9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2020 - Medien

Die Chefredaktionen deutscher Medien sind von der Herkunft her doch recht homogen, konstatiert Erica Zingher in der taz, die eine Studie zum Thema vorstellt. "Das Ergebnis ist ernüchternd: Von 126 befragten Chefredakteur*innen sind 118 Deutsche ohne Migrationshintergrund. 'Sie sind eine homogene Enklave', heißt es. Lediglich 6 Prozent der Chefredakteur*innen haben also einen Migrationshintergrund. Besonders diskriminierte Gruppen seien hier überhaupt nicht vertreten, 'kein Chefredakteur und keine Chefredakteurin, der oder die Schwarz ist, aus einer muslimisch geprägten Familie oder einer der größten Einwanderergruppen (türkisch, polnisch, russischsprachig) stammt'." Mehr zur Studie hier.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2020 - Medien

Auf staatliche Anordnung musste nun der größte Sender der Philippinen, ABS-CBS, seinen Betrieb einstellen, meldet Arne Perras in der SZ. Präsident Rodrigo Duterte hatte sich schon lange auf den Sender eingeschossen, schreibt er: "ABS-CBN wagte es, schonungslos über die Menschenjagden und Exzesse des sogenannten 'Anti-Drogen-Krieges' zu berichten, den Duterte nach seinem Wahlsieg 2016 befohlen hatte. Zehntausende fielen den blutigen Razzien zum Opfer, fast ausschließlich in den Elendsvierteln. Dutertes Zorn aber richtet sich nicht alleine gegen ABS-CBN. Das Lager des Präsidenten setzt stark auf Trollarmeen in den sozialen Medien, um Kritiker einzuschüchtern. Wer die autokratischen Tendenzen des Staatschefs anprangert, muss damit rechnen, mit juristischen Verfahren überzogen zu werden."

Weiteres: Ebenfalls in der SZ berichten Nadia Pantel und Nicolas Richter von der Anzeige der WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke, die dem ehemaligen französischen Präsidenten Valery Giscard d'Estaing sexuelle Belästigung vorwirft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2020 - Medien

Der Medienforscher Leonhard Dobusch ist Mitglied im ZDF-Fernsehrat, worüber er häufiger in Netzpolitik berichtete. Nun resümiert er seine erste Periode im Rat und beklagt - zum wiederholten Mal - die mangelnde Transparenz: "Zwar wird regelmäßig betont, dass sich nur ein sehr kleiner Teil der Öffentlichkeit wirklich für die Arbeit des Fernsehrats interessiert, gleichzeitig wird es auch dieser interessierten Öffentlichkeit sehr schwer gemacht, diese Arbeit zu verfolgen und nachzuvollziehen. Selbst die per Gesetz öffentlichen Plenumssitzungen sind im Zeitalter allgegenwärtiger Livestreams nur 'präsenzöffentlich'. Aber selbst wer sich nach Mainz zur Sitzung begibt, hat Probleme, den Diskussionen zu folgen. Denn Diskussionsgrundlagen sind zum überwiegenden Teil wiederum vertraulich und bleiben das auch nach der Sitzung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2020 - Medien

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen blickt im Interview mit Oliver Mark vom Standard mit Sorge auf die Anzeigenkrise der Zeitungen, die trotz des hohen aktuellen Publikumszuspruchs leiden: "Eigentlich braucht es, wenn die Anzeigenfinanzierung schwächer wird oder ausfällt, einen neuen Pakt zwischen dem Journalismus und einem medienmächtig gewordenen Publikum, der anerkennt: Seriös recherchierte Information ist in einer liberalen Demokratie das, was sauberes Wasser für den Menschen ist - eine Lebensnotwendigkeit. Das heißt, im Letzten geht es um einen Bewusstseinswandel, einen Wechsel von der digitalen Gesellschaft der Gegenwart hin zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2020 - Medien

Ebenfalls in der Jüdischen Allgemeinen zeigt sich Tom Uhlig abgestoßen von den Sottisen der Unterhalterin Lisa Eckhart, die scheinheilig frage, ob #MeToo antisemitisch sei, weil die Vorwürfe vor allem Juden träfen - Polanski, Allen, Weinstein, Epstein. Anstatt die Frage ernsthaft zu Ende zu denken, flöte sie in ihrer Nummer launig: "Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht's wirklich nicht ums Geld, denen geht's um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld."

Wie alle anderen Medien auch leidet die NZZ unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise, Anfang April musste der Verlag Kurzarbeitergeld beantragen. Aber wie kann das Unternehmen dann Dividenden ausschütten, fragt Johannes Ritter in der FAZ: "Bei den Mitarbeitern in der Redaktion in Zürich kommt das gar nicht gut an. 'Für unsere Zeitung ist das ein Armutszeugnis. Wir hätten darauf bestehen sollen, uns ohne Hilfen durchzuboxen', sagt ein Redakteur, der namentlich nicht genannt werden will. Der Journalist sieht die Glaubwürdigkeit des Blattes beschädigt: 'Wir können doch nicht gegen Staatsbeteiligungen und Subventionen wettern und dann selbst die Hand aufhalten.'"

In der taz unterhält sich Georg Sturm mit Chefredakteurin Ines Schwerdtner über den neuen deutschen Ableger des linken Jacobin Magazins, über Helden und Utopien: "Im Kern geht es um eine menschliche Gesellschaft. Alles was dagegen steht, müssen wir anprangern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2020 - Medien

Es scheint ja in der einen oder andern Form auf die Subventionierung von Printmedien hinauszulaufen. Sebastian Turner, Herausgeber des Tagesspiegel, plädiert in Spiegel online verständlicher Weise für eine Förderung des Lokaljournalismus, der in Deutschland Demokratie an der Basis garantieren helfe. Eine bloße Förderung der Zustellung von Papierzeitungen erscheint ihm aber als "merkwürdige Strukturkonservierung". Ihm wäre es lieber, wenn der Staat Arbeitnehmern einen Gutschein gibt: "Ein interessantes Instrument, das den Lokaljournalismus stärken könnte, ohne Staats- und Parteivertretern dem Verdacht auszusetzen, sie wollten und könnten Einfluss nehmen, ist der Arbeitnehmergutschein, im Finanzjuristendeutsch der 'steuerfreie Sachbezug für Arbeitnehmer'." Dieses Instrument gebe es bereits: "Bis zu 44 Euro kann ein Arbeitgeber jeden Monat als Gutschein steuer- und abgabenfrei drauflegen, damit seine Beschäftigten ins Fitnesstudio gehen oder Waren einkaufen."

Zur Krise der Lokalzeitungen informiert auch Erica Zingher in der taz. Wer sonst konfrontiert die Lokalpolitik mit knallharten Fragen wie: "In einer Krise wie dieser interessiert das Unmittelbare besonders: Wie viele Infizierte gibt es in meiner Stadt, in meinem Landkreis? Was ist erlaubt? Welche Anlaufstellen gibt es in meiner Umgebung?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2020 - Medien

Ganz bitter kritisiert die Washington-Post-Kolumnistin Margaret Sullivan, dass sich die großen amerikanischen Medien nach wie vor nicht aus dem Bann Donald Trumps lösen können. Immer noch übertragen sie seine Pressekonferenzen zu Corona Tag für Tag live und bieten ihm im Wahlkampf eine permanente Bühne. Großartige Recherchen, die die Medien gleichzeitig bringen, fallen unter die Aufmerksamkeitsschwelle: "Eines Tages werden wir verstehen, wie die Presse zu diesem Schlamassel beigetragen hat - so wie wir jetzt auf die Berichterstattung im Vorfeld des Irak-Krieges zurückblicken können und deutlich die Sünden sehen, die damals vom Großteil des Big Journalism begangen wurden: der beschämende Mangel an Skepsis, die törichte Gewährung von Anonymität für trügerische und eigennützige Quellen. Wenn wir diese Distanz haben, werden wir wohl einen Kandidaten und Präsidenten erblicken, der sich der Medien wie ein Puppenspieler bediente und gleichzeitig das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Presse als demokratische Institution zutiefst beschädigte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Medien

Russland hat die Krise im Griff, während Deutschland und andere Staaten, Frankreich oder Israel etwa, zu "dystopischen" und "repressiven" Maßnahmen greifen - so lauten die Meldungen, die Russland über RT Deutsch und Sputnik verbreiten lässt, berichtet die Osteuropa-Historikerin Susanne Spahn im Tagesspiegel: "In Deutschland will die russische Führung ihren Einfluss ausdehnen. RT Deutsch hat aktuell bei Facebook 469000 Abonnenten, Sputnik 238000. RT Deutsch hat damit das deutsche Portal der Deutschen Welle mit 450000 Abonnenten überholt. Doch auch der englisch-, spanisch- und arabischsprachige Dienst von RT wird in Deutschland konsumiert. RT international in englischer Sprache ist bei fast jedem Kabel-Anbieter im Paket. Neben Deutschland gehört die EU zu den Lieblingszielen der Kreml-Sprachrohre RT und Sputnik."

Apropos repressive Maßnahmen: Auch die Redaktion des liberalen russischen Wirtschaftsmagazins Wedomosti kämpft um ihre Unabhängigkeit, seit sie von dem kremlfreundlichen Chefredakteur Andrej Schmarow geleitet wird, meldet Clara Lipkowski in der SZ: "Er habe mündlich mit Kündigung gedroht, sollten Autoren Meinungsumfragen zitieren, die das angesehene unabhängige russische Forschungsinstitut Lewada herausgibt, sagt Bolezkaja. Wer negativ über die Verfassungsreform von Präsident Wladimir Putin berichtet, dem drohe ebenfalls der Rauswurf. Der Online-Zeitung Meduza zufolge, soll Schmarow auf Anordnung der Präsidialverwaltung handeln."

Außerdem: In der FAZ erklärt Michael Hanfeld, warum er fürchtet, dass die EU den deutschen Medienstaatsvertrag kippt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Medien

Nun ist es also so weit. Oliver Berben berichtet bei Meedia über intensive Diskussionen in Brüssel und Berlin über Subvention von Medien (die Zeitungen gaben sich bei diesem Thema bis vor kurzem noch jungfräulicher als der Papst). Und nun ist nur noch die Frage, wie: Ein Medienfonds? Die Verleger wollen aber - vielleicht auch um andere Medien draußen zu halten - lieber mehr Geld für die Zustellung von Papierzeitungen: "Schon vor der Krise beklagten Verlage gestiegene Kosten, weil die meisten Zeitschriften per Post verschickt werden. 'Wir müssen schnell an einem runden Tisch klären, was jeder zu einer einvernehmlichen und dauerhaft tragbaren Lösung in der Zustellung beitragen kann', sagte der VDZ-Vizepräsident und Sprecher der Publikumszeitschriften, Philipp Welte. An dem Gipfel sollten sich aus VDZ-Sicht Entscheidungsträger aus Politik, Post und Verlagen beteiligen." Schon jetzt wird die Zustellung von Zeitungen mit 40 Millionen Euro jährlich subventioniert. Und schon vor der Krise forderten Zeitungen eine Verzehnfachung dieser Summe (unser Resümee).

Wie das mit Mediensubventionierung funktioniert, erzählt Andreas Mihm in der FAZ am Beispiel Österreichs: "Die Medien erhalten als einzige Wirtschaftsbranche eine Sonderförderung. Denn die hätten, sagte Fleischmann der Zeitung Der Standard dieser Tage, 'ihre staatspolitische Verantwortung ganz herausragend wahrgenommen'. Reine Online-Medien gehören offenbar nicht dazu, denn auf sie regnet nichts von den rund dreißig Millionen Euro Corona-Sonderförderung herab." In Österreich profitieren im übrigen vor allem die Sebastian Kurz so gewogenen Boulevardzeitungen, auch von den üppigen Anzeigenetats der Regierung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2020 - Medien

Und so funktioniert die freie Presse in Österreich. Die Boulevardzeitungen hängen an den Lippen des Kanzlers Sebastian Kurz, erzählt Ralf Leonhard in der taz: "Kurz und seine Regierung danken die Hofberichterstattung mit einem Füllhorn an Sonderförderungen. Aus dem mit 12,1 Millionen Euro dotierten Coronatopf für Printmedien bekommt die Krone mit 2,72 Millionen den üppigsten Happen, gefolgt von den nicht minder Kurz-hörigen Gratisblättern Österreich und Heute (1,81 bzw. 1,82 Millionen). Die Qualitätsblätter wie Der Standard, Die Presse oder Salzburger Nachrichten werden mit je um die 500.000 Euro abgespeist." Hinzukommen dann noch die Inserate der Regierung (wäre interessant, hier auch in Deutschland mal nachzuzählen).