"Gibt es vielleicht gute Gründe dafür, dass unter Politikerinnen und Politikern mit Einfluss, unter deutschen Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern von Weltrang so wenige sind, die die
Rolle des Krisenerklärers auf sich nehmen wollen?",
fragt der Psychiater
Jan Kablitzer mit Blick auf die Debatte um
Christian Drosten und die
Bild (
Unser Resümee) auf
Zeit Online: "In den USA lässt sich im Großen beobachten, was man in Deutschland bisher vor allem in sozialen Medien und bei einigen Demonstranten sieht: welche Narrative die Oberhand gewinnen, wenn eine ausgewogene, differenzierte
Geschichte der Krise fehlt. Dann setzt sich ein Narrativ der Krise als '
wir gegen die anderen' durch, bei dem schnell aus vermeidbaren Schwerkranken und Toten unvermeidbare Opfer gemacht werden, tragische Helden wider Willen im Kampf von Gut gegen Böse."
Drosten ist nebenbei inzwischen auch ein ganz guter
Virtuose der sozialen Medien. Das zeigt seine Reaktion auf die Anfrage der
Bild-Zeitung, sich
gefälligst sofort zu den Vorwürfen zu äußern,
beobachtet Sascha Lobo in seiner
Spiegel-online-Kolumne: "Christian Drosten veröffentlichte die Anfrage des Autors auf Twitter mit der Bemerkung, die
Bild-Zeitung plane eine tendenziöse Berichterstattung und habe zusammenhangslos irgendwelche Zitate zusammengewürfelt.
Bumm,
60.000 Likes inklusive Vorberichterstattung, was wiederum ein Framing des Bild-Artikels gesetzt hat."
Die aktuelle Pandemie zeigt den "Zwiespalt von alltäglichem Wahrnehmen und wissenschaftlichem Erkennen nur in besonders zugespitzter Form", sekundiert Gustav Seibt in der
SZ: "In den Debatten, die sich daran knüpfen, ist immer wieder von
Meinungsfreiheit die Rede. Eine unumstrittene
wissenschaftliche Wahrheit gebe es nicht. Selbst 'Fakten' seien theorieabhängig, sie lassen sich zur Not anders lesen. Und damit wird die wissenschaftliche Diskussion zu einer Art politischem
Meinungsstreit, bei dem jeder Standpunkt seine Berechtigung, sein Recht auf Gehör habe. Dahinter verbirgt sich die berechtigte Wahrnehmung, die Hannah Arendt in ihrer klassischen Abhandlung über 'Politik und Wahrheit' in die Beobachtung brachte: in einer rein politischen Perspektive nehme sich Wahrheit - Vernunftwahrheit, wissenschaftliche Wahrheit - als Konkurrent im Machtkampf aus."
Der Streit wird auch mit anderen Mitteln ausgefochten:
Meedia meldet, dass
die AOK ihre Anzeigenkampagne "Für ein gesünderes Deutschland" von der
Bild abzieht.