9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2022 - Geschichte

Im Grunde war Michail Gorbatschow ebenso wenig Demokrat wie sein langjähriger Freund, der tschechoslowakische Politologe Zdeněk Mlynář, der vermutlich wichtigste Theoretiker des Prager Frühlings, schreibt der schwedische Schriftsteller Richard Swartz in der NZZ. Gorbatschow, früh geprägt von Mlynář, glaubte bis zuletzt, das System hätte reformiert werden können, vermutet Swartz: "Fest steht, dass Gorbatschows Reformen Anbindungen an den Prager Frühling im Allgemeinen und an dessen Aktionsprogramm im Besonderen hatten. Hier fand er seine Vorbilder: eine Gesellschaft für und nicht gegen ihre Bürger, die Einsicht, in der Wirtschaft dem Markt einen größeren Einfluss zulasten des Plans zu gewähren, mit höherem Konsum und Preisen, die Angebot und Nachfrage widerspiegelten, nicht politisch diktiert waren. Fest stand auch, dass Veränderungen dieser Art vom existierenden System rasch erstickt würden, wenn nicht zeitgleich die Meinungsfreiheit die Zensur ersetzte. Mlynář hatte in seinem Aktionsprogramm mehrfach die Notwendigkeit von 'Pluralismus' betont, ohne damit ein Mehrparteiensystem zu befürworten."

Die Bekleidungsindustrie hatte in NRW einst genauso viel Beschäftigte wie der Bergbau. Heute weiß das allerdings kaum noch jemand, notieren die Ruhrbarone und verweisen auf einen Artikel in Rubin, einem Online-Magazin der Ruhr-Universität Bochum. In dieser Industrie arbeiteten vor allem Frauen, und die wurden von der Politik wissentlich geopfert, heißt es dort unter Bezug auf die Historikerin Alice Gorny, die zum Thema forscht: "In den 1970er-Jahren sah sich die exportstarke Bundesrepublik gezwungen, den Aufbau von Industrien in den damaligen Schwellenländern zu unterstützen und Waren zu importieren - um im Gegenzug neue Märkte für den Export zu erschließen. Die Schwellenländer sollten lieber in der Bekleidungsbranche erstarken als im Technologiesektor, in dem Deutschland selbst Ambitionen hatte. 'Die Politiker sahen auch keine Notwendigkeit, dass Frauen Arbeit hatten, weil sie ja noch einen Ernährer zuhause hatten. Außerdem herrschte die Meinung vor, dass es in der Bekleidungsindustrie sowieso keine schönen Jobs gäbe', führt Gorny aus." Mehr auch in einem Blogbeitrag Gornys.

Außerdem: In einer ausführlichen Reportage erinnert Hanna Voß in der taz an die Massaker von Sabra und Schatila vor vierzig Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2022 - Geschichte

Eine der großen Ängste der Bundesrepublik war die gesellschaftliche Zersplitterung, wie  sie die Weimarer Republik vorgelebt hatte, schreibt der Historiker Frank Bösch in der Zeit. Also schuf man übergreifende Organisationen wie Einheitsgewerkschaften über "Volksparteien" wie die CDU. Auch das hatte einen Preis: "Die Integration der Rechten in eine demokratische Partei war .. nicht unproblematisch: Sie prägte die Gesetzgebung in vielen Bereichen über Jahrzehnte, gerade gegenüber Minderheiten. Ausländer, Homosexuelle, aber auch die weibliche Bevölkerungsmehrheit trugen die Folgen. In der Ministerialbürokratie saßen nur scheinbar 'überparteiliche Experten'. De facto waren sie meist konservativ eingestellt - und hatten einen nationalsozialistischen Hintergrund. Ihre Gesetze und Verordnungen stellten oft den Schutz des Staates über den Schutz demokratischer Individualrechte. Einheit und Gemeinschaft standen weiterhin über pluralistischer Vielfalt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2022 - Geschichte

Als er auf  seine Rolle beim Olympia-Attentat 1972  angesprochen wurde, warf Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas, fünfzig Holocaust an den Palästinensern begangen zu haben (unsere Resümees). Von dem Massaker distanzierte er sich nicht. Auch in den Schulbüchern seiner Verwaltung, die von der EU mitfinanziert werden, wird das Massaker nach wie vor positiv dargestellt, berichtet  Björn Stritzel in der Bild: "So heißt es in einem Schulbuch für den Geschichtsunterricht der 11. Klasse, 'der palästinensische Widerstand' habe 'auf viele Methoden zurückgegriffen'. Die Fedayeen (in diesem Kontext: palästinensische Kämpfer) würden sich bei ihren 'Konfrontationen mit den Zionisten' meist auf 'Guerrilla-Krieg verlegen', heißt es in dem Schulbuch weiter. 'Sie versuchten auch, zionistische Interessen im Ausland anzugreifen, so wie bei der Operation in München 1972.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2022 - Geschichte

Der russische Angriff auf die Ukraine ist auch ein Krieg um die Geschichtsschreibung, schreibt der ukrainische Historiker Jaroslaw Hrytsak auf ZeitOnline: "Wir sind es gewohnt, die Ukraine und ihre Vergangenheit im Schatten Russlands zu betrachten. Tatsächlich ist der russische Faktor in der ukrainischen Geschichte relativ neu. Seine Anfänge gehen auf das Ende des 17. und den Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt - und im Westen der Ukraine bis zum Zweiten Weltkrieg - waren die ukrainischen Länder der östliche Rand des gemeinsamen europäischen Raums mit seinen Traditionen der Teilung in weltliche und religiöse Macht, in Macht der Monarchen und Parlamente, der Staatselite und Gesellschaft. Der Schrittmacher dieser Traditionen war der polnische Faktor. Abgesehen davon, dass die Ukrainer den Polen gegenüber feindlich gesonnen waren, übernahmen sie die Art und Weise, wie diese ihre Macht organisierten, sowie die Traditionen des Patriotismus und Nationalismus. Die Ukrainer mögen sprachlich und kulturell den Russen relativ nahestehen, politisch sind sie aber den Polen viel näher."

In der FAZ erklärt der Schriftsteller Marius Ivaskevicius, warum Michail Gorbatschow in Litauen nicht sehr beliebt ist: Die Litauer verzeihen ihm die Toten, für die das sowjetische Militär verantwortlich war, bei den Protesten in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1991 nicht. Aber Ivaskevicius, der in seinem Artikel auch nachdrücklich den deutschen Journalisten Hans-Wilhelm Steinfeld würdigt, ist auch froh, dass damals Gorbatschow und nicht ein Putin an der Macht war: "Viele, die heute über vierzig sind, verfolgt irgendwo tief im Unterbewusstsein wie ein Schatten die Alternative jener hoffnungslosen Existenz in der Sowjetunion. Wie ein Albtraum, aus dem du erwacht bist, von dem du aber noch den Schauer am ganzen Körper fühlst, während das Bewusstsein langsam in die Realität übergeht. Was, wenn jene Welt nicht zusammengebrochen wäre? Wenn dein ganzes Leben grau wie ein Sumpf wäre, und die einzigen Farben, die dich schmücken, wären das Abzeichen der Kommunisten am grauen Jackenaufschlag und die vom übermäßigen Trinken gerötete Nase?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2022 - Geschichte

Der deutsch-jüdische Autor und Psychologe Louis Lewitan erlebte das Olympia-Attentat 1972 vor Ort. In der Jüdischen Allgemeinen rechnet er scharf ab mit der Bundesregierung, dem Bundesnachrichtendienst, dem Olympischen Komitee, dem Freistaat Bayern und den Sicherheitsbehörden, denen er "kollektives Versagen" auf allen Ebenen vorwirft. Ein "unwürdiges Trauerspiel" nennt er auch die jetzige Einigung, Aufklärung fehle bis heute: "Die schreckliche Vergangenheit des Olympia-Attentats wirft auch heute noch einen langen Schatten, aus dem die deutsche Regierung offensichtlich nicht willens ist herauszutreten. Stattdessen hüllt sie sich weiter eisig in Schweigen, wenn es etwa um die lückenlose Aufdeckung der unsäglichen Kooperation zwischen der nachgiebigen, erpressbaren Bundesregierung unter Willy Brandt und der terroristischen 'Palästinensischen Befreiungsorganisation' PLO geht. Ebenso ungeklärt bleibt, warum Mohammed al-Safadi und Jamal al-Gashey, zwei der drei überlebenden Attentäter, bis zum heutigen Tag nicht vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung gezogen wurden. Ihr Aufenthaltsort ist den deutschen Behörden seit langem bekannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Geschichte

In letzte Minute haben sich deutsche Behörden und die Angehörigen der Opfer des Olympia-Attentats von 1972  geeinigt. Die Opfer erhalten nach jahrzehntelangem Kampf um eine würdige Behandlung eine Entschädigung von 28 Millionen Euro, berichtet Aaron Wörz in der taz. Und eine Aufarbeitung der Geschehnisse wurde vereinbart, denn die deutsche Behörden hatten 1972 trotz der Warnungen, die es gegeben hatte, schmählich versagt und sie hatten keine Hilfe aus Israel akzeptiert: "Bei dem chaotischen Versuch, die Geiseln zu befreien, starben neun israelische Sportler auf einem Flugplatz in der Nähe von München. Die Familien wollen deshalb eine offizielle Entschuldigung der deutschen Regierung. Zudem seien noch Akten unter Verschluss. In der Mitteilung über die Einigung kündigte die Bundesregierung am Mittwoch eine 'Aufarbeitung der Geschehnisse durch eine Kommission deutscher und israelischer Historiker, die rechtskonforme Freigabe von Akten, die Einordnung und Übernahme von politischer Verantwortung im Rahmen der Gedenkveranstaltung' an."

in einer historischen Koinzidenz jähren sich gleichzeitig die Verhandlungen der Adenauer-Regierung mit Israel zum siebzigsten Mal, die zu Entschädigungszahlungen führten. Der Historiker Constantin Goschler erinnert in der Zeit daran, dass die Israelis ursprünglich gar nicht direkt mit Deutschland reden wollte, sondern hofften, die Alliierten einschalten zu können. Aber die wollten nicht: "Die katastrophale ökonomische Situation des 1948 gegründeten israelischen Staates, der sich seither im Dauerkonflikt mit seinen arabischen Nachbarn befand und Hunderttausende Holocaust-Überlebende aus Osteuropa aufnahm, zwang die Regierung in Jerusalem schließlich dazu, ohne Mittler mit den Deutschen zu sprechen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2022 - Geschichte

Sonja Smolenski erinnert an die Entschädigungszahlungen, die die Adenauer-Regierung vor siebzig Jahren, bloß sieben Jahre nach dem Krieg, mit Vertretern Israels und der Jewish Claims Conference vereinbart hat - 3,5 Milliarden Mark. Das Abkommen war in Israel umstritten: "Auch der Begriff 'Wiedergutmachungsabkommen', mit dem die deutsche Regierung einen Euphemismus für die Entschädigungszahlungen schaffte, wurde von jüdischer Seite abgelehnt und scharf kritisiert. Trotz Protesten von Betroffenenorganisationen bezeichnet die Bundesregierung die Entschädigungszahlungen bis heute als 'Wiedergutmachung'. Der heutige Repräsentant der Jewish Claims Conference, Rüdiger Mahlo, sagt dazu: 'Die Shoah-Überlebenden haben den Begriff immer abgelehnt und akzeptieren ihn bis heute nicht. Die systematische Entrechtung und Verfolgung, das Leid, die barbarische Zerstörung des jüdischen Lebens in Europa, die Ermordung ganzer Familien, der Raub des Eigentums, das Leben von ermordeten Eltern, Großeltern, Kindern kann nicht wieder repariert, kann nicht 'wieder gut' gemacht werden.'"

Immer noch ist die Frage offen, ob Angehörige der Opferfamilien bei den Gedenkfeiern zum Olympia-Attentat 1972 dabei sein werden. Sie sind unzufrieden mit den bisherigen Entschädigungsleistungen, aber vor allem auch mit der Aufarbeitung des Attentats und den Informationenen, die sie erhalten haben. Im Hintergrund laufen intensive Verhandlungen, schreiben Eckart Lohse und Jochen Stahnke in der FAZ. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Die Sprecherin der Opfer, Ankie Spitzer, "ist die Witwe des israelischen Fechters Andre Spitzer. Die gebürtige Holländerin hatte ihn einst beim Training in Den Haag kennengelernt. Immer wieder hat sie betont, es gehe nicht nur um Entschädigungsgeld. Vor den Olympischen Spielen hatte es Warnungen über Terroranschläge aus der deutschen Botschaft in Beirut und auch aus den Landesbehörden gegeben. Doch änderte das am laxen Sicherheitskonzept der bayerischen Sicherheitsbehörden nichts. Die bayerische Polizei war weitgehend unbewaffnet, das olympische Dorf kaum gesichert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2022 - Geschichte

Die politische Kultur in Russland ist stark von der Mongolenherrschaft geprägt, meint in der NZZ der Politikwissenschafter Jörg Himmelreich: "Die Mongolen waren nicht an dem Land, sondern an Geld und Männern für den Kriegsdienst interessiert. Der Mongolen-Khan war der erste unumstrittene Herrscher über eine bis dahin in Teilfürstentümer zersplitterte Kiewer Rus. Die Fürsten waren dem Khan gegenüber tributpflichtig. Das zwang die Teilfürsten dazu, die eigene Bevölkerung rücksichtslos auszupressen, denn wessen Abgaben zu gering waren, der wurde aus dem Weg geräumt. ... Sinn für politische Verantwortung entwickelte sich unter diesen Umständen kaum, da Macht nur zur Anhäufung von Privatbesitz diente. Begehrten die Menschen auf, musste man ihnen nur mit den Mongolen drohen. So verschaffte man sich bedingungslosen Gehorsam. Unter der 250-jährigen Mongolenherrschaft brutalisierte sich in Russland das Leben. Die Todesstrafe, die in der Kiewer Rus noch unbekannt war, wurde von den Mongolen eingeführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2022 - Geschichte

Der Historiker Jochen Staadt erinnert auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ an den Auftritt der DDR-Mannschaft bei den Olympischen Spielen von 1972. Sportlich war sie äußerst erfolgreich. Aber "an der Trauerfeier für die ermordeten Israelis im Olympiastadion nahm die Delegation der DDR nicht teil. Der Staatssicherheitsdienst zog aus der am 6. September 1972 auf dem Flugfeld von Fürstenfeldbruck gescheiterten Geiselbefreiung die Konsequenz des Aufbaus einer eigenen Anti-Terror-Abteilung. Diese schritt allerdings nicht gegen Terrororganisationen aus dem Nahen Osten ein, die vom Gebiet der DDR aus den 'westlichen Imperialismus' bekämpften, so geschehen am 5. April 1986 mit einem Bombenanschlag auf die von amerikanischen Soldaten besuchte Diskothek 'La Belle' in Westberlin mit drei Todesopfern und 28 Schwerverletzten."

Ebenfalls für die FAZ besucht Marc Zitzmann einen neuen Holocaust-Gedenkort im Bahnhof von Pithiviers (Website), von wo aus Juden aus Frankreich deportiert wurden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2022 - Geschichte

Die lange Zeit von vielen westeuropäischen Linken in Ehren gehaltene Sowjetunion war nichts anderes als ein imperialistischer Staat, dessen gewaltiges Territorium sich auch seinen kolonialen Expansionsgelüsten verdankte, schreiben die Historikerinnen Botakoz Kassymbekova und Annette Werberger in der FAZ. Besonders unter Stalin wurden politische Eliten unterworfener Ethnien, "die sich eine andere Zukunft für ihre Völker vorstellten, ausgelöscht. Zudem wurden einige Gruppen als feindliche Völker bezeichnet, weil sie angeblich mit Ausländern kollaborierten. Diese Stereotype zielten meist auf Nichtrussen, die als besonders gefährlich galten (Deutsche, Tschetschenen, Krimtataren, Koreaner) oder als unterentwickelt betrachtet wurden. Die Russen wurden als Maßstab der zivilisatorischen Entwicklung angesehen. Wer Aufstiegschancen suchte, musste sich russifizieren." Die beiden Autorinnen erinnern an den amerikanischen Historiker Mark von Hagen und dessen Artikel "Does Ukraine Have a History?" von 1995 und rufen auf, Osteuropastudien selbst zu dekolonisieren. "Die Diversifizierung der Osteuropastudien und der Umbau von Strukturen, Studiengängen und internationalen Kontakten ist eine wichtige Investition, damit wir in Europa in Zukunft in den Morgenstunden seltener von 'der Geschichte' überrascht werden."