Die "streitbare Denkerin" (so die taz) und "Moralphilosophin" Susan Neiman denkt in einem kommenden Buch über das Böse nach. Im Gespräch mt Lea De Gregorio macht sie klar, dass sie es bei Israel verortet: "In meinem neuen Buch frage ich, warum der Krieg in Gaza international als böse verstanden wurde. Ein Grund ist, dass wir in real time gesehen haben, wie Kinder sterben. Der andere: Die Menschheit hat sich geeinigt, dass der Holocaust böse war. Solch eine moralische Einhelligkeit gibt es kaum. Diese Referenz zu instrumentalisieren, um einen weiteren Genozid zu verursachen, ist böse... Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem, was in Auschwitz passiert ist und dem, was in Gaza passiert ist. Damit sollen sich die Historiker und Soziologen beschäftigen. Aus diesen Unterschieden zu schließen, dass es deshalb einen fundamentalen moralischen Unterschied gibt, ist falsch." Diese Gleichsetzung ist bei "streitbaren Denkerinnen" offenbar gerade de rigueur. Neulich begegnete sie uns bei Masha Gessen und Marianne Hirsch (unser Resümee), von Judith Butler ganz zu schweigen.
Ebenfalls in der tazplädiertDavid Van Reybrouck, der ein berühmtes Buch über den Kongo geschrieben hat, für die Einrichtung von Bürgerräten, besonders um fällige Klimaentscheidungen anzustoßen. Auf die Frage seines Interviewers Andreas Fanizadeh, wie man Autokratien wie China von so etwas überzeugen soll, antwortet er: "Das ist völlig utopisch. Aber der Kampf für das Frauenstimmrecht begann auch mal als Utopie. Auch was Immanuel Kant über den 'Ewigen Frieden' und eine Föderation unabhängiger Staaten geschrieben hat, kam zwei Jahrhunderte zu früh. Doch die Europäische Union ist nun die Realisierung dieser Idee. Heutzutage verursacht China den größten Ausstoß, aber wenn man historisch rechnet, waren es die USA. Und wenn man die koloniale Vergangenheit hinzunimmt, muss man die Niederlande pro Kopf zu den größten Verursachern zählen."
Außerdem: In der FAZ fragt der Philosoph Roberto Simanowski, ob KI-Bots eine politische Schlagseite haben, mal äußern sie sich woke, dann wieder maga.
Im PerlentaucherdenktElke Schmitter über große und kleine Propheten nach, die versuchen, der "Stunde der grauen Gegenwart" etwas entgegenzusetzen. Dieser Text ist der Auftakt einer neuen Kolumne: "ein wort gibt das andere". Elke Schmitter geht auf Veranstaltungen, zu Diskussionen, Vorträgen und Symposien und schreibt auf, was sie hört. Es geht um das gesprochene Wort, das öffentliche, nicht notwendig prominente Wort, das in der Begegnung entsteht. "Martin Bauer, Mitbegründer der website Soziopolis (die übrigens kosten- und werbefrei ist, also doppelte Wohltat), spricht 'On Prophecy and Prophets: A short Introduction'. Und, ja: was macht sie eigentlich aus, diese Prophetie, von der wir gerade gar nicht unbehelligt bleiben können? Die Klimakatastrophe, MAGA, die Herrschaft der KI, all das sind Prophezeihungen, und sie sind düsterer Art, als hätte Kassandra sowohl das 'All you need is love' der Beatles als auch Fukuyamas sanftes 'Ende der Geschichte' für alle Zeiten abgeräumt. Das müßte nicht so sein."
Masha Gessen hatte gleich nach dem 7. Oktober im New Yorker einen Essay geschrieben, der davor warnte, den 7. Oktober als ein genozidales Verbrechen zu definieren. Zugleich setzte sie den Gaza-Streifen mit den Ghettos der Nazis gleich (mehr hier). Die New York Times hat Gessen daraufhin zu einer ihrer Hauptkolumnistinnen gemacht. Nun präsentiert die Times ein Gespräch Gessens mit der Anglistin und Gedenkexpertin Marianne Hirsch, selbst Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, die ebenfalls diese programmatische Linie der Täter-Opfer-Umkehr verficht. Es wäre sträflich, den angeblichen Genozid Israels im Gaza-Streifen nicht mit dem Holocaust in Beziehung zu setzen, meint sie. Die Idee einer Singularität des Holocaust werde absichtlich missbraucht. "Dies Argument der Einzigartigkeit ist eines des Exzeptionalismus. Als außergewöhnlichste Verbrechen aller Verbrechen bekommt es einen ganz besonderen Status. So gibt es einen übermäßigen Einfluss des Holocaust, der dann andere Geschichten verdeckt und auch verdeckt, was gerade jetzt geschieht: den Völkermord in Gaza, wobei der Exzeptionalismus des Holocaust die Leugnung anderer Völkermorde gefördert hat. Und ich denke, das schafft eine echte Krise, wenn Opfer von Völkermord selbst Völkermord begehen und man das leugnen kann. Ich denke, wir befinden uns in einer echten Krise."
Krieg und Frieden kann man heute kaum noch trennscharf unterscheiden, meint Herfried Münkler in der SZ. Ob Waffenstillstandsabkommen oder hybrider Krieg - sie führen in Zwischenzustände, die die Grenze zum Krieg verwischen. Aber auch der Frieden wird immer unschärfer und "beliebig handhabbar, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Gesellschaft, die es nutzt, um darin ihr Empfinden und ihre Erwartungen zum Ausdruck zu bringen. Man könnte auch sagen, dass damit das, was als Oppositionspaar von Krieg oder Frieden konzipiert war, um politische Ordnung zu schaffen, zu einem Mittel der Selbstverblendung einer Gesellschaft geworden ist, mit dem diese sich über die politische Lage und die virulenten Herausforderungen täuscht. Die gedankenlose, massenhafte Verwendung, in der das Wort 'Frieden' inzwischen die Runde macht, spricht dafür, dass das Ruhebedürfnis einer Gesellschaft, die lieber den Augenblick genießt, als sich auf die komplexen Herausforderungen der Friedensstiftung einzulassen, den einstigen Pragmatismus des Waffenstillstandes als Schritt zum Frieden aufgezehrt hat. Es bleibt dann beim ersten Schritt, der schon als Ankommen am Ziel zelebriert wird. Auf Dauer kann und wird das nicht gut gehen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der FRunterhält sich Bascha Mika mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer und der Schriftstellerin Hannah Lühmann über den Begriff der "Heimat". Welzer hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Der Begriff muss "neu besetzt und rehabilitiert werden", fordert er: "Als politische Akteure können wir keine Widerstandsfähigkeit, keine Aktionsformen und auch keine Selbstvergewisserung entwickeln, wenn wir unbehaust sind. Wenn wir heimatlos sind, wenn wir das Gefühl haben, die anderen sind alle ganz andere, die gehören gar nicht zu mir. Und das ist ja umgekehrt genau die Bewirtschaftungsstrategie der Rechten, der Rechtspopulisten, der Rechtsextremen, der Trumpisten. Wenn Menschen ein diffuses Unzugehörigkeitsgefühl und Orientierungsverlust haben, dann suchen ihre diffusen Gefühle nach Anschluss. Deshalb geht es mir total auf die Nerven, wie dumm die Diskussionen über populistische Parteien sind. Es ist ein absoluter Kurzschluss, dass es deren Anhängern um Hass auf Bürgergeldempfänger und Migranten geht. Es geht darum, eine Gemeinde zu finden, der man angehört."
In einem etwas diffusen Essay in der FRwirft die Autorin Deborah Feldman Israel einen Völkermord und den Deutschen eine "Instrumentalisierung jüdischen Lebens vor": "Jüdinnen und Juden in der Diaspora sind mehrheitlich zutiefst verstört über die Allianzen, die Israel mit rechtsextremen Parteien und ihren charismatischen Repräsentanten in der gesamten westlichen Welt eingeht - Elementen, die zwar in erster Linie muslimische und arabischstämmige Menschen ins Visier nehmen, aber auch liberale und progressive Jüdinnen und Juden, die ihrem Vorhaben im Wege stehen. Vor allem fürchten sie sich um die liberal-säkulare Republik, die für mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand für Jüdinnen und Juden gesorgt hat, als Israel es je hätte erträumen können."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Frankfurter Schule hat sich durchaus für Internationale Politik interessiert, meint der Philosoph Moritz Rudolph, der gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, im Interview mit der Welt. "Es gibt bei Adorno und Horkheimer eine große Skepsis gegenüber der Welteinigung, das ist eher ein durch die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gebrochener Kant. Beide warnen vor der Organisationswut einer aufgeblähten UNO. Sie haben Angst vor einem globalen Unstaat, der den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts nicht überwindet, sondern überbietet. Adorno will ausdrücklich nicht, dass sich die Menschheit zum Supersubjekt zusammenschließt, sondern spricht stattdessen von organisierten Kleinsteinheiten, die sich durch Technik verbinden. ... Es gibt eine Skepsis gegenüber dem Staat, die mit dem Konservatismus zu tun hat. Panajotis Kondylis vertritt die These, dass der Konservatismus bereits vor der Französischen Revolution von 1789 entstanden ist, nämlich als Reaktion der adligen Fronde auf den Versuch des Königs, die Macht am Hof zu konzentrieren. Insofern war der Konservatismus ursprünglich gegen einen starken Zentralstaat, wie auch Horkheimer und Adorno."
In der NZZplädiert die Politikwissenschafterin Nora Meier hingegen ausdrücklich für eine Stärkung der Uno, die heute vor einer Woche ihren achtzigsten Geburtstag feierte. Denn "ihrem Zweck wird die Uno heute nicht mehr umfassend gerecht", meint Meier mit Blick auf die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten oder im Sudan. Sie wünschte sich vor allem eine Reform des Uno-Sicherheitsrats: "Wichtige Entscheide in diesem Gremium werden blockiert, allen voran durch Russland und - wenn es um den Nahen Osten geht - oftmals auch durch die USA. Mit der Konsequenz, dass die Uno bei den Konfliktlösungen in den genannten Kriegen als Vermittlerin keine Rolle spielen kann. Um den Sicherheitsrat handlungsfähiger zu machen, müsste zum einen seine Zusammensetzung so geändert werden, dass er ein besseres Abbild der heutigen Welt darstellt. ... Zum anderen müssten gleichzeitig auch Bestrebungen zur Abschwächung des Vetorechts der fünf bisherigen ständigen Mitglieder unternommen werden, um die Möglichkeiten der Blockade einzuschränken."
In seinem Blog kommt Alan Posener auf Jeffrey HerfsNachruf auf Richard Herzinger im Perlentaucher zurück (ist aber zu kleingeistig, auf den Perlentaucher zu verlinken) und erklärt noch einmal die Geburt des Postkolonialismus aus dem Geist des Antiimperialismus: "Erst als der paranoide Stalin im Inneren einen neuen Feind suchte und in den Juden fand, gleichzeitig im Kalten Krieg Verbündete gegen die Westmächte suchte und sich auf die Konferenz von Baku, den fortschrittlichen Emir von Afghanistan und die anderen Emire berief, wurde Israel zum Zentrum einer mit den USA liierten 'zionistischen Verschwörung' gegen die Sowjetunion und die angeblich um ihre Befreiung kämpfenden Araber erklärt. Die westeuropäische und amerikanische Linke folgte diesem Linienschwenk zuerst nur zögernd, noch 1968 war sie etwa in den USA in großen Teilen pro-israelisch; bezeichnenderweise allerdings richtete sich der Hass der 68er gerade in Deutschland nicht zuletzt deshalb gegen Axel Springer, weil er im Sechstagekrieg 1967 so plakativ für Israel Partei ergriffen hatte."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der New Yorker Publizist Mitchell Cohen, einst Chefredakteur der legendären sozialdemokratischen Zeitschrift Dissent, setzt seine kleine Perlentaucher-Serie zur Krise der amerikanischen Demokratie fort. In seinem fünften Brief bezieht er sich auf Daniel Schlozmans und Sam Rosenfelds Buch "The Hollow Parties", das sicher auch für die deutsche Szenerie Anregungen enthält. Die beiden sprechen von "Blobs", die sich in der demokratischen Partei seit den Siebzigern gebildet hätten, informelle und elitäre Netzwerke, die die Nabelschnur der Partei, die traditionell zu den Gewerkschaften führte, abgeschnitten hätten. Auch der Versuch, die Partei intern zu demokratisieren, "führte offenbar dazu, dass sie bei Wahlen weniger erfolgreich war. Carter gewann zwar später, aber ein Grund für seine spätere Niederlage gegen Reagan war Ted Kennedys Vorwurf, er habe die Prioritäten des New Deal aufgegeben. Carter und Bill Clinton formten die Demokraten neu nach 'neoliberalen' Vorbildern, die sich stärker auf Berater, die gebildete Mittelschicht und Interessengruppen als beispielsweise auf die Gewerkschaften stützten. Die 'Blobifizierung' setzte sich fort."
Lars Brocker, Präsident des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz, machen die geplanten Kürzungen von Sozialausgaben durch die Bundesregierung Bauchweh. Er plädiert in der FAZ für eine stärkere Kontrolle und Ausgestaltung des Sozialstaatsprinzips durch die Gerichte - und zur Not auch für Umverteilung: "Es liegt namentlich nicht fern, dass die fortschreitende Akkumulation von Kapital und Vermögen in den Händen weniger eine Handlungspflicht des Gesetzgebers auslösen könnte, auf dem Gebiet der Erbschaftsteuer und der Vermögensteuer, durchaus zeitnah, tätig zu werden. Umverteilung kann im Einzelfall durchaus verfassungsrechtlich geboten sein und sollte nicht als Kampfbegriff missbraucht, sondern als notwendiges Instrument eines sozialstaatlichen Instrumentenkastens (an-)erkannt werden."
Ebenfalls in der FAZ verbittet sich Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz Bauer Instituts, Vorwürfe des Antisemitismus nach einem Auftritt des israelischen Holocaustforschers Omer Bartov an ihrem Haus (mehr dazu hier): Der hatte in einem Vortrag eine Verbindung gezogen zwischen dem heute ukrainischen Buczacz, wo nichts mehr an die einstige jüdische Bevölkerung erinnere, und Orten in Israel, wo ebenfalls nichts mehr an die dort einmal befindlichen palästinensischen Dörfer erinnere. "Das war seine ganze Bezugnahme auf Nahost. Um einen Vergleich, gar eine Gleichsetzung des Geschehens in Gaza mit jenem im Holocaust ging es nicht", beteuert Steinbacher.
Der 7. Oktober war wie ein Geschenk für eine Linke, die endlich ihren Antisemitismus ungeniert ausleben wollte. Kaum war der 7. Oktober geschehen, erschien das Gespenst des israelischen "Genozids" am Horizont - endlich schienen Wahn und Wirklichkeit zur Deckung zu kommen. So etwa beschreibt Richard Schuberth in einem Essay für die Jungle World, was seit dem 7. Oktober geschah: "Wie zwei schwebende Scheiben mit komplementären aztekisch anmutenden Reliefs würden dank Israels Rachefeldzug die zwei Ebenen, die antisemitisch 'gelesene' Wirklichkeit und die Wirklichkeit herself, ächzend, funkenstiebend, bühnenumnebelt und mit Synthie-Pathos umflort ineinandergreifen - und alle projektiven Lügen über Israel der vergangenen siebzig Jahre wären getilgt wie Vampirmale auf Jungfernhaut. Der Genozid, den uns der jüdische Völkermörder seit dem Holocaust schuldet, würde endlich den Generalverdacht bestätigen, den latenten Hass zur moralischen Pflicht machen, das Vorurteil zum Urteil, die Wahrheit im eigenen Kopf per Fatwa des Internationalen Gerichtshofs als Objektivität rehabilitieren."
Im FR-Interview mit Michael Hesse bescheinigt der MedienphilosophRichard David Precht der deutschen Gesellschaft in seinem neuen Buch einen "Angststillstand", der sich darin äußere, dass Menschen in Gesprächen nicht mehr ihre Meinung sagen können. Was wiederum damit zusammenhängt, dass die Gesellschaft nicht mehr erwachsen wird: "Erwachsenwerden heißt, seine Gefühle im Griff zu haben. Heute gilt das Gegenteil: Unsere Gefühle zählen, sie werden zum moralischen Maßstab. Wenn am Ende alles nur noch nach Befindlichkeiten beurteilt wird, entsteht eine Kultur der Überempfindlichkeit. Jeder fühlt sich schnell verletzt, nicht respektiert, nicht gewürdigt - und verlangt, dass andere sich dafür schämen. Diese Hypersensibilisierung lähmt unsere Gesellschaft. In den sozialen Medien wird sie noch verstärkt - und blockiert politische wie kulturelle Entwicklung. Wir leben in einem Zustand der Erregung und damit der Lähmung."
Außerdem: Deutschland soll gegen Fake News und Populismus "mehr Kant wagen", fordert der Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer in der Welt.
Hoffnung entwickelt sich nicht beim Blick in die Geschichte, meint die albanisch-britische Politikwissenschaftlerin und PhilosophinLea Ypi im Interview mit dem Spiegel. Also nicht so viel zurückblicken, empfiehlt sie, sondern eigene Ideen entwickeln. Dann kann man auch wieder Sozialist sein und an die universellen Werte der Aufklärung glauben: "Die sozialdemokratische Tradition lag niemals darin, es dem Kapitalismus bequem zu machen, sondern darin, demokratische Strukturen zu schaffen. Aber wenn wir in einem Kapitalismus leben, wo ein einzelner Mensch so viel Geld hat wie Elon Musk, funktioniert die demokratische Idee, dass jede Stimme gleich viel Wert hat, nicht mehr. ... Wenn ich mir den Sozialismus ansehe, würde ich sagen, dass diese Ideologie nicht in ihrer Kapitalismuskritik falschlag. Der Sozialismus ist gescheitert, weil er Freiheit unterbunden hat. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, wo der Liberalismus scheitert. Dem Liberalismus ist es nur gelungen, uns in Bezug auf individuelle Rechte zu befreien, aber er befreit uns nicht aus ökonomischer Abhängigkeit und Ungleichheit."
Erinnert sich noch jemand an die "Dritte Kultur", der Frank Schirrmacher vor 25 Jahren das FAZ-Feuilleton öffnete? Geprägt hat den Begriff John Brockman, ein ehemaligen Banker und späterer Literaturagent und Verleger, der auf seiner Webseite edge.org, von der die FAZ und später auch die Süddeutsche eine Reihe von Artikeln übersetzen ließ, einen "Gegenkanon" aufstellte, so beschreibt es in der FAZ der sehr kritische MedienwissenschaftlerMartin Müller, "der geisteswissenschaftliche Fragen mit naturwissenschaftlichen Konzepten zu klären versprach. Genetik statt Geschichte. Kognition statt Hermeneutik. Singularität statt Cultural Studies. Mit seinem Buch 'The Third Culture' gab Brockman dieser Verschiebung ein Programm. Der Titel versprach Dialog, doch gemeint war Ausschluss. In diesem 'neuen Humanismus' war für die pessimistischen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts kein Platz. Poststrukturalisten und Sozialkonstruktivistinnen galten Brockman als Gefangene eines 'wuchernden Spiralkreislaufs von Kommentaren über Kommentare, an dessen Ende die reale Welt verschwindet'. Statt historisierender Selbstbefragung setzte Brockman auf technowissenschaftliche Funktionalität." Damit setzte laut Müller der Niedergang der Geisteswissenschaften ein und es entstand "eine Wissensordnung, die Kritik durch futuristische Naturbeherrschung ersetzte".
Außerdem: die taz veröffentlicht Marko MartinsDankesrede zum Ovid-Preis 2025, den das PEN-Zentrum verleiht.
Der Wissenschaftshistoriker Maarten Boudry weist in Quillette auf eine beunruhigende Parallele zwischen dem Trump-Lager und der dezidierteren weltweiten Linken hin: Man fabriziert Lügen, an die man nicht glaubt, und die eher den Charakter eines Treueschwurs für die Bewegung haben. Was bei Trump die "gestohlenen Wahlen" sind, so Boudry, ist bei der Linken die Behauptung vom "israelischen Genozid". Boudry macht sich die Mühe, alle Zitate von Politikern, die für diese Behauptung bemüht werden, zu entkräften - selbst die Zitate rechtsextremer Politiker lassen sich nicht heranziehen, um einen beabsichtigten Genozid zu belegen. Und dies, so Boudry, ist zumindest auch den Intelligenteren derer bewusst, die unverdrossen an der Genozid-Behauptung festhalten. Boudrys Folgerung: "Es scheint bei der 'großen Lüge' eher um soziale Selbstdarstellung als um aufrichtige Wahrheitsansprüche zu gehen. Es ist zugleich klar, dass man in der Republikanischen Partei keine Zukunft hat, wenn man nicht bereit ist, zumindest Lippenbekenntnisse zum 'Stop the Steal'-Mythos abzugeben. In ähnlicher Weise ist der Vorwurf, Israel begehe in Gaza Völkermord, zu einem ideologischen Lackmustest geworden - zu einem Schlagwort, das jeder progressive Mensch guten Willens mit glaubhafter Überzeugung aussprechen muss. Keine abweichende Meinung oder Zweideutigkeit wird toleriert, und keine andere Form der Verurteilung des Verhaltens Israels ist zulässig."
In einem Essay, den die NZZ mit 24 Minuten Lesezeit angibt, legt der russische Schriftsteller Sergej Lebedew dar, wie sein Urgroßonkel, der russische Philosoph Iwan Iljin, der mit dem Faschismus und Nationalsozialismus sympathisierte und im Sowjetstaat als reaktionärer Feind betrachtet wurde, zum "Hausphilosophen" Putins wurde.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Peter Hayes: Geschäfte im Schatten des Holocaust Welche Rolle haben deutsche Großunternehmen in der NS-Zeit gespielt, wie stark waren sie an der Judenverfolgung beteiligt? Peter Hayes, ausgewiesener Holocaust-Experte, stellt…
Helena Falke: Noch fünf Tage In der Silvesternacht im Davoser Familiensitz der milliardenschweren Harmans wird aus dem Festmahl ein Albtraum: Ein Giftanschlag tötet das Ehepaar und seine Kinder. Spitzenköchin…
Stephen Greenblatt: Dunkle Renaissance Aus dem Englischen von Susanne Held. Das England des 16. Jahrhunderts war eine brutale Welt, geprägt von politischen Intrigen, religiösen Kämpfen und grassierenden Seuchen.…
Michael Hugentobler: Bis die Bären tanzen "Nur zwei Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden." Wo man schon immer war, sollte man nicht bleiben - das sagt sich die deutsche Familie Lieber, die in der Schweiz…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier