9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2020 - Medien

Nachdem der Videoblogger Rezo vor einiger Zeit die "CDU zerstörte", nimmt er sich in einem neuen Video die Presse vor und attackiert vor allem Bild, Welt und FAZ. Wer sich die Stunde ersparen will, kann in Markus Reuters Netzpolitik-Artikel nachlesen, was Rezo sagt: "Im Kapitel 'Falschbehauptungen' hat Rezo die Berichterstattung über sich selbst und damit etwa 400 Artikel analysiert. Er kommt zum Schluss, dass etwa ein Drittel aller Artikel über ihn Falschbehauptungen enthalte - Spitzenreiter ist dabei die FAZ, bei der er in zwei Dritteln der Artikel Fehler ausmacht. Die FAZ, deren Innenpolitik-Chef Jasper von Altenbockum und die dünkelhafte Berichterstattung des Blattes über das Phänomen Rezo machen einen guten Teil dieses Kapitels aus."
Stichwörter: Rezo, Netzpolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2020 - Medien

In der Berliner Zeitung berichtet Kai Hinrich Renners, dass Bild-Chef Julian Reichelt mit seinem aggressiven Kampagnenjournalismus, zuletzt gegen den Virologenstar Christian Drosten, auch im Springerkonzern selbst auf Kritik stößt. Friede Springer soll sich auch schon beschwert haben: "Reichelts Vorgänger konnten die großen Stimmungen innerhalb der Gesellschaft erspüren, aufnehmen und virtuos bündeln. Sie wussten, wann sich eine Kampagne lohnte und wann nicht. Dieses Fingerspitzengefühl fehlt dem einstigen Kriegsreporter Reichelt. Er verkämpft sich in Themen, auch in solche, bei denen es für ihn nichts zu gewinnen gibt. Der einstige Bild-Chef Peter Boenisch brachte in den 1960ern große Teile der Gesellschaft gegen die Studentenbewegung auf. Reichelt vermag nur, die Gesellschaft gegen Bild aufzubringen."

Im Spiegel, aber nicht online, schreibt Isabell Hülsen: "Reichelt hat um sich eine kleine, handverlesene Truppe junger Männer versammelt, die den Ton und das Tempo von Bild prägen. Intern kursieren für sie diverse Spitznamen: 'Julians Boygroup', 'Fassbombenkommando' oder 'Reichelts Kindersoldaten'. Wer Twitter nutzt, kennt die Gang. "

Weiteres: Lucien Scherrer geht in der NZZ den Bildern vom Leichentransport in Bergamo nach, mit denen der junge Italiener Emanuele di Terlizzi die Welt in den Corona-Shock versetzte. Sarah Pines greift ebenfalls in der NZZ die Kritik am Starjournalisten Ronan Farrow auf, die vor zwei Wochen in der New York Times aufkam (unser Resümee)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2020 - Medien

"Gibt es vielleicht gute Gründe dafür, dass unter Politikerinnen und Politikern mit Einfluss, unter deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Weltrang so wenige sind, die die Rolle des Krisenerklärers auf sich nehmen wollen?", fragt der Psychiater Jan Kablitzer mit Blick auf die Debatte um Christian Drosten und die Bild (Unser Resümee) auf Zeit Online:  "In den USA lässt sich im Großen beobachten, was man in Deutschland bisher vor allem in sozialen Medien und bei einigen Demonstranten sieht: welche Narrative die Oberhand gewinnen, wenn eine ausgewogene, differenzierte Geschichte der Krise fehlt. Dann setzt sich ein Narrativ der Krise als 'wir gegen die anderen' durch, bei dem schnell aus vermeidbaren Schwerkranken und Toten unvermeidbare Opfer gemacht werden, tragische Helden wider Willen im Kampf von Gut gegen Böse."

Drosten ist nebenbei inzwischen auch ein ganz guter Virtuose der sozialen Medien. Das zeigt seine Reaktion auf die Anfrage der Bild-Zeitung, sich gefälligst sofort zu den Vorwürfen zu äußern, beobachtet Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne: "Christian Drosten veröffentlichte die Anfrage des Autors auf Twitter mit der Bemerkung, die Bild-Zeitung plane eine tendenziöse Berichterstattung und habe zusammenhangslos irgendwelche Zitate zusammengewürfelt. Bumm, 60.000 Likes inklusive Vorberichterstattung, was wiederum ein Framing des Bild-Artikels gesetzt hat."
 
Die aktuelle Pandemie zeigt den "Zwiespalt von alltäglichem Wahrnehmen und wissenschaftlichem Erkennen nur in besonders zugespitzter Form", sekundiert Gustav Seibt in der SZ: "In den Debatten, die sich daran knüpfen, ist immer wieder von Meinungsfreiheit die Rede. Eine unumstrittene wissenschaftliche Wahrheit gebe es nicht. Selbst 'Fakten' seien theorieabhängig, sie lassen sich zur Not anders lesen. Und damit wird die wissenschaftliche Diskussion zu einer Art politischem Meinungsstreit, bei dem jeder Standpunkt seine Berechtigung, sein Recht auf Gehör habe. Dahinter verbirgt sich die berechtigte Wahrnehmung, die Hannah Arendt in ihrer klassischen Abhandlung über 'Politik und Wahrheit' in die Beobachtung brachte: in einer rein politischen Perspektive nehme sich Wahrheit - Vernunftwahrheit, wissenschaftliche Wahrheit - als Konkurrent im Machtkampf aus."

Der Streit wird auch mit anderen Mitteln ausgefochten: Meedia meldet, dass die AOK ihre Anzeigenkampagne "Für ein gesünderes Deutschland" von der Bild abzieht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Medien

Christian Drosten hat die Kritik der Bild-Zeitung an seiner Corona-Studie ziemlich lässig gekontert. Auf Zeit online ärgert sich Corinna Schöps dennoch über die lieben Kollegen: Es sei "ein Irrsinn, was die Bild-Zeitung dem Virologen Drosten vorwirft: Eine kleine Studie seines Teams von Ende April - in der nebenbei eine kleine virologische Facette untersucht wurde - sei Schuld daran, dass die Kitas und Schulen geschlossen worden seien. Was sie übrigens seit März sind. So wird ein Wissenschaftler in seiner fachlichen Kompetenz und in seiner Redlichkeit diskreditiert, um Wissenschaft selbst zu diskreditieren. Was die Bild dazu inhaltlich zusammenträgt, ist in dieser Verkürzung und Interpretation nicht richtig." Die Bild legt heute nach.

Was Bild und der Redakteur Filipp Piatov da machen, ist nebenbei auch schlechter Boulevardjournalismus, schreibt Georg Streiter, selbst dreißig Jahre bei der Bild, auf Facebook: Denn "wenn Herr Piatov auch nur einen Hauch Ahnung hätte vom Boulevard-Journalismus, dann wüsste er: Was in der Schlagzeile steht, sollte auch im Text stehen. Da steht es aber nicht. Da steht nur die von Herrn Piatov selbst aufgeworfene FRAGE: 'Sind unsere Schulen und Kitas dicht, weil Drosten sich verrechnet hat?' Fragezeichen! Im Ernst?"
Stichwörter: Drosten, Christian, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2020 - Medien

Der Medienwissenschaftler Felix Simon stellt in der NZZ die üblichen Diagnosen über die Krise der Informationsökonomie (und verbreitet das nicht tot zu kriegende Märchen, dass die Zeitungen irgendwann mal ihre Inhalte kostenfrei angeboten und damit die Büchse der Pandora geöffnet hätten). Insgesamt sieht er aber Hoffnung auf bescheidenem Niveau, wobei es kein "One Size Fits all" geben werde: "Was für die New York Times funktionieren mag, tut dies nicht zwingendermaßen für die NZZ. Ein Modell, das der taz das Überleben sichert, wird sich vermutlich nicht als die richtige Lösung für die Offenbach-Post erweisen. Stattdessen wird das Erfolgsrezept aus einer jeweils individuellen Mischung verschiedener Zutaten bestehen."
Stichwörter: Zeitungskrise, Medienwandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2020 - Medien

Peter Weissenburger greift in der taz die New-York-Times-Recherche von Ben Smith über die großen Enthüllungen Ronan Farrows auf (unser Resümee). Smith wirft Farrow zwar nicht falsche, aber tendenziöse Berichterstattung vor und spricht von "Resistance Journalism", der etwa bei #MeToo von den Empörungswellen in den sozialen Medien getrieben sei. Weissenburger ist nur halb einverstanden: "Diese Kritik an der allzu glatten Geschichte, am Vernachlässigen 'störender Details' ist selbstverständlich essenziell. Journalistische Texte müssen endlich aufhören, schön und süffig sein zu wollen, wo sie für die Leser eine Zumutung sein müssten. Gleichzeitig spricht aus der Diagnose des 'resistance journalism' eine ultraliberale Fantasie. Denn was genau sollte investigativer Journalismus denn sonst sein, wenn nicht Widerstand - gegen die Vertuschung und Beschönigung der Wahrheit?"

Über den neuen Rundfunkstaatsvertrag wird derzeit noch diskutiert, weiß Anika Blatz in der SZ. Nicht alle Länder stimmen aktuell der Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 86 Cent zu, aber auch die Coronakrise verzögert eine Einigung, schreibt sie: "Zunehmend wird debattiert, ob der Bevölkerung jetzt eine Erhöhung zumutbar ist. Zwar seien die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Erträge aus Rundfunkbeiträgen derzeit noch nicht absehbar, sagt Christian Gärtner, Sprecher des Beitragsservice, doch es ist davon auszugehen, dass die Arbeitslosigkeit und damit Befreiungen zunehmen. Zudem können manche Unternehmen rückwirkend eine Freistellung von der Beitragspflicht beantragen. Auch deswegen wird es mutmaßlich zu hohen Einbußen kommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2020 - Medien

Wer heute als freischwebender Intellektueller im Homeoffice vor die Kamera tritt oder ins Radio spricht, sollte besser technisch aufrüsten, empfiehlt der Schweizer Journalist Anton Schaller in der NZZ. Diese Gespräche von zu Hause werden immer häufiger, trotzdem möchte man guten Ton und ein gutes Bild. "Die Einrichtung einer eigenen Aufnahmeecke, eines eigenen 'Senders', ist nicht mehr so weit von der Realität entfernt, will sich der Politiker, will sich die Expertin, der Wissenschafter, die Künstlerin öffentlich vernehmen lassen. Sie tragen dann auch zur Kostenreduktion bei den Sendern bei. Und wir Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen einen Blick in die Intimsphäre der Interviewten geschenkt. Leider ist die Qualität oft noch ganz miserabel. Aber das wird sich ändern, wie das bei einem Übergang zu einer neuen Technologie schon immer der Fall war."

Außerdem: Rudolf Balmer berichtet, dass die französische Zeitung Libération in einer der zahlreichen Volten in ihrer Geschichte nun zu einer Stiftung umgebaut wird.
Stichwörter: Liberation, Homeoffice

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2020 - Medien

Ist Ronan Farrow zu gut um wahr zu sein?, fragt Ben Smith, der neue Medienkolumnist der New York Times, und spürt einigen Widersprüchen des Starreporters nach, der für die Konkurrenz beim New Yorker arbeitet. Farrow sei kein Fabulierer, beeilt sich Smith in seiner langen Recherche gleich zu versichern, kein Relotius also, aber eine neue Art parteiischer Reporter, der sich die Dinge manchmal allzu dramaturgisch passend zurechtlegt. Vor allem die Behauptungen über Verschwörungen gegen Farrow selbst, die er auch in seinem Buch vorbringt, halten für Smith einem Factchecking nicht stand. Weder mag Smith recht glauben, dass Harvey Weinstein NBC unter Druck setzte, um die Geschichte zu verhindern, noch dass Hillary Clinton Farrows Recherchen torpedieren wollte. Und er schließt: "Wir leben in einer Ära der Verschwörungstheorien und gefährlicher Fake News - viele von Präsident Trump vorangetrieben, andere aber von seinen Feinden gehypt -, die gewöhnliche Amerikaner dazu verleitet haben, inbrünstig an wilde und unbegründete Theorien zu glauben und Beweise für das Gegenteil mit aller Härte zurückzuweisen. Der beste Journalismus versucht, die begründbare Version der Wahrheit einzufangen, mit Klarheit und Bescheidung in das, was wir nicht wissen. Stattdessen erzählte uns Mr. Farrow, was wir über die Art und Weise, wie Macht funktioniert, glauben wollten, und jetzt, so scheint es, tun er und sein PR-Team nicht einmal mehr so, als wüssten sie, ob es wahr ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Medien

Es ist immer wieder erstaunlich, wo die öffentlich-rechtlichen Sender sparen, wenn sie sparen müssen. Beim NDR, der in den kommenden fünf Jahren 300 Millionen Euro einsparen muss, sind es genau die Inhalte, für die die Sender da sind, wenn man dem Bericht René Martens' in der taz glaubt. Vom "Bücherjournal" war gestern die Rede (unser Resümee). Aber es sind auch andere Informationssendungen betroffen: "Die Redaktionen müssen jetzt mit viel weniger Geld sehr viel mehr machen: ihr Onlineangebot verbessern und die lineare Sendung am Leben enthalten. (Das Medienmagazin) 'Zapp' etwa muss dabei mit einem Drittel weniger auskommen. Das Auslandsmagazin 'Weltbilder' büßt nach taz-Informationen sogar mehr als die Hälfte des Jahresetats ein, der bisher im mittleren sechsstelligen Bereich liegt. Das ist ohnehin mickrig; die durchschnittlichen Produktionskosten eines einzigen 'Tatorts' reichen für drei Jahre 'Weltbilder'." Das Jahresbudget des NDR ist nicht so einfach zu finden - hier eine Seite des Senders Zahlen und Daten. Was sie Abschaffung des "Bücherjournals" angeht, so hat Intendant Joachim Kunth laut Börsenblatt tröstende Worte gefunden.

Auch der Spiegel muss im Zeichen der Coronakrise 20 Millionen Euro einsparen, meldet Gregory Lipinski bei Meedia.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2020 - Medien

Wegen der Coronakrise brechen bei vielen Medien die Werbeeinnahmen ein. Das Online-Magazin Buzzfeed hat vor einigen Wochen schon seinen deutschen Ableger geschlossen, nun folgen die britische und australische Filiale, berichtet Nils Jacobsen bei Meedia: "Einige Mitarbeiter wolle das 14 Jahre alte Medienunternehmen, das einst mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet wurde, trotzdem behalten und die News-Angebote künftig in beiden englischsprachigen Ländern auf eine globalere Zielgruppe zuschneiden."
Stichwörter: Buzzfeed, Coronakrise