9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2017 - Kulturpolitik

Bei einer Podiumsdiskussion in Wien hat sich Documenta-Kurator Adam Szymczyk nochmal zum Millionen-Defizit der Großausstellung geäußert, berichtet Michael Huber im Wiener Kurier - demnach ist ein Defizit gar nichts Schlechtes: "Eigentlich ist so eine Schwarze Null ein ziemlich trauriges Bild. Ein großes kulturelles Unternehmen sollte andere Farben in die Diskussion einbringen."

Außerdem: In der FAZ rammt Andreas Rossmann in einem Aufwasch die neue unterirdische Straßenbahn in Karlsruhe und die geplanten Keramikreliefs von Markus Lüpertz an den Haltestellen in den Boden. In der Zeit annonciert Benedict Erenz die Eröffnung des neuen Hauses des Historischen Museums in Frankfurt: "Immer, immer geht es in diesem Haus, frech und oft provokant, auch um die Stadt von heute. Einst, aber jetzt ist das Motto."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2017 - Kulturpolitik

Die Documenta schließt bekanntlich mit einem erheblichen Defizit  von 5,4 Millionen Euro ab. Im Gespräch mit FAZ-Redakteur Kolja Reichert versichert die Geschäftsführerin Annette Kulenkampff: "Es gibt Dinge, die sollen noch mal geprüft werden. Es wird nichts geben, wo irgendjemand irgendwas nicht korrekt gemacht hätte. Es kann immer sein, dass wir irgendwo einen Fehler gemacht haben. Aber dass jemand Geld ausgegeben hätte und nicht mehr wüsste für was und wie, das wird es nicht geben."
Stichwörter: Documenta 14, Documenta

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2017 - Kulturpolitik

Müssten Museen, die sich wirklich kritisch mit ihrer Sammlungsgeschichte auseinandersetzen, sich nicht eigentlich abschaffen? Die Kunsthistorikerin Mirjam Brusius scheint in der FAZ dieser Ansicht zu sein, wenn sie schon das Bewahren wollen als westlichen Eingriff beschreibt: "Von japanischen Teetassen bis zu nigerianischen Ahnenbildern: da in vielen Kulturen Objekte erst durch Abnutzung oder gar Zerfall an Wert gewinnen, ja andere gar nicht erst angeblickt werden dürfen, würde dies das museale Bewahren selbst immer wieder in Frage stellen." Von dieser hohen Warte aus wartet sie nun "gespannt darauf", dass ihr das Humboldt-Forum zeigt, "wie weit Multiperspektivität in Museen überhaupt möglich ist".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2017 - Kulturpolitik

Für die Kultur brechen goldene Zeiten an! Jedenfalls wenn man den Wahlprogrammen glaubt, die Christiane Peitz für den Tagesspiegel studiert hat: "Die SPD reanimiert den Slogan 'Kultur für alle', fordert 'sozialverträgliche Preise' ... auch räumen sie den Künstlerrechten viel Platz ein, von Mindest- und Ausstellungsvergütungen bis zur Nichtverhandelbarkeit der Künstlersozialkasse. ... Drohende Theaterschließungen, darbende Orchester - die CDU will flächendeckend unter die Arme greifen. ... Perspektivisch strebt die Linke den freien Eintritt in allen staatlich geförderten Museen an ... Ähnlich wie die SPD möchte sie der Kommerzialisierung und Privatisierung sowie der 'Selbstausbeutung' der Kreativen entgegensteuern, mit 'solidarischen Versicherungsmodellen', Mitbestimmungsmodellen und einer Reform der Verwertungsgesellschaften. ... Auch die Bündnisgrünen wollen Honoraruntergrenzen und soziale Absicherung für die Kulturschaffenden - wobei weder Linke noch Grüne verraten, wie so ein Paket finanziert werden soll." Och.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2017 - Kulturpolitik

Im SZ-Gespräch mit Jörg Häntzschel spricht Monika Grütters über eine mögliche Modernisierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Zukunft des Berliner Humboldt-Forums, fehlende konkrete Ideen und einen noch immer fehlenden Intendanten: "Ziel ist ein Haus aus einem Guss. Wer so ein Haus formt, braucht klare Weisungsbefugnisse. Klar, die Institutionen, auch die Stadt Berlin, werden zugunsten der Gesamtidee Befugnisse abgeben müssen. Mit der Anerkennung dieser Gesamtverantwortung eines Intendanten tut sich Berlin, das ja auch eine Fläche im Forum bespielt, im Moment noch sehr schwer. Dabei müsste das im Hinblick auf die Ausstrahlung und für das Gelingen des Hauses auch im Interesse der Stadt liegen."
 
Für den Tagesspiegel berichtet Birgit Rieger von einer Podiumsdiskussion in Dahlem zur Provenienzforschung im Humboldt-Forum. Neben Hermann Parzinger sprach unter anderem Lili Reyels, Kuratorin am Humboldt Lab Tanzania, über die Zusammenarbeit mit afrikanischen Kollegen mit Blick auf die Kriegsbeute aus dem Maji-Maji-Aufstand, die heute im Ethnologischen Museum lagert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2017 - Kulturpolitik

Ob die leicht fade deutsche Kulturpolitik die Schuld von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist, fragt sich Thomas E. Schmidt in der Zeit. Jein, meint er. Natürlich hat sie auch Probleme geerbt. Aber die wahllose Verteilung von Fördermitteln lastet er schon ihr an: "Den Gedanken des Kulturföderalismus, also der kulturellen Selbstverantwortung der staatlichen Ebenen, gab sie so ziemlich preis, immerhin war er einmal eine Monstranz der CDU. Stattdessen schuf sie in der Fläche ein System finanzieller Abhängigkeiten: Warum muss der Bund die gut ausgestatteten Berliner Philharmoniker mitfinanzieren? Dieses Interessengeflecht hinterlässt auf kulturpolitischen Entscheidungen inzwischen einen Beigeschmack von Intransparenz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2017 - Kulturpolitik

Nikolaus Bernau resümiert für die Berliner Zeitung ein Dresdner Symposion über die Globalisierung und Entkolonisierung von Museen, das er auch im Blick auf ein heute stattfindendes Podium über Humboldt-Forum erhellend fand: "Nicht zum ersten Mal wurde vorgeschlagen, die enzyklopädischen Museen des Nordens als gigantische Leihspeicher zu betrachten, aus denen sich die Welt für wandernde Ausstellungen bedienen könne. Schließlich sei, wie die aus Indien stammende Heidelberger Kunsthistorikerin Monica Juneja bemerkte, das 'westliche' System der Kunstgeschichte brauchbar, es müsse nur neu justiert werden."

In München soll am Nymphenburger Schloss ein großes Naturkundemuseum errichtet werden, berichtet Gottfried Knapp, der sich für die SZ schon mal die Pläne des Architekten Volker Staab angesehen hat: "Man kann sich grundsätzlich fragen, ob ein Museum, das sich als öffentliches Forschungslabor versteht und für junge Leute attraktiv sein will, in diesem verkehrstechnisch schlecht angebundenen Winkel der Nymphenburger Vorstadt und in diesem versteckten Nebenhof des barocken Schlosses wirklich ideal untergebracht ist. Aber wenn man sich auf diesen Ort einlässt - die Fußgängernähe zum Botanischen Garten und zum Schlosspark mit seinen Gewächshäusern spricht dafür -, dann kann man mit dem überarbeiteten Entwurf von Staab sehr zufrieden sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2017 - Kulturpolitik

In einem interessanten Hintergrundartikel über die Künstler Jan Nikolai Nelles und Nora al-Badri  erzählt Tilman Baumgärtel in der taz, wie die Postkolonialismus-Debatte jetzt sogar ins Berliner Naturkundemuseum schwappt. Die Künstler haben einen Knochen des berühmten Brachiosaurus-Skeletts des Museums angeblich abgescannt und stellen die Kopie in der Galerie Nome aus, um anzuprangern, dass das Skelett der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika geraubt worden sei. Baumgärtel kritisiert die Skandalisierungsstrategie der Künstler: "Der zentrale Vorwurf der Künstler ist .. natürlich, dass das Museum die Herkunft seiner Exponate nicht thematisiert. 'Im Museum gibt es nur ein kleine Karte von Afrika, mit einem roten Punkt an der Stelle, wo die Knochen ausgegraben wurden', ereifert sich Nikolai Nelles beim Interview einige Tage vor Ausstellungseröffnung. Doch tatsächlich gibt es im Naturkundemuseum eine Vitrine mit 28 Bildern, die die afrikanischen Arbeiter bei den Grabungen zeigt. In den begleitenden Texttafeln werden die historischen Umstände der Expedition kurz umrissen." Allerdings will auch das Museum die Provenienz künftig klarer thematisieren.

Marcus Woeller berichtet zum selben Thema in der Welt, dass auch in den Niederlanden heftig über das vergiftete Erbe des Kolonialismus nachgedacht wird und dass sich das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Rotterdam nicht mehr länger nach dem Kolonialraubritter Witte de With benennen will.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2017 - Kulturpolitik

Im Interview mit Harry Nutt von der Berliner Zeitung spricht Monika Grütters über die Signalwirkung, die das Humboldtforum auch hinsichtlich der Kolonialismusdebatte haben soll und den Umgang mit digitalen Medien: "Das Netz darf aus Bürgern keine reinen User machen. Die Werte, die wir uns in der analogen Welt mühsam erarbeitet haben, müssen auch in der digitalen Welt gelten. In der Politik wird oft versucht, über den Verhandlungsweg einen Interessenausgleich zu schaffen. Im Netz hingegen herrscht die pure Ökonomie der Klicks. Was uns große Sorgen bereitet, ist die Macht der Datenmonopole, die sehr schnell auch zu Deutungs- und dann Meinungsmonopolen werden können. Wir laufen Gefahr, dass die bisherigen Wege der politischen Meinungsbildung ausgehebelt werden zugunsten einer schlichten Macht des Stärkeren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2017 - Kulturpolitik

Säßen doch nur auch ein paar Ethnologen im neu eingesetzten internationalen Expertenteam des Humboldt-Forums, seufzt Karl-Heinz Kohl, selbst vom Fach, in der Zeit. Die kennen die Debatten über Verflechtungen von Ethnologie, Kolonialismus und Neokolonialismus seit den siebziger Jahren und könnten auf die Vorwürfe etwa von Benedicte Savoy um einiges robuster antworten als das verunsichert wirkende Intendantenteam Bredekamp/MacGregor. So gerechtfertigt Restitutionsforderungen im Einzelfall sein können - Maximalforderungen wie: im Humboldt-Forum dürfen nur Artefakte ausgestellt werden, deren Herkunft lückenlos dokumentiert ist, sind wenig zielführend, so Kohl und nennt als Beispiel die Objekte, die nach der deutschen Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands in die Dahlemer Sammlungen gelangt waren: "Der damalige Museumsdirektor Felix von Luschan war alles andere als erfreut, als ihm 1906 die Kriegsbeute der deutschen Kolonialtruppen zur Auf­bewahrung übereignet wurde. Die Lieferung wog 4000 Pfund, und die 12 000 Speere, aus denen sie vor allem bestand, waren nur von geringem ethnolo­gischem Wert. Luschans Versuch, sich der Maji-Maji-­Sammlung zu entledigen, indem er die afrikanischen Waffen als Anschauungsmaterial an deutsche Gymnasien versandte, scheiterte daran, dass die Spitzen einiger Pfeile vergiftet waren. Schließlich entschloss Luschan sich dazu, die Kriegsbeute bis auf ein paar wenige Objekte verbrennen zu lassen. Um Glanz­stücke für eine Wiedergutmachungsaktion dürfte es sich bei ihnen nicht handeln."