9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2258 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 226

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2025 - Ideen

Marko Martin schreibt für die Jüdische Allgemeine einen ausführlichen Nachruf auf Richard Herzinger. Unter anderen geht er auf seine Kritik an der Habermasschen Geschichtspolitik ein: "Hatten Jürgen Habermas und seine Unterstützer damals im Historikerstreit von 1986 Ernst Noltes geschichtsfälschender Auslagerung des Holocaust als 'asiatischer Tat' wirklich nur in Anerkenntnis der Singularität von Auschwitz widersprochen - oder vielleicht, wie bewusst oder unbewusst auch immer, nicht auch im Unwillen, sich mit den stalinistischen Verbrechen auseinanderzusetzen? Während heute im 'postkolonialen Diskurs' quasi ein Nolte-Revival von links veranstaltet wird, um die Menschenheitsverbrechen der Nazis irgendeiner vagen 'westlichen Struktur' in Rechnung zu stellen."
Stichwörter: Herzinger, Richard

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2025 - Ideen

In der FAZ erinnert Kamel Daoud daran, dass der Schriftsteller Boualem Sansal, der 2011 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde, immer noch in einem algerischen Gefängnis sitzt, weil er es gewagt hat, das algerische Regime zu kritisieren. Im Westen bleibt man dazu weitgehend stumm, wohl auch - und da nimmt Daoud kein Blatt vor den Mund - weil sich Sansal nicht brav in die Rolle des Dekolonisierten fügt, dessen Aufgabe es ist, den Westen zu kritisieren. Diese Haltung vieler westlicher Intellektueller erinnert Daoud stark an Blackfacing: "Wäre Sansal ein professioneller Dekolonialisierer, ein Rentier der Erinnerung, ein Akteur der westlichen Reue, ein Anwalt der Unterwerfung vor dem Islamismus, hätten sich einige mehr für ihn eingesetzt. Hätte er den stummen Dekolonialisierten gegeben, hätten sich einige Westler in Decolonial-Face geworfen, um über ihn zu sprechen. Sein Vergehen: Er wagte es, allein zu sprechen, Freiheit, Unabhängigkeit und Universalität auszudrücken - ein Verbrechen in Algerien und im Westen, denn er 'verrät' die Rolle des Schweigenden zugunsten des Sprechenden, des Leichnams zugunsten des Lebendigen, des Opfers zugunsten der Klarheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2025 - Ideen

In der FAZ macht der Historiker Andreas Rödder "Überspannungen" der liberalen Demokratie verantwortlich für ihre Krise: Neokonservatismus, Neoliberalismus, dann das postmodern-grüne Paradigma und schließlich die Verrechtlichung der Politik - alles zusammen führte am Ende zu einer "Fundamentalkritik der 'liberalen Demokratie', deren Dynamik mit den neoliberalen und postmodernen Theoriebildungen der Siebziger- und Achtzigerjahre vergleichbar ist ... Was dagegen helfen kann, ist die Rückbesinnung auf die liberale Demokratie vor und diesseits ihrer Überspannungen. Sie zeichnet sich nicht durch staatlich alimentierte Meldestellen gegen Antifeminismus oder das Verbot des Verbrennermotors aus, sondern durch das Mehrheitsprinzip in Verbindung mit dem rechtsstaatlichen Schutz von Minderheiten. Durch das Prinzip des geregelten und friedlichen Regierungswechsels samt echter politischer Alternativen. Und durch eine politische Öffentlichkeit, in der über alles verfassungsrechtlich Zulässige gestritten wird, statt sie durch exklusive Geltungsbehauptungen zu verengen. Die dafür notwendige Toleranz ist immer eine Zumutung, weil sie sich an dem bewahrheitet, was man gerade nicht mag - zu tolerieren, was man ohnehin eigentlich richtig findet, ist nicht tolerant, sondern wohlfeil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2025 - Ideen

Buch in der Debatte

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Anhänger von Trump und der AfD wollen die demokratischen Institutionen nicht ersetzen oder sich selber als Elite platzieren - am liebsten wollen sie sie brennen sehen, konstatieren die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem neuen Buch "Zerstörungslust" und im SZ-Interview mit Andreas Tobler und Sandro Benini. Dabei sprechen sie auch von einem "demokratischen Faschismus": "Nachtwey: Die befragten Personen haben immer wieder betont, dass sie sich als Demokraten verstehen. Für den historischen Faschismus hingegen war die Demokratie das Feindobjekt schlechthin. Heute geht es Rechtspopulisten und Rechtsextremen angeblich um eine andere, eine bessere Demokratie - bloß sehen wir in den USA und beispielsweise auch in Ungarn, dass diese Bewegungen die Demokratie aushebeln. Denn alle, die nicht dazugehören, sollen entfernt oder beherrscht werden. Die angebliche demokratische Erneuerung setzt in den USA auf Grausamkeit, Gewalt und neue Hierarchien. Amlinger: Der Begriff Rechtspopulismus ist zu schwach, weil er diese gewaltvollen Momente nicht erfasst. Rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker wollen dem Volk zu seinem Recht verhelfen, indem sie letztlich dafür plädieren, die Eliten auszuwechseln, statt die Institutionen als solche zu zerstören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2025 - Ideen

Andreas Tobler resümiert für die SZ eine wissenschaftliche Konferenz unter dem Titel "Gegenmoderne" in Basel, auf der prominente Theoretiker wie Oliver Nachtwey (mehr) und Carolin Amlinger (mehr) über Rechtspopulismus und die Situation in den USA disktuierten. "Steile Thesen" gab es einige, so Tobler, woran es mangelte waren dann eher die Lösungen: "Eine Diskussionsteilnehmerin brachte das Dilemma der Kritischen Theorie in diesem Zusammenhang sehr gut auf den Punkt: Während die Rechte große Versprechen auf eine bessere Zukunft mache - erwähnt wurde die von Elon Musk verheißene Umsiedlung auf den Mars angesichts des drohenden Klimakollapses -, würden die verfeinerten Theorien, über die auf der Konferenz nachgedacht wurde, allenfalls in kleinen linken ökologischen Nischen funktionieren, in der alte Radios repariert statt weggeworfen würden. Nach diesem Votum kam es im Hörsaal zu einer kurzen, aber ziemlich emotionalen Diskussion. Wie könnte einer Strömung begegnet werden, die laut Nachtwey und Amlinger von 'Zerstörungslust' angetrieben wird? Müsste das linke Angebot genauso lustvoll, ja lustmaximierend sein, wenn auch im positiven Sinne?"

Die Schriftstellerin Nino Haratischwili hat am 9. Oktober beim Leipziger Gedenktag an die friedliche Revolution die "Rede zur Demokratie 2025" gehalten (mehr hier). Die Rede ist jetzt bei leipzig.de als pdf-Dokument zu lesen. Darin nimmt die georgisch-deutsche Autorin eine für Westler ungewohnte "postkoloniale" Perspektive ein, indem sie die kulturellen Begriffe des "Westens" und des "Ostens" gegenüberstellt: "Aristoteles ist nicht nur Grieche, Caravaggio ist nicht nur Italiener, Bach nicht nur Deutscher, Van Gogh nicht nur Niederländer, Cervantes nicht nur Spanier, Shakespeare nicht nur Brite, Freud nicht nur Österreicher, etc. Sie sind alle in erster Linie Europäer, sie sind ein fester Teil der sogenannten 'abendländischen Kultur'. Will man das auf Osteuropa übertragen, stößt man sehr schnell an seine Grenzen. Um dies zu gewährleisten, müssten wir genügend lettische, rumänische, moldawische, slowakische Autoren kennen, georgische und estnische Maler, armenische und ukrainische Musiker. Aber das tun wir nicht. Ein Land, dessen Kultur wir alle kennen und das die unsere gut kennt, ist Russland. Russland ist quasi die 'fatale Verbindung' zwischen uns allen. Alles, was wir über einander wissen, wissen wir hauptsächlich aus siebzigjähriger Kolonialperspektive."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2025 - Ideen

Ist "Peak Woke" überschritten? Andreas Rödder, konservativer Historiker, Foucault-Leser und CDU-Intellektueller, ist im Gespräch mit Ellen Daniel und Michael Miersch in Mierschs Blog zuversichtlich. Die Vorherrschaft der Grünen im öffentlichen Diskurs sei vorüber. "Die grüne Deutungshegemonie hat sich vor allem auf drei Themenfeldern etabliert: Energie und Klima, zweitens Migration und Integration, und schließlich Sexualität, Geschlecht, Diversität. Auf allen diesen Feldern erleben wir einen massiven Umschwung des öffentlich Sagbaren. Es ist mittlerweile möglich zu sagen, dass die Klimaschutzziele schädlich für das Land sind. Es ist sogar möglich, über den Wiedereinstieg in die Kernenergie zu reden. Im Bereich der Migrationspolitik hat der 7. Oktober 2023 das Thema 'importierter Antisemitismus' auf die Tagesordnung gebracht. Dass die Folgen der Migrationspolitik seit 2015 massiv schädlich sind, ist ebenfalls in den Bereich des Sagbaren gerückt. Auch in der Geschlechterpolitik ist die Zeit vorbei, als die Feststellung, es gebe bei den Menschen zwei biologische Geschlechter, als Akt sprachlicher Gewalt diffamiert wurde." Immerhin gibt Rödder aber auch zu: "Die Gegenbewegungen, die wir jetzt erleben, sind in Teilen ziemlich unappetitlich. Die Fake News der Rechten sind die hässliche Schwester des postmodernen Dekonstruktivismus."
Stichwörter: Rödder, Andreas, Woke, Wokeismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2025 - Ideen

Klaus Lederer, ehemals Linkspartei und Kultursenator in Berlin, und der Theatermacher Alexander Karschnia (unsere Resümees) versuchen in der taz eine linke Position zu definieren, die nicht antisemitisch ist - und beziehen sich, ohne sie zu benennen, auf die Positionierungen der heutigen Linkspartei. "Bis heute verweigern viele sich 'palästinasolidarisch' nennende Gruppen nicht nur friedensbewegten Israelis das Rederecht, sondern sogar Palästinenser*innen, die die Hamas verurteilen... Trauriger Tiefpunkt war die 'All Eyes on Gaza'-Demo Ende September in Berlin. Den Organisator*innen wollte es nicht gelingen, an die Geiseln der Hamas zu erinnern, die Gruppe 'Israelis for Peace' durfte keinen Redebeitrag halten. Kein Problem dagegen bereiteten offenbar zahlreiche Symboliken, auf denen Israel von der Landkarte getilgt war - der dystopische Traum der Hamas."

taz-Autor Jan Feddersen folgte in Hamburg einem Gespräch von Eva Illouz und Natan Sznaider über ihr Verhältnis zur Linken, die Israel nach dem 7. Oktober weitgehend verriet. Eva Illouz hat einen Essay darüber veröffentlicht, Sznaider legte offenbar dar, dass er seine Hoffnungen auf die Linke schon sehr viel früher aufgegeben hatte. Was beide sich nun versprechen? "Sznaider hofft auf die Freilassung der Geiseln, unter allen Umständen. Und Illouz besteht darüber hinaus zunächst auf 'Separation', keine voreilig illusionären Peace-&-Understanding-Moves. Alles Weitere werde die Zukunft zeigen."

Wie die in der Linken seit spätestens 1967 beliebte Gleichsetzung der Israelis mit den Nazis funktioniert, erzählt Daniel Rotstein in der FAZ in einem ungewöhnlichen Artikel über einen Auftritt des Holocaustforschers Omer Bartov am Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. Bartov erzählte dort zunächst über seine Forschungen in der Ukraine, wo er unter anderem herausgefunden hatte, wie sich die lokale Bevölkerung Wohnungen ermordeter Juden unter den Nagel riss. Dann blendete er zu seiner Kindheit in Hadera, Nordisrael, wo er leere Wohnungen geflohener Araber gesehen hatte. Diese Parallelisierung wurde einfach so stehen gelassen, so Rotstein. "Bartov machte seinem dankbaren deutschen Publikum ... deutlich, dass es keinen Unterschied zwischen der arabischen Bevölkerung in Hadera und dem Holocaust gab. Um zum Schluss seines Vortrags anzufügen, dass die verabscheuungswürdige israelische Regierung nicht davor zurückschrecke, Holocaust-Vergleiche für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Diese Ironie oder vielleicht auch Heuchelei wollte weder dem Publikum noch den Holocaust-Forschern des Instituts auffallen." Rotstein erzählt, wie er in der Diskussion Einwände erhob. "Daraufhin echauffierte sich eine Dame im Publikum über mich, schließlich finde gerade ein 'Holocaust in Gaza' statt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2025 - Ideen

Perversion und Schamlosigkeit sind feste Bestandteile von Donald Trumps Politikstil, hält Slavoj Žižek im Zeit-Online-Interview fest. Das ist gefährlicher als Heuchelei: "Perversion bedeutet, offen und schamlos zu tun, was man will. Genau das macht Trump. Aber das Paradoxe ist: Bei all seiner falschen Offenheit und Obszönität werden andere Meinungen stärker unterdrückt denn je. Schamlosigkeit funktioniert nicht ohne Verbote. Die Menschen in den USA leben jetzt in einem System der Kontrolle. Wenn man sieht, wie offen Trump seine Begierde zeigt, Leute zu feuern oder ins Gefängnis zu stecken, lautet meine Formel: Lieber Heuchelei als offene Schamlosigkeit." Denn "Heuchelei ist niemals nur Heuchelei. Man merkt, dass selbst bei jenen, die etwas Furchtbares tun, ein Minimum an Ethik überlebt hat. Und das macht ihnen moralischen Druck, sie denken sich: 'Ich darf das nicht ungeniert machen, ich muss es irgendwie ethisch rechtfertigen.' Dieses letzte bisschen schlechte Gewissen bricht gerade weg. Im Zeitalter der Schamlosigkeit Politiker zu sein, heißt, unverblümt und brutal der Macht zu folgen, ohne geheuchelte moralische Ausreden."

Wie zur Illustration zu Žižeks These präsentiert die New York Times das Video einer Ausschussbefragung im amerikanischen Senat. Trumps Justizministerin Pam Bondi widersetzt sich mit pampigen Gegenfragen ("und wann entschuldigen Sie sich bei Donald Trump?") allen Fragen der Abgeordneten. Hier der Times-Bericht zu der Befragung: "Don't answer, just attack."

Stichwörter: Trump, Donald, Zizek, Slavoj

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2025 - Ideen

Wie kann der Frieden gewahrt werden, wenn Drohnen über Schleswig-Hostein kreisen? Eine Stärkung des kritischen Bewusstseins wäre schon mal ein Anfang, meint Aleida Assmann im Interview mit der Zeit: "Ich glaube, dass viele heute eher über Sicherheit nachdenken als über Frieden. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Sicherheit gerade das - eine egoistische Version von Frieden. Es fehlt die umfassendere Perspektive auf eine bessere Welt auch für die anderen, die Umwelt, die nachwachsenden Generationen. ... Die Chance ist jetzt, dass wir wacher werden und auch mehr Verantwortung übernehmen. Denn dieser lange, lange Frieden, 80 Jahre, der hat uns glücklich und satt gemacht. Und natürlich auch ein bisschen tatenlos. 'Die Politiker machen das schon, das wird schon werden', so dachten und denken viele. Jetzt sehen wir, zum Beispiel in Amerika, wie schnell das alles abgebaut werden kann. Gesetze allein können die Gesellschaft nicht stabilisieren. Das können nur die Menschen, die aus ihrem Geist heraus handeln und voll dahinterstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2025 - Ideen

Vor allem die postkoloniale Theorie verbindet mit der Idee des "Westens" kaum Gutes, schreibt Thomas Ribi in der NZZ. Und sicherlich, viel Schlimmes ist passiert unter dem Deckmantel vermeintlicher Zivilisation und Aufklärung: "Man kann die Geschichte des Westens als Geschichte von Verfehlungen schreiben. Aber man darf nicht darüber hinwegsehen, dass sie auch die Geschichte einer beispiellosen Kultur der Selbstkritik ist. Der Westen hat schreckliche Untaten begangen: von den Kreuzzügen über die Kolonialverbrechen bis zur Shoah. Doch keine Kultur hat ihre eigene Geschichte gründlicher aufgearbeitet. Aufklärung heißt, das eigene Denken und Tun kritisch zu reflektieren. Sich bewusst zu sein, dass nur das Geltung beanspruchen kann, was der Überprüfung standhält. Und dass dabei nicht Privilegien gelten, sondern Argumente. Darin liegt die Stärke des Westens. Nur scheint dem Westen selbst diese Stärke nicht mehr bewusst zu sein. Weil er sich dauernd kleinredet. Mit System. Was wir als Westen bezeichnen würden, habe es nie gegeben, schreibt die britische Historikerin Josephine Quinn in ihrem neuen Buch 'Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt'. Sie ist nicht die Einzige, die das sagt. Ihr Buch reiht sich ein in eine Serie von historischen Darstellungen, die sich zum Ziel setzen, den Begriff des Westens zu dekonstruieren."