9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2017 - Kulturpolitik

Na bitte, geht doch, meint Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung nach der Ankündigung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, den zu Kolonialzeiten erworbenen Museumsbesitz in Deutschland besser erforschen zu lassen: "Grütters will nun also, dass 'ähnlich wie im Umgang mit Nazi-Raubkunst' auch die Folgen des Kolonialismus in den deutschen Museen untersucht werden. Möglicherweise könne das dem NS-Raub gewidmete Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste ein Vorbild dafür sein. Zunächst einmal aber unterstützt sie eine Studie des Deutschen Museumsbundes, die erfasst, was es bisher überhaupt an Forschungen zum Thema gibt. Tatsächlich ist nämlich nicht einmal bekannt, wie viele Mitarbeiter in den deutschen Museen, die solche Objekte besitzen, sich mit deren Geschichte beschäftigen, welche Literatur es gibt, wo die vielen Lücken klaffen." Wenn sie jetzt noch das Geld dafür beschaffen könnte, wäre Bernau ganz zufrieden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2017 - Kulturpolitik

Über den drögen Kolonialismus-Debatten, die bei den meisten Exponaten des Humboldt-Forums übrigens gegenstandslos sind (weil sie nicht aus Kolonien stammen), gerät die eigentliche Frage, nämlich, wie man die ganze Pracht in der Schlossattrappe inszenieren soll, verloren, seufzt Tilman Krause in der Welt: "Jedenfalls hat man in den bisherigen Debatten noch nicht ein einziges Mal das Wort 'Weltkunst' vernommen. Also den Rückgriff auf das Konzept der 'ars una', die gerade nicht zwischen europäisch und außereuropäisch unterscheidet. Entwickelt wurde das Konzept vom bedeutendsten deutschen Sammler europäischer wie ostasiatischer, afrikanischer und ozeanischer Kunst: Eduard von der Heydt. Und zwar in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2017 - Kulturpolitik

Horst Bredekamp, Mitglied des Direktoriums im Humboldt-Forum, verteidigt in der Zeit das universalistische Sammlungsinteresse der Institution gegen kulturrelativistische Diskurse, die die Geschichte nur mehr unter dem Aspekt der kolonialistischen Schuld sehen: "Wer wollte ernsthaft annehmen, dass etwa der Große Kurfürst in seiner Hochschätzung der chinesischen Kultur... von hegemonialem Denken ausgegangen sei? Und ist Gottfried Wilhelm Leibniz' Verehrung der chinesischen Wissenschaft und Mathematik, ist die China-Mode des 18. Jahrhunderts eine dissimulierte Selbstüberhöhung? Eine solche Annahme kann nicht anders als in Kategorien der Über- oder Unterordnung denken, um jedwedes Problem auf die Streckbank der Machtfrage zu legen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2017 - Kulturpolitik

Das Humboldt-Forum wird zum geplanten Termin Ende 2019 nicht auf einen Schlag eröffnet, bestätigt Neil MacGregor im Gespräch mit Andreas Kilb in der FAZ: "Wir haben uns gefragt - Hermann Parzinger, Horst Bredekamp und ich -, was es heißen würde, dieses enorme Gebäude auf einen Schlag zu eröffnen. Das Gebäude selbst ist ja ein großes Ausstellungsobjekt. Deshalb erscheint es uns besser, das Innere des Hauses etappenweise zu eröffnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2017 - Kulturpolitik

In der Welt wehrt sich die Ethnologin Viola König gegen die einseitige - und ziemlich modische - Fokussierung auf Provenienzforschung beim Humboldt-Forum und ethnologischen Museen überhaupt. Sie könne immer nur Teil einer umfassenden Objektbiografie sein: "Ein Objekt, dessen Herkunft zwar bekannt ist, von dem man aber weder Funktion noch Kontext noch Transformationen kennt, ist nicht nur unbefriedigend erforscht, sondern betont lediglich die westliche Perspektive. Erst alle Faktoren zusammen ergeben ein schlüssiges Bild. Sie sind Voraussetzung für die Entscheidung, ob die Objekte in einem Museum aufbewahrt oder gegebenenfalls in eine Community zurückgegeben werden. Museen in den Vereinigten Staaten bewahren mittlerweile wieder zurückgegebene Objekte für die Communities auf."

Benin hat vor einem Jahr von Frankreich die Rückgabe von Skulpturen gefordert, die 1892 aus dem königlichen Palast von Abomey geraubt wurden. In Le Monde spricht der frühere Premierminister Lionel Zinsou über die Forderung: "Ersteinmal muss ich erklären, worum es bei diesen Werken geht: Die Throne der Könige Guézo, Glélé und Béhanzin, menschenähnliche und symbolische und die Regalien des König Banzin. Dieser Werke haben einen rituellen Aspekt und ihre Kraft resultiert aus ihrer ästhetischen Qualität: In ihnen wird der Moment spürbar, in dem Macht und Schönheit zusammenfallen."

Alle reden vom Filmerbe, diskutieren ideale Archivbedingungen und das Für und Wider von digitalem und analogem Film. Doch was kostet es eigentlich, einen Film zu digitalisieren und zu restaurieren? Bedrückend viel, wie Juliane Lorenz, Präsidentin der Fassbinder Foundation, in der FAZ vorrechnet. Mit rund 50.000 Euro darf man bei bei einem älteren Film üblicher Lauflänge rechnen. "Erheblich höhere Kosten fallen bei jüngeren Werken der Filmgeschichte an, deren Urheberrechte noch bestehen und die mit Fernsehmitteln produziert wurden. Das bedeutet, Urheberrechte für alle heutigen 'Neuen Verbreitungsformate' müssen mit jenen Personen oder ihren Rechtsnachfolgern neu verhandelt werden, die die künstlerischen Bereiche eines Filmwerks gestalten: Stoff, Drehbuch, Regie, Kamera, Ton, Schnitt, Kostüme, Maske, Ausstattung und Musik. Auch Leistungsschutzrechte von Schauspielern sind abzulösen." Lorenz möchte dafür zusätzliche öffentliche Gelder. Welchen Vorteil die zahlende Öffentlichkeit davon hat, wenn die Erben trotzdem noch auf den Rechten sitzen und die Filme nach Belieben eben dieser Öffentlichkeit vorenthalten können, erfährt man nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2017 - Kulturpolitik

Im Streit um den Umgang des Humboldt-Forums mit Exponaten aus der Kolonialzeit sträubt sich in der Welt Thomas Vitzthum dagegen, die Objekte in ihrer Schönheit einer "moralisierenden Wissenschaft" zu opfern: "Hinter dem ehrenwerten Anspruch, ihre Herkunft zu ergründen, verbirgt sich eine traurige Ignoranz dem Rang der ethnologischen Sammlung gegenüber. Über die Objekte aus der Südsee, aus Südamerika, von den afrikanischen Stämmen wird gerade diskutiert, als könnte man ohne Not auf jedes dieser Exponate verzichten. Als müsse man sich das alles nicht ansehen, wenn man ein schlechtes Gewissen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2017 - Kulturpolitik

Warum das Humboldt-Forum unbedingt mehr Provenienzforscher braucht - im Pariser Branly-Museum gibt es dafür hundert Mitarbeiter, in Berlin sollen die Kuratoren das noch nebenbei machen - schildert Nicola Kuhn in einem sehr informativen Tagesspiegel-Text über einen Zauberbeutel aus Tansania, den die Afrika-Kuratorin Paola Ivanov zufällig im Depot des Ethnologischen Museums fand. Er ist vermutlich ein Beutestück aus dem Maji-Maji-Krieg (1905 bis 1907) der Deutschen, so Kuhn. "Mit 300 000 Toten gilt er als einer der größten Kolonialkriege auf dem afrikanischen Kontinent. Viele Opfer verhungerten, nachdem die deutschen Truppen das Land systematisch zerstört hatten. Ivanov beantragte die Gelder, eine Million Euro für ein Forschungsunternehmen, an dem neben ihr seit Juli 2016 die Historikerin Kristin Weber-Sinn und der Museologe Henryk Ortlieb beteiligt sind. Die Besonderheit des Projekts 'Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?' besteht in der Kooperation mit Historikern der Universität von Dar es Salaam sowie Kuratoren des Nationalmuseums von Tansania. Während in Frankreich und England solche Tandems üblich sind, gibt es sie in Deutschland kaum, bedauert Ivanov, die nicht nur bei der Erforschung, sondern auch für die Präsentation im Humboldt-Forum eine Zusammenarbeit mit Kollegen aus dem Ursprungsland fordert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2017 - Kulturpolitik

Ratlos in der Schlossattrappe. Die zahlreichen Chefs des Humboldt-Forums sitzen fest, analysiert Jens Jessen in der Leitglosse des Zeit-Feuilletons, denn wohin sie sich in dem an sich weitläufigen Gebäude auch wenden, sie stoßen auf den Kolonialismusvorwurf: "Ursprünglich war die Präsentation außereuropäischer Kulturzeugnisse dazu gedacht, den Argwohn zu widerlegen, mit dem Hohenzollernschloss sollten preußische (pfui Teufel!) Traditionen gefeiert werden. Jetzt hat sich die Argumentation gedreht. In der neueren Perspektive taugen die Zeugnisse kolonialen Sammeleifers nicht mehr zur Entgiftung, sondern es wird im Gegenteil eine neuerliche koloniale Beherrschungsgeste unterstellt."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2017 - Kulturpolitik

Reichlich krude findet Christiane Peitz im Tagesspiegel die jüngsten Einmischungen in die Pläne fürs Humboldt-Forum. Erst forderte Berlins Kultursenator Klaus Lederer im Interview mit der Stuttgarter Zeitung einen "diskursiven Neuanfang". Jetzt hat sich noch Manfred Rettig zu Wort gemeldet, der ehemalige Schlossbaustellenmeister. Er schlägt vor, weniger Museumspräsentation und mehr "Friedenskonferenzen oder Nachhaltigkeitsgipfel" im Schloss anzubieten. Als gäbe es dafür nicht bereits genug Orte in Berlin, meint Peitz. Und: "Wie bei Savoy und Lederer ist zwar das Dilemma zu vieler Chefs - die beteiligten Museumsdirektoren, das Intendantentrio, die mehrköpfige Stiftungsleitung - richtig benannt. Aber die Konsequenz müsste lauten: Die Frage der künftigen Leitung des Hybrid-Orts zwischen Museum, Wissenschaft und Forum sollte ins Visier genommen werden. Weniger Chefs, eine Intendantin oder ein Intendant, das hilft bei Profilschärfung. Ein Job für die Kulturstaatsministerin - oder wer immer in der Kulturpolitik das Sagen hat nach der Wahl."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2017 - Kulturpolitik

In Potsdam soll ab Oktober die Garnisonkirche wieder aufgebaut werden. Bundespräsident Steinmeier übernimmt die Schirmherrschaft. Ursprünglich sollte der Bau aus Spenden finanziert werden, aber da kaum etwas hereinkam, müssen großenteils staatliche Stellen einspringen. Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt, ehemals Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau, protestiert in der FAZ am Sonntag, vor allem mit historischen Argumenten: "Bis 1918 wurden die Soldaten hier auf den bedingungslosen Gehorsam gegenüber König und Kaiser eingeschworen, von 1933 an auf Hitler. Hier erhielten Verantwortliche für den Völkermord an den Herero und Nama 1904 bis 1908 und für Kriegsverbrechen an der Ostfront 1939 bis 1945 ihren kirchlichen Segen und wurden als Helden gefeiert. In den Zeiten der Weimarer Republik war die Garnisonkirche Wallfahrtsstätte für Reaktionäre und Rechtsradikale. Regelmäßig fanden hier Veranstaltungen des Stahlhelms, der Deutschnationalen Volkspartei, der Bismarckjugend, des Reichskriegerbunds Kyffhäuser und des Alldeutschen Verbands statt. Auch kann nicht die Rede davon sein, dass die Kirche von den Nationalsozialisten missbraucht wurde." Übrigens weist Oswalt auf die problematische Rolle der Evangelischen Kirche bei dem Projekt und auf rechtsextreme Hintergründe bei den Initiatoren des Wiederaufbaus hin.