Efeu - Die Kulturrundschau

Himmlische Längen

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17.04.2020. In der taz erklärt der Musiker Moses Sumney: Einsamkeit macht produktiv. Die Welt probiert, welche Getränke zu welchen Streamingangeboten passen (Gin Tonic zum Ballett). In der FR schlägt der Theatermacher Kay Voges vor, Theater nicht zu streamen, sondern einfach mit digitalen Mitteln zu machen. Dezeen bewundert den Brutalismus in China. Die FAS streamt sich durch Netflix in Nigeria.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2020 finden Sie hier

Musik

Stephanie Grimm hat sich für die taz mit dem Musiker Moses Sumney unterhalten, dessen neues Album "græ" - wie passend - von der Produktivkraft der Einsamkeit handelt: "In unserer Kultur, besonders in der digitalen, lag in den letzten 15 Jahren der Schwerpunkt darauf, zu netzwerken - was allzu oft keine reale Verbindung ist. Vielen Menschen ist die Fähigkeit abhanden gekommen, allein mit sich und ihren Gedanken zu sein." Ein aktuelles Video, das passend zur Zeit mit einem Notarztwagen beginnt und in dem der Musiker eine Atemmaske trägt:



Alle Großveranstaltungen sind bis zum 31. August abgesagt, damit ist klar: 2020 wird als das Jahr ohne Sommerfestivals in die Geschichte der Popmusik eingehen. Nicht nur für die Veranstalter ist das eine finanzielle Katastrophe, sondern auch für die Musiker, für die das Live-Geschäft längst die wirtschaftlich tragende Stütze ist, schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline: "Schon bei einem sechsmonatigen Shutdown sind die Konsequenzen mutmaßlich desaströs" - und die Folgen auch für die kommenden Jahre kaum abzusehen. "Es sind Streamingdienste wie Spotify, die als Gewinner aus der Krise hervorgehen; nicht zuletzt, weil die ökonomischen Verwerfungen, die auf uns zukommen, so groß sein werden, dass die Leute gar kein Geld mehr haben, um viel davon für Musik auszugeben. In der Welt nach der Krise muss unter erschwerten Bedingungen also wieder ganz vorne damit angefangen werden, die Rechte der Musikerinnen und Musiker gegen diese Monopole durchzusetzen und zu verteidigen."

Weitere Artikel:  Julia Lorenz denkt in der Spex über sich mit politischen Botschaften schmückende Popstars nach. Amira Ben Saoud berichtet im Standard von der desolaten Situation der Clubs in Österreich. Bei den österreichischen Orchestern hat sich Walter Gürtelschmied für die Presse umgehört. Wolfgang Sandner (FAZ) und Ueli Bernays (NZZ) schreiben Nachrufe auf den Jazzsaxofonisten Lee Konitz. Für die SZ porträtiert Theresa Hein die Soul-Newcomerin Celeste Waite. Ein aktuelles Video:



Besprochen wird außerdem Houschyars neues Album (taz).
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Bühne

"Ich ströme, also bin ich": Manuel Brug, sonst im ständigen Klassik-Jetset unterwegs, berichtet in der Welt von seinen Streaming-Safaris  durch die neue Klassik- und Bühnenwelt unter Corona-Bedingungen, für die mittlerweile ein ähnlich rigides Zeitmanagement nötig ist wie bei der Planung von Flügen und Kulturreisen: "Himmlische Längen. Ich merke, wie schwer es mir fällt, etwa vor einer unbekannten Wagner-Inszenierung zu sitzen, ich kann mich nicht wirklich konzentrieren, versenken. Chips und Wein und Telefonate passen nicht wirklich zu 'Tannhäuser', aber Gin Tonic gut zu Ballett. Theater am Computer geht gar nicht, da gebe ich schnell auf, höchstens die schon steinzeitlichen Stein- und Grüber-Archivzeugnisse der Schaubühne. Die haben so was Auratisches."

Alte Theateraufführungen zu streamen, findet Theatermacher Kay Voges im Interview mit der FR eher langweilig. Warum nicht neues Theater mit digitalen Mitteln machen, fragt er. "Theater hat immer mit Virtualität zu tun. Wie oft steigen die Geister der Vergangenheit aus dem Bühnenboden herauf. Theater hat immer solche Geschichten erzählt - Theatermacher sind somit Fachleute für Erzählen im virtuellen Zeitalter. ... Wie erzählen wir uns heute Wirklichkeit? Wir klicken von Link zu Link. Unsere Realität entspricht nicht mehr der des bürgerlichen Trauerspiels mit fünf Menschen, die wir fünf Akte lang begleiten. Wir müssen eine Erzählweise finden, die ebenso viral ist, wie unsere Welt. Die dieser Komplexität nahekommt. Geht das noch mit Schiller und Goethe?"

Weiteres: In der FAZ gratuliert Jürgen Kestin den Opernsängern Anja Silja und Siegfried Jerusalem zum Achtzigsten, in der SZ gratuliert Wolfgang Schreiber. Besprochen werden die Uraufführung von Nestervals "Kreisky Test" im Brut Wien (nachtkritik). Hier der Online-Spielplan der nachtkritik.
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Architektur

Die Sporthalle des neuen Campus der Tianjin Universität von Atelier Li Xinggang. Foto aus Alberto Bolognas Buch "Chinese Brutalism Today"


Brutalismus - das ist diese inzwischen recht gefeierte Betonarchitektur, die in Berlin lieber abgerissen wird - gibt es auch in China, lernen wir aus einem Buch Alberto Bolognas zum Thema. Lizzie Crook stellt es in Dezeen vor: "Das Buch untersucht die Gründe, Kulturen und Haltungen hinter dem Trend zur konkreten Architektur, indem es Gebäude namhafter chinesischer Architekten analysiert. Laut Bologna, Assistenzprofessor am Politecnico di Torino in Italien, wollte er den Trend dokumentieren, weil er seine Langlebigkeit in China für so ungewöhnlich hält." Ungewöhnlich ist auch die Verbindung von Beton mit einer Holzschalung wie in der Sporthalle des neuen Campus der Tianjin Universität: "Wenn Sie sich dieses Gebäude ansehen, können Sie Formen erkennen, die durch die Verwendung einer Holzschalung erreicht werden. Holzschalungen kosten überall auf der Welt sehr viel Geld, weil für ihren Zusammenbau Arbeitskräfte benötigt werden. Daher hat die westliche Welt viele architektonische Formen und strukturelle Systeme verloren, wie sie nur durch die Verwendung dieser speziellen Schalung erzeugt werden können. Auch in China wird sie in einigen Jahren verschwinden", sagt Bologna im Gespräch mit Crook. (Mit dem richtigen Licht kann Brutalismus auch ganz schön psychedelisch aussehen, zeigt uns ein anderes Brutalismus-Gebäude bei Domus.)

Außerdem in Dezeen: Der Produktionsdesigner Lee Ha Jun erzählt, wie er das Haus für Bong Joon-Hos Film "Parasite" kreierte.
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Kunst

Birgit Jürgenssen | Ohne Titel (Mann auf der Bank), 1975 | Albertina, Wien - The Essl Collection © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien, 2020


Eigentlich wollte die Albertina mit der Schau "The Beginning - Kunst in Österreich 1945 bis 1980" ihre neue Albertina modern eröffnen. Daraus wurde nichts, aber immerhin, den Katalog dazu gibt es schon. Arno Widmann blättert für die FR durch und reiste zur Pressekonferenz: Er wollte nur dieses eine Mal ein ausschließlich Österreichern gewidmete Ausstellung machen, erklärte Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder den Journalisten. "Aber dieses eine Mal sei es ihm wichtig zu zeigen, dass es gerade die damals nicht geachteten, ja verachteten Künstler waren, die die wirkliche Moderne darstellten. Ergriffen stand er vor einer Arbeit von Padhi Frieberger - ein Tisch und zwei Stuhlfragmente aus dem Müll - und sagte: 'Wir sahen das und haben es nicht erkannt! Warum nicht? Weil wir zu vertraut waren mit den Künstlern. Die pumpten uns an. Wir konnten sie nicht ernst nehmen. Wir waren so dumm. Da werden die großartigsten Sachen vor unseren Augen gemacht, und wir gucken weg.' Er zeigt auf Werke einer heute noch lebenden Künstlerin: 'Die haben wir jetzt für zweitausend Euro bekommen. Da schämt man sich doch.'"

Bei Monopol plädiert Elke Buhr dafür, auch Kunstgalerien bald wieder öffnen zu dürfen. Denn da drängelt sich - Vernissagen ausgenommen - in der Regel niemand: "Heute habe ich elektronische Post von einer Leserin bekommen. Susanne A. Schalz ist Künstlerin und hat Atelier und Showroom in einer großen Halle auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen. Sie will eine Lanze brechen für die möglichst schnelle Wiederzulassung der Öffentlichkeit in Galerien und Ateliers. '800 qm Platz, ein Desinfektionsspender im Eingangsbereich, zwei Kunden-WC mit Handwaschbecken, zwischen mir und Kunden locker das Zehnfache der geforderten zwei Meter Abstand, mit Warteschlangen vor meiner Tür ist eher nicht zu rechnen', so beschreibt sie die Situation. Den zwei bis zehn Kunden oder Interessierten am Tag, die jetzt Zeit hätten, sich ihre Arbeiten anzusehen, würde sie gerne ihre Türen öffnen. Darf es aber nicht."

Weiteres: In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zum Sechzigsten von Neo Rauch. Banksy vertreibt sich die Zeit mit der Dekoration seines Badezimmers, meldet Hakim Bishara auf Hyperallergic. Ebenfalls auf Hyperallergic beschreibt Valentina Di Liscia die schwierige Lage der amerikanischen Museen in der Corona-Krise, die keine oder kaum staatlichen Hilfen bekommen, sondern auf Stiftungsgelder angewiesen sind: Die Krise könnte viele zwingen, das Stiftungskapital anzugreifen. In der taz gratuliert Beate Scheder der in Köln gegründeten, jetzt in Berlin ansässigen Galerie Nagel Draxler zum Dreißigsten. Besprochen wird ein Bildband von David Hockney mit seiner "My Window"-Serie, die er auf seinem Iphone gezeichnet hat (monopol).
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Literatur

Bislang unbekannte Gedichte des Bildhauers John Chamberlains aus seiner Zeit am Black Mountain College wurden gefunden und von der Princeton University Press veröffentlicht, erzählt Elisa Wouk Almino auf Hyperallergic und präsentiert einen Auszug aus den Interviews, die Herausgeberin Julie Sylvester für das Vorwort geführt hat. Catrin Lorch von der SZ nutzt die Corona-Isolation, um sich beherzt durchs Kindler-Lexikon der Literatur zu stöbern. Im Tagesspiegel tröstet sich Steffen Damm in der Isolation mit Kafka. Fritz Göttler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den brasilianischen Schriftsteller Rubem Fonseca.

Besprochen werden unter anderem Klaus Buhlerts monumentale, vom SWR für eine Woche online gestellte Hörspieladaption von Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel" (taz, FR, mehr dazu bereits hier), neue Bücher von Nicole Flattery und Ottessa Moshfegh (NZZ), eine Faksimile-Ausgabe der in den 50ern in Kleinstauflage von Werner Riegel und Peter Rühmkorf herausgegebenen Literaturzeitschrift Zwischen den Kriegen (Dlf Kultur), Lena Dunhams in der Vogue veröffentlichter Fortsetzungsroman (Zeit), Esther Dischereits "Sometimes a Single Leaf" (taz), Maggie Nelsons Essay "Die roten Stellen" (Standard), William Henry Hudsons Reisetagebuch "Müßige Tage in Patagonien" (ZeitOnline), Xaver Bayers Prosaband "Geschichten mit Marianne" (Standard) und Thure Erik Lunds "Das Grabenereignismysterium" (online nachgereicht von der FAZ).
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Stichwörter: Corona, Vogue

Film

Man muss die Netflix-Algorithmen schon ein bisschen trainieren, bis man in die tiefen Tiefen des Angebots stößt, in denen dann die reizvolleren Alternativen zum Mainstream-Videothekenangebot schlummern, schreibt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAS. Aber wer stöbert, der findet und Rebhandl ist unter anderem auch auf ein nigerianisches Netflix gestoßen, wo der Streamer ebenfalls in Eigenproduktionen für die neue Mittelklasse investiert, seit sich die dortige, Nollywood genannte Filmindustrie vom selbstgemachten Camcorder-Look weitgehend verabschiedet hat: "Weitgehend ausgespart werden dabei Aspekte, die für 'Nollywood' immer sehr wichtig waren: vor allem nigerianische Religiosität bis hin zu Geisterglauben, großartig auf einen Punkt gebracht zum Beispiel in dem letztjährigen Festivalhit 'The Last Okoroshi', der es nicht auf Netflix geschafft hat. Oder das Leben der einfachen Leute, die man selten einmal in Umgebungen sieht, für die es bisher keinen neuen Begriff anstatt des diskreditierenden 'Slum' gibt." So sind es "zwar höchst aufschlussreiche, letztendlich aber eher touristische Reisen, die man mit dem Streamingdienst unternehmen kann." Mit "King of Boys" stellt Rebhandl auch einen nigerianischen Mafiathriller vor:



Für die heutige FAZ wirft Bert Rebhandl außerdem einen besorgten Blick in die hiesige Filmbranche, die bis Corona eine - auch von den Streamingdiensten befeuerte - Hochkonjunktur erlebte, jetzt aber zur Filmbrache zu mutieren droht. Nicht zuletzt die basale Infrastruktur - die Kinos abseits der großen Ketten - sind bedroht: "Mit diesem Netzwerk von Spielstätten gibt sich die Republik eine hochdifferenzierte Öffentlichkeit, die man nicht ohne beträchtliche Verluste ins staatsbürgerliche Homeoffice verschieben kann. Was das Kino als Institution kann, sieht man vor allem bei den zahlreichen Festivals, die in Deutschland Woche für Woche stattfinden - in diesen Wochen trifft es so wertvolle Veranstaltungen wie GoEast in Wiesbaden, das Frauenfilmfestival in Dortmund und die Kurzfilmtage in Oberhausen. Gefährdet sind derzeit nahezu alle Abspielbetriebe, aber mit den kleineren, regional verankerten Kinos träfe es auch die Verleiher, die dann ihre Filme nicht mehr zeigen könnten. Die Folge wäre, wenn es denn irgendwann wieder losgeht,eine Monokultur an Spitzentiteln."

Der amerikanische Schauspieler Brian Dennehy ist gestorben, meldet Dlf Kultur. Neil Genzlinger widmet ihm einen Nachruf in der New York Times, im Guardian schreibt Benjamin Lee.

Besprochen werden Rania Stephans "The Three Disappearances of Soad Hosni", der ab morgen für zwei Wochen im digitalen Kinosaal des Berliner Arsenals zu sehen ist, und Bob Clarks auf DVD veröffentlichter Horrorreißer "Dead of Night" aus den 70ern (Perlentaucher), Patrice Lalibertés Netflix-Film "Bis zum Untergang" (SZ) und die vom RBB online gestellte Mini-Serie "Warten auf'n Bus" mit Ronald Zehrfeld (Welt). Außerdem: Der Schauspieler Brian Dennehy, der als Widerpart zu Rambo bekannt wurde, ist im Alter von 81 Jahren gestorben, wie unter anderem Spiegel online meldet.
Archiv: Film