9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2024 - Medien

Die Lage von lokalen Berichterstattern aus Gaza sei katastrophal, schreibt der deutsch-palästinensische Student Majd El-Safadi in der SZ und zitiert Christopher Resch, Pressereferent bei 'Reporter ohne Grenzen'. "Die genaue Lage vor Ort ist schwierig zu recherchieren, schon weil der Gazastreifen für ausländische Journalisten praktisch abgeriegelt ist. Weder Ägypten noch Israel gewährt internationalen Journalisten Zutritt. 'Das ist ein eklatanter Verstoß gegen die Pressefreiheit', sagt Resch. Er habe großen Respekt vor der Arbeit palästinensischer Journalisten, die unter widrigsten Umständen arbeiten: im Krieg und unter einer Hamas-Diktatur, die kritische Berichterstattung verhindert und auf Propaganda setzt. Deshalb, betont Resch, bräuchte man internationale Kollegen dort - als Korrektiv, um der Desinformation etwas entgegenzusetzen. In einem über das CPJ organisierten offenen Brief dringen nun mehr als 60 Medienorganisationen darauf, unter ihnen New York Times und BBC, dass Israel Journalisten unabhängigen Zugang nach Gaza gewähren solle."

Immer mehr Menschen, die sogenannten "News-Deprivierten", verzichten bewusst auf Nachrichten, erklärt Medienpsychologe Daniel Süss im NZZ-Interview mit Ines Häflinger. Das liege vor allem an der schnellen Verbreitung von negativen Nachrichten. "Umfragen zeigen, dass sich viele mehr konstruktiven Journalismus wünschen. Doch negative Nachrichten, Skandale und dramatische Ereignisse haben eine erhöhte Aufmerksamkeit. Wir neigen dazu, diese Informationen als glaubwürdiger zu bewerten als positive, in der Psychologie nennen wir diesen Effekt 'negativity credibility bias'. Das ist wahrscheinlich ein evolutionärer Mechanismus, der Mensch reagiert schnell auf bedrohliche Ereignisse und schätzt ab, inwiefern diese auch ihn gefährden. Gleichzeitig kann daraus Resignation entstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2024 - Medien

Im Gespräch mit Cornelius Pollmer und Claudia Tieschky von der SZ bescheibt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff ganz gut das Paradox, mit dem die Institutionen - sowohl Politik als auch öffentlich-rechtliche Medien - gegenwärtig zurechtkommen müssen: "Man glaubt dem Rundfunk in Teilen der Bevölkerung nicht mehr, und uns Politikern, die die meisten Menschen nur aus den Massenmedien kennen, auch nicht. So, und jetzt können wir überlegen, ändern wir das, indem wir da noch mal mehr Quantität schaffen, erhöhen wir also die Leistungen des Staates trotz kritischer Finanzen und machen im Öffentlich-Rechtlichen noch ein weiteres Feature auf, weil das besser ist und die Leute dann zum Beispiel endlich mal begreifen, dass das schon in Ordnung ist mit der mangelhaften Steuerung der Migration?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2024 - Medien

Amerikanische Medien wussten von Joe Bidens Gesundheitszustand und haben nicht darüber berichtet, erzählt Nina Rehfeld in der FAZ - erst jetzt überschlagen sie sich mit Berichterstattung, etwa über den Parkinson-Arzt, der das Weiße Haus in den letzten Monaten achtmal besucht hat. Das ist neu. Noch "als das konservative Wall Street Journal Anfang Juni eine Geschichte veröffentlichte, in der sich zahlreiche Menschen aus Bidens Nähe entsprechend geäußert hatten, war ein Entrüstungssturm in den Medien losgebrochen; nun streut man sich Asche aufs Haupt. 'Machten sich die Medien mitschuldig daran, Bidens Probleme zu verstecken?', fragt etwa CNN."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2024 - Medien

Jan Feddersen unterhält sich für die taz mit dem türkischen Journalisten Nedim Türfent, der sechs Jahre im Gefängnis war, nachdem er über die Misshandlung kurdischer Bauarbeiter durch die Polizei berichtete und der jetzt in Deutschland ist, ebenso wie der andere Gesprächspartner Can Dündar. Das Leben investigativer Journalisten wird nicht leichter, sagen beide, auch nach den Auflagen, die für Julian Assanges Freilassung gemacht wurden. Die Türkei ist erst recht "ein Gefängnis für Journalisten", sagt Dündar. "Ich frage meine deutschen Kollegen oft, ob sie das Risiko eingehen würden, über eine riskante Geschichte zu berichten, wenn sie wüssten, dass die Polizei morgens an ihre Tür klopft, sie auf unbestimmte Zeit inhaftiert, vielleicht sogar foltert. ... Leider ist es in einigen Ländern notwendig, solche Risiken einzugehen, um sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit die Wahrheit erfährt. Pressefreiheit und Demokratie können nicht verteidigt werden, ohne einen Preis zu zahlen."

Die ARD plant massive Einsparungen, auch im Kulturbereich. Gleichzeitig soll das Programm eher auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten, Formate der "Hochkultur" eingeschränkt werden. Alexander Teske schaut sich in der taz an, was die geplanten Neuerungen für Folgen haben könnten: "Ähnlich radikale Auswirkungen wie das finanzielle Kürzen und Umschichten wird die gemeinsame Koordination der ARD auf Programm und Mitarbeiter haben. Derzeit ist es so, dass jede ARD-Anstalt selbst ein Buch oder einen Film bespricht. Künftig soll es ein virtuelles Beitragsregal geben, aus dem sich alle bedienen können. Es soll nur noch eine Besprechung geben. Die ARD verspricht sich Kosteneinsparungen. Voraussetzung dafür wäre eine gute Abstimmung. 'Noch ist es ein großes Rätsel, wie das funktionieren soll', heißt es in den Redaktionen. Der Lyriker Alexandru Bulucz vom PEN Berlin gibt zu bedenken: 'Stellen Sie sich mal vor, die Rezension ist ein Verriss. Jetzt kann man durch die Vielfalt auf ein ausgewogenes Bild hoffen. Später würden alle diesen Verriss senden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2024 - Medien

Der Kölner Stadtanzeiger, einst großes Flaggschiff des DuMont-Verlages, muss zukünftig mit vielen Stellenstreichungen rechnen, schreibt Christian Wernicke in der SZ. Dabei sei vor allem der kaltherzige und wenig wertschätzende Umgang seitens des Managements, vor allem des CEOs Thomas Schultz-Homberg, gegenüber den Journalisten problematisch. "Die Stadt-Anzeiger-Mannschaft hatte nicht nur das Aus für laut eines Briefs des Betriebsrats an die Verleger 13 Mitarbeitende des Magazin-Ressorts erschüttert - der Verlag spricht auf Nachfrage von einem Abbau von sechs Vollzeitstellen. 'Obendrein entsetzt', so ein Augenzeuge, habe 'die schnoddrige Art' von Schultz-Hombergs fünfminütigem Auftritt am 11. April im Großraum der Redaktion. Der 56-Jährige verlas seine Mitteilung vom iPad, während im Publikum Tränen flossen und Zwischenrufe ertönten: 'Ich gehe!', oder 'Erbärmlich!'. Der Manager habe sein Skript 'unbeirrt und unempathisch' vorgetragen und beim Abgang angefügt: 'Für Fragen steht der Chefredakteur zur Verfügung.' Chefredakteur Christian Hümmeler bedauerte - ändern konnte er nichts."

Im Tagesspiegel-Interview mit Lena Schneider warnt der Schriftsteller Marc-Uwe Kling, der vor Kurzem "Views" veröffentlicht hat, vor den Gefahren von Massenmedien und fordert deren Regulierung. "Eigentlich müsste die Regierung einfach sagen: Okay, das sind Massenmedien und wir müssen sie regulieren. Wenn man sich mal anguckt, was allein Putins Propaganda-Netzwerk an Falschmeldungen auf der ganzen Welt ausspielt - und sich dann klarmacht, dass das ungefiltert hier auf dem größten Massenmedium laufen darf! Stellen Sie sich vor, was hier los wäre, wenn die ARD oder RTL Beiträge, die von Putins Propagandaleuten vorproduziert sind, einfach ausspielen würden. Das wäre ein Riesenskandal. Aber es passiert im Internet tagtäglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2024 - Medien

Allzu viel Interesse hat die Meldung nicht ausgelöst: Die UN korrigierte Angaben, nach denen in Gaza eine Hungersnot drohe - die in Gaza ankommende Nahrungsmenge steige im Gegenteil stetig an. Miriam Dagan kritisiert in der taz, dass generell Zahlen der UN von Medien allzu distanzlos wiedergegeben werden: "Wie glaubwürdig sind die UN-Berichte, auf die sich so viele Medien, Menschenrechtsorganisationen und Politiker stützen? Diese Frage bewegt scheinbar kaum jemanden. Die Zahlen der Toten in Gaza, die in UN-Berichten genannt werden, beinhalten auch Hamas-Kämpfer - doch selten wird das differenziert dargestellt. Bei der Nennung israelischer Opferzahlen werden tote Soldaten hingegen nicht dazugezählt. Vielerorts werden UN-Berichte als unbestreitbar zuverlässige Quelle ohne Überprüfung aufgeführt und UN-Experten bedenkenlos zitiert."
Stichwörter: Hamas, Hungersnot

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2024 - Medien

Die UN wird immer wieder gern als höchste Weltautorität zitiert. Aber es lohnt sich schon, bei ihren Berichten genauer hinzugucken, meint in der taz die israelisch-deutsche Journalistin Miriam Dagan: "Eklatantes Beispiel: die UN-Sonderbeauftragte für die palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese. 2014 sprach sie auf einer Veranstaltung von einer 'jüdischen Lobby, welche die USA in Schach hält'. Auch das Massaker vom 7. Oktober rechtfertigte sie - wofür sie scharfe Kritik erntete. Es handelt sich dabei keineswegs um Einzelfälle, sondern um ein besonders schwerwiegendes Beispiel dafür, dass die UN, ihre Beobachter, Mitarbeiter und Berichte eben nicht den Heiligen Gral der absoluten Unabhängigkeit repräsentieren. Und oft sind sie von den nationalen Interessen ihrer 193 Mitglieder geprägt, von denen im Jahr 2023 laut dem jährlichen Demokratieindex des Economist lediglich 24 als 'vollständige Demokratien' eingestuft wurden. Israel war 2023 übrigens auf der Liste an 30. Stelle, gleich nach den USA und vor Portugal."

Die Sächsische Zeitung (SZ) wird von der Madsack-Gruppe aufgekauft und mit der Leipziger Volkszeitung (LVZ) fusioniert, schreibt Nina Monecke auf Zeit Online. Das stößt auf erhebliche Kritik, vor allem in Anbetracht der anstehenden Landtagswahlen. "Zwar betonen die LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa und die SZ-Chefredakteurin Annette Binninger die möglichen Vorteile dieser Zusammenlegungspläne. Sie sagen, beide Titel würden so zur 'wichtigsten publizistischen Stimme aus Ostdeutschland'. Das mag sein. Aber man kann schon fragen, ob es nicht gerade in solch politisch heiklen Zeiten auch einen gut vernetzten und vor Ort anerkannten Lokaljournalismus braucht? Madsack nämlich will zudem bei den Lokalausgaben sparen. Statt bisher 17 soll es bald nur noch elf von ihnen geben." Die Fusion geht auch mit einem Stellenabbau einher. "Neben den von Madsack kommunizierten 30 Stellen sind laut Schanz noch 22 weitere betroffen, die nicht nachbesetzt werden. Dabei handelt es sich um Kolleginnen und Kollegen in Altersteilzeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2024 - Medien

In der SZ ist die Regisseurin Angela Richter glücklich, dass ihr guter Freund Julian Assange frei ist, aber dafür zahlen wir alle einen Preis, meint sie: "Julian Assange und Chelsea Manning wurden strafrechtlich verfolgt, die Kriegsverbrecher nicht. Der Elefant im Raum bleibt im Dunkeln. Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit der US-Regierung und des gesamten freien Westens in ihrem Eintreten für Pressefreiheit und Menschenrechte. Der frühere UN-Sonderbeauftragte für Folter, Nils Melzer, hat es einmal so beschrieben: Assange hat mit seinen Enthüllungen den Elefanten im Raum ins Scheinwerferlicht gerückt: Kriegsverbrechen des Westens, Gräueltaten der doch eigentlich 'Guten'. Dann wurde der Scheinwerfer auf ihn gerichtet, und plötzlich waren alle mit Assanges Charakterfehlern beschäftigt."

Jacques Schuster wirft der "Tagesschau" in der Welt vor, kaum über den Angriff der Hisbollah auf Israel zu berichten: "Auf diese Weise verzerrt sie die Wirklichkeit. Sollte Israel sich am Ende zu einem umfassenden Gegenangriff entschließen, wird sie dann voll einsteigen, und zwar so, dass klar ist: Die Schuldigen sitzen in Jerusalem."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2024 - Medien

Auch für Arte brechen ungemütliche Zeiten an, denn die 149 Millionen Euro Etat (Stand 2022) kommen zur Hälfte von französischer Seite, allerdings nicht mehr durch eine Rundfunkabgabe, stattdessen stammt der Anteil "übergangsweise aus der Mehrwertsteuer und wird in Einzelverträgen vom Staat selbst über mehrere Jahre hinweg mit den Sendern vereinbart", weiß Claudia Tieschky in der SZ. Aber wie lange noch? "Der nächste contrat d'objectifs et de moyens für Arte France soll Ende dieses Jahres für die Zeit ab 2025 verabschiedet werden, teilt Arte auf Anfrage mit. Parallel dazu müsse von der Politik entschieden werden, welche Form der Finanzierung die Rundfunkabgabe dauerhaft ersetzen soll. Die Übergangslösung mit der Mehrwertsteuer gelte nur bis Jahresende, heißt es aus Straßburg. 'Angesichts der politischen Situation in Frankreich wird sich erst in den nächsten Wochen klären, wie eine neue Regelung aussehen könnte.'"

Katrin Vernau, WDR-Verwaltungsdirektorin und ehemalige Interimsintendantin des RBB, ist zur neuen Intendantin des WDR gewählt worden, im Tagesspiegel scheint Joachim Huber auch mit Blick auf Vernaus Verdienste beim RBB zufrieden: "Die Interims-Chefin hatte die Zweiländeranstalt wieder in die Spur zurückgebracht. Sie klärte intern auf, beendete das teure Bauprojekt Digitales Medienhaus, stärkte die Innenrevision, legte die drohende Millionenlücke offen und schob einen 49-Millionen-Euro-Sparplan samt Stellenabbau an. Sie legte in den Landtagen von Brandenburg und Berlin Rechenschaft ab. Sie kündigte Geschäftsleitungsmitgliedern. All das brachte ihr Respekt ein. Nach knapp einem Jahr wollte Vernau den RBB trotzdem wieder verlassen, das gelang ihr, wenn auch unter kommunikativen Verrenkungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2024 - Medien

Das Bild von einem melancholisch aus dem Flugzeugfenster blickenden Julian Assange, der in seine Heimat Australien zurückkehrt, ging schnell um die Welt - der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff analysiert es in Zeit Online genauer. Vor allem die Darstellung der Verfolgung Assanges findet er fragwürdig: "Die Bildinszenierungen von WikiLeaks unterscheiden sich kaum von jenen visuellen Praktiken, die mittlerweile in Querdenker- und verschwörungsideologischen Szenen gebräuchlich sind: Freien Menschen wird von einer aus dem Dunklen kommenden Hand, von einer übermächtigen Instanz, der Mund zugehalten. Diese Ähnlichkeit der Bildsprachen verdeutlicht, dass auch die aktivistische Bewegung um Assange in der Gefahr steht, einen gefahrvollen, hinter den Kulissen agierenden Machtapparat zu imaginieren. Damit drohte und droht die Bewegung im Kampf um Aufmerksamkeit preiszugeben, was ursprüngliches Ziel des Whistleblowing war: das Veröffentlichen von Quellen, ohne diese einer die Rezeption prägenden Wertung zu unterziehen. WikiLeaks langfristiges Ziel war gerade nicht der Kampf gegen bestimmte Mächte, sondern: die Wahrnehmung zu schärfen und das politische Bewusstsein zu konkretisieren."

In der NZZ wirft Thomas Ribi Assange Russlandnähe und das Nicht-Einhalten von ethischen und journalistischen Grundsätzen bei seiner Arbeit vor: "Assange war bereit, Daten zu Afghanistan und zum Irak zu veröffentlichen, auch wenn sie als 'Todeslisten' von Regierungsgegnern gelesen werden konnten. Er publizierte die Files der US Army ungefiltert und kommentarlos. Ob die Veröffentlichung relevant war oder nicht, spielte für ihn keine Rolle. Damit verstieß er nicht nur gegen die journalistische Ethik und alle Sorgfaltspflichten, sondern leistete auch das nicht, was die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten ausmacht: Fakten einzuordnen, Geschehnisse zu erklären, und darzulegen, welche Folgen Ereignisse haben könnten."
Stichwörter: Assange, Julian, Irak