9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2021 - Geschichte

Dem Philosophen Kurt Flasch geht es in seinem neuen Buch "Katholische Wegbereiter des Nationalsozialismus" um eine Gruppe hochrangiger Theologen in Münster, die eine intensive Nähe zu den Nazis suchte und später in der Bundesrepublik natürlich ungestört Karriere machen konnte. Er sichtet für das Buch bisher fast unbekannte Quellen. Hier eine Leseprobe als pdf-Dokument. Im Feuilleton-Aufmacher der SZ widerspricht der ehemalige Präsident des Zentralrats der Katholiken und bayerische Kultusminister Hans Maier: Katholische Nazis gab es natürlich, aber Wegbereiter? So würde Maier sie keinesfalls nennen: "Denn die 'Brückenbauer' haben im deutschen Katholizismus allenfalls ein kurzes Rumoren, nicht aber eine dauerhafte Bewegung ausgelöst. Die Gruppe stürzte mit der Entmachtung des Reichsvizekanzlers 1934 in die Bedeutungslosigkeit ab. Ihre Publikationen blieben vereinzelt und nahezu wirkungslos. Richtig und bleibend angemessen urteilten dagegen andere Katholiken, die Flasch auch nennt: Alois Dempf, Dietrich von Hildebrand, Gustav Gundlach, Waldemar Gurian."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2021 - Geschichte

Das Konzept für die geplante Berliner Gedenkstätte für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus liegt vor, aber damit sind die Probleme nicht gelöst, schreibt Florian Hassel in der SZ. Es geht nicht, dass Polen, weil es massiv politischen Druck gemacht hat, herausgehoben wird und wir uns "beim Gedenken hinten anstellen" müssen, sagt etwa der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk. "Je weiter beide Projekte voranschreiten, desto lauter dürften nicht nur Ukrainer eine weitere Gedenkstätte fordern. 'Dass die Deutschen auch in der Ukraine, im heutigen Belarus, im Baltikum und in Nordeuropa, in Griechenland und in den Balkanländern gewütet haben, ist ebenso wenig präsent wie etwa, dass die Deutschen drei Millionen sowjetische Kriegsgefangenen durch Hunger oder Krankheiten haben krepieren lassen', sagt der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel. Es wäre besser gewesen, eine Denkmal-Lösung zu finden, die alle einbezieht. Vielleicht, sagt Schlögel 'müsste man einen Ort haben, an dem sich alle betroffenen Nationen selbst darstellen können'. Genau eine solche Länderschau des Leidens soll das Dokumentationszentrum aber DHM-Direktor Gross zufolge gerade nicht werden."

Im ebenfalls von Florian Hassel geführten Interview konkretisiert Raphael Gross, Präsident des DHM, seine Pläne für das Dokumentationszentrum über die NS-Besatzungsherrschaft in Europa. Er will auf thematische, nicht nationale Einteilung setzen: "Wir reden über heute 27 von der deutschen Besatzungsherrschaft betroffene Staaten und über noch viel mehr Gemeinwesen und Gruppierungen. Würden wir das national angehen und versuchen, jeden Staat oder jede Gruppe vor dem Hintergrund des erlittenen Leides abzubilden, gäbe es nie eine Lösung, die nicht zu noch explosiveren Konflikten führte. Die Ukraine, Polen, Russland und Belarus, um nur mal vier Länder zu nennen, würden sich, so wie die Verhältnisse heute sind, schwer einigen und sagen: Ja, wir sind einverstanden, wie ihr das gelöst habt. Wir wollen keine aufzählende Ausstellung, durch die Vertreter eines Landes oder einer Gruppierung mit dem Zollstock laufen und dann sagen: Was? Mehr haben wir nicht abbekommen? Wir hatten doch viel mehr Tote als ... Und was würde man daraus auch lernen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2021 - Geschichte

Hundert Jahre Kommunistische Partei Spaniens erzählt Reiner Wandler in der taz, der mit dem Historiker Antonio Elorza gesprochen hat. Die Rolle der Partei war trotz ihres Heroismus im Bürgerkrieg für das Land zwiespältig bis fatal. Das galt auch für ihre Politik vor dem Bürgerkrieg: "Die PCE bremste überall im Land die aufflammende soziale Revolution. Wenn es sein musste mit Repression, mit Verhaftungen, Folter und Gewalt gegen andere Linke, wie die starken Anarchosyndikalisten und Trotzkisten. Die irregulären Haftzentren überall im Land und der Bürgerkrieg im Bürgerkrieg, der Barcelona 1937 erschütterte, zeugten davon. 'Stalin wollte keine Revolution, um England und Frankreich nicht zu verschrecken', sagt Elorza. Spanien war für die Sowjetunion - ähnlich wie für Hitler-Deutschland, das Franco unterstützte - das Vorspiel für den großen Krieg, der sich am Horizont bereits abzeichnete." Naja, vorher gab's noch den Hitler-Stalin-Pakt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2021 - Geschichte

Morgen wird in Wien eine Gedenkstätte für die 65.000 ermordeten Juden aus Österreich, die Shoah Namensmauern Gedenkstätte, eingeweiht. Bei den Feierlichkeiten wird auch Kurt Yakov Tutter sprechen, der zwanzig Jahre lang für dieses Denkmal gekämpft hat, erzählt Cathrin Kahlweit in der SZ.  Ausgerechnet Sebastian Kurz hat es dann zusammen mit der FPÖ genehmigt. "Tutter verwahrte sich im Sommer 2021 in einem ORF-Interview dagegen, dass er sich habe instrumentalisieren lassen: Denen, 'die Kritik an der Gedenkstätte geäußert haben, möchte ich eine Frage stellen: Lange Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Beteiligung von Österreicherinnen und Österreichern an den Verbrechen der Nationalsozialisten verschleiert geblieben. Was habt ihr getan, um die Kultur des Gedenkens in Österreich zu fördern, zu ermutigen?'" Die Errichtung des Denkmals geschieht in einer Zeit, in der die Zahl der antisemitischen Straftaten in Österreich stark ansteigt, berichtet Kahlweit noch. Sie betont aber auch, dass es bereits einige Erinnerungsorte in Wien gibt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2021 - Geschichte

Christine Brinck erzählt in der NZZ vom Haus Levy - "ein Kleinkosmos der Geschichte des Zwölfjährigen Reiches, der deutsch-jüdischen Beziehungen, der Stadt, der Geschichte schlechthin" - in der Rothenbaumchaussee 26 in Hamburg. Erbaut wurde es zu Beginn der 1920er Jahre von den Brüdern Hans und Oskar Gerson, als eine Art Genossenschaft für Wohnungseigentümer, was damals neu war, denn wer Geld hatte, wohnte im eigenen Haus. Die ersten, die dort einzogen, waren Juden, die später vertrieben oder ermordet wurden. "Von all dem wusste ich nichts, obwohl ich zwanzig Jahre lang im 5. Stock der Nummer 26 lebte. Keine Tafel sprach von der Geschichte und den Geschichten seiner Erbauer und seiner ersten Bewohner. Dann schlug der Zufall zu. Bei Renovierungsarbeiten auf dem Boden wurde unter einer Diele eine Klarinette gefunden..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2021 - Geschichte

Drei ÖkonomInnen, Andrei Markevich, Natalya Naumenko und Nancy Qian widerlegen in einem Zeitschriftenartikel "The Political-Economic Causes of the Soviet Great Famine" die Behauptung, der Holodomor habe nicht vorwiegend den Ukrainern gegolten, erzählt Philip Plickert in der ehemaligen Sonntagsausgabe der FAZ. "Bis heute sagt Moskau, es habe keine gezielte Anti-Ukrainer-Politik gegeben. In ihrer statistischen Auswertung, die bis auf Distriktebene differenziert, zeigen die drei Ökonomen, dass dies falsch ist... Markevich, Naumenko und Qian zeigen mit ökonometrischen Methoden, dass die Übersterblichkeit der ethnischen Ukrainer weit überproportional war - und das auch in angrenzenden Teilen der Sowjetunion. Ukrainer machten 21 Prozent der Bevölkerung der UdSSR aus, aber 30 bis 45 Prozent der Toten. Die stalinistische Politik war der entscheidende Faktor. Nach Rechnung der Ökonomen erklärt sie 77 Prozent der ukrainischen Übersterblichkeit in der Ukraine, Russland und Belarus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2021 - Geschichte

Der Historiker Jürgen Luh erinnert in der taz an den "Langemarck-Mythos" - den Mythos einer Jugend, die sich im Ersten Weltkrieg bereitwillig opferte -, der in der Weimarer Republik von der rechtsextremen Organisation "Stahlhelm" vertreten wurde. Diese suchte ab 1932 Anschluss an die rivalisierenden Nazis, und dabei leistete ein gewisser Hohenzollern-Prinz erheblichen Vorschub: "Zu der Überzeugung, dass Adolf Hitler forderte, aussprach und erzwingen wollte, was die Stahlhelmer bewegte, war das Mitglied des Stahlhelm Ex-Kronprinz Wilhelm schon Ende März 1932 gelangt. Schon vor dem für den 10. April angesetzten zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl hatte er an Franz Seldte, den 'Ersten Stahlhelm-Bundesführer', sowie den Vorsitzenden der DNVP, Alfred Hugenberg, Briefe geschickt, in denen er vor einer Enthaltung im zweiten Wahlgang warnte und dazu aufforderte, Hitler zu unterstützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2021 - Geschichte

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fragt in der FAZ, warum die Deutschen ihrer Demokratiegeschichte so wenig gedenken. Er teilt nicht die These, dass die Erinnerung an den Nationalsozialismus diese Geschichte verdeckt und sieht die Ursache schon im 19. Jahrhundert: "Nach der Reichsgründung 1871 dominierte eine national-borussische Geschichtsschreibung, welche die deutsche Geschichte auf das Streben nach staatlicher Einheit reduzierte, das Preußentum heroisierte und Otto von Bismarck zum genialen Erfüller nationaler Sehnsüchte verklärte. Statt an Freiheitsbewegungen erinnerte man an die Befreiungskriege gegen Napoleon. Damit wurde nicht nur der Grundstein zur nationalistischen Ideologie einer Erbfeindschaft mit dem französischen Nachbarn gelegt, sondern auch die positive Seite des Freiheitsbegriffs, die Freiheit zu bürgerlicher Selbstbestimmung, ausgeblendet." Von der Paulskirche sagt Steinmeier in seinem Essay übrigens, dass sie den Ansprüchen, "die wir heute an einen ebenso würdigen wie lebendigen Erinnerungs- und Lernort der Demokratie stellen, nicht gerecht" wird. Steinmeier hat ein Buch zum Thema herausgegeben. Sein Vorwort, das mit dem FAZ-Text mehr oder weniger identisch ist, lässt sich hier in einer pdf-Leseprobe nachlesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2021 - Geschichte

Florian Coulmas besucht für die NZZ die Ausstellung "Macht - 800 Jahre Binnenhof" in Den Haag. Der Binnenhof, in dem die beiden Kammern des niederländischen Parlaments tagen, soll generalsaniert werden, da empfiehlt sich auch mal ein Blick zurück: "Die Ausstellung erzählt die niederländische Geschichte aus einem exquisiten Blickwinkel: als Geschichte eines etwas heruntergekommenen Gebäudes. Dargestellt werden die Kontroversen, die Konfrontationen und die Konflikte, die in den Wandelgängen, Hallen, Hinterzimmern oder vor dem Binnenhof ausgetragen wurden. Selten war es in den Niederlanden unumstritten, wer die Macht hatte, und nicht immer vollzog sich der Übergang von einem Herrscher zum anderen auf friedliche Weise."
Stichwörter: Niederlande, Den Haag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2021 - Geschichte

In Indonesien wurden unter Führung von General Suharto zwischen 1965 und 1966 mindestens fünfhunderttausend Menschen getötet, die verdächtigt wurden, Kommunisten zu sein. Die Briten spielten bei diesem Massaker eine wichtige Rolle, erzählen Paul Lashmar, Nicholas Gilby und James Oliver im Guardian. "Kürzlich freigegebene Dokumente des Außenministeriums zeigen, dass britische Propagandisten heimlich Antikommunisten, darunter auch Armeegeneräle, zur Beseitigung der PKI anstifteten. Die Kampagne scheinbar spontaner Massenmorde, von der man heute weiß, dass die indonesische Armee sie inszeniert hat, wurde später von der CIA als einer der schlimmsten Massenmorde des Jahrhunderts bezeichnet. Als die Massaker im Oktober 1965 begannen, forderten britische Beamte, 'die PKI und alle kommunistischen Organisationen' zu 'eliminieren'. Die Nation, so warnten sie, sei in Gefahr, 'solange die kommunistischen Führer auf freiem Fuß sind und ihre Anhänger ungestraft davonkommen'." Die Briten hofften so Präsident Sukarno loszuwerden, der mit der PKI zusammenarbeitete und offen den britischen Kolonialismus kritisierte, was ihnen auch gelang.

In der Welt sprechen sich Gabriele von Lutzau, Flugbegleiterin der 1977 von der RAF entführten "Landshut"-Maschine, und der FDP-Politiker Till Mansmann vehement für einen Gedenkort für die Opfer des "Deutschen Herbstes" aus. "Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es kein Museum und keine Gedenkstätte, die den Opfern des RAF-Terrorismus ein würdiges Gedenken schafft und sich diesem Teil unserer Geschichte widmet", schreiben die beiden. Zwar wurde bereits Geld bewilligt, um die "Landshut" auszustellen, doch die Bundeszentrale für politische Bildung, zuständig für das Ausstellungskonzept, "ließ zuletzt verlauten, dass die Landshut-Maschine als technisches Großobjekt nicht restauriert oder in den Originalzustand zurückgeführt werden soll. Dies ist jedoch eine zentrale Forderung, denn eine restaurierte und zugängliche 'Landshut' könnte die Besucher die Ausstattung, die Enge an Bord und die gesamte Atmosphäre authentisch nachempfinden lassen. Die Erinnerung an die Geschichte der Landshut-Entführung ist man den Opfern schuldig. In einem solchen Museum sollen auch die Perspektiven der Opfer und der damals in Verantwortung stehenden Politiker sichtbar und hörbar werden."