9punkt - Die Debattenrundschau

Lernen, Kapuzenpullover zu tragen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2021. Im SZ-Gespräch erläutert der Religionshistoriker Helmut Zander die Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und den Querdenkern. Unterdessen wird Triage zur realen Perspektive, notiert die FAZ. Die EU ist sich der Gefahr, die vom Brexit ausgeht gar nicht bewusst, warnt der Politologe Eoin Drea bei politco.eu. Die NZZ fragt, warum die Amerikaner beschlagnahmte Nazikunst nicht an Deutschland zurückgeben. hpd.de erhofft sich von der Ampelkoalition eine Stärkung säkularer Positionen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Impfdebatte spaltet die Gesellschaft nicht - die Spaltung war schon vorher da, diagnostiziert Andreas Ross in der FAZ mit einem Blick auf Amerika: "In Amerika ist die Impfbereitschaft schwach, wo Donald Trump stark ist. Die Gesellschaft war freilich längst gespalten, als das Virus über sie kam. Schon in der Klimadebatte hatten Republikaner eine teils religiös verpackte Wissenschaftsfeindlichkeit salonfähig gemacht. Da war es zu Trumps 'alternativen Fakten' nicht mehr weit. Bis heute glauben Dutzende Millionen Amerikaner wider alle Tatsachen, dass Trump 2020 der Sieg gestohlen wurde."

Die Triage wird zur realen Perspektive. Klar ist, dass Ungeimpfte in Intensivstationen nicht einfach schlechter gestellt werden kann, das hat auch der Ethikrat bekräftigt, schreibt Joachim Müller-Jung in der FAZ: "Völlig klar ist aber auch nach dem bisherigen Verlauf der Pandemie und der Fülle an traurigen klinischen Erfahrungen, dass der Impfstatus die Überlebenswahrscheinlichkeit tatsächlich massiv beeinflusst. Das Sterberisiko ist für Ungeimpfte dramatisch erhöht, für Hochaltrige liegt es bei fast einem Viertel aller Corona-Infizierten. Das gleiche Bild auf der Intensivstation: Dass heute immer noch zwischen dreißig und fünfzig Prozent der auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten am Ende versterben, liegt ganz eindeutig an dem großen Anteil von Impfunwilligen, die schwer erkranken."

Im SZ-Gespräch mit Alex Rühle erläutert der Religionshistoriker Helmut Zander die Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und den Querdenkern, die die Baseler SoziologInnen Nadine Frei und Oliver Nachtwey in ihrer Studie die "Quellen des 'Querdenkertums'" aufzeigten (Unser Resümee): "Verschwörungstheorien gehören salopp gesagt zur DNA der Schriften Steiners. Das liegt daran, dass er fest davon überzeugt war, dass es wirkmächtige Geheimgesellschaften gebe, im Guten wie im Schlechten, von den Mysterienkulten der Antike bis zu den Freimaurern, die er für eine sehr mächtige Geheimgesellschaft hielt, ein internationales Netzwerk, das sich vor dem Ersten Weltkrieg gegen Deutschland positioniert habe. Solche Thesen kommen jetzt mit Macht wieder hoch. Viele konservative Anthroposophen, die lange dachten, sie könnten mit solchen Positionen nicht mehr hausieren gehen, fühlen sich im AfD- und Pegida-Umfeld berechtigt, endlich wieder sagen zu dürfen, was Steiner immer schon gesagt habe."

In der DDR habe es keine Impfpflicht gegeben, außer für Pocken, sagt der Sozialmediziner und Ex-Gesundheitsstadtrat Heinrich Niemann im Gespräch mit Anja Reich (Berliner Zeitung). Dennoch ließen sich viele Menschen impfen, fährt er fort und ärgert sich darüber, die hohen Corona-Zahlen in Sachsen und Thüringen einfach mit "Ost-West" zu beantworten: "In Sachsen zum Beispiel gab es immer schon Anthroposophen und aktive Heilkundebewegungen. Man muss vielleicht auch den geografischen Blick weiten, auf Tschechien und Österreich. Immer gleich einen Grund zur Hand zu haben, entschuldigt nur, dass man nichts machen muss." Gab es wirklich keine Impfpflicht in der DDR? Frank Pergande stellte das 2015 in der FAZ deutlich anders dar.
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Europa

An diesem Donnerstag nun verhandelt ein Moskauer Gericht den Antrag der russischen Generalstaatsanwaltschaft, die Menschenrechtsorganisation "Memorial" aufzulösen (Unsere Resümees). Im Tagesspiegel kommentiert Frank Herold: "'Memorial' wird von Anklägern verfolgt, die sich längst nicht mehr schämen, die Erben der sowjetischen Sicherheitsorgane zu sein. Es ist kein Zufall, dass Russlands Geheimdienst FSB seine offizielle Geschichte nicht mit dem Jahr 1991 und dem Zusammenbruch der UdSSR beginnt, sondern sie faktisch bruchlos auf das Jahr 1918 zurückführt - in einer geraden Linie von Tscheka über die Staatssicherheitsbehörden OGPU, NKWD und KGB. 'Memorial' zeigt den heutigen Angehörigen der Sicherheitsorgane immer wieder, wie sehr sie ihren Vorgängern ähneln. Das soll nun offensichtlich ein Ende haben. Russland hat sich seit dem Ende der Sowjetunion im Kreis bewegt: vom Totalitarismus zum Totalitarismus."

Walter Otte untersucht bei hpd.de die Frage, ob von einer Ampelkoalition eine Stärkung säkularer Ideen und Fortschritte in der Trennung von Staat und Religion zu erwarten sind. Bei Grünen und FDP findet er hoffnungsvolle Ansätze, nicht aber in der SPD: "Schon anhand der Wahlprogramme zeigt sich deutlich, dass die SPD zu säkularen Themen nicht nur nicht gut, sondern überhaupt nicht aufgestellt ist. Lediglich den Parteitagsbeschlüssen 2013 folgend wird auf eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts hingewiesen, allerdings mit der Einschränkung, dass gemeinsam mit den Kirchen ein Weg zu Reformen erarbeitet werden solle. Aus der politischen Szene kennt man, dass die Formulierung "mit den Kirchen gemeinsam" eine Reform anzugehen, die Beerdigung eines Themas bedeutet, bevor man überhaupt damit begonnen hat."

Die EU ist sich der Gefahr, die vom Brexit ausgeht überhaupt nicht bewusst, schreibt der irische Politologe Eoin Drea bei politco.eu. Nicht nur steht Britannien wirtschaftlich besser da, als sich manche Europäer erträumen mögen. Vor allem das Bündnis mit dem von Populismus bedrohten Amerika mach Drea Sorgen. "Obwohl in der EU verspottet, bleibt die Beziehung Großbritanniens zu den USA die Grundlage für seine Post-EU-Identität. Es handelt sich um eine Beziehung, deren strategische Bedeutung durch Brüssels Wahrnehmung der britischen Schwäche verschleiert wird. Für Westminster ist es unerheblich, ob Großbritannien als Washingtons wichtigster Partner - Londons bevorzugte Wahl - oder als 'Vasall' der USA angesehen wird, wie es Clément Beaune, Frankreichs Staatsminister für europäische Angelegenheiten, ausdrückte. Selbst Unterwerfung bringt die Vorteile von Nähe, Relevanz und Einbindung in Washingtons breitere geopolitische Strategien. Diese Vorteile fehlen in den Beziehungen anderer EU-Mitgliedstaaten zur Anglosphäre, wie die jüngste Kontroverse über australische U-Boote und den Aukus-Verteidigungspakt zeigt."
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Kulturpolitik

In einem langen und reich bebilderten Artikel in der NZZ geht Susanna Petrin der Frage nach, ob die NS-Kunst, die für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich in einem Kellermagazin der amerikanischen Militärbasis Fort Belvoir unweit von Washington lagert - darunter Aquarelle von Hitler und Werke über Hitler - nicht zurück an Deutschland gegeben werden müsste: "Die USA halten es bis heute für zu gefährlich, diese Werke an die Bundesrepublik Deutschland zurückzugeben oder in ihrem Armeemuseum auszustellen. 'Aufgrund von Bedenken, dass diese Werke Neonazis anstacheln oder für sie als Gedenkstücke dienen könnten, sind sie hier', sagt Sarah Forgey, 'alles, was die Swastika zeigt, aggressiven Militarismus oder die Nazis glorifiziert.' Als gesetzliche Basis diene den USA bis heute das Potsdamer Abkommen von 1945." Aber Gordon Waverly Gilkey, der Kunsthistoriker, der die NS-Werke in die USA brachte, beschlagnahmte einige Werke teils zu Unrecht und hielt sich selbst nicht an das Potsdamer Abkommen, weist der Kunsthistoriker Gregory Maertz in seinem Buch "Nostalgia for the Future" nach, so Petrin.
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Stichwörter: Nazi-Kunst, NS-Kunst, Raubkunst

Geschichte

In der Welt geht der Historiker Ulrich Schlie der Frage nach, wie Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg zunächst eine der höchsten Positionen im Reichsernährungsministerium bekleiden, später im Heereswaffenamt tätig sein und zugleich am Attentat vom 20. Juli 1944 maßgeblich beteiligt sein konnte: "Gerade aktiver Widerstand, wenn er etwas bewirken wollte, ist oftmals mit einer hochgefährlichen Exponierung in systemnahen Bereichen und auch nicht selten mit einer bewusst nach außen getragenen Affirmation des Regimes einher gegangen. Schulenburgs Tätigkeit im Ministerium zeigt zudem, dass sich Angehörige dieses Hauses in der national-sozialistischen Zeit vollständig in einer Doppelstruktur bewegen konnten und dass auch die ministeriellen Abläufe - das tägliche Verwaltungshandeln und Beziehungsgefüge eines Reichsministeriums - einen hinreichenden Rückzugs- und Schutzraum boten, um unbemerkt mit einer zweiten Agenda zu wirken."
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Medien

Wenn heute der Vorstand des Bundes der Zeitungsverleger und Digitalpublisher zusammenkommt, um über Mathias Döpfners Zukunft zu entscheiden, geht es nicht nur um eine SMS, es geht um die Verantwortung der Medien, schreibt Nils Minkmar, der in der SZ dann doch auf die SMS und den darin erwähnten Artikel Julian Reichelts eingeht: "Wenn nun im Hinblick auf die Bewältigung dieser und zur Vorbeugung künftiger Krisen Lehren gezogen werden sollen, wenn nicht nur eine Institution auf die nächste, eine Partei auf die andere schuldzuweisend zeigen soll, dann gehört zur Aufarbeitung einer unnötig miesen Berichterstattung in der Bild eine Geisteshaltung, die Mathias Döpfner in seiner SMS ausgedrückt hat. Nicht weil sie ironisch wäre, ist sie skandalös, sondern weil sie es nicht ist."

Claudius Seidl schreibt in der FAZ derweil ein böses Porträt über den Springer-Chef und Cheflobbyisten der Zeitungsindustrie Mathias Döpfner. Wie provinziell Springer trotz allen Ruderns bleibt, zeigte sich für Seidl, "als Döpfner die halbe Führungsmannschaft nach Kalifornien schickte, damit die Männer dort lernten, Kapuzenpullover zu tragen, sich Bärte wachsen zu lassen und zu erkennen, welche Wege von den Algorithmen gewiesen würden. Springer, sollte man wohl denken, werde jetzt eine Zukunftsfirma wie Apple, Google, Microsoft. Von sagenhaften neuen Ideen und Produkten drang aber nichts nach außen; aus der Perspektive des Publikums blieb Springer immer Springer."

Die "Cloud" ist ein saftiges Businessmodell - früher zahlte man einmal für Adobe-CDs, jetzt bis ans Lebensende für das monatliche Abo. Bei amerikanische Medien ist das Onlineabo-Modell heute die größte Überlebenshoffnung. Allerdings kann "Subscriber" zweierlei heißen, warnt Joshua Benton bei niemanlab.org: Irgendjemand, dessen E-Mail-Adresse wir haben, oder jemand, der tatsächlich für sein Abo bezahlt. Gerade Medien flunkern hier gern. Darum Bentons Warnung an die Kollegen: "Wenn Sie nicht gerade einen Artikel schreiben, bei dem es aus dem Kontext klar hervorgeht, sollten Sie das Wort 'Abonnenten' für Personen reservieren, die einem Medienunternehmen tatsächlich Geld zahlen. Nennen Sie die Leute, die eine kostenlose E-Mail erhalten, 'E-Mail-Abonnenten' oder 'Newsletter-Abonnenten', nicht einfach 'Abonnenten'."
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