9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2022 - Geschichte

Im taz-Interview mit Sophie Jung wird der Stadthistorikerin Iryna Sklokina ein wenig unbehaglich beim Blick auf ukrainische Städte wie Odessa oder Poltawa, die historisch stark mit Russland verwoben sind: "Jetzt wird versucht, alles zu dekonstruieren, was kulturell mit Russland in Verbindung steht. Einige denken über die Musealisierung solcher Orte nach. Andere schlagen vor, den öffentlichen Raum umzugestalten, Gedenktafeln auszuwechseln, die Vermittlung zu ändern, um irgendwie die Komplexität der Geschichte anzusprechen. Aber es gibt auch den Vandalismus lokaler Aktivisten. Ich fürchte, je länger dieser Krieg andauert, desto schlichter und monolithischer wird das ukrainische Verständnis von Kultur. Wir werden also auch nationalistischer."
Stichwörter: Vandalismus, Odessa

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2022 - Geschichte

Deutschland ist doch noch fähig, Zeugnisse seiner Vergangenheit abzureißen und nicht zum Museum umzuwidmen. Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Mehrzweckhalle in Stuttgart-Stammheim, wo die Prozesse gegen die erste RAF-Generation stattfanden - Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Sie wird bald einem Haftgefängnis weichen. Soldt schildert das trübe Geschehen in diesen Prozessen: "Für Hans-Christian Ströbele waren die RAF-Terroristen sogar 'Genossen'. Rupert von Plottnitz, der Gründer des republikanischen Anwaltsvereins, später hessischer Umweltminister für die Grünen, begrüßte den Vorsitzenden Richter mit 'Heil Prinzing'. Das sollte provokant und zugleich antifaschistisch sein. Der Staat reagierte mit illegalen Abhöraktionen und - auch aus heutiger Sicht - übereifrigen Verschärfungen der Strafprozessordnung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2022 - Geschichte

Der ungarische Schriftsteller Gábor Zoltán spricht mit Karl Pfeifer von Jungle World über die "Pfeilkreuzler", die ungarischen Faschisten und ihren Beitrag zum Holocaust - sie waren sehr aktiv an der Deportation und Ermordung der ungarischen Juden beteiligt. In seinem Buch "Orgie" erzählt er, wie die Pfeilkreuzler in einem Budapester Bezirk wüteten. In Ungarn besteht für Zoltán noch bedarf an Vergangenheitsbewältigung: "In Ungarn ist in den vier Jahrzehnten des Kommunismus fast nichts von dem aufgearbeitet worden, was während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. So wurde die Vernichtung von mehr als einer halben Million ungarischer Bürger jüdischer Herkunft, an der die Behörden und die Bürger Ungarns beteiligt waren, erst während der achtziger Jahre richtig geklärt. Im kommunistischen System geschah Unrecht, fast jeder wurde unterdrückt. Als die Freiheit kam, wurde man auch frei, ein Nationalist zu sein, sogar ein Nazi. Jahr für Jahr wurden die Hassreden lauter und lauter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2022 - Geschichte

Das Foro Italico, früher Foro Mussolini, mit seinen 60 Heldenstatuen in Rom, die Villa des faschistischen Dichters D'Annunzios am Gardasee, der monumentale Kriegerfriedhof von Redipuglia bei Triest, das Marmortempelchen, das noch 2021 auf dem Grab des Kriegsverbrechers Rodolfo Graziani in Affile errichtet wurde, das Graziani als "prominenten Mitbürger und Kriegshelden" würdigt - in Italien ist das Erbe des Faschismus vielerorts noch präsent. Giorgia Meloni "wird in einem Land regieren, das mit seiner faschistischen Vergangenheit nicht im Reinen ist. In prominenten Denkmälern lebt der Geist des 'Ventennio' weiter, zu selten wird er hinterfragt, zu oft wird er verharmlost", schreibt Andres Wysling, der sich für die NZZ mit einigen Verantwortlichen unterhalten hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2022 - Geschichte

Willi Winkler erzählt in der SZ, basierend auf Recherchen des Historikers Gerhard Sälter, wie systematisch der Bundesnachrichtendienst nach dem Krieg mit SS-Kriegsverbrechern besetzt wurde: "Als 'anständig' galt den Gehlen-Leuten, wer bei den Alliierten nicht gegen die Kameraden ausgesagt hatte. Als 'sehr anständig' galt jemand wie Hans Sommer, der 1941 als SS-Obersturmführer Sprengstoffanschläge auf sieben Pariser Synagogen vorbereitet hatte. Gehlen nahm ihn ebenso in Dienst wie den Gestapo-Offizier Carl Schütz, der in Polen bei der angeblichen 'Partisanenbekämpfung' tausendfach mitgemordet und 1944 neben Clemens eigenhändig Geiseln erschossen hatte."

Außerdem: Sven Felix Kellerhoff ist in der Welt sehr skeptisch bei der Lektüre des Konzepts für das Dokumentationszentrum "Zweiter Weltkrieg und Besatzungsherrschaft in Europa", das ihm zu umfassend scheint und das seiner Meinung nach wesentlich teurer werden wird als veranschlagt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2022 - Geschichte

Claus Leggewie und die Amerikanistin Heike Paul resümieren in der Zeit Debatten um Reparationen für Sklaverei und halten es aufgrund einiger Initiativen in den amerikanischen Bundesstaaten für ausgemachte Sache, dass sie kommen werden: "Wer zahlt die offene Rechnung? Der Staat oder die 'white community' - oder eher Unternehmen, die sich an der Sklaverei bereichert haben? Und sollen alle Afroamerikanerinnen und -amerikaner Zuwendungen erhalten oder nur solche unterhalb der Armutsgrenze - oder allein jene, die ihre Familiengeschichte bis in die Versklavung zurückverfolgen können? In ihrem Zwischenbericht vom Juni 2022 hat die kalifornische Arbeitsgruppe erste Antworten formuliert: Reparationen könnten den Erlass von Studiengebühren ebenso beinhalten wie Wohngeld und eine Erhöhung des Mindestlohns - und das sind nur drei der zahlreichen Empfehlungen aus dem Papier." Die Wirkung solcher Reparationen wird weit über die USA hinausgehen, sind sich die Autoren sicher: "Die Frage stelle sich "allen Ländern, in denen eine weiße Minderheit oder Mehrheit Zwangsarbeiter aus Afrika und anderen Herkunftsgebieten auf dem Land, in Betrieben und Haushalten für sich hat schuften lassen." Und sicher auch der Türkei oder Oman.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2022 - Geschichte

Schon im 19. Jahrhundert war das Thema Ukraine ein zentraler Streitpunkt unter russischen Intellektuellen, erzählt die Osteuroa-Historikerin Ricarda Vulpius auf einer erhellenden "Ereignisse und Gestalten"-Seite in der FAZ. Längst hatte sich eine ukrainische Nationalbewegung formiert. Schon in den 1860er Jahren stiegen "die Ukrainophilen in der russisch-nationalen Ideologie zum wichtigsten Feindbild auf. Ein möglicher Abfall der Ukrainer, der mit Abstand größten nichtrussischen Ethnie des Reiches, wurde als Bedrohung für die Existenz der russischen Nation und für den Zusammenhalt des Imperiums gesehen - zumal die 'Kleinrussen' mit rund 84 Millionen (1897) insgesamt etwa zwei Drittel der Bevölkerung des Zarenreichs stellten. Hingegen stellten die Großrussen ohne Ukrainer und Weißrussen nur noch 44 Prozent der Reichsbevölkerung." Die von Putin in seinen Geschichtsessays verbreitete Behauptung, Lenin hätte die Ukraine erst erschaffen, sei darum abwegig, schließt sie: "Lenins Politik war jedoch der Versuch einer Antwort auf die erstarkte ukrainische Nationalbewegung, nicht ihr Auslöser."
Stichwörter: Ukrainische Geschichte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2022 - Geschichte

Ruth Fuentes erzählt in der taz die Geschichte des Hans Heinrich Festersen, der homosexuell und wegen einer Kinderlähmung gehbehindert war, und den die Nazis als "Asozialen" in Plötzensee hinrichteten. Das Schwule Museum in Berlin widmet ihm und anderen die Ausstellung "Queering the Crip, Cripping the Queer": "Alles, was am Ende von Hans Heinrich Festersen übrig bleibt, sind sein Ausweis, Fotos und die handgeschriebenen Briefe. Ein paar Kleidungsstücke, 33,25 Reichsmark und eine Taschenuhr. Das war der Nachlass, den seine Schwester bis zum 30. 11. 43 abholen konnte. 'Eine Sterbeurkunde erhalten Sie auf Antrag bei dem Standesamt in Berlin-Charlottenburg', heißt es weiter auf dem Nachlassformular. Das war's. Ein wenig Erinnerung, ein kurz zusammengefasstes Leben, das heute in einer kleinen Vitrine steht. Das ist mehr, als man über die rund 70.000 weiteren ermordeten 'Wiederholungskriminellen und Asozialen' weiß. Oder über die etwa 15.000 ins KZ deportierten Schwulen, von denen mehr als die Hälfte dort starben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2022 - Geschichte

Die Brutalität des russischen Kriegs gegen die Ukraine zeigt, dass sich Russland nie mit den Gräueltaten der Roten Armee auseinandergesetzt hat, meint der Historiker Hubertus Knabe in der Welt. "Für die meisten Russen beginnt der Zweite Weltkrieg erst im Jahr 1941, als Deutschland die Sowjetunion überfiel. Die unter Putin massiv geförderte Erinnerung an den 'Großen Vaterländischen Krieg' kultiviert ein pathetisches Narrativ, in dem die Russen stets Opfer und Helden sind, aber niemals Täter. Das stalinistische Ehrenmal in Berlin, das einen Rotarmisten mit einem Kind im Arm zeigt, versinnbildlicht dies bis heute. Ein solcher Umgang mit der Vergangenheit wäre in Deutschland undenkbar. Schon vor mehr als 20 Jahren haben zwei Wanderausstellungen die Verbrechen der Wehrmacht einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht." (Früh dran waren wir damit aber auch nicht gerade.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2022 - Geschichte

Willi Winkler war beim Festakt, mit dem das vor siebzig Jahren vereinbarte "Luxemburger Abkommen" zelebriert wurde. Die Wiedergutmachung war bei CDU, FDP und Finanzbeamten nicht beliebt, kann er in der SZ berichten: " 'M.E.' (für "Meines Erachtens"), meldet Regierungsdirektor Kaphammel wie von der Ostfront knapp vor Stalingrad, 'härtester Widerstand geboten.'"
Stichwörter: FDP, Stalingrad