9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2021 - Geschichte

René Wildangel resümiert im Tagesspiegel die Buchmesse Thessaloniki, wo Deutschland das Gastland war. Unter anderem ging es auch um die Verbrechen der Deutschen in Griechenland während der Nazizeit, die heute ebenso wenig Platz im kollektiven Gedächtnis haben wie die Geschichte der vielen griechischen Gastarbeiter in der jungen BRD: "Die verdrängte Geschichte deutscher Gewaltherrschaft bleibt die größte Leerstelle im gegenseitigen Verhältnis. Dass diese Aufarbeitung 'nicht abgeschlossen' sei, wie es der Koalitionsvertrag formuliert, darf getrost als Understatement gelten - sie muss erst noch richtig beginnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2021 - Geschichte

Der Reader "Die Hohenzollerndebatte" ist doch recht einseitig: Hier kommen ausschließlich die Apologeten der Dynastie zu Wort, konstatiert Andreas Kilb in der FAZ. Und einer der Herausgeber des Bandes, Frank-Lothar Kroll, hat für seine Diskursgegner Begriffe wie "Kammerjäger", "Klosterforscherinnen" und "Stubenjakobiner*innen" parat. Gestern wurde der Band in Berlin vorgestellt, und Kroll beteuerte, diese Bezeichnungen seien humoristisch gemeint: "Ach, so ist das! Nun hat man bislang noch nicht gehört, dass einer der hohenzollernkritischen Experten den Preußen-Historiker Kroll etwa als Gassenmonarchisten oder Kasernenhofprofessor betitelt hätte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2021 - Geschichte

Benjamin Hasselhorn  spielt als für die CDU tätiger pro-Hohenzollern-Experte im Historikerstreit um deren Rolle eine wichtige Rolle. Der Historiker Niklas Weber legt in der taz eine Recherche vor, wonach Hasselhorn unter dem Pseudonym Martin Grundweg offenbar in den neurechten Zeitschriften von Götz Kubitscheks "Instituts für Staatspolitik" (IfS) publiziert: "Mit der Berufung Hasselhorns durch die Unionsfraktion haben sich Strategie und Nachwuchsarbeit des rechten IfS offenbar ausgezahlt. Der alte Revisionismus kehrt durch die Hintertür zurück, im Gewand der unschuldigen Frage. Das neurechte Interesse am Hohenzollernstreit besteht dabei nicht in der unrealistischen Hoffnung auf eine Restauration der Monarchie, sondern in einer behutsamen Verschiebung des Geschichtsbilds. Die Zerstörung der Weimarer Republik durch die konservativen Eliten erscheint dann in Verkehrung der historischen Tatsachen als edelmütiger Versuch, den Nationalsozialismus zu verhindern."

Hasselhorn schreibt auch in dem Sammelband "Die Hohenzollerndebatte", der heute bei Duncker & Humblot erscheint und den der Historiker Dietmar Süß heute in der SZ bespricht. Mit "schartigen Dragonersäbeln" teile dort die pro-Hohenzollern-Fraktion gegen kritische Historiker aus, die sehr wohl denken, dass der Hohenzollern-Prinz "erheblichen Vorschub" leistete. Den Band "Die Hohenzollern und die Nazis" von Stephan Malinowski, der schon jetzt als Standardwerk gilt, konnten die in dem Band schreibenden Historiker noch nicht mal zur Kenntnis nehmen. Dass der Prinz eine Bastion des Konservatismus gegen Hitler gewesen sei, behaupte ohnehin keiner mehr, so Süß. Die Rückzugslinie der Pro-Hohenzollern-Fraktion paraphrasiert er so: "Letztlich sei der Kronprinz eher eine randständige Figur gewesen, einer, der sich zwar mit den Nationalsozialisten eingelassen, aber kaum über eigenständiges politisches Gewicht verfügt habe; ein Mann ohne Charisma, eine belächelte Figur des Weimarer Jetsets." Der Band, so Süß, versuche auch eine "eine Art Ehrenrettung der preußischen Geschichte".

Außerdem: In der FAZ fragt David Lindenfeld nach Kritierien deutscher Städte für die Umbenennung von Straßen. In Stuttgart wurde die Heinrich-von-Treitschke-Straße schon 2010 in Fritz-Bauer-Straße umbenannt, der Bezirk Berlin-Steglitz hält an seiner Treitschke-Straße bisher fest.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2021 - Geschichte

Das Gedenken hat inzwischen seine eigene Geschichte. Das Hamburger Institut für Sozialforschung hat eine Tagung zu zwanzig Jahren Wehrmachtsausstellung veranstaltet. Aber eigentlich, war die Wehrmachtsausstellung schon seit 1995 gelaufen und wurde vor zwanzig Jahren von Jan Philipp Reemtsma gestoppt, um sie neu konzipieren zu lassen, erläutert Christiane Müller-Lobeck in der taz. Was Reemtsma, den Gründer und damaligen Leiter des Hamburger Instituts, 1999 dazu bewog, "die Ausstellung unter ein Moratorium zu stellen, waren die Kritik einiger Historiker und der folgende Pressesturm. Unter Beschuss war die Beweiskraft der Fotos. Die Kritik hängte sich fast ausschließlich an einem Schwarz-Weiß-Abzug aus Tarnopol auf, der neben Ermordeten, die auf das Konto der Wehrmacht gingen, in der Ausstellung unbemerkt auch solche zeigte, die durch die Hand der sowjetischen Geheimpolizei NKWD umgekommen waren, wie Historiker Bogdan Musial monierte." Der Perlentaucher ist auch schon über zwanzig Jahre alt und hat die Debatte 2001 bereits verfolgt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2021 - Geschichte

In der Welt geht der Historiker Ulrich Schlie der Frage nach, wie Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg zunächst eine der höchsten Positionen im Reichsernährungsministerium bekleiden, später im Heereswaffenamt tätig sein und zugleich am Attentat vom 20. Juli 1944 maßgeblich beteiligt sein konnte: "Gerade aktiver Widerstand, wenn er etwas bewirken wollte, ist oftmals mit einer hochgefährlichen Exponierung in systemnahen Bereichen und auch nicht selten mit einer bewusst nach außen getragenen Affirmation des Regimes einher gegangen. Schulenburgs Tätigkeit im Ministerium zeigt zudem, dass sich Angehörige dieses Hauses in der national-sozialistischen Zeit vollständig in einer Doppelstruktur bewegen konnten und dass auch die ministeriellen Abläufe - das tägliche Verwaltungshandeln und Beziehungsgefüge eines Reichsministeriums - einen hinreichenden Rückzugs- und Schutzraum boten, um unbemerkt mit einer zweiten Agenda zu wirken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2021 - Geschichte

Die Historiker Ulrich Schlie und Thomas Weber werfen Stephan Malinowski in der NZZ vor, Geschichtspolitik zu betreiben, wenn er in seinem Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" zeigt, wie nicht nur der Hohenzollern-Prinz, sondern der gesamte Hohenzollern-Clan den Nazis eilfertig zuarbeitete. Zwar konzedieren sie, dass "sich der ehemalige Kronprinz Hitler immer wieder angedient hat in der illusorischen Hoffnung, doch noch die Krone in Deutschland zu ergattern", aber "eine ganz andere Frage ist, wie erfolgreich der ehemalige Kronprinz bei seinen Bemühungen gewesen ist". "Erheblichen Vorschub" hat er für die beiden wegen seiner Erfolglosigkeit nicht geleistet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2021 - Geschichte

Wie der Raub am Besitz jüdischer Nachbarn funktionierte, zeigen beispielhaft eine Ausstellung und Studie über einige Landstriche im heutigen Baden-Württemberg, die teilweise von ehrenamtlichen Historikern erarbeitet wurden. "Ausgrenzung - Raub - Vernichtung" heißt die Ausstellung, die wegen Corona verspätet stattfindet und über die Benno Stieber in der taz berichtet. Sie geht maßgeblich auf eine Initiative der Historikers Heinz Högerle zurück: "Das Ausmaß, in dem sich Behörden und Bürger am Vermögen der ausgereisten und deportierten Juden in einer mittelgroßen Stadt wie Horb bereichern, lässt für Högerle keine Ausreden zu: 'Die Akten zeigen, dass breite Teile der Bevölkerung davon ausgingen dass jüdisches Leben in Deutschland endgültig zu Ende sei und dass man sich ohne Gefahr am Raub beteiligen könne.' So fand noch am 13. April 1945, keinen Monat vor dem Kriegsende, eine größere Verkaufsaktion von jüdischem Vermögen für die Angestellten des Horber Finanzamts statt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2021 - Geschichte

Dass es schlimm war, wusste man, aber so schlimm? Historiker Friedrich Kießling und der Rechtsprofessor Christoph Safferling haben eine Studie über Nazis bei der Bundesanwaltschaft vorgestellt, über die Konrad Litschko in der taz berichtet: "Die Bundesanwaltschaft wurde damals maßgeblich von einstigen NSDAP-Mitgliedern geführt, einen personellen Bruch mit dem NS-Zeit gab es nicht. So seien noch 1953 80 Prozent der Juristen der Behörde auch schon vor 1945 im NS-Justizsystem tätig gewesen. Bei den leitenden Bundes- und Oberstaatsanwälten waren es auch zehn Jahre später noch 75 Prozent. 1966 seien zehn von elf Bundesanwälten ehemalige NSDAP-Mitglieder gewesen, auch in den Siebziger Jahren sei der Anteil 'noch erheblich' geblieben. Gerade mit Blick auf den damals stattfindenden gesellschaftlichen Umbruch sei diese Form der NS-Kontinuität erstaunlich und 'häufig nicht gesehen worden', konstatieren die Forscher." (Vielleicht wäre es an der Zeit, Jörg Friedrichs Buch "Die kalte Amnestie - NS-Täter in der Bundesrepublik" von 1983 mal wieder aufzulegen?)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2021 - Geschichte

In der FR kommt Aleida Assmann auf die Debatte zum 9. November zurück: Soll nur die Pogromnacht von 1938 erinnert werden - oder auch die Ausrufung der Republik 1918 und der Sturz der Mauer 1989? Und was ist mit dem 9. November 1923, dem "Nationalfeiertag" im Dritten Reich, fragt Assmann. In der Zeit attackieren die eher pro Hohenzollern-Historiker Peter Hoeres und Benjamin Hasselhorn den Hohenzollern-kritischen Kollegen Stephan Malinowski.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2021 - Geschichte

In der SZ kritisiert Ronen Steinke scharf den Umgang der deutschen Rechtsprechung mit dem Holocaust. Verübt wurde er nur von drei Tätern: Hitler, Himmler und Heydrich, so die Rechtssprechung bis ganz nach oben. Alle anderen waren nach Auffassung der Gerichte höchstens Helfer. "Man vergisst heute leicht, wie weit neben der Spur die deutsche Rechtsprechung zu den NS-Verbrechen jahrzehntelang gewesen ist, wenn man sich jetzt, da vereinzelt über 90-Jährige vor Gericht stehen, vor allem in kleinen Nahaufnahmen mit einzelnen, mitunter auch positiven Entwicklungen der jüngeren Rechtsprechung beschäftigt. Man übersieht auch leicht, wie weit neben der Spur sie im Großen und Ganzen bis heute ist. Auch wenn man nach Itzehoe blickt, wo eine mutmaßliche ehemalige KZ-Sekretärin angeklagt ist, Irmgard F. Die 96-Jährige muss sich vor dem Landgericht in Schleswig-Holstein verantworten. Der Vorwurf: Sie soll als Assistentin des Lagerkommandanten das Morden mitorganisiert haben." Angeklagt ist sie dennoch nur wegen Beihilfe, "zu rechnen ist mit ein, zwei Jahren Gefängnis, wahrscheinlich zur Bewährung".

Ebenfalls in der SZ erinnert Kurt Kister an die Eröffnung der überarbeiteten Wehrmachtsausstellung vor zwanzig Jahren, die einem größeren Publikum erstmals aufzeigte, dass "Verbände und Einheiten der Wehrmacht - und eben nicht nur der SS - systematisch und in großer Anzahl an der Deportation von Zwangsarbeitern, an der Ermordung von Offizieren, Kommissaren, Kriegsgefangenen, Zivilisten und Geiseln beteiligt waren - und sie unterstützten den Holocaust." Dass dies heute Konsens ist, ist nicht zuletzt den Kritikern der Ausstellung wie Peter Gauweiler zu verdanken ist, wie Kister leicht süffisant anmerkt.