9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2023 - Kulturpolitik

Stefan Laurin von den Ruhrbaronen hat Unterzeichner des "Weltoffen"-Aufrufs von 2020 gefragt, wie sie heute zu BDS stehen und ob sie den Aufruf heute noch so unterzeichnen würden. Der Aufruf machte sich bekanntlich dafür stark, dass Künstler in ihren Institutionen BDS-Positionen verfechten können. BDS hat sich in einer Erklärung nicht nur nicht von den Hamas-Pogromen distanziert, sondern sie als "machtvolle bewaffnete Reaktion der unterdrückten Palästinenser im Gaza-Streifen" gefeiert. Die meisten Intendanten antworten in fast gleichlautenden Statements, dass sie zu dem Papier stehen. Das Papier sei gar nicht als Unterstützung von BDS gemeint gewesen: "Vielmehr ging und geht es darum, nicht jede oder jeden, die sich mit einzelnen Zielen und Statements aus dem BDS-Umfeld identifizieren, prinzipiell aus dem öffentlichen Diskurs heraus zu drängen. Es gilt also zu differenzieren. Diese Haltung ist auch und gerade nach den grauenhaften und durch nichts zu rechtfertigenden Terrortaten der Hamas ab 7. Oktober 2023 richtig und nötig. Sprechräume für friedlichen Austausch und Debatte sind wichtiger denn je."

Zwei Intendanten sehen es freilich anders. Barbara Mundel von den Münchner Kammerspielen schreibt: "Aus heutiger Sicht verstehe ich das Plädoyer GG 5.3 als Teil einer Entwicklung, die israelbezogenen Antisemitismus normalisiert hat. Das teilweise vorhandene Zögern, den grauenvollen Anschlag der Hamas auf Israel zu verurteilen, hat auch mit der Virulenz dieser Form des Antisemitismus zu tun." Und Michael Grosse, der Generalintendant und Geschäftsführer des Theaters Krefeld und Mönchengladbach, konstatiert: "Insbesondere durch das Fehlen einer aktuell tatsächlich angemessen solidarischen Positionierung - ohne jedwede Relativierung - für die existentiellen Belange Israels durch die Initiative Weltoffenheit, ist die Unterzeichnung aus dem Jahre 2020 so nicht mehr haltbar und muss zurückgezogen werden. Jedweder - noch so kleine - Interpretationsverdacht, der in der jetzigen Situation die Solidarität mit Israel in Frage stellen könnte, muss ausgeschlossen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2023 - Kulturpolitik

Warum wird das Pergamonmuseum nach einem Entwurf von Oswald Mathias Ungers aus dem Jahr 1999 umgebaut, fragt Nikolaus Bernau verzweifelt im Tagesspiegel. Ungers habe sich "nie wirklich für den neuklassizistischen Monumentalbau seiner Vorgänger Alfred Messel und Ludwig Hoffmann interessiert". Was mit der Umsetzung seiner Pläne droht, kann man doch jetzt schon sehen, meint Bernau: "Bereits weitgehend fertig ist der neue Eingangsbau zum Ostflügel. Er zeigt uns, was mit diesem Vierten Flügel droht: Eine doktrinäre Architektur, die unbedingt mit den zweifellos gewaltigen Fassaden Messels und Hoffmanns konkurrieren will, statt sich ihnen einzufügen, gar unterzuordnen. Um 1999 mag das als ehrende Abrundung des Lebenswerks von Ungers noch akzeptabel gewesen sein, sogar noch um 2010 - aber 2040 wird sie schlichtweg unverständlich und vertrocknet erscheinen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2023 - Kulturpolitik

Slogans wie "Decolonize Israel" wie sie von VertreterInnen aus der Kulturszene geliket oder geteilt wurden und werden, "liefern die verbale Steilvorlage für die hemmungslos ausagierte Gewalt palästinensischer Attentäter", schreibt Chris Schinke in der taz: "Dessen sollten sich eigentlich auch die Funktionäre großer Kultureinrichtungen und -institutionen bewusst sein, die 2020 im Rahmen der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit einen pathosreichen Bühnenauftritt hinlegten, der ihr allzu hilfloses Ringen mit der Israel-Boykottbewegung BDS samt dazugehörigem Bundestagsbeschluss offenbarte." Dabei heiße es hinter vorgehaltener Hand aus dieser Szene oft: "Positionierungen … seien schlichtweg nicht möglich, da sonst der Kreis aus Mitstreiter:innen, Friends und Allies abtrünnig werde und man sich im schlimmsten Fall Boykotte einhandle, zuvorderst von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Globalen Süden. Sorry, aber das ist einfach Humbug. Und auf weirde, patriarchale Weise auch eine Bevormundung der so Assoziierten."

Außerdem: In einer "Friedensbotschaft" der SZ erklärt Daniel Barenboim, warum er mit seinem Diwan-Orchester jetzt erst recht weitermachen will.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2023 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut war immer ein Faktor in der weichen deutschen Außenpolitilk, der es vor allem um die Flankierung der deutschen Wirtschaftserfolge ging. Das Institut solle nun ein Zehntel seiner Kosten einsparen, Opfer sind Repräsentanzen in Frankreich, aber auch Italien, berichten Birgit Holzer und Andrea Dernbach im Tagesspiegel: "Mit dem Aus für Genua, Turin und dem Schlusspunkt unter dem schon seit Jahren unbesetzten Institut in Triest ist es wohl nicht getan. Auch das Goethe-Institut in Neapel, das in der Liste der geschlossenen Institute nicht erscheint, dürfte ab nächstem Jahr nur noch dem Namen nach existieren."
Stichwörter: Goethe Institut

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2023 - Kulturpolitik

Claudia Roth verfolgt unter dem Titel "Green Culture" das Ziel, "Kultur und Nachhhaltigkeit zusammenzudenken, auch Konferenzen zum Thema haben bereits stattgefunden. In der Welt (und in seinem Blog) ärgert sich Thomas Schmid: "Warum, fragt man sich, 'Green Culture'? Das wirkt schon deswegen deplatziert, weil es sich eigentlich nicht gehört, dass eine Partei mit ihrem Namen gleich einen ganzen Kulturzweig für sich zu vereinnahmen versucht." Und: "Was bringt 'Green Culture' für die Kultur? Schnell merkt man, dass es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern mindestens ebenso um Politik, um Einflussnahme geht. Die Kultur soll vor den Wagen der ökologischen Transformation gespannt werden. Die Frage, was dieser Staatsinterventionismus der Kultur nützen könne, wird nicht einmal gestellt. (...) Es wäre ein Unding, die Kultur in den Dienst einer wie auch immer berechtigten politischen Vision zu stellen. Kultur reimt sich nicht auf gesellschaftliche Verantwortung."

Außerdem: Hierzulande war es nicht mehr als eine Meldung, in der französischen Presse und Politik war indes das Entsetzen groß: Das Goethe-Institut will neun Standorte schließen, darunter Bordeaux und Lille, schreibt Nils Minkmar, der das in der SZ ebenfalls für eine "kulturpolitische Katastrophe" hält.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2023 - Kulturpolitik

In Deutschland hat der Präsident der "Beratenden Kommission NS-Raubgut" Hans-Jürgen Papier mehr Rechte für seine Kommission eingefordert, die nach zwanzig Jahren gerade mal 23 Werke aus jüdischem Besitz zurück an ihre Besitzer bringen konnte (unsere Resümees). Aus den Fehlern der deutschen Kommission muss die Schweiz lernen, fordert der Historiker Julien Reitzenstein in der NZZ. Ein Kompetenzzentrum, vom Bund und den Kantonen finanziert, sei "wünschenswert". "Dort kann nach klar definierten Kriterien Aus- und Weiterbildung nebst Evaluation stattfinden. Sollte die Schweiz einer deutschen Diskussion zur Herauslösung der Provenienzforschung aus den Museen folgen, würde in einer weiteren Abteilung die eigenständige Untersuchung der relevanten Museumsbestände und Klärung der Provenienzen stattfinden. Bei Raubkunstverdacht würde dann fallbezogen durch spezialisiert zusammengestellte Expertenteams ermittelt. Eine solche neutrale Forschungsstelle mit Auskunftsrecht gegenüber den Museen würde auch die Kosten von Auseinandersetzungen um mögliche Raubkunst für die Beraubten senken."

Die stinkreiche Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung ist im letzten Jahr ins Gerede gekommen, weil sie ihren Chef Marcel Lepper feuerte, der wiederum ihre sehr sehr sehr rechte Geschichte aufarbeiten wollte (unsere Resümees). Nun gibt es eine neue Chefin, meldet Jörg Häntzschel in der SZ, die Juristin Isabel Pfeiffer-Poensgen, ehemals Ministerin für Kultur und Wissenschaft in NRW.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2023 - Kulturpolitik

Den Kampf gegen die alte Ordnung in der Türkei hat die AKP auf nahezu allen Gebieten gewonnen: In Politik, Justiz, Wirtschaft und Medien. Aber weil der Versuch, eine regierungsnahe Kulturszene aufzubauen, scheiterte, setzt Erdogan auf Repression, berichtet Rainer Hermann auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ. Aber die Künstler lassen sich nicht unterkriegen: "Es gibt nicht ein einziges staatliches Museum für Gegenwartskunst. Die findet überwiegend in privaten Galerien statt. Die dort ausgestellten Objekte reflektieren die Wirklichkeit der Türkei, sie reiben sich an ihr und werden so zu einem Akt des Widerstands. 'Im Vordergrund stehen Genderfragen und queere Kunst', sagt Ferhat Yeter von der Galerie Anna Laudel. Es gibt in der Türkei weit mehr queere Kunst als queere Künstler. Weil aber die Regierung Queeres unterdrücke und bekämpfe, forderten überproportional viele Kunstschaffende sie gerade auf diesem Feld heraus, sagt Ferhat Yeter. Etwa wenn der 1991 geborene türkisch-amerikanische Künstler Sarp Kerem Yavuz traditionelle Motive der türkischen Keramik auf nackte männliche Körper projiziert. Ein anderes Thema sind Verarmung und der Hunger, den die Türken so bisher nicht gekannt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2023 - Kulturpolitik

Das Goethe-Institut steht vor dem größten Umbau seit seiner Gründung im Jahr 1951, das Budget wurde gekürzt, neun Standorte sollen geschlossen werden, meldet unter anderem Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Die Institute in Bordeaux, Genua, Lille, Osaka, Rotterdam, Triest, Turin, Washington, Curitiba (Brasilien) sowie das Verbindungsbüro Straßburg werden geschlossen. Betroffen von diesen Schließungen sind 110 Stellen der im Ausland angestellten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Mehr noch: Die europäische Regionalstruktur steht zur Debatte." Dafür soll das Institut "künftig in Mittel- und Osteuropa, im Kaukasus, im Südpazifik sowie in der Fläche in den USA stärker präsent sein", schreibt Paul-Anton Krüger in der SZ: "In Polen solle eine weitere Zweigstelle neben Warschau und Krakau aufgebaut werden, ebenso in Texas und an einem weiteren Standort im Mittleren Westen neben Chicago. An den meisten neuen Standorten sind aber keine voll ausgestatteten Institute geplant. In Ländern, aus denen Deutschland Fachkräfte für die Einwanderung anwerben will, soll das Angebot an Sprachkursen ausgebaut werden, so in Brasilien, Indien, Indonesien oder Mexiko."

Auf ZeitOnline kommentiert Thomas E. Schmidt: "Auf die Programmarbeit der Goethe-Institute wird sich das vermutlich langfristig auswirken. 'Wer seid ihr?', 'Was wollt ihr?' und 'Wieso sollen wir mit euch zusammenarbeiten?' sind die Fragen, die künftig an die Bundesrepublik gerichtet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2023 - Kulturpolitik

Auf Wunsch einer lokalen Organisation in Birmingham, die sich für "Diversity" einsetzt, hat der Künstler Luke Perry die Skulptur "The Strength of the Hijab" entworfen, eine fünf Meter hohe Frauenstatue mit Kopftuch und Sichel in der Hand. Gegen das Aufstellen der Skulptur regen sich nun Proteste, berichtet Lucien Scherrer in der NZZ: "'Die Enthüllung dieser Statue ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen, die gegen Hijab-Gebote aufbegehren', schreibt Megan Manson, Kampagnenleiterin bei der britischen National Secular Society. Dies umso mehr, als das Monument der Öffentlichkeit wenige Tage nach dem ersten Jahrestag der Anti-Hijab-Proteste in Iran präsentiert worden sei. Die Statue werde wohl auch britische Musliminnen einschüchtern und den Druck der Fundamentalisten verstärken."
Stichwörter: Perry, Luke, Hijab, Kopftuch, Diversity

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2023 - Kulturpolitik

In der Welt (und in seinem Blog) ist Thomas Schmid jetzt schon bedient von den Plänen für das "Deutsch-Polnische Haus", das im Tiergarten entstehen soll. Die Planer haben sich nämlich für ein Informations- und Bildungszentrum entschieden, von einem Denkmal ist kaum noch die Rede: "Wie unwichtig das 'Erinnerungszeichen' ist, lässt sich schon daran erkennen, dass ihm in Roths Eckpunktepapier gerade einmal neun karge Zeilen gewidmet sind. Fast als ginge es darum, ein neu eröffnetes Einkaufszentrum ein wenig künstlerisch aufzuhübschen, heißt es in schlampiger Sprache, das Erinnerungszeichen solle 'ein markantes künstlerisches Element (!) in Verbindung mit dem Gebäude oder in der landschaftlichen Gestaltung des Umfeldes des Deutsch-Polnischen Hauses sein'. (…) Man entwertet eine Gedenkstätte, wenn man sie zum Appendix einer großen Belehrungsaktion macht. Die Verantwortlichen des 'Deutsch-Polnischen Hauses' haben das Pferd vom falschen Ende her aufgezäumt. Sie bewiesen Größe, wenn sie noch einmal gründlich neu nachdächten."
Stichwörter: Deutsch-Polnisches Haus