Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2026. In der Welt kritisiert der iranische Regisseur Ali Abassi das Versagen der islamischen Zivilisation im Nahen Osten. Im Tagesspiegel hofft der Dichter Ali Abdollahi auf einen Kollaps des ganzen islamistischen Diskurs- und Bedeutungssystems. In der FAZ widersprechen Hanna Radziejowska und Mateusz Fałkowski vom Pilecki-Institut in Berlin Grzegorz Rossoliński-Liebes These vom "transnationalen Völkermord" im besetzten Polen. Die Kritiker in FAZ, FR, SZ und taz fragen, wie Wolfram Weimer nach dem Desaster um den Deutschen Buchhandlungspreis als Kulturstaatsminister noch weitermachen will. Die Welt plädiert für eine Abschaffung des Preises - im Interesse der Unabhängigkeit des Buchhandels, versteht sich.
"Der Zusammenbruch der Islamischen Republik wäre nicht bloß das Ende einer Diktatur, sondern der Kollaps eines umfassenden Diskurs- und Bedeutungssystems", ruft der iranische Dichter und Übersetzer Ali Abdollahi im Tagesspiegel: "Mit den bislang dominierenden Verständnissen von Linkspolitik, Islamismus, klassischem Totalitarismus - wie sie in Europa verbreitet sind - lässt sich der Kampf iranischer Bürgerinnen und Bürger nur unzureichend begreifen. Um es mit den Worten des iranischen Dichters Sohrab Sepehri zu sagen: 'Man muss die Augen waschen, anders sehen.' Das Wort 'Regen' sollte wieder Regen bedeuten - nicht 'göttliche Gnade' oder romantisch die 'Tränen der Geliebten'. Das Wort 'Nacht' sollte Nacht sein - nicht bloß Metapher für 'Unterdrückung' oder 'Erstickung'. Und 'Moral' darf nicht in konservativen, klassischen Ermahnungen erstarren, sondern muss sich im toleranten Umgang mit dem Anderen, mit der Umwelt und mit dem modernen Menschen bewähren."
Aber: So schnell wird das Regime im Iran nicht fallen, glaubt der Politikwissenschaftler Olivier Roy im FR-Interview. Auch wenn Trump von einer "bedingungslosen Kapitulation" als Ziel der Bombardierungen schwadroniere: "Das ist ein Missverständnis des iranischen Systems. Die Armee ist loyal. Das mag manche überraschen, aber es ist so. Und vor allem: In einem äußeren Krieg wird sie nicht die Seiten wechseln. In einem inneren Bürgerkrieg könnte die Lage anders sein. Aber in einem Krieg gegen einen äußeren Feind stellt sich das Militär hinter den Staat. Der Staatsapparat funktioniert weiterhin. Das ist einer der großen Unterschiede zu Ländern wie Venezuela oder Kuba. Trump hofft, dass es wie in Venezuela läuft. Aber der Iran verfügt über eine funktionierende Staatlichkeit. Die Verwaltung funktioniert. Die Institutionen funktionieren. Und in Kriegszeiten ist das von enormer Bedeutung."
Der iranische RegisseurAli Abbasi ist sich in der Welt nicht so ganz sicher, was die Interessen der USA im Iran sind. Die Verantwortung für die Situation sieht er auch in der Region: "Der Nahe Osten ist für die Amerikaner nicht mehr so wichtig, wie er es einmal war. Öl haben sie selbst, und solange die Scheichs ihren Reichtum in den USA investieren, ist alles in Ordnung. Die Amerikaner sind in diesen Krieg nicht hauptsächlich aus Eigeninteresse gegangen, sondern im Interesse Israels. Das klingt, als sei ich ein Gegner der USA und Israels, was ich nicht bin. Ich sehe vielmehr ein Versagen unserer islamischen Zivilisation. Wir waren nicht in der Lage, Gesellschaften zu errichten, die auf Vermittlung und Koalitionen beruhen. Wie viele politische Parteien gibt es im Iran? In Saudi-Arabien? Wir müssen dringend unseren Kurs ändern, und dieser Krieg könnte einen Wendepunkt darstellen. Aber was für einen? Wie in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, das eine Demokratie wurde, oder wie im Irak nach dem Zweiten Golfkrieg mit einer chaotischen Desaster-Show?"
Wir stehen vor den Trümmern unserer Politik. Ein historisches Eingeständnis Ursula von der Leyens, über das in den sozialen Medien gestritten wird: "Der Ausstieg aus der Kernenergie war eine Entscheidung. Und im Abstand lässt sich sagen: ein strategischer Fehler."
La "réduction de la part du nucléaire [en Europe] était un choix. Et avec le recul, c'était une erreur stratégique", concède Ursula von der Leyen, présidente de la Commission européenne, au Sommet sur l'énergie nucléaire#BFM2pic.twitter.com/doioYdOwPw
Wolfram Weimer hat nach der massiven Kritik an seiner Entscheidung, drei linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen (unsere Resümees) die Preisverleihung bei der Leipziger Buchmesse jetzt abgesagt. "Was bleibt", fragt Andreas Platthaus in der FAZ. "Vorerst noch der Kulturstaatsminister: auf seinem Posten. Und ein Scherbenhaufen. Weimer hat sich mit seiner Buchhandlungsunfähigkeit einmal mehr als handlungsunfähig erwiesen. Zum Fixstern dieser Bundesregierung dürfte er nicht mehr taugen. Aber bleibt er weiterhin die fixe Idee des Kanzlers?" Auch für Dirk Knipphals (taz) hat sich der Kulturstaatsminister inzwischen vollkommen diskreditiert: "Erstens sind die drei linken Buchhandlungen, um die es geht, restlos in den Literaturbetrieb und gut in die engagierte Zivilgesellschaft ihrer jeweiligen Kieze in Berlin, Bremen und Göttingen integriert. Wer sie zu Staatsfeinden machen möchte, muss schon eine extrem rechte Brille aufhaben." Vor allem aber habe Weimer "Befürchtungen geweckt, dass von nun an der Verfassungsschutz bei allen Kulturpreisen, Stipendien, Stadtschreiberstellen, geförderten Tagungen und Veranstaltungen, immer erst einmal grünes Licht geben muss, bevor die Preisträgerinnen und Preisträger verkündet werden können."
Buchhändler sind zwar nicht Künstler (mehr hier), aber in der SZ erinnert Jörg Häntzschel Weimer an die Kunstfreiheit: "Dass diese Kunst einerseits frei ist, oft auch anstößig, andererseits mit staatlichen Mitteln gefördert wird, ist ein Paradox, das man aushalten muss. Es unterscheidet ein freies, demokratisches Land von Regimen wie der DDR und dem Nationalsozialismus. Weimer will gegen 'Extremismus' vorgehen, doch er geht damit gegen die Kunst selbst vor. Sie ist keine mehr, wenn sie sich - innerhalb der bestehenden Gesetze - nicht auch die Freiheit nehmen darf, extrem zu sein. ... Indem er das Vertrauen von Kultur und Kunst zerstört hat, hat er sich in die Handlungsunfähigkeit manövriert." In der FRschreibt Michael Hesse zu dem Desaster, im Tagesspiegelschreibt Gerrit Bartels.
Eigentlich kann man den Buchhandlungspreis auch abschaffen, meint in der Welt Marc Reichwein. Erstens nehmen heute die meisten Menschen "den Buchhandel eher vom Smartphoneaus als vorm städtischen Schaufenster wahr. Statt des Ladens in der Fußgängerzone nutzen viele Leute den Bestellbutton bei Amazon." Dieser neuen Realität mit Subventionen zu begegnen, findet Reichwein zu bequem: Der "Indie-Buchhandel" sollte sich fragen, "ob die vielbeschworene Unabhängigkeit inzwischen nicht reine Worthülsen-Folklore ist, wenn er immer mehr am staatlichen Tropf hängt und mit Unternehmertum immer weniger zu tun hat." Und auch das Beschwören der Meinungsfreiheit findet er in diesem Fall zumindest zwiespältig: "Formiert hat sich das nonstop für das 'freie Wort' und die 'Meinungsfreiheit' eintretende Buchgewerbe seit Jahren auch in Initiativen wie 'Verlage gegen rechts', sodass Verlage aus dem rechten Spektrum - dieses zu differenzieren fällt Linken traditionell schwer, im Zweifel sind alle Faschisten oder Nazis - sich inzwischen auf einer eigenen Buchmesse organisieren, der 'Büchermesse Seitenwechsel'."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Bei einer Lesung von Alice Schwarzer im Deutschen Schauspielhaus, wo sie ihr Buch "Feminismus pur. 99 Worte" vorstellen wollte, kam es zu Protesten und der Stürmung der Bühne bei der Lesung, berichtet Christoph Twickel bei Zeit Online. In einem offenen Brief war zuvor die Einladung Schwarzers kritisiert und ihre Ausladung gefordert worden, unterzeichnet hatte ihn unter anderen Saskia Tsitsigias, die bei einem Verein für die Beratung queerer Menschen arbeitet. Im Gespräch erklärt sie, warum sie Schwarzers kritische Position zum Selbstbestimmungsgesetz für überholt hält: "Wissenschaftlich sind diese Argumente ausgiebig geprüft und als unzutreffend bewertet worden. Die Reduktion von Geschlechtsidentität auf einen Rollenkonflikt widerspricht dem wissenschaftlichen Konsens. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet strikt zwischen Identität, Rolle und medizinischer Indikation. Das Selbstbestimmungsgesetz regelt im Übrigen ausschließlich die rechtliche Anerkennung, so wie es Menschenrechtsorganisationen zum Schutz vor Diskriminierung ausdrücklich empfohlen haben." Tsitsigias hofft, mit den Protesten dazu beigetragen zu haben, "dass derartige Booking-Entscheidungen zukünftig besser überdacht werden können".
Ebenfalls im Interview mit Zeit online würdigt Alice Schwarzer das Hamburger Schauspielhaus, das die Veranstaltung mit ihr trotz der Proteste - auch im eigenen Haus - durchführte. Selbstverständlich sei das nicht: "Das geht schon seit ein paar Jahren so. Ich gehe davon aus, dass es Menschen gibt oder Institutionen, die gar nicht mehr erwägen, mich einzuladen. Und viele schweigen, weil sie beschämt und erschrocken sind. ... Die Woke-Bewegung erteilt ja schon lange Redeverbote. Und sie hat eine bestimmte Ideologie, die muss man zu 100 Prozent vertreten, sonst darf man weder reden noch veröffentlichen. Ich habe im Theater mehrfach versucht zu beruhigen und gesagt, dass es nach der Lesung ein Gespräch mit dem Publikum geben wird. Ich habe auch gesagt: Ihr dürft auch etwas anderes denken als ich. Natürlich! Aber ich darf bitte auch etwas anderes denken als ihr!"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Antisemitismusforscher Jonas Hessenauer und Lukas Uwira resümieren im Interview mit der Jungle World die Ergebnisse ihrer Studie zu israelbezogenem Antisemitismus in den Medien. Die Daten-Erhebung endete schon im November 2023, was allerdings auch interessante Ergebnisse hervorbrachte: "Ein möglicher Vorteil könnte darin bestehen, dass sich auf diese Weise zeigen lässt, dass bestimmte Konzepte, die derzeit weit verbreitet sind - zum Beispiel der Vorwurf des Genozids -, schon lange vor dem 7. Oktober geäußert wurden, also zu einem Zeitpunkt, als klar war, dass es für einen solchen Vorwurf keinerlei Anhaltspunkte gab. Dadurch wird deutlich, dass solche dämonisierenden Zuschreibungen nicht erst als unmittelbare Reaktion auf die akute Kriegssituation aufgekommen sind, sondern bereits zuvor in Medienbeiträgen vorgenommen wurden."
Die Historikerin Hanna Radziejowska und der Soziologe Mateusz Fałkowski, beide Leiter des von der PiS gegründeten Pilecki-Instituts in Berlin, widersprechen in der FAZ Grzegorz Rossoliński-Liebes These vom "transnationalen Völkermord" an den Juden im besetzten Polen, an dem laut Rossoliński-Liebe antisemitische polnische Bürgermeister ebenso beteiligt waren wie Deutsche (unsere Resümees). Doch er verzerre damit den Kollaborationsbegriff und setze "die polnische Besatzungserfahrung mit der Situation in den Niederlanden, Norwegen, Frankreich oder Dänemark gleich. ... Im besetzten Polen waren dauerhaft zwischen 600.000 und einer Million deutsche Soldaten, Polizisten und SS- und Gestapo-Funktionäre stationiert. Das entspricht statistisch etwa 50 Einwohnern pro bewaffnetem deutschen Soldaten. Von freien 'Handlungsräumen' der polnischen Gesellschaft, welche Rossoliński-Liebe betont, kann daher kaum die Rede sein." Und anders als in Deutschland sei in Polen die Hilfe für Juden tatsächlich mit dem Tod bestraft worden, schreiben die beiden, die auch fürchten, die politische Verantwortung Deutschlands für die Nazi-Verbrechen solle "auf andere Staaten und Nationen" verschoben werden.
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