9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2022 - Geschichte

Letzten Dienstag hatte der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vor der deutschen Presse auf die Frage, ob er sich für das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München vor 50 Jahren entschuldigen wollen, mit der Beschuldigung reagiert, Israel habe 50 Holocausts an den Palästinensern verübt. Niemand widersprach, auch nicht Bundeskanzler Scholz, der daneben stand. Das allein war schon ein Skandal. Im nachhinein gesehen, könnte man sich außerdem mal an die eigene Nase fassen, meint Arno Widmann in der FR: "Es ist ganz unwahrscheinlich, dass an der Vorbereitung und Durchführung der Aktion nur die bekannten palästinensischen Fachkräfte beteiligt gewesen sein sollen. Es gab damals in jeder deutschen Universitätsstadt ein Palästina-Komitee und ein Palästinensertuch galt als schickes APO-Accessoire. München war ein Zentrum linken Antisemitismus'. Am 13. Februar 1970 hatte es einen Brandanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Reichenbachstraße in München gegeben. Sieben Menschen waren dabei umgekommen. 'Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die Heilige Kuh Israel?' war damals die weniger als Frage als vielmehr als Aufforderung gemeinte Parole der mit der den palästinensischen zusammen arbeitenden deutschen Terroristen." Wäre es nicht an der Zeit, einer möglichen deutschen Beteiligung an dem Attentat nachzuforschen, fragt Widmann.

Immer noch ist unklar, ob die Angehörigen der Opfer des Olympia-Attentats 1972 an der Gedenkfeier am 5. September teilnehmen werden, berichtet Aaron Wörz in der taz. Dabei gehe es nicht nur um die Höhe der Schmerzensgelder: "Ankie Spitzer zeigt sich auf  taz-Anfrage empört. Die Familien der Athleten verhandelten nicht über Wiedergutmachungszahlungen. 'Das ist Sache unserer Anwälte.' Über das Angebot einer Analyse des Archivmaterials, das nun offenbar endlich deutschen und israelischen Expert:innen verfügbar gemacht werden soll, sei man hingegen sehr froh. 'Ich möchte den Untersuchungsbericht einsehen. Das ist alles. Ich möchte wissen, was meinem Mann passiert ist.' Außerdem gehe es den Familien um eine 'Anerkennung der eigenen Verantwortung und eine Entschuldigung', dafür, dass man fünfzig Jahre lang versucht habe, Tatsachen zu vertuschen und 'die Angehörigen zu ignorieren'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2022 - Geschichte

Jahrzehntelang war das Rätsel der Überreste der gefallenen Soldaten und Pferde von Waterloo ungelöst. Es handelt sich um die Knochen Zehntausender Männer und Pferde, die nie wiedergefunden wurden. Nun hat eine Forscherkommission die Lösung des Rätsels gefunden. Die Knochen wurden illegal für die Zuckerproduktion benutzt, erzählt Lorenz Hemicker unter der Überschrift "Gefallen, zermalmt und aufgelöst" in der FAZ: Dafür führten die Forscher einige Argumente aus: "Der Aufstieg der Zuckerindustrie in Belgien begann 1833. Preis und Nachfrage nach Knochen explodierten förmlich, weil die Fabriken die Knochen zu Knochenkohle verarbeiteten. Die wurde für die Filter benötigt, die zum Einsatz kamen, um den Zucker zu entfärben - nicht nur in Belgien, sondern auch in anderen Teilen Europas. Der Aufwand war gigantisch. Ein Politiker jener Tage bezifferte den Knochenbedarf auf ein Drittel des produzierten Zuckers."
Stichwörter: Waterloo, Belgien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2022 - Geschichte

"Historisch gesehen ist vor einigen Tagen im Grunewald ein Stück altes Westberlin explodiert." So erklärt Lothar Müller in der SZ im Rahmen einer kleinen Geschichte des Grunewalds, warum mitten in einem Berliner Naherholungsgebiet Bomben lagern, die dort vor einigen Tagen den Wald in Brand setzten: "Dicht verschweißt waren hier die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs mit der insulären Lage, mit der Unzugänglichkeit des Umlands. Nur im größten Waldgebiet ließen sich Weltkriegsbomben, Granaten, Munition und beschlagnahmte Feuerwerkskörper weit genug von Wohngebieten sammeln, lagern und kontrolliert sprengen. Die politische Diskussion zwischen den Regierungen in Berlin und Brandenburg fasst nun die Zukunft ins Auge und diskutiert wieder einmal die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Verlagerung des Sprengplatzes ins Umland."
Stichwörter: Grunewald, Westberlin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2022 - Geschichte

Ja, der Zionismus ist mit dem Kolonialismus verflochten, schreibt der Historiker Michael Brenner, Autor des Buches "Israel - Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates" in der FAZ, aber die Dinge liegen doch ein bisschen komplexer: "Der Zionismus ist ohne den europäischen Kolonialismus nicht vorstellbar, aber gleichzeitig ist er eine Befreiungsbewegung einer von Europäern unterdrückten Minderheit. Ein Teil der jüdischen Einwanderer nach Israel waren weiße Europäer, die von anderen weißen Europäern vertrieben wurden, ein anderer Teil waren arabische Juden, die von muslimischen Arabern aus ihrer Heimat verwiesen wurden. Die Palästinenser tragen keine Verantwortung am Mord an den europäischen Juden, und doch mussten sie dafür bezahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2022 - Geschichte

In der NZZ erinnert die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska an den Petersburger Vertrag von 1772, mit dem Preußen, Russland und Österreich die erste Teilung Polens beschlossen hatten. "Polen, das sich nicht wehren konnte und keine internationale Unterstützung fand, wurde gezwungen, dem Teilungsvertrag der drei Supermächte zuzustimmen. Die Abgeordneten blieben zunächst dem Parlament fern. Doch die drei Verbündeten machten Druck, zahlten viel Bestechungsgeld und ließen auch ihre Truppen einmarschieren. Am 30. September 1773 wurde die Teilung dann durch eine parlamentarische Mehrheit sanktioniert." Doch Polens Kapitulation zahlte sich nicht aus, die Großmächte hatten immer noch nicht genug. Sie annektierten bald "Gebiete, die weit über die in der Petersburger Teilungskonvention bezeichneten hinausgingen. Russland verleibte sich Livland und Teile Weißrusslands (84 000 Quadratkilometer mit 1 256 000 Einwohnern) ein. Österreich sicherte sich Kleinpolen und weite Teile Galiziens (93 900 Quadratkilometer, 2 669 000 Einwohner). Obwohl Preußen mit dem Ermland und Teilen Großpolens 'nur' 35 000 Quadratkilometer mit 365 000 Einwohnern gewann, durfte sich der preußische König als eigentlicher Gewinner der Teilung fühlen. Die seit Generationen von den Hohenzollern angestrebte Landverbindung zwischen Ostpreußen und Brandenburg wurde hergestellt, und mit der Einführung der Weichselzölle übernahm Preußen die Kontrolle über den lukrativen polnischen Außenhandel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2022 - Geschichte

Dem Dlf Kultur liegt ein vom damaligen tschechoslowakischen Geheimdienst verfasstes und bisher unbekanntes Dokument vor, das belegen soll, dass die Bundesregierung entgegen aller Behauptungen sehr wohl Ungarn Schulden erließ, um Fluchtwillige aus der DDR freizukaufen, schreibt Anna Loll ebenda. "Laut der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur waren dies gegen Ende der DDR rund 90.000 D-Mark pro Person. Für Ungarn bedeutete das eine enorme Haushaltsentlastung bei der Schuldentilgung 1989: In dem Deutschlandfunk Kultur vorliegenden Dokument wird geschätzt, dass 'Ungarn auf diesem Weg 150 bis 200 Mill[ionen] erhalten wird. Um diese Summe werden der UVR die Zahlungen herabgesetzt, die sie an die BRD im Zusammenhang mit einem Regierungskredit zu leisten hat, der ihr in den vergangenen Jahren gewährt wurde', so heißt es in dem Dokument des tschechoslowakischen Nachrichtendienstes von 1989."
Stichwörter: DDR, Ungarn, Flucht, Schulden, BRD, SED

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2022 - Geschichte

Die Linke ist - auch wenn sie es bis heute nicht hören will - einer der Ursprünge des modernen Antisemitismus, wenn auch bei weitem nicht der einzige. Bernard-Henri Lévy macht es in La Règle du Jeu am Beispiel der Mélenchonisten deutlich, die jüngst erst in der Assemblée nationale eine Resolution gegen den "Apartheidsstaat" Israel einbringen und den Boykott israelischer Produkte fordern wollten. Lévy nimmt es zum Anlass, die linken Antisemiten in der Geschichte Frankreichs, vom frühen Jean Jaurès (vor der Dreyfus-Affäre) bis Mélenchon Revue passieren zu lassen: Es handele sich um eine "Strömung, die in den 1930er Jahre in den Reihen der pazifistischen Linken wieder auftauchte. Der Sozialist Fernand Bouisson beschuldigte Georges Mandel, 'wie alle Juden' den Krieg zu wollen... Der Radikale Yvon Delbos, Außenminister des Front populaire, erklärte, dass 'die überall verjagten Juden ihr Heil in einem Weltkrieg suchen'…, der Parteichef Paul Faure empörte sich über Blum, 'der bereit ist, uns für die Juden sterben zu lassen'." Lévy empfiehlt zum Thema Michel Dreyfus' Geschichte des linken Antisemitismus, die sicher auch für deutsche Leser instruktiv ist: "L'antisémitisme à gauche - histoire d'un paradoxe, de 1830 à nos jours", Editions La Découverte, Paris 2010.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2022 - Geschichte

Dem imperialen Nationaldiskurs der Russen steht ein ethno-nationales Denken der Ukrainer entgegen. Dies sei zwar nach innen gerichtet und defensiv, war aber auch nicht unproblematisch, weil Krimtataren, Russen und Polen darin keinen klaren Status hatten. Erst durch die Besetzung der Krim modernisierte sich auch das ukrainische Denken über die eigenen Nation, erklärt der Historiker Georgiy Kasianov, Autor des Buchs "Memory Crash", im Gespräch mit Christian Staas  von der Zeit: "Die nationale Erzählung wurde nun dominanter und zugleich inklusiver: Die Krimtataren verloren ihren Status als 'Andere', die Erinnerung an den Holocaust entwickelte sich zu einem Bestandteil der Nationalgeschichte, und es besteht Aussicht, dass der tief verwurzelte Konflikt mit Polen endlich beigelegt wird. Die Sowjetnostalgie verlor unterdessen an Zuspruch." Kasianov erzählt in dem Gespräch überigens auch, wie er in Konflikt mit Andrij Melnyk geriet, weil er anders als Melnyk den Holodomor als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", aber nicht als Genozid sieht. Zum Thema Bandera sagt Kasianov: "Es ist schade, dass jeder Deutsche den Namen Bandera zu kennen scheint, aber kaum einer weiß, dass in Yad Vashem mehr als 2.600 Ukrainer als Gerechte unter den Völkern geehrt werden, weil sie Juden gerettet haben."

Außerdem: In der NZZ widmet sich der Historiker Michael Wolffsohn der Frage: Wie antisemitisch war Bismarck? Ein bisschen "klassen-antisemitisch", so sein Resümee.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2022 - Geschichte

Der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel attackiert auf der Gegenwart-Seite der FAZ seinen Kollegen Ulrich Herbert, der sich in der taz gegen Vergleiche des Kriegs gegen die Ukraine mit dem Zweiten Weltkrieg gewandt hatte (unser Resümee). Wessel findet durchaus Kriterien, die die Begriffe "Faschismus", "Vernichtungskrieg" und "Genozid" auf das Geschehen anwendbar machen und verweist nebenbei auf das Buch "Is Russia Fascist? Unraveling Propaganda East and West" der französischen Historikerin Marlène Laruelle. Schulze Wessel kritisiert auch die deutschen Russlandhistoriker en bloc, die sich auch institutionell zu sehr an Russland gebunden hätten: "Unter den deutschen Russlandforschern ist auch keine Trauer über das katastrophale Ende der besonderen Beziehung zwischen Berlin und Moskau vernehmbar. Einen elegischen Ton wählte jedoch die deutsche Sektion der Deutsch-Russischen Geschichtskommission, als sie kurz nach Kriegsausbruch erklärte, dass die Gewaltausübung des 20. Jahrhunderts kein Mittel der Politik des 21. Jahrhunderts sein dürfe, dabei aber Russland als Angreifer nicht nannte. Die Resolution endet mit der lateinischen Sentenz: 'Inter arma silent musae' (Im Krieg schweigen die Musen)."

Der Historiker Omer Bartov hat ein Buch über die "Grenzländer" geschrieben, aus denen seine jüdische Familie stammt. Sie waren mal polnisch, mal österreichisch, mal sowjetisch und jetzt ukrainisch. Die Juden, die Ruthenen (also Ukrainer), die Polen lebten zusammen. Nicht dass es ein Idyll war. Der Nationalismus brachte die Gewalt. Auf die Frage, ob es auch Kräfte gab, die gegen diesen wachsenden Nationalismus  waren, antwortet Bartov im Gespräch mit Jan Feddersen von der taz: " Ich würde sagen, die Leute, die da vor dem Nationalismus lebten, verfolgten nicht die Idee, dass alle zusammenleben. Jede Gruppe blieb weitgehend separat und hatte ihre eigenen Narrative. Die Geschichten, die sie sich selbst erzählten, unterschieden sich stark. Was am Ende des 19. Jahrhunderts begann, war, dass diese Geschichten nicht mehr nur waren: Warum sind wir hier? Sondern auch: Warum sind die anderen hier? Sie gehören nicht her!"

Nochmal taz. Ziemlich kritisch setzt sich Stephan Lehnstaedt mit dem Konzept des Deutschen Historischen Museums für das  "Dokumentationszentrum Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa" auseinander, dem er vorwirft, in Konkurrenz zu bereits bestehenden Gedenkorten in Berlin zu treten, statt neue Fragen zu stellen zum Beispiel "nach Handlungsspielräumen von Millionen von Menschen...: etwa Eisenbahnern und Postlern, den Millionen von Soldaten der Wehrmacht und auch Zivilisten und Zivilistinnen - Sekretärinnen der SS, Krankenschwestern oder Kindergärtnerinnen bei der 'Germanisierung'. Sie alle spielten tragende und unverzichtbare Rollen bei der Okkupation, die als gesamtgesellschaftliches Projekt zu verstehen ist. Eine Auseinandersetzung mit dieser Täterschaft erfolgt bislang viel zu wenig und ist nur zum kleinsten Teil Aufgabe der existierenden Gedenkstätten - aber Pflicht und Kür eines Besatzungsmuseums."

Ebenfalls in der taz kommt der Historiker Felix Heinert nochmal auf die deutschen Belehrungen zu Stepan Bandera zurück, während gleichzeitig die Attentäter des 20. Juli gefeiert worden seien, die ebenfalls Antisemiten waren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2022 - Geschichte

Olaf Scholz hatte in einem nichtssagenden Tweet zum 20. Juli seine Bewunderung für den Mut des Hitler-Attentäters Stauffenberg bekannt. Seltsamerweise entbrannte darum eine Diskussion - viele heutige "Antifaschisten" mögen Stauffenbergs Mut nicht anerkennen und werfen ihm vor, nicht genau das angestrebt zu haben, was achtzig Jahre nach dem krieg als die richtige Richtung angesehen wird. Erica Zingher möchte das Thema in der taz differenziert behandelt wissen: "Weniger bekannt ist nämlich, dass sich auch Gewerkschafter und Sozialdemokraten gegen Hitler stellten und ihr Leben als Teil der Gruppe riskierten. Aufräumen muss man dennoch mit der heutigen Inszenierung des 20. Juli als heroischer Kampf für die Demokratie. Wie das politische System nach dem Umsturz aussehen sollte, war noch nicht klar. Für die anderen Mitglieder der Gruppe, Konservative, Monarchisten, Militärs, ging es nämlich vordergründig nicht um Demokratie."