9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2021 - Geschichte

Mit "Als Deutschland erstmals einig wurde" hat Bruno Preisendörfer nun ein Buch über die Bismarck-Zeit geschrieben. Im FR-Gespräch mit Cornelia Geissler erklärt er unter anderem, warum Bismarck nie der "Großvater des Sozialstaats" war: "Bismarck war gegen jede Art von Arbeiterschutzgesetzgebung. Er war gegen jede Art der Beschränkung von Arbeitszeit. Und sein Argument, das schade der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft, das wird heute noch hervorgeholt. Die kleinen Reformen, die er auf den Weg brachte, waren machtpolitisch motiviert: Zuckerbrot und Peitsche. Man wollte der Arbeiterbewegung etwas geben, damit sie sich von der Sozialdemokratie abwendet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2021 - Geschichte

Wladimir Putin hat im Juli einen Aufsatz "Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer" vorgelegt, in dem er seine Vorstellung über eine Zugehörigkeit der Ukraine zu einem russischen Einflussbereich historisch begründete (unser Resümee). Der Historiker Martin Schulze Wessel kommt bei libmod.de auf diesen Aufsatz zurück und bemerkt unter anderem, dass Putins Idee einer überzeitlichen Identität eines "Volks" der Idee Stalins in dessen Aufatz "Marxismus und nationale Frage" aus dem Jahr 1913 ähnelt. Auch Stalin definierte eine Nation als "eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart", so Schulze Wessel: "Neben den Kriterien der Sprache und des Territoriums hebt Stalin die Wirtschaft hervor, während Putin die Religion als Merkmal betont. Die Annahme einer überzeitlichen Kontinuität der Nation, die Putin als eine gemeinsame Großnation der Russen, Ukraine und Belarusen begreift, lässt eigenständige nationale Entwicklungen der Ukrainer und Belarusen nicht zu. Abweichungen von dem gemeinsamen Weg können nur als fehlgeleitet oder verräterisch gelten."

Der Globalhistoriker Sebastian Conrad sieht in einer Antwort auf einen FAZ-Artikel Martin Schulze Wessels (unser Resümee) gar keinen Anlass für einen neuen Historikerstreit. "Generell kann man sagen, dass die zentrale Rolle des Holocausts in der öffentlichen Erinnerung immer wieder auch Raum für andere Opfergruppen geschaffen hat: beispielsweise für die Sinti und Roma oder die verfolgten Homosexuellen, für die in Berlin jeweils ein eigenes Denkmal errichtet wurde. Ähnliches lässt sich im Verhältnis von Holocaust und Kolonialismus beobachten."

In der FR schreibt Arno Widmann zum 450. Geburtstag von Johannes Kepler, den er für einen der interessantesten Europäer hält: "Wissenschaft hat, seit es sie gibt, mit der Herstellung die Unendlichkeit der Welt abbildender Tabellen zu tun. Die Theorie ist der Versuch, diese schier nicht zu bewältigende Fülle an Daten zu ordnen, ihr eine Struktur zu geben. Der kurzsichtige Kepler wertete die Beobachtungen seines Vorgängers Tycho Brahe (1546-1601) aus. Anders als sein Briefpartner Galileo Galilei (1564-1642) war Kepler auch kein Bastler, der seine eigenen Fernrohre baute. Das 'Buch der Natur' ist in der Sprache der Mathematik geschrieben. Das macht es allgemein verständlich. Das gibt ihm seine Schönheit. Der Gott Keplers ist ein schöner Gott. Nicht weil er aussieht wie der Thorvaldsensche Jesus. Der hatte in Gleichnissen zu uns gesprochen. Keplers Gott kommuniziert mit allem, was er schuf in Gleichungen. So wie alles, was er schuf, sich in Gleichungen unterhält. In des Wortes doppelter Bedeutung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2021 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an die unblutige Auflösung der Sowjetunion vor dreißig Jahren. Und er erinnert an die Millionen Toten, die sie vor ihrer Auflösung gekostet hat: "Wir denken zwar zu wenig, zugleich aber doch zu sehr an die großen Prozesse der dreißiger Jahre, mit denen Hunderten von Getreuen der Partei der Garaus gemacht wurde. Betrachtet man dagegen die wiederholten 'Säuberungen', bei denen keine Prozesse aufgeboten wurden, sondern bei denen die Führung - oft Stalin persönlich - lediglich vorgab, wie viel Prozent der Parteimitglieder oder der Bevölkerung in die Lager geschickt, ausgehungert oder gar ermordet werden sollten, dann hat man es mit Millionen zu tun. Der realexistierende Sozialismus war niemals einer. Er war von Anbeginn ein schlagendes - in des Wortes wörtlicher Bedeutung - Argument gegen ihn. Rosa Luxemburg sah dem Leninschen Demokratischen Zentralismus schon lange vor der Revolution an, was er in Wirklichkeit war. Die Sowjetunion war der Versuch, das russische Modell zu exportieren. Nicht mit Agitation und Propaganda, sondern mit Waffengewalt. Die revolutionäre Sowjetmacht sah sich in der Tradition des imperialistischen Russland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2021 - Geschichte

In Österreich will die Ausstellung "Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum" eine gesellschaftspolitische Debatte anstoßen über die Frage: werden soll: Wohin mit den Nazi-Devotionalien, die man immer noch findet - wie die zwei Hitler-Köpfe in einem Panzerschrank des österreichischen Parlaments, berichtet Alexandra Föderl-Schmid in der SZ. "Ab in den Müll oder ins Museum? Im Haus der Geschichte werden die Besucherinnen und Besucher gleich zu Beginn mit den drei Optionen konfrontiert - Aufbewahren, Zerstören oder Verkaufen. Auf Zetteln zum Entnehmen werden konkrete Beispiele geschildert: Was macht man mit den von der Großmutter erhaltenen Reichsmark-Münzen, auf denen der Reichsadler und ein Hakenkreuz zu sehen ist? Wie geht man mit dem Bündel Briefe vom Opa um, in denen NS-verherrlichende Propaganda enthalten ist? Wohin gibt man die Abzeichen des NS-Winterhilfswerks, die mit ihren Blumen-, Tier- und Trachten-Motiven eigentlich so harmlos ausschauen? Dann wird eine Entscheidung und eine Begründung gefordert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2021 - Geschichte

In der SZ erklärt Willi Winkler, warum die Spiegel-Story über Willy Brandts Mitarbeit für den amerikanischen Geheimdienst CIC keine ist: "Das beste Leumundszeugnis stellte ihm der CIC aus. Der große Nachteil bei der Zusammenarbeit mit Brandt, so klagte ein Verbindungsoffizier im Januar 1950, bestehe darin, dass für ihn die 'Loyalität zur SPD wichtiger als die für eine Dienststelle der Besatzungsmacht' sei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2021 - Geschichte

Im taz-Interview mit Andreas Fanizadeh dröselt der Historiker Stephan Malinowski den Hohenzollern noch einmal ihre Familiengeschichte auf, weil sie bis heute nicht glauben wollen, dass Kronprinz Wilhelm von Preußen als reaktionärer Nazi-Sympathisant erheblichen Einfluss hatte (unsere Resümees): "Man sollte zur Person des Wilhelm Prinz von Preußen zwei Punkte festhalten: Erstens, dieser Mann hat von Anfang bis Ende radikal und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Republik gearbeitet. Und zwar scharf, unnachgiebig und auf Seite der extremen Rechten. Und zweitens, im Kern seiner Bemühungen stand die Zusammenführung aller rechtsradikalen Kräfte in einem Bündnis. Er hat so spätestens mit dem Jahr 1930 den Nationalsozialismus und die NS-Bewegung offen und massiv unterstützt. Als prominent hervorgehobene Figur hat der frühere Kronprinz dem Vormarsch der NS-Bewegung konsequent Vorschub geleistet. Wie auch seine Ehefrau, die meisten seiner Brüder, sein Vater und andere Mitglieder dieser Familie, wie auch zeitweise sein Sohn Louis Ferdinand. Sie alle haben den Nationalsozialismus öffentlich sowie im internen Bereich des rechten Milieus massiv befördert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2021 - Geschichte

Es geht in der Hohenzollern-Debatte nicht nur um den "erheblichen Vorschub", den Protagonisten des Hauses dem Naziregime geleistet haben sollen, sondern auch um das von der Familie geforderte Mitspracherecht bei der Präsentation von Memorabilien ihrer gloriosen Rolle in der Geschichte, resümiert Andreas Kilb in der FAZ, der nochmal auf den Sammelband der Apologeten unter dem scheinbar neutralen Titel "Die Hohenzollern-Debatte" eingeht. Was den Einfluss der Hohenzollern auf künftige Präsentation von Objekten in Museen angeht, fürchtet Kilb Stillstand: "Nach der Ernennung einer grünen Kulturstaatsministerin und eines rot-grün-roten Senats in Berlin ist ein außergerichtlicher Vergleich allerdings noch unwahrscheinlicher geworden. Der ungeklärte rechtliche Status von Tausenden historisch wertvoller Objekte wird so zum Dauerzustand." Kilb erklärt die eigentliche Debatte in seinem Artikel für beendet: "Was es jetzt braucht, sind keine weiteren Meinungen mehr, sondern Entscheidungen, sei es auf politischem oder gerichtlichem Weg."

In der NZZ kommentiert Oliver Maksan die von dem Berliner Antisemitismus-Beauftragten Samuel Salzborn in Auftrag gegebene Studie, derzufolge 209 Berliner Straßen und Plätze nach Persönlichkeiten benannt seien, "wo wenigstens der Anfangsverdacht besteht, dass sie in ihrem Denken und Handeln antisemitische Bezüge aufwiesen." Von Aufrufen zur Umbenennung hält Maksan nichts: "Die Frage ist …, wo die Bewertung der Geschichte nach moralischen Maßstäben von heute ein Ende findet. Mag der Antisemitismus besonders widerlich sein: Warum nicht auch nach dem Frauen-, Homosexuellen- oder Demokratieverständnis fragen und beurteilen? Wer aber von historischen Figuren erwartet, dass sie heutigen Maßstäben vollumfänglich genügen oder sich wenigstens nicht greifbar dagegen verfehlt haben, darf eigentlich das Risiko historischer Benennungen kaum mehr eingehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2021 - Geschichte

"Würde man die Kriterien, die hier unter extremer Ausnutzung des deutschen Äußerungsrechts angewandt werden, als generelle Praxis einführen und jeden Halbsatz auf seine potentielle Angreifbarkeit durchleuchten - ich weiß nicht, welche Formen der streitenden und offenen Diskussion dann noch übrig blieben", sagt der Historiker Stephan Malinowski, den Alex Rühle für die SZ in Edinburgh besucht hat. Malinowski erscheint Rühle zermürbt und er ist nicht der einzige der in Folge der Abmahnungen und Klagen der Hohenzollern inzwischen eingeschüchtert ist (Unsere Resümees): "Spricht man mit einigen der Beklagten, so wird eindrücklich klar, welche Schockwirkung die Abmahnungen des Prinzen in jedem einzelnen Fall hatten. (…) Der Historiker Winfried Süß, Abteilungsleiter am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF), der am Telefon eine robuste bayrische Gemütspolsterung ausstrahlt, bekommt eine ganz andere, enge Stimme, wenn es um diese rechtliche Auseinandersetzung geht. Süß bekam seine Verfügung kurz vor Weihnachten zugestellt. Den Ton der Anwaltsschreiben habe er als 'bedrohlich und sehr bedrängend' empfunden. Die Historikerin Karina Urbach war gerade in Princeton, 'dann kommt dieses wahnsinnig aggressive Schreiben und du hast vier Tage Zeit, dir einen Anwalt zu besorgen.' Der Medienanwalt, den sie fand und der eigentlich dafür bekannt ist, recht robust und offensiv vorzugehen, riet ihr, zu unterschreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2021 - Geschichte

Als beispielhaft würdigt Matthias Alexander in der FAZ die Ausstellung "Eine Stadt macht mit - Frankfurt und der NS" im Historischen Museum Frankfurt, der er "eine ungemein differenzierte Darstellungsweise" attestiert. Das Frankfurter Selbstbild als ziemlich kosmopolitisches Stadt dürfte durch die Ausstellung lädiert werden: Frankfurt machte fast eifriger mit als andere Städte, so Alexander: "Entscheidend war das Verhalten der Stadtverwaltung, deren Mitarbeiter in überwältigender Mehrheit eifrig oder zumindest willig die Vorgaben der neuen Herrscher vollstreckten, mit besonders grauenhaften Folgen im Gesundheitsamt. Diesem Muster folgte nahezu das gesamte gesellschaftliche Leben, wie die Schau eindrücklich zeigt: Eine Institution nach der anderen schaltete sich selbst gleich und huldigte fortan dem 'Führerprinzip'."
Stichwörter: Frankfurt, Gesundheitsämter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2021 - Geschichte

In der SZ findet es der Historiker Norbert Frei an der Zeit, "zu klären, wie die Hohenzollern auch in der jungen Bundesrepublik politisch Einfluss zu nehmen suchten": "Glaubt man den Allensbacher Demoskopen, plädierte noch Mitte der Fünfzigerjahre immerhin ein Drittel aller Westdeutschen und die Hälfte der über Sechzigjährigen für eine Rückkehr zur Monarchie. Und im Bonner Parlament taten sich erstaunliche Dinge: Ausgerechnet in der Debatte über den Deutschlandvertrag Ende Februar 1955 nahm Louis Ferdinand auf der Besuchertribüne Platz, um hinterher, wie Hans Ulrich Kempski in der SZ berichtete, mit Bundestagspräsident Gerstenmaier, Staatssekretär Hallstein und Bundesminister Kaiser 'einen vertraulichen Lunch einzunehmen'. Fast noch interessanter war, was Kempski am Ende einer flammenden Preußen-Verteidigung beobachtete, die Hans-Joachim von Merkatz vortrug, der Fraktionschef der eigentlich den Welfen verpflichteten Deutschen Partei: 'Mit einer dezenten Verbeugung in Richtung eines bestimmten Punktes in den Zuhörerrängen trat Merkatz ab.'"