung. Ich hatte ihm nichts anzubieten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2026 - Geschichte

Im Interview mit Ronen Steinke erklärt der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, seine Position zum Tragen von Palästinensertüchern. Er geriet in die Kritik, als eine interne Handreichung veröffentlicht wurde, die pro-palästinensische Symbole verbot. Diese Handreichung sei von ihm nicht abesegnet worden, versichert er und Kufijas seien auch nicht generell verboten: "Unerwünscht ist die Instrumentalisierung des historischen Ortes für menschenfeindliche Ziele (...) Inzwischen gibt es eine neue interne Handreichung, in der ausschließlich Symbole der extremen Rechten vorgestellt werden, um unseren Mitarbeitern und der Security eine Hilfestellung zu geben, Personen, die so etwas tragen, nicht in die Gedenkstätte hineinzulassen und die Opfer verhöhnen zu lassen." Gleiches fürchtete Wagner allerdings bei der nun verbotenen Veranstaltung "Kufiyas in Buchenwald" zum Jahrestag der Befreiung am 19. April, denn "hinter dieser Kampagne steckt eine kleine Gruppe, die sogenannte Kommunistische Organisation, die das Massaker vom 7. Oktober 2023 als palästinensische Befreiungstat feierte und zuletzt auch das massenhafte Morden durch das iranische Regime rechtfertigte."

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Ein extrem düsteres Kapitel in Buchenwald beleuchtet zugleich Ines Geipel in der FAZ: die Frage ob die Kommunisten im Lager aktiv mit der SS kollaborierten - unter anderem von dieser Frage hanelt auch ihr neuestes Buch. Sie waren es in großem Maße, die in der Endphase des Lagers vor 1945 entschieden, wer leben durfte und wer sterben musste, so Geipel. Das war die Zeit, als die Todesmärsche aus Auschwitz ankamen und sich die Bedingungen für die Buchenwald-Häftlinge ebenfalls nochmal drastisch verschlimmerten. Probates Mittel war "Abspritzen", tödliche Injektionen, die oft von Insassen verabreicht wurden, die der im Lager sehr starken Kommunistischen Partei angehörten, so Geipel. "Die Hierarchie der Opfer, die Giftexzesse, die in der Endphase aufkeimende Hoffnung, das Lager doch noch zu überleben. Aber wer durfte leben? Das Revier als Notstand, rettendes Nadelöhr, als Liquidierungsmaschine. Helmut Thiemann, Pfleger im Revier, ab 1953 Stasichef von Sachsen, gab in seinem Bericht über die Buchenwald-Zeit zu Protokoll: 'Da unsere Genossen mehr wert waren als alle anderen, mussten wir also einen Schritt gemeinsam mit der SS gehen, und zwar in der Vernichtung von aussichtslos kranken und kollabierenden Menschen ...'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2026 - Geschichte

Die Historikerin Hanna Radziejowska und der Soziologe Mateusz Fałkowski, beide Leiter des von der PiS gegründeten Pilecki-Instituts in Berlin, widersprechen in der FAZ Grzegorz Rossoliński-Liebes These vom "transnationalen Völkermord" an den Juden im besetzten Polen, an dem laut Rossoliński-Liebe antisemitische polnische Bürgermeister ebenso beteiligt waren wie Deutsche (unsere Resümees). Doch er verzerre damit den Kollaborationsbegriff und setze "die polnische Besatzungserfahrung mit der Situation in den Niederlanden, Norwegen, Frankreich oder Dänemark gleich. ... Im besetzten Polen waren dauerhaft zwischen 600.000 und einer Million deutsche Soldaten, Polizisten und SS- und Gestapo-Funktionäre stationiert. Das entspricht statistisch etwa 50 Einwohnern pro bewaffnetem deutschen Soldaten. Von freien 'Handlungsräumen' der polnischen Gesellschaft, welche Rossoliński-Liebe betont, kann daher kaum die Rede sein." Und anders als in Deutschland sei in Polen die Hilfe für Juden tatsächlich mit dem Tod bestraft worden, schreiben die beiden, die auch fürchten, die politische Verantwortung Deutschlands für die Nazi-Verbrechen solle "auf andere Staaten und Nationen" verschoben werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2026 - Geschichte

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Im Feuilleton der FAZ wird seit einigen Wochen über den Bedeutung der Kollaboration im Judenmord gestritten (unsere Resümees). Auslöser ist das Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe, das diese Kollaboration untersucht und zu dem Ergebnis kommt, dass sehr viel mehr polnische Juden hätten gerettet werden können, wenn die nicht-jüdische Bevölkerung nicht mit den Nazis kollaboriert hätte. Eine Veranstaltung über das Buch in Berlin wurde auf Druck der polnischen Botschaft abgesagt. Ayala Goldmann und Michael Thaidigsmann unterhalten sich für die Jüdische Allgemeine mit dem polnischen Historiker Jan Grabowski und seinem deutsche Kollegen Stephan Lehnstaedt. Grabowski wirft deutschen Kollegen vor zu suggerieren, es gehe in der Geschichte nur um "die Deutschen" und "die Juden": "Sie müssen verstehen, dass die polnische Historikervereinigung in den letzten dreißig Jahren kein einziges Papier, kein einziges Panel der Vernichtung der polnischen Juden gewidmet hat. Das Thema kommt gar nicht vor, denn es wird nicht als Teil der polnischen Geschichte angesehen. Die Werke deutscher Historiker tragen ihren bescheidenen Teil zu dem falschen Bild bei, der Holocaust sei ausschließlich eine deutsche und eine jüdische Angelegenheit gewesen." Lehnstaedt äußert allerdings auch seine Befürchtung, dass in öffentlichen Veranstaltungen in Deutschland die Frage nach der Kollaboration "nicht aus echtem Interesse heraus gestellt wird, sondern weil man die Schuld der Deutschen am Holocaust relativieren möchte", allerdings sei das ein Problem der Vermittlung, nicht der Wissenschaft.

Auch der Historiker Christhardt Henschel setzt sich in der FAZ mit Rossoliński-Liebes Buch auseinander. Er kritisiert vor allem, dass dieser "die realen Machtverhältnisse außer Acht" lässt, wenn er den polnischen Bürgermeistern "primäre Täterschaft" beim Mord an den polnischen Juden vorwirft: "Um es klar zu sagen: Grzegorz Rossoliński-Liebe ist sich der 'politischen Asymmetrie der Beziehungen zwischen Deutschen und anderen Gruppen' durchaus bewusst und akzeptiert auch, dass Polen zugleich Opfer und Täter sein konnten. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, eine Definition von Kollaboration zugrundezulegen, die diese eingrenzt auf die 'Zusammenarbeit zwischen Besatzern und Besetzten, die der besetzten Bevölkerung schadete und im Wesentlichen eine Mittäterschaft darstellte'", was laut Henschel jede Abstufung verhindere. "Letztendlich akzeptiert Rossoliński-Liebe nur den Rücktritt vom Bürgermeisteramt als Alternative zur Kollaboration; andere Handlungsoptionen zieht er nicht in Betracht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2026 - Geschichte

Der Göttinger Historiker Franz Walter erinnert auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ an den Ur-Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht, Vater des fatalen Karl, der um 1874 eine entscheidende Rolle bei der Fusion verschiedener Arbeiterparteien zur späteren SPD spielte: "Der Entwurf für die programmatische Plattform einer fusionierten Partei stammte von Liebknecht, der die Verhandlungen auch sonst vorantrieb und dirigierte. Damit hatte er schon Fakten geschaffen, ehe er Marx und Engels über seine Vorstellungen informierte. Liebknecht dürfte es geahnt haben: Die Londoner waren außer sich vor Empörung über dieses, wie sie fanden, unlogische, konfuse, schlichtweg blamable Elaborat. Doch Liebknechts Leistung bestand darin, dass er die Parteifusion unbeirrt vorantrieb, dass er sich nicht vom Primat des Theoretischen blockieren ließ, sondern wie ein Anführer handelte, dem es in einer historischen Situation um den entscheidenden praktischen Schritt ging."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2026 - Geschichte

Die Debatte um Grzegorz Rossoliński-Liebe und die Kollaboration in Polen unter den Nazis (unsere Resümees), sollte dazu anregen, den Blick zu weiten, regt der Historiker Stephan Malinowski in der FAZ an. Kollaboration ist eine Herrschaftstechnik, die die Eroberten ins System einbezieht und gern auch kompromittiert: "Das Muster ist mindestens so alt wie der europäische Kolonialismus. Als Hernán Cortés um 1520 mit wenigen Hundert Spaniern gegen das Aztekenreich zog, standen ihm Zehntausende indigene Verbündete zur Seite. Der transatlantische Sklavenhandel interagierte mit afrikanischen und arabischen Akteuren, die Menschen jagten und verkauften. Deutsche Kolonialkriege in Ostafrika oder britische Feldzüge in Indien wurden zu großen Teilen von lokal rekrutierten Truppen geführt. Das mindert nicht die Gewaltförmigkeit europäischer Imperien, macht aber deutlich, dass auch sie ohne kollaborative Strukturen nicht funktionsfähig gewesen wären."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2026 - Geschichte

Im Zeit-Online-Gespräch mit Elisabeth von Thadden erklärt die Osteuropahistorikerin Tanja Penter, die zur Geschichte des Donbass unter nationalsozialistischer Besatzung forscht und auch einen Podcast zum Thema macht, welche Lücken die deutsche Erinnerungskultur diesbezüglich aufweist: "In Deutschland dominierte die Vorstellung, dass man aufgrund der Kriegsschuld vor allem eine Verantwortung gegenüber Russland habe. Dabei waren es die Ukraine und Belarus, die vollständig von den Deutschen besetzt waren, dort fanden die Massenmorde statt: an Juden, an kranken und behinderten Menschen, an Roma. Und von dort wurde die Mehrzahl der sowjetischen Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland verschleppt. Viele wissen um die NS-Verbrechen im französischen Oradour oder im tschechischen Lidice. Aber wer weiß schon vom Massaker in dem ukrainischen Ort Korjukiwka, wo bis zu 7.000 Zivilisten von deutschen Einsatzkommandos ermordet wurden?"

In der taz resümiert Uwe Rada die Diskussion über den Umgang mit sowjetischen Denkmalen in Berlin: Die Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk, das Ukrainische Institut sowie der ukrainische Verein Vitsche fordern eine Neuausrichtung der deutschen Erinnerungskultur in Bezug auf das sowjetische Erbe, ein Abriss kommt aber im Moment nicht in Frage.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2026 - Geschichte

Die Monroe-Doktrin, die jüngst von Donald Trump als "Donroe-Doktrin" wiederbelebt wurde, steht heute für ein Carl-Schmitt-haftes Denken in "Großräumen", aber sie hatte ursprünglich auch eine antikoloniale Spitze, erzählt der Historiker Hendrik Simon in der FAZ. Sie stand für die Idee "einer panamerikanischen Allianz, um imperiale Interventionen der europäischen Monarchien abzuwehren, notfalls mit Gewalt. Zu einer solchen Allianz kam es zwar nicht, aber die Idee blieb wirkmächtig."
Stichwörter: Monroe-Doktrin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2026 - Geschichte

Wenig beleuchtet wurde bisher die Geschichte von nichtjüdischen Deutschen - meist Frauen, übrigens - die zum Judentum konvertiert waren, in der Nazizeit. Die Forschungen hierzu beginnen erst, erzählt der Historiker Michael Brenner in der FAZ. Die Nazis wussten nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen. "Die Juden waren ihrer Auffassung zufolge ja eine Rasse, in die man weder ein- noch aus ihr austreten konnte. Das bedeutete in aller Konsequenz, dass man zum Judentum Konvertierte nicht den Diskriminierungen und Verfolgungen unterwerfen konnte, denen man Juden aussetzte. Man konnte sie als Reichsfeinde auf anderer Grundlage verfolgen; man konnte diejenigen, die mit als nicht arisch eingestuften Partnern verheiratet waren, als 'jüdisch versippt' bezeichnen; und man konnte ihre Kinder diskriminieren. Aber in den Nazikategorien blieben sie trotz ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde 'Arier'. Einen systematischen Umgang mit dieser Gruppe gab es nicht. Ihre Behandlung variierte von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit."

Die Zeithistorikerin Gabriele Metzler spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über die USA unter Trump, die neue Weltordnung, DDR-Verklärung und Dekolonisierung. Und sie erklärt, warum das Metier des Zeitgeschichtlers ein schwieriges ist: "Historiker sind Spezialisten für Wandel - und dafür, dass es, alle strukturellen Prägungen mitbedacht, am Ende doch Menschen sind, die Entscheidungen treffen. Aus der Geschichte lernen heißt deshalb auch nicht, unmittelbare Handlungsanweisungen aus der Sicht auf die Vergangenheit für jetzt und heute ableiten zu können, sondern verlangt eine größere Anstrengung: Wer aus der Geschichte lernen will, muss Wissen über vergangene Entscheidungsgründe gewinnen, Wissen darüber, dass historischer Wandel menschlichem Handeln und bestimmten Interessen folgte und auf bestimmtem Wissen basierte, dass es Beharrungskräfte gegen Wandel mit ihren je eigenen Argumenten gab. Und überdies muss hinreichend Raum für Kontingenz, den schlichten Zufall, bleiben. Das ist, so sehr ich das hier vereinfacht habe: anspruchsvoll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2026 - Geschichte

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Beim Blick auf Trump und seine ICE-Schergen werden häufig Parallelen zum Aufstieg der Nazis gezogen. Der Historiker Richard J. Evans, Autor mehrere Bücher über das "Dritte Reich", erklärt im FR-Interview, warum der Vergleich nicht ganz stimmig ist: "Ich würde sagen: Man hört Echos. Ich glaube nicht, dass Trump ein Faschist ist. Aber es gibt gewisse Parallelen. Und zugleich sind die Unterschiede fundamental (...) Was viele heute unterschätzen - Historiker wie Publikum -, sind zwei Dinge. Erstens die nahezu grenzenlose Gewalttätigkeit der Nationalsozialisten. Natürlich gibt es auch in den USA Gewalt, aber das ist nicht vergleichbar. In den Wahlkämpfen der frühen 1930er Jahre starben auf deutschen Straßen Hunderte Menschen; im Wahlkampf 1932 waren es über 400 Tote. Nach der Ernennung Hitlers und erst recht nach dem Reichstagsbrand eskalierte die Gewalt von SA und SS massiv. Gewalt war ein Kernbestandteil der nationalsozialistischen Machtübernahme. Das wird heute zu oft vergessen."

Nicht zu den Nazis, sondern zu den amerikanischen Sklavenjägern des 19. Jahrhunderts zieht der Rechtsprofessor Daniel Kanstroom im NZZ-Interview Parallelen: "Ich will den Vergleich nicht überstrapazieren. Die Sklaverei war ein völlig anderes, sehr viel umfassenderes und tiefer in die Gesellschaft eingreifendes historisches Phänomen. Dennoch glaube ich, dass es für die These genügend Ähnlichkeiten zwischen den Sklavenjägern des 19. Jahrhunderts und den ICE-Agenten gibt. Afroamerikaner lebten zu jener Zeit in ständiger Angst, weil sie fälschlich für Sklaven gehalten werden konnten, von Sklavenjägern entführt wurden und sich dann neu versklavt in Mississippi wiederfanden - ohne jede Möglichkeit, zurückzukehren."