Wladimir Putin hat im Juli einen Aufsatz "Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer" vorgelegt, in dem er seine Vorstellung über eine Zugehörigkeit
der Ukraine zu einem russischen Einflussbereich historisch begründete (unser
Resümee). Der Historiker
Martin Schulze Wessel kommt bei
libmod.de auf diesen Aufsatz zurück und bemerkt unter anderem, dass Putins Idee einer
überzeitlichen Identität eines "Volks" der Idee
Stalins in dessen Aufatz "Marxismus und nationale Frage" aus dem Jahr 1913 ähnelt. Auch Stalin definierte eine Nation als "eine historisch entstandene
stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart", so Schulze Wessel: "Neben den Kriterien der Sprache und des Territoriums hebt Stalin die Wirtschaft hervor, während Putin
die Religion als Merkmal betont. Die Annahme einer überzeitlichen Kontinuität der Nation, die Putin als eine gemeinsame Großnation der Russen, Ukraine und Belarusen begreift, lässt
eigenständige nationale Entwicklungen der Ukrainer und Belarusen nicht zu. Abweichungen von dem gemeinsamen Weg können nur als
fehlgeleitet oder verräterisch gelten."
Der Globalhistoriker
Sebastian Conrad sieht in einer Antwort auf einen
FAZ-Artikel
Martin Schulze Wessels (unser
Resümee) gar keinen Anlass für einen neuen
Historikerstreit. "Generell kann man sagen, dass die zentrale Rolle des Holocausts in der öffentlichen Erinnerung immer wieder auch
Raum für andere Opfergruppen geschaffen hat: beispielsweise für die Sinti und Roma oder die verfolgten Homosexuellen, für die in Berlin jeweils ein eigenes Denkmal errichtet wurde. Ähnliches lässt sich im Verhältnis von
Holocaust und Kolonialismus beobachten."
In der
FR schreibt Arno Widmann zum 450. Geburtstag von
Johannes Kepler, den er für einen der interessantesten Europäer hält: "Wissenschaft hat, seit es sie gibt, mit der Herstellung die Unendlichkeit der Welt abbildender
Tabellen zu tun. Die Theorie ist der Versuch, diese schier nicht zu bewältigende Fülle an Daten zu ordnen, ihr eine Struktur zu geben. Der kurzsichtige Kepler wertete die Beobachtungen seines Vorgängers Tycho Brahe (1546-1601) aus. Anders als sein Briefpartner Galileo Galilei (1564-1642) war Kepler auch kein Bastler, der seine eigenen Fernrohre baute. Das 'Buch der Natur' ist in der
Sprache der Mathematik geschrieben. Das macht es allgemein verständlich. Das gibt ihm seine Schönheit. Der
Gott Keplers ist ein schöner Gott. Nicht weil er aussieht wie der Thorvaldsensche Jesus. Der hatte in Gleichnissen zu uns gesprochen. Keplers Gott kommuniziert mit allem, was er schuf
in Gleichungen. So wie alles, was er schuf, sich in Gleichungen unterhält. In des Wortes doppelter Bedeutung."