9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2017 - Kulturpolitik

Wer hat eigentlich behauptet, das Münchner Konzerthaus werde am Ende um die 370 Millionen Euro kosten? Gerhard Matzig hat für die SZ herumgefragt bei Architekten, Jurymitgliedern und Behörden, aber niemand will es gewesen sein. Man kann über die Kosten eigentlich auch noch nichts sagen, weil die Planung noch nicht fertig ist. Aber der Wunsch nach einer Zahl ist verständlich, gibt Matzig zu. Immerhin gibt es bei öffentlichen Großprojekten laut einer Studie in Deutschland eine durchschnittliche Kostensteigerung von 73 Prozent! Umso wichtiger ist es für Matzig, keine ungeprüften Zahlen in den Raum zu werfen: "Eine Bitte an die Politik und andere Möchtegern-Bauherren: Erbarmt euch, lasst die Fachleute vorher ihre Arbeit machen, damit hinterher nicht schon wieder die Kosten explodieren."

Wie kommt ein Kino wie das Babylon in Berlin-Mitte eigentlich auf die Idee, eine Veranstaltung des extremistischen Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen in sein Programm aufzunehmen (so sah es auf der Website des Kinos jedenfalls aus, unser Resümee). Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer hatte sich auf Facebook entsetzt über die Veranstaltung geäußert und dem Wunsch Ausdruck gegeben, dass das Kino die Veranstaltung absetzt. "Genau das hat Babylon-Chef Timothy Grossman nun getan", berichtet Erik Peter in der taz, "wohl aber ohne von der Richtigkeit dieses Schrittes überzeugt zu sein. Auf Nachfrage der taz reagierte das Kino barsch - für eine Auskunft stehe man nicht zur Verfügung." Zu ergänzen wäre der taz-Artikel allenfalls um das Detail, dass als Laudator für Jebsen tazler Mathias Bröckers annonciert war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2017 - Kulturpolitik

Das Berliner Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz sorgt nicht zum ersten Mal für Negativ-Schlagzeilen: Jetzt soll dort dem Querfröntler und seinerzeit wegen wirrer Aussagen zur Schoah beim RBB geschassten Ken Jebsen ein Preis verliehen werden, begleitet von einem Auftritt der Band "Die Bandbreite", die auch bei der NPD und Jürgen Elsässer Anklang findet, wie Kultursenator Klaus Lederer in einem Facebook-Posting entsetzt feststellt. Für ihn ist die Veranstaltung am Rosa-Luxemburg-Platz ein "Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte" - dass seine Behörde das Kino Babylon mit reichlich Fördermittel ausstattet, erwähnt er allerdings sehr geflissentlich nicht: Im kommenden Jahr über 400.000 Euro, wie eine Twitter-Anfrage von Tagesspiegel-Redakteur Johannes Bockenheimer ergeben hat. Bleibt die Frage, ob diesem Entsetzen nicht auch kulturpolitische Konsequenzen folgen sollten.

Hier die Darstellung der Veranstaltung auf der Website des Babylon (die inzwischen entfernt ist, heute morgen aber im Google-Cache noch zu finden war):

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2017 - Kulturpolitik

Hin- und hergerissen betrachtet Niklas Maak in der FAZ den am Wochenende eröffnenden Louvre Abu Dhabi. Die Nonchalance, mit der Jean Nouvel Kritik an seinem Bau abbügelt, findet er so unangenehm wie die rigorose Kritik am Austausch mit einer Autokratie. Aber auch das hohle Menschheits-Pathos, das in dem Bau und im Museum beschworen wird, geht ihm auf die Nerven: "Roland Barthes hatte vor genau sechzig Jahren in einer legendären Kritik der Ausstellung 'The Great Family of Man', die zeigen wollte, wie alle Menschen auf der Welt sich im Geborenwerden, Trauern, Arbeiten und Sterben ähnlich sind, darauf hingewiesen, dass es auch interessant wäre, zu erfahren, unter welchen Bedingungen all diese so ähnlichen Menschen geboren werden (im Slum oder im Krankenhaus), arbeiten und leben. Erst diese Differenzierung, so Barthes, mache politisches Handeln möglich, weil sie die Gemachtheit und Veränderbarkeit der Lebensbedingungen offenlege, wohingegen die Betonung der Conditio Humana letztendlich eine Unveränderbarkeit und Naturgegebenheit der Verhältnisse suggeriere."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2017 - Kulturpolitik

Im Welt-Interview mit Rainer Haubrich spricht der Berliner Architekt Bernd Albers über die aufgrund des Wohnungsmangels notwendige Verdichtung von Großstädten, die vor allem in Berlin aber an der "Kiezmentalität" der Bürger scheitere: "Das hängt wohl auch mit dem Grad der Identifikation mit der eigenen Stadtmitte zusammen. Die ist in Köln oder Hamburg oder München sicherlich anders als in Berlin. Berlin hat sich geistig von seiner Mitte so weit entfernt und in die vermeintlichen Kieze zurückgezogen - der größte Kiez ist West-Berlin -, dass die Bewahrung des Status quo oberste Priorität zu haben scheint. Gleichzeitig fehlt es vielen Neubauprojekten an der Faszination für das genuin Städtische."

Da ist man in Saudi-Arabien schon einen Schritt weiter, berichtet Gerhard Matzig auf SZ-online. Während man im Westen noch fest daran glaubt, Städte müssten wie "Keimlinge" entstehen, soll dort für 500 Milliarden Dollar die schlüsselfertige Megastadt Neom gebaut werden, so Matzig: "Neom ist ein englisch-arabischer Neologismus und soll so viel heißen wie 'neue Zukunft', was den Begriff des 'Übermorgenlandes' ins Absurde steigert. Berichten zufolge soll Neom auf einer Fläche von sagenhaften 26 500 Quadratkilometern entstehen. Das entspräche etwa 30 Mal der mit 892 Quadratkilometern flächengrößten Gemeinde Deutschlands, also Berlin. Aber der Plan des Königreichs Saudi-Arabien sieht noch ganz andere Superlative vor. In der Stadt, deren erste Bauphase schon 2025 abzuschließen wäre, sollen später sogar mehr Roboter als Menschen leben."

Rose-Maria Gropp und Julia Voss führen für die FAZ mit Marcel Brülhart von der Stiftung des Kunstmuseums Bern ein resümierendes Gespräch über die Sammlung Gurlitt und Raubkunst: "Der Fall Gurlitt hat faktisch dazu geführt, dass die Museen erstens ihre eigenen Bestände systematisch und umfassend auf allfällige Provenienzlücken zu untersuchen beginnen. Und zweitens wird die Frage einer zeitgemäßen Auslegung der Prinzipien des 'Washingtoner Abkommens' wieder diskutiert. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 - Kulturpolitik

In der SZ ist Jörg Häntzschel begeistert vom renovierten Wiener Weltmuseum, das dem Humboldt-Forum zeigt, wie man sich produktiv mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt: "Es beginnt schon bei einer Korrektur der eigenen Rolle: Der Anspruch, von Wien aus die Welt zu erklären, ist obsolet. Doch was kann an die Stelle dieses europäischen Master-Narrativs treten? (...) In Wien .. ersetzt man Letztgültiges durch Essayismus und die Autorität der Institution durch persönliche Stimmen von Vertretern der Herkunftsländer und Kuratoren. Sie geben jedem Saal einen eigenen Ton und Charakter und sind deshalb auch jeweils namentlich aufgeführt. Statt nun anhand der Objekte die Kulturen darzustellen, berichten die Erzähler hier von den Beziehungen der Kulturen, die sich über die Objekte ergaben. Das Museum und seine Sammlungen sind der Punkt, an dem sie sich kreuzen, eine Art Drehscheibe des kulturellen Austauschs."

Ein anderes gutes Beispiel für den Umgang mit der Vergangenheit ist die Berliner Ausstellung "Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum", meint Susanne Memarnia in der taz: "Experimentell werden dort je dreißig Objekte aus der außereuropäischen ethnologischen Sammlung solchen der europäischen Skulpturensammlung gegenübergestellt - und verglichen. Warum wurden die einen Objekte als Ethnologica gesammelt, die anderen als Kunstwerke? Diese zentrale Frage, die die Ausstellung aufwirft, ist nicht nur für Kunsthistoriker interessant. Wer definiert, was Kunst ist und was 'primitiv', beansprucht Deutungshoheit und erhebt sich über den anderen. So wie es Europa über Afrika getan hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2017 - Kulturpolitik

Der niederländische Kurator Paul Spies erzählt in einem instruktiven Gespräch mit Uwe Rada von der taz, wie er zusagte, das verschlafene stadthistorische Märkische Museum in Berlin zu leiten und was für einen Eindruck er von diesem Museum hatte: "Ich war total überrascht. Ich hatte das Gefühl, als ob die Zeit stillstünde. Als ob es gar keine Gedanken darüber gab, wie man die Geschichte Berlins museologisch ausstellt. Ich war auch überrascht, dass es anscheinend so wenig Geld gab, um das alles zu verbessern. Einer der Gründe, weswegen ich gekommen bin, hat auch mit der Zusage der Mittel zur Sanierung des Märkischen Museums und des benachbarten Marinehauses zu tun. Entstauben ohne Geld, das geht nicht." Nun sind ihm 65 Millionen Euro zugesagt, er darf auch eine Fläche im Humboldt-Forum bespielen, und alle warten mit Spannung.

Wie kann man die immer weitergehende Abwanderung in die Städte verhindern, fragt in der SZ Gerhard Matzig. Oder anders gefragt: Wie kann man das Landleben attraktiver machen? Warum eine Gegenbewegung zur Urbanisierung so wichtig wäre, erklärt Matzig auch: "93 Prozent der Fläche Deutschlands werden von Gemeinden jenseits der großen Metropolen eingenommen. 60 Prozent der Deutschen wohnen in Landgemeinden, Kleinstädten und kleineren Mittelstädten. Wir sind Provinz - und diese Provinz darf nicht zum Reservat des Abgehängtseins werden. Das Land-Stadt-Schisma beinhaltet daher ungeheure Sprengkräfte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2017 - Kulturpolitik

In der FAZ berichtet der Afrikanist Holger Stoecker über ein Projekt Berliner Museen, die den Erwerb eines Dinosaurierskeletts im Berliner Naturkundemuseum untersuchen. Gefunden wurde das Skelett Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch-Ostafrika. Heute gibt es Gruppen in Tansania, die es zurückfordern. Die Regierung in Tansania will das allerdings nicht, so Stoecker: "Es bestätigt sich damit das Bild aus anderen Restitutionsprozessen: Marginalisierte Gruppen nutzen Rückgabeforderungen, um sich politisch zu organisieren und ihre Position im gesamtgesellschaftlichen Gefüge zu stärken. Nicht selten geraten sie dabei in eine offene Kontroverse mit ihren Regierungen. Im Juni 2017 erteilte die Regierung Tansanias durch den stellvertretenden Minister für natürliche Ressourcen und Tourismus, Ramo Makani, den Rückgabeforderungen eine Absage." Der Grund: Tansania könne das Skelett weder sachgerecht aufbewahren noch ausstellen. Die Regierung hätte lieber deutsche Unterstützung bei der Ausbildung eigener Archäologen und bei eigenen Ausgrabungen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2017 - Kulturpolitik

(aktualisiert 10.58 Uhr) Sollen Museen Artefakte zurückgeben, die im Rahmen kolonialistischer oder allgemein kriegerischer Handlungen erbeutet wurden?  Im Tagesspiegel weicht Neil MacGregor dieser Frage langatmig und sehr geschickt aus: "Die Sammlungen können einen wertvollen und nützlichen Beitrag leisten, die Welt zu verstehen, aber auch die unterschiedlichen Weltansichten deutlich zu machen, letztendlich wie Gulliver anders über uns selbst zu denken. In diesem Sinne braucht es mehr von diesen enzyklopädischen Museen weltweit. Die Museen müssen zu Leihbibliotheken werden." Dann wäre es ja eigentlich auch egal, wem ein Ausstellungsstück "gehört".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2017 - Kulturpolitik

In ihrer Nachtkritik-Kolumne schüttelt Esther Slevogt den Kopf über die "pauschale Gesprächsverweigerung" der parteiübergreifenden Initiative Kulturschaffender, die verhindern möchte, dass die AfD im Ausschuss für Kultur und Medien den Vorsitz übernehmen kann: "Brauchen wir überhaupt die AfD, um unser demokratisches System zu unterwandern, wenn dies bereits mächtige und einflussreiche Vertreter*innen dieses Systems selber tun? Haben sie wirklich so wenig Vertrauen in dieses System, dass eine Auseinandersetzung mit der AfD und ihren Positionen innerhalb seiner Koordinaten von vornherein ausgeschlossen wird? Sieht sich die Kulturlandschaft so wenig gegen 'nationalistisches Gift' immunisiert, dass bereits eine Verteidigung ihrer Werte und Gewissheiten in einem parlamentarischen Ausschuss abgelehnt oder für unmöglich gehalten wird?"
Stichwörter: AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2017 - Kulturpolitik

Die taz bringt einen Schwerpunkt über die Debatte um das Humboldt-Forum und die Provenienzforschung bei Objekten, die aus ehemaligen Kolonien stammen. Einleitend resümiert Susanne Memarnia die Debatte und präsentiert einen Lösungsansatz: "Larissa Förster, Ethnologin an der FU, erklärte bei der Veranstaltung, Vorbild könnten die USA sein. Dort müssten die Museen Listen anfertigen ihrer Bestände von den 'First Nations' - und diese dürften entscheiden, was sie zurück wollen und was die Museen ausstellen dürfen. Dies sei auch 'unser Vorbild', stimmte Parzinger zu. Man brauche langfristige Kooperationen mit den Herkunftsgesellschaften, müsse gemeinsam die Bestände erforschen. Und: 'Bei Unrechtskontexten muss man über Rückgabe sprechen.'" Das wäre aber noch etwas anderes, als  den Sprechern von Communities die Entscheidung zu überlassen, oder?

Im Gespräch mit der Anthropologin Katharina Schramm vertieft Memarnia das Thema. Hingewiesen wird außerdem auf die neue Dauerausstellung des Museums Treptow, die erste Ausstellung, die sich kritisch mit dem deutschen Kolonialismus auseinandersetzt. Konkret geht es unter dem Titel "Zurückgeschaut" um die "Deutsche Kolonialausstellung" von 1896.