9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Kulturpolitik

Monika Grütters hat sich im Kulturausschuss des Bundestages zähneknirschend für eine pauschale monatliche Zuwendung von 1200 Euro für Künstler ausgesprochen - zieht die Grundsicherung aber vor, berichtet Petra Kohse in der Berliner Zeitung und zitiert: "'Natürlich kann man alles schlechtreden und verlangen, dass noch etwas anderes kommt. Aber wie soll ich im Bundestag durchbringen, dass eine Gruppe, für die bereits 156 Milliarden Euro da sind, noch mehr braucht, weil es ihr unangenehm ist, die vorhandenen Hilfen in Anspruch zu nehmen?!' Diese Art von 'in Ordnung' also. Die mütterliche."
Stichwörter: Grütters, Monika

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2020 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel-Interview mit Frederik Hanssen beklagt Berlins Kultursenator Klaus Lederer, dass die Kultur bei den ersten Lockerungen in keiner Weise mitbedacht wurde. In der SZ kommentiert Sonja Zekri: "Wenn bereits Freiheitsrechte wie das Versammlungsverbot nicht mehr selbstverständlich sind, wer will da das Recht auf einen Museumsbesuch fordern? Auf Freiluftkonzerte? Open-Air-Lesungen mit begrenzter Teilnehmerzahl? Nun, idealerweise möglichst viele."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2020 - Kulturpolitik

Die Kultur mit ihren vielen freien Mitarbeitern gehört wie die Gastronomie und große Teile des Einzelhandels zu den Bereichen, die von den Lockerungen vorerst nicht profitieren. Aber nebenbei ist sie außerdem noch von der Politik bei der Ankündigung der ersten Lockerungen degradiert worden, notiert Andreas Kilb in der FAZ: "In den Empfehlungen der Leopoldina war die 'Wiederherstellung der kulturellen Handlungsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger' immerhin noch erwünscht, das Beschlusspaket des Bundes und der Länder vom Mittwoch dagegen schiebt die Kultur in den Anhang, der die weiterhin gültigen Schließungsanordnungen aufführt, zwischen 'Gastronomiebetriebe, Bars, Clubs' und 'Prostitutionsstätten', zwischen Bier und Bordell."

Wenn Theater und Konzertsäle noch lange dicht bleiben, bedeutet das das "Ende der Kulturnation Deutschland", befürchtet Manuel Brug in der Welt. Und überhaupt - wer bezahlt die Ausfälle? Die versprochenen Soforthilfen sind "entweder schon erschöpft oder kommen gar nicht an, weil in vielen Bundesländern nur Betriebszuschüsse gewährt werden - und die können Einzelselbstständige, die von Honoraren leben, nicht einfordern. Bleibt für sie nur Hartz IV. So manche Sängerin sitzt inzwischen an der Rewe-Kasse, ob aus Notwendigkeit oder Solidarität, es sei dahingestellt." Kultur ist systemrelevant, schreibt auch der FDP-Politiker Gerhart Baum im Tagesspiegel und fordert einen Kulturnothilfefonds des Bundes. Mehr zum Thema Kultur in der Krise auch im heutigen efeu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2020 - Kulturpolitik

Im Interview mit der SZ erklärt Kulturstaatsministerin Monika Grütters, warum es völlig okay ist, dass die Kultur aus dem großen Fördertopf mitbedacht wird und keinen eigenen Topf bekommt: "Hätten wir die Kultur nicht an dem großen 50-Milliarden-Topf teilhaben lassen, sondern einen eigenen Kreativ-Titel geschaffen, wäre für diesen deutlich weniger Geld rausgekommen. Es gibt einen großen Ehrgeiz, das Kulturmilieu nicht beschädigt aus dieser Krise hervorgehen zu lassen. ... Ich muss zwei Dinge klarstellen: Erstens sind die Rettungspakete nicht für lange Zeiträume gedacht, sondern für die akute Krisensituation. Zweitens gibt es aus meiner Sicht gesamtgesellschaftlich keine Hierarchisierung nach dem Muster: Wer ist wichtiger, der Kioskbesitzer oder der Kinobetreiber? Sie alle benötigen jetzt Hilfe. Es geht um gesellschaftliche Solidarität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2020 - Kulturpolitik

Im Zeit-Online-Telefonat mit Tobi Müller beschwört Monika Grütters die Zusammenarbeit von Bund und Ländern, erklärt die Hilfsmaßnahmen für Kulturschaffende und glaubt an Chancen für den Buchhandel in der Krise: "Die können jetzt ihren Onlineshop ausbauen, über Telefon, Mails und soziale Medien ihre Kunden beraten und dort ihr Wissen voll ausspielen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2020 - Kulturpolitik

Heute tritt die Amsterdamer Kulturhistorikerin Hetty Berg ihr Amt als neue Direktorin des Jüdischen Museums in Berlin an. Sie folgt damit dem Judaisten Peter Schäfer, der letztes Jahr zurücktrat, nachdem ihm vorgeworfen worden war, der anti-israelischen Boykottbewegung BDS zu viel Raum gegeben zu haben. Die SZ hat einige AutorInnen gefragt, was sie sich von der neuen Leitung wünschen: Michael Wolfssohn wünscht sich eine ganz neue Konzeption des Museums. Wie die aussehen soll, sagt er nicht, aber wie sie nicht aussehen soll, weiß er genau: "Wer ein Museum über jüdisches Leben in Berlin und Deutschland zu einem, wenngleich gewaltfrei gedanklichen Nebenschauplatz des Nahostkonflikts umfunktioniert, darf sich nicht wundern, wenn sich alle Nahostakteure einmischen. Konkret: dass die antizionistische BDS-Israelboykottbewegung das Museum unterwandert oder US-jüdische Repräsentanten sowie Israels Premier Netanjahu ihrerseits offen und öffentlich Kritik äußern."

Eva Menasse sieht nach dem Abgang von Schäfer, den sie höchst unfair behandelt fand, kaum noch Chancen für einen echten Austausch: Eigentlich sollte es gerade in Deutschland "möglich sein, jede Meinung zu hören und über alles zivilisiert zu streiten, auch über schmerzhafte Dinge wie die aussichtslose und demütigende Lage der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten." Doch in Deutschland könne zu diesen Dingen viel weniger gesagt werden als in Israel.

Lena Gorelik möchte auf jeden Fall mehr als Ausstellungen über jüdische Geschichte. Das Museum sollte auch die jüdische "Freude am Diskurs" widerspiegeln, "die Freude zu streiten. Darüber, wie (und ob) wir feiern, was wir über Israel (und BDS) denken, was wir essen, denken, lesen, hassen, vermissen, von einem jüdischen Museum erwarten, von dem Text einer jüdischen Autorin erwarten, ach, und manchmal einfach nur die Freude am Streiten, einfach so." Weitere Beiträge kommen von Dana von Suffrin, Dmitrij Kapitelman und Wladimir Kaminer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 - Kulturpolitik

Der Kulturbetrieb gehörte zu den ersten Branchen, die von der Corona-Krise massiv betroffen waren. Im Gespräch mit Andreas Kilb von der FAZ beteuert Bundeskulturministerin Monika Grütters, dass die Hilfen des Bundes und der Länder nicht am föderalen Kompetenzgerangel scheitern werden: "Ich kann nur hoffen, dass es jetzt mal unkompliziert funktioniert. Alle Bundesländer haben hoch und heilig versprochen, dass es rasch und unbürokratisch vonstatten gehen soll. Wir stellen die Adressen der Anlaufstellen in den Ländern ins Netz. Und natürlich muss der Betroffene auch das Seinige tun und sich mit dem Antrag auseinandersetzen. Aber die Bundesgelder stehen wirklich allen überall gleichermaßen zur Verfügung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2020 - Kulturpolitik

Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat, einem Kultur-Lobbyverband, äußert sich im Gespräch mit Jesko Schulze-Reimpell im Donau Kurier zwar erfreut über die staatlichen Hilfen für Künstler, aber nicht über das föderale Durcheinander: "Die eher stärkeren Länder und die Stadtstaaten haben bereits Programme beschlossen, etwa Bayern. Dann gibt es Länder, die wenig bis gar nichts machen. Ich muss ganz offen sagen, dass ich mit diesem Flickenteppich nicht zufrieden bin. Wir haben eine große Notlage, und dann kann es nicht davon abhängen, eine Förderung zu bekommen, ob ich nun in Bayern lebe oder in Mecklenburg-Vorpommern. Die Länder haben die Verantwortung. Aber sie stieren alle nach Berlin. Das ist im Prinzip auch richtig so. Denn über so große Summen verfügen ja die Länder überhaupt nicht. Dennoch führt der Föderalismus zu erheblichen Ungerechtigkeiten."

Mehr zu den konkreten Problemen und Hilfen in den einzelnen Kulturbranchen im heutigen Efeu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2020 - Kulturpolitik

Im Interview mit der FR erklärt Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Milliardenhilfen für Soloselbständige und Kleinunternehmer, setzt aber auch auf das Prinzip Hoffnung: "Zunächst einmal hoffe ich, dass doch alle überleben - egal ob der Sologeiger, die Malerin oder der Schriftsteller, die Kinobetreiber, Musikclubs, Buchhändler, Galeristen und Verleger. Ich denke, dass manche schöpferische Kraft in dieser Situation sogar neuen Schwung bekommen kann. Überdies haben digitale Vermittlungsformen gerade richtig Konjunktur. Diese vielen neuen Ideen im Netz hätten wir mit noch so schlauen Programmen gar nicht stimulieren können. Und schließlich habe ich den Eindruck, dass jetzt sehr viele den Stellenwert von Kultur unmittelbar begriffen haben. Sie ist eben kein Standortfaktor und kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leistet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2020 - Kulturpolitik

Für viele Branchen bedeutet die Corona-Krise einen Einnahmeausfall, der ihre Existenz in Frage stellt. Im VAN Magazin beschreibt Hannah Schmidt die Lage für Musiker: "Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) hat vergangenen Freitag einen 'Leitfaden für Freischaffende' veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: 'Versuchen Sie, sich auf eine Verschiebung des Veranstaltungstermins zu einigen' und, falls das nicht gehe, 'vertraglich vereinbarte Ausfallhonorare geltend' zu machen oder 'diese nachträglich mit dem Veranstalter auf Kulanzbasis zu vereinbaren.' Das Problem: Häufig gibt es gar keine Verträge, in denen so eine Klausel stehen könnte, und falls doch, befinden sich viele Freie gar nicht in der Position, diese Verträge mit auszuhandeln."

Für die FAZ unterhält sich Thomas Schmoll mit der Konzertagentin Jutta Adler, die Kulturministerin Monika Grütters und den Berliner Kultursenator Klaus Lederer scharf kritisiert: "Wir haben vergangene Woche aus den Medien von den Absagen gehört. Das Orchestre National du Capitole de Toulouse wandte sich sofort an uns mit der Bitte, eine offizielle Absage des Senats vorzulegen, damit das Management in Frankreich gebuchte Flugtickets und Hotels stornieren kann... Wir haben an Kulturstaatsministerin Grütters und an Berlins Kultursenator Lederer geschrieben und die Lage erklärt. Immerhin bestätigten sie den Eingang. Mehr kam aber nicht."

Auch Sascha Lobo geht in einer Wutrede über eine jetzt grassierende "Vernunftpanik" bei Spiegel online auf die Lage der Freien ein - und erwähnt dankenswerter Weise, dass das Problem keineswegs nur die kulturelle oder Mediensphäre betrifft: "Es rächt sich, dass noch immer die deutschen Sozialsysteme auf die Festanstellung als Maß aller Dinge ausgerichtet sind. Nur leider rächt es sich faktisch nicht bei den Verantwortlichen, sondern bei den Solo-Selbstständigen, die von Veranstaltungen, Kunst, Kultur, Gastronomie und Arbeit in einer Vielzahl anderer, temporär stillgelegter Branchen leben. Nicht alle werden die Coronakrise überleben, das gilt auf bitterste Weise physisch wie wirtschaftlich." Nebenbei staunt Lobo, "wie schnell sogar sich als liberal bezeichnende Leute bereit sind, ausnahmslos jede Grundrechtseinschränkung klaglos hinzunehmen, wenn sie bloß glauben, es diene der größeren Sache".

Auch die Nachtkritik alarmiert: "Die Corona-Krise bringt die freie Kulturberichterstattung genauso in Not wie die freien Künstler*innen. Uns bricht derzeit mehr als die Hälfte unserer Einkünfte weg." In der Berliner Zeitung berichtet Annika Leister, dass der Berliner Senat unbürokratische Hilfe leisten wolle: 15.000 Euro pro Solo-Selbständigen.

Buchhandlungen sind weitgehend geschlossen, Klopapier hat Bücher bei Amazon als wichtigste Warengruppe abgelöst, Verlage schieben Titel auf, die im April erscheinen sollten, berichtet Felix Stephan in der SZ und befürchtet, dass sich die Krise vor allem auf kleine Buchhandlungen auswirken wird: "Die großen Buchhandelsketten könnten die insolventen unabhängigen Buchläden ohne größere Widerstände schlucken, ihre Vertriebsmacht gegenüber den Verlagen auf diese Weise weiter stärken, deren Margen weiter drücken".

Weitere Artikel: Für die SZ hat sich Peter Laudenbach in der freien Theaterszene umgehört, viele freie Bühnen fürchten um ihre Existenz und auch die Solidarität der Stadttheater mit ihren freien Mitarbeitern ist begrenzt, erfährt er: "Ein großes, hoch subventioniertes Stadttheater in Nordrhein-Westfalen beispielsweise wollte Gastschauspielern für Vorstellungen, die wegen der Schließung der Bühnen abgesagt wurden, nur die Hälfte der vertraglich vereinbarten Gage bezahlen." Ebenfalls in der SZ macht Catrin Lorch auf die Situation von in Berlin lebenden, ausländischen Künstlern aufmerksam: "Wer nicht aus Europa stammt, sondern beispielsweise aus Neuseeland oder Ghana, muss für die Aufenthaltserlaubnis ein Einkommen nachweisen". Michael Stallknecht schreibt zur Situation freier Musiker.