Der Osteuropahistoriker
Martin Schulze Wessel attackiert auf der Gegenwart-Seite der
FAZ seinen Kollegen
Ulrich Herbert, der sich in der
taz gegen Vergleiche des Kriegs gegen die Ukraine mit dem Zweiten Weltkrieg gewandt hatte (unser
Resümee). Wessel findet durchaus Kriterien, die die Begriffe "
Faschismus", "
Vernichtungskrieg" und "
Genozid" auf das Geschehen anwendbar machen und verweist nebenbei auf das
Buch "Is Russia Fascist? Unraveling Propaganda East and West" der französischen Historikerin
Marlène Laruelle. Schulze Wessel kritisiert auch die
deutschen Russlandhistoriker en bloc, die sich auch institutionell zu sehr an Russland gebunden hätten: "Unter den deutschen Russlandforschern ist auch
keine Trauer über das katastrophale Ende der besonderen Beziehung zwischen Berlin und Moskau vernehmbar. Einen
elegischen Ton wählte jedoch die deutsche Sektion der Deutsch-Russischen Geschichtskommission, als sie kurz nach Kriegsausbruch erklärte, dass die Gewaltausübung des 20. Jahrhunderts
kein Mittel der Politik des 21. Jahrhunderts sein dürfe, dabei aber Russland als Angreifer nicht nannte. Die Resolution endet mit der lateinischen Sentenz: 'Inter arma silent musae' (Im Krieg schweigen die Musen)."
Der Historiker
Omer Bartov hat
ein Buch über die "Grenzländer" geschrieben, aus denen seine jüdische Familie stammt. Sie waren mal polnisch, mal österreichisch, mal sowjetisch und jetzt ukrainisch. Die Juden, die Ruthenen (also Ukrainer), die Polen lebten zusammen. Nicht dass es ein Idyll war. Der
Nationalismus brachte die Gewalt. Auf die Frage, ob es auch Kräfte gab, die gegen diesen wachsenden Nationalismus waren,
antwortet Bartov im Gespräch mit Jan Feddersen von der
taz: " Ich würde sagen, die Leute, die da vor dem Nationalismus lebten, verfolgten nicht die Idee, dass alle zusammenleben. Jede Gruppe blieb
weitgehend separat und hatte ihre eigenen Narrative. Die Geschichten, die sie sich selbst erzählten, unterschieden sich stark. Was am Ende des 19. Jahrhunderts begann, war, dass diese Geschichten nicht mehr nur waren: Warum sind wir hier? Sondern auch: Warum sind
die anderen hier? Sie gehören nicht her!"
Nochmal
taz. Ziemlich kritisch
setzt sich Stephan Lehnstaedt mit dem Konzept des Deutschen Historischen Museums für das "
Dokumentationszentrum Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa" auseinander, dem er vorwirft, in Konkurrenz zu bereits bestehenden Gedenkorten in Berlin zu treten, statt
neue Fragen zu stellen zum Beispiel "nach Handlungsspielräumen von Millionen von Menschen...: etwa Eisenbahnern und Postlern, den Millionen von Soldaten der Wehrmacht und auch Zivilisten und Zivilistinnen - Sekretärinnen der SS, Krankenschwestern oder Kindergärtnerinnen bei der 'Germanisierung'. Sie alle spielten
tragende und unverzichtbare Rollen bei der Okkupation, die als gesamtgesellschaftliches Projekt zu verstehen ist. Eine Auseinandersetzung mit dieser Täterschaft erfolgt bislang viel zu wenig und ist nur zum kleinsten Teil Aufgabe der existierenden Gedenkstätten - aber Pflicht und Kür eines Besatzungsmuseums."
Ebenfalls in der
taz kommt der Historiker
Felix Heinert nochmal auf die deutschen Belehrungen zu
Stepan Bandera zurück, während gleichzeitig die
Attentäter des 20. Juli gefeiert worden seien, die ebenfalls Antisemiten waren.