9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1451 Presseschau-Absätze - Seite 34 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2023 - Kulturpolitik

Noch lösen Entlassungen missliebiger Theaterdirektorinnen oder die Schmähkampagnen gegen die Filmregisseurin Agnieszka Holland in Polen Proteste und Solidarisierungen aus, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Auch Gerichte entscheiden oft noch zugunsten der Geschassten. Dennoch gehen die Gleichschaltungen unter der Regierung der rechtspopulistischen Pis-Partei immer weiter. Die entlassenen Museumsdirektorinnen lassen sich kaum noch zählen: "Auf Hanna Wróblenska von der renommierten Nationalen Kunstgalerie Zacheta und auf Malgorzata Ludwisiak vom Warschauer Zentrum für Zeitgenössische Kunst, folgte Anfang September Joanna Wasilewska, langjährige Direktorin des Asien-Pazifik-Museums in Warschau. Die Begründung für ihre überraschende Absetzung: wieder 'finanzielle Unregelmäßigkeiten'."
Stichwörter: Polen, Holland, Agnieszka, Pazifik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2023 - Kulturpolitik

Die Hagia Sophia hält seit ihrer Umwidmung zur Moschee durch Tayyip Erdogan vor drei Jahren den Besuchermassen kaum stand, das Gebäude ist in Gefahr, berichtet Susanne Güsten im Tagesspiegel und verweist auf Warnungen des Historikers Ilber Ortayli. Drei Millionen Menschen gehen nun jährlich zum Beten in das Gebäude, hinzukommen die Touristen, die freien Zugang haben. Durch die Umwidmung "ging das byzantinische Bauwerk aus der Obhut des Kulturministeriums in die Verantwortung des staatlichen Religionsamtes der Türkei über; der Wissenschaftliche Beirat wurde aufgelöst. Die UN-Kulturorganisation Unesco, auf deren Liste des Weltkulturerbes die Hagia Sophia geführt wird, meldete seither Bedenken über den Denkmalschutz an." In Gefahr ist auch die Hagia Irene: "Die im Jahr 337 errichtete Vorläuferin der Hagia Sophia, in der im Jahr 381 das erste Ökumenische Konzil von Konstantinopel tagte, wird von den türkischen Behörden seit einigen Jahren für Konzerte und Veranstaltungen vermietet." Soviel zum Respekt zwischen Religionen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2023 - Kulturpolitik

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier hat neulich in einer aufsehenerregenden Intervention gefordert, dass aus der "Beratenden Kommission NS-Raubgut" eine Kommission mit sehr viel mehr Befugnissen werden müsse, denn sie hat in zwanzig Jahren gerade mal bei der Restitution von 23 Werken aus jüdischem Besitz helfen können (unser Resümee). Doch nach Claudia Roth soll es kein Restitutions-Gesetz geben, schreibt der Historiker Julien Reitzenstein in der Welt. Stattdessen soll die Beratende Kommission auch einseitig anrufbar sein und "eigene Provenienzforschung" betreiben können. "Das ist nicht hinreichend. (...). Denn der zentrale Punkt darf nicht übersehen werden: Das Grundrecht auf Eigentum ist das einzige Menschenrecht, das vererblich ist. Es ist daher eine Blamage für den Rechtsstaat, dass die rechtmäßigen Eigentümer so oft als Bittsteller auftreten müssen, wie auch Roth beklagt. Umso unverständlicher ist es, dass die Kulturstaatsministerin, deren moralischer Impetus seit Jahrzehnten Wertedebatten in Deutschland prägt, sich mit derartiger Verzagtheit auf die Opfer rechter Gewalt und nationalsozialistischer Verbrechen zubewegt."

Ein aktueller Fall zur Restitutionsthematik: In der SZ berichtet Kia Vahland über das Gemälde "Die Bergpredigt" von Frans Francken, das NS-Raubkunst ist. Darauf wurden die heutigen Besitzer, Nachkommen eines NS-Kasernenwartes, hingewiesen, sie wollen es zurückgeben: Aber es finden sich keine Nachkommen der einstigen jüdischen Besitzer. Und auch Museen wollen "das Stück mit so unklarer Geschichte" nicht aufnehmen. Was nun mit dem Gemälde passiert, bleibt offen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2023 - Kulturpolitik

Der ehemalige Verfasungsrichter Hans-Jürgen Papier will die "Beratende Kommission zur Restitution von NS-Raubkunst" in eine "entscheidende Kommission" verwandeln. Sein Vorwurf an die Museen ist, dass sie nach Kräften boykottieren, bisher seien überhaupt nur 23 Werke restitutiert worden (unser Resümee). Aber Patrick Bahners will sich von der kleinen Zahl nicht blenden lassen und attackiert Papier in einem etwas aufgeregt klingenden Leitartikel auf Seite 1 der FAZ: "Unter freihändiger Verwendung von Bekundungen des Abscheus verbreitet der Vorsitzende der Kommission die Botschaft, dass er und seine Kollegen mit einer restitutionsfeindlichen Stimmung zu kämpfen hätten. Alle sachlichen Schwierigkeiten des Unternehmens verschwinden in der einfachen Erklärung, dass es an gutem Willen fehle. Die Museen ganz allgemein werden mit diesem schlimmen Verdacht belegt, weswegen ihnen die Provenienzforschung entzogen werden soll." Im Feuilleton der FAZ informiert Hubertus Butin über den Stand in der Restiitutionsdebatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2023 - Kulturpolitik

In der NS-Zeit wurden wahrscheinlich an die 600.000 Kunstwerke aus jüdischen Haushalten gestohlen, heute befindet sich ein Großteil immer noch in deutschen Museen. Um dieses Unrecht zu beseitigen, wurde 2003 die "Beratende Kommission zur Restitution von NS-Raubkunst" gegründet, erinnert Jörg Häntzschel in der SZ. Bisher erfolgreich bearbeitete Fälle: 23. Das liegt auch an der Machtlosigkeit der Kommission: "Sie wird nur aktiv, wenn beide Seiten der Behandlung des Falls zustimmen. Und sie ist kein Gericht, sondern spricht nur 'Empfehlungen' aus. Es ist, zugespitzt gesagt, als könne ein Bestohlener den Diebstahl seines Eigentums nur feststellen lassen, wenn der Dieb dem Verfahren zustimmt. Und selbst wenn die Schuld des Diebs festgestellt wird, kann niemand diesen zwingen, den gestohlenen Gegenstand zurückzugeben." Die Kommission fordert daher: "Rechtlich verbindliche Vorgaben, also ein Restitutionsgesetz".

In Italien amtiert seit einem Jahr eine neo-faschistische Regierung, und zwar überraschend stabil und mit hohen Beliebtheitswerten. Giorgia Meloni nutzt den Rückenwind, um die RAI und Kulturinstitutionen gleichzuschalten, berichtet Marc Beise in der SZ. Das hätten zwar auch andere Regierungen getan und "natürlich wünscht sich jede politische Mehrheit gleich gesinnte Begleiter. Der große Unterschied zu früher ist nur, und das wäre der wirkliche Paradigmenwechsel, dass liberale Geister mit Widerspruch leben können, ihn manchmal sogar suchen - Meloni und ihren Verbündeten aber jede Gelassenheit fehlt."

Außerdem: Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten will die Bildergalerie im Schloss Sanssouci schließen, wo immerhin ein Caravaggio hängt. Es ist ein Coup, um bei Bund und Ländern die Rücknahme von Budgetkürzuungen zu erzwingen, ärgert sich Andreas Kilb in der FAZ. Die Stiftung müsse sich fragen lassen, "ob sie eigentlich noch bei Trost ist, wenn sie eines ihrer wichtigsten Objekte als Bilderkarte im Haushaltspoker benutzt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2023 - Kulturpolitik

Die Debatte um die Rückgabe von Benin-Bronzen scheint nun zu einem Machtkampf in Nigeria zu führen, schreibt die Journalistin Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. So erklärte Godwin Obaseki, der Gouverneurs des Edo-Bundesstaates, in dem die ehemalige Oba-Königsfamilie lebt, jüngst in Berlin, dass man nicht alle Bronzen zurückfordern würde, während das Dekret des ehemaligen nigerianischen Präsidenten Mohammedu Buhari die Bronzen "ausdrücklich dem Oba überlassen" hatte. Und von dieser rückt auch dessen Nachfolger Bola Tinubu nicht ab. Das wird durch die Obaseki nun in Frage gestellt: "Durch seine in Berlin getätigten Äußerungen wird klar, dass Obaseki es noch nicht für beschlossene Sache hält, dass der Oba von Benin Eigentümer der Bronzen ist, ob sie sich bereits in Nigeria befinden oder noch in europäischen Museen. 'Wir brauchen eine Beziehung des Vertrauens, mit welchem Eigentümer der Objekte auch immer', sagte er. 'Die Diskussion darüber, ob die Regierung oder der Palast zuständig ist, braucht Zeit. Das wird nicht über Nacht gelöst.'"
Stichwörter: Benin-Bronzen, Nigeria, Benin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2023 - Kulturpolitik

Kurz vor ihrem 20. Geburtstag hat die Limbach-Kommission überraschend ein "Restitutionsgesetz und damit eine klare Übernahme der Verantwortung als Rechtsnachfolgerin des NS-Staats" gefordert, um die Rückgabe von NS-Raubkunst zu beschleunigen, berichtet Stefan Trinks in der FAZ. Deutsche Museen haben bislang oft die Neigung, Rückgabeforderungen nur sehr schleppend zu untersuchen. Aber von einem Restitutionsgesetz wären auch private Eigentümer betroffen. Dies wäre "ein gewaltiger Schritt", meint Klaus Hillenbrand in der taz. "Zehntausende Kunstgegenstände vom Porzellanteller bis zum Ölgemälde, vom Buch bis zum silbernen Kerzenhalter, die zwischen 1933 und 1945 insbesondere Jüdinnen und Juden gestohlen wurden, dürften sich heute noch im Privatbesitz befinden. Jedermann konnte solche Gegenstände, aber auch Stühle, Betten und jedweden Hausrat ab 1941 bei öffentlichen Versteigerungen von 'Judenhaushalten' im Deutschen Reich erwerben. Die enteigneten Besitzer wurden in den Tod deportiert, der Erlös der Versteigerungen floss in die Taschen des zuständigen Oberfinanzpräsidenten und damit des Nazi-Staats."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2023 - Kulturpolitik

Längst "überfällig" nennen die beiden Historiker Kornelia Kończal und Stephan Lehnstaedt im Tagesspiegel das in Berlin geplante "Deutsch-Polnische Haus", das Claudia Roth am Dienstag vorstellte (Unser Resümee): "Seit Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970 ist zwar der Holocaust in Polen viel präsenter in der deutschen Erinnerung, und allmählich rückt neben dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 auch jener im polnischen Teil der Stadt 1944 ins deutsche Bewusstsein. Doch die Erinnerung an deutsche Massaker in Polen bleibt auffällig unbestimmt. Deutsche Gedenkstätten haben zwar viel für die Bildung getan. Sie setzen aber Schwerpunkte, zu denen nichtjüdische Opfer des Zweiten Weltkriegs nur in geringem Maße gehören. Ein Bewusstsein dafür, dass beinahe jede polnische Familie unter der deutschen Herrschaft gelitten hat, fordert Polen mit Recht ein, selbst wenn die Mittel und Methoden der Warschauer Regierung innenpolitisch motiviert und - zumal vor den für Mitte Oktober geplanten Parlamentswahlen - mit antideutschen Ressentiments untermalt sind."

Vielleicht hätte Joe Chialo seine Idee für die Zentralbibliothek (Unsere Resümees) besser abgesprochen, meint Elmar Schütze in der Berliner Zeitung. Denn in der SPD ist man mindestens "vergnatzt". Nicht zuletzt wegen der zu erwartenden Kosten: "Das Quartier 207 gehört dem Investmentfonds Tishman Speyer, einem Player aus dem Hochpreissegment. Dieser hat das Gebäude mit seinem charakteristischen Glastrichter im Inneren für eine nicht genannte Summe vom Versicherungskonzern Allianz übernommen. Ein paar Jahre zuvor hatte die Allianz 125 Millionen Euro dafür bezahlt. Nun ruft Tishman Speyer stolze 590 Millionen Euro auf, zu bezahlen von Berlins Steuerzahlern. Hinzu käme eine dreistellige Millionen-Summe für den Umbau zu einer Bibliothek. Das wären zusammen mindestens 700 Millionen Euro. (…) Jetzt heißt es in der SPD: Wenn Chialo das Quartier 207 wolle, müsse er - und mit ihm die CDU - sagen, was stattdessen wegfallen solle: der Ausbau des aus allen Nähten platzenden Krankenhauses des Maßregelvollzugs auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer Nervenklinik in Reinickendorf etwa?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2023 - Kulturpolitik

Das Bismarckdenkmal in Hamburg, 2015. Foto: SKopp, unter cc-Lizenz

Der Wettbewerb zu einer geplanten "Intervention" bezüglich des 34 Meter hohen Hamburger Bismarck-Denkmals ist gescheitert. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda sieht im Gespräch mit Till Briegleb (SZ) für die Zukunft vor allem Kommunikationsbedarf: "In Fachkreisen herrscht vergleichsweise Einigkeit über Fragen der kolonialen Aufarbeitung. Wenn ich aber in die Stadtgesellschaft horche, scheint das Thema vielen noch recht egal zu sein. ... Wir müssen also weiter Aufklärungsarbeit leisten." Warum haben sich so wenige schwarze Künstler an dem Wettbewerb beteiligt, wo doch der Fokus auf Bismarcks Anteil am deutschen Kolonialismus lag? Brosda: "Das Problem bei einem offenen Verfahren ist, dass der Auslober nicht direkt ansprechen darf. Wir haben es über mittelbare Strukturen trotzdem versucht. Leider haben sich dennoch viele Angesprochene nicht beteiligt. In den Workshops, zu denen wir vorher Experten aus dem globalen Süden eingeladen hatten, die sich künstlerisch oder wissenschaftlich mit Bismarck befassen, konnte man zudem den Eindruck gewinnen, dass Bismarck von diesen Akteuren zum Teil weit weniger kontrovers aufgefasst wird, als es hier der Fall ist."

Gestern stellte Claudia Roth die Pläne für ein "Deutsch-Polnisches Haus" vor, berichtet Andreas Kilb in der FAZ: Statt des Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs, über das jahrelang gestritten wurde, soll am Platz der früheren Kroll-Oper eine Begegnungs- und Bildungsstätte mit Dauer- und Wechselausstellungen entstehen, "die zugleich als Gedenkort für Kranzniederlegungen dienen kann - sozusagen das komplette Menü der Geschichtspolitik in einem einzigen Bau." Kilb ist skeptisch: "Zwischen Polen und Deutschen steht heute nicht nur die PiS-Regierung in Warschau mit ihren geschichtsrevisionistischen Entschädigungsforderungen, sondern die gesamte Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Eckpunktepapier versucht diesen Abgrund zu überbrücken, indem es einerseits 'Prozesse der Verfeindung' wie den gewaltsamen Tod von mehr als fünf Millionen Polen im Zweiten Weltkrieg, andererseits die lange 'gemeinsame Verflechtungsgeschichte' als Ausstellungsthemen aufruft.  Aber schon die auffällige Vermeidung des Begriffs 'Vertreibung' zeigt, dass sich das Konzept auf dünnem Eis bewegt. Das 'oft grundsätzliche Un- oder Missverständnis' zwischen beiden Nationen soll aufgelöst werden, doch um gewisse Themen macht man lieber einen Bogen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2023 - Kulturpolitik

Im British Museum hat der Kurator Peter Higgs mutmaßlich eine Menge Artefakte geklaut und auf ebay verhökert. Der Chef des Museums, Hartwig Fischer, ist inzwischen zurückgetreten. Die Affäre schwächt die Position des British Museum zu Restitutionen etwa von Benin-Bronzen nun ganz gewaltig, meint Alexander Menden in der SZ: "Das British Museum verteidigt die Integrität seiner Sammlung, indem es argumentiert, es sei in der Lage, die Artefakte in weltweit einzigartiger Weise zu bewahren und zu schützen. Auf der Website des Museums heißt es dazu: 'Das Ziel des Museums ist es, eine für die Weltkulturen repräsentative Sammlung zu besitzen und zu gewährleisten, dass diese Sammlung sicher untergebracht, konserviert, kuratiert, erforscht und ausgestellt wird.' Die Griechen, die jede Gelegenheit nutzen, um die Debatte über den Parthenon-Fries am Laufen zu halten, weisen darauf hin, dass diese Argumentation spätestens jetzt, angesichts der massiven Londoner Sicherheitsmängel, Makulatur sei."

Gina Thomas zitiert in der FAZ den Vorsitzenden des Museumskuratoriums John Osborne. Der "sprach am Wochenende in einem BBC-Interview von einem Gruppendenken an der Spitze des Museums, die nicht wahrhaben wollte, dass ein Mitarbeiter so etwas getan haben könnte. Sie habe lieber nichts sagen wollen, als Gefahr zu laufen, der Institution zu schaden. Das hat sich als Bumerang erwiesen. In Griechenland reibt man sich die Hände, Rufe nach Restitutionen sind noch lauter geworden, und konservative Kulturkrieger werfen dem Museum vor, auf Kosten seiner vorrangigen Aufgabe, nämlich die Sammlungen zu betreuen, seine Energie auf Wokeness verschwendet zu haben."