Efeu - Die Kulturrundschau

Polemischer Groove

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13.06.2020. Domus stellt den mit 29 Jahren verstorbenen chinesischen Fotografen Ren Hang vor, der seine Landsleute mit Aktbildern provozierte. Die SZ erfreut sich an einem nackten Jesus von Max Klinger. Die FAZ steht staunend vor Alfred Hrdlickas "Nackte Frauen tanzen vor Adolf Hitler" von 1975. Die taz stürzt sich mit der ugandisch-britischen Band Nihiloxica in ein kataklystisches Inferno. Die Welt erklärt, warum Verlegen viel mit Zocken zu tun hat. Der Tagesspiegel sitzt auf der Stuhlkante vor Spike Lees Film "Da 5 Bloods" über schwarze, weiße und vietnamesische Veteranen des Vietnamkriegs.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2020 finden Sie hier

Film

Verbürgte Tatsachen: Spike Lees "Da 5 Bloods" (Netflix)

Schwarze Amerikaner fanden sich gemessen am Anteil ihrer Bevölkerung übermäßig stark in den Reihen der Vietnamsoldaten wieder. Jetzt hat Spike Lee mit "Da 5 Bloods" einen Netflix-Film über eine Gruppe schwarzer Veteranen gedreht, die nach Vietnam zurückkehrt (mehr dazu bereits hier). Ursprünglich als Film über weiße Soldaten geplant, hat Lee das Projekt "um die afroamerikanische und die vietnamesische" Perspektive erweitert, schreibt Till Kadritzke im Tagesspiegel: "Im konfliktreichen Verhältnis zwischen den beiden unterdrückten Gruppen baut sich eine ähnlich gewaltgeladene Spannung auf wie in Lees Brooklyn-Klassiker 'Do the Right Thing'." Wer sich in Sachen Rassismus und schwarzer US-Geschichte noch immer dumm stellt, dem könnte "ein Film, der sie spüren lässt, was sie nicht hören und lesen wollen, ebenso helfen, wie es die Kämpfenden ermutigen kann", sagt Dietmar Dath in der FAZ. Und das hier "ist so ein Film - mit schwenkstabilen emotionalen Blickrichtungswechseln, verbürgten Tatsachen, genialem Künstlerzugriff, rhythmischem Raffinement, allseitiger Freiheit zu Fahrt und Zoom durch gesellschaftliche Gewaltlandschaften und polemischem Groove".

Nachdem ein amerikanischer Streamingdienst "Vom Winde verweht" kurzzeitig offline genommen hat, um ihm historisch einordnendes Begleitmaterial zur Seite zu stellen, haben auch andere Anbieter vereinzelt Filme und TV-Episoden vom Netz genommen. "Filmhistorisch hat ohnehin weniges für das - liberale - weiße Publikum einen so hohen Feelgood-Faktor wie Filme über harmonische Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß", kommentiert dazu Sonja Zekri in der SZ. "Während von New York bis Los Angeles die Vorstädte brennen, streamt das weiße Amerika das Sechzigerjahre-Südstaaten-Drama 'The Help' aus dem Jahr 2011: Sympathische junge Weiße sind voller Verständnis für die Nöte der Schwarzen."

In Britannien hat die BBC inzwischen die beliebte Serie "Little Britain" aus dem Programm genommen. Auch "The Germans", eine berühmte Episode von John Cleeses Sitcom "Fawlty Towers", wurde aus dem Programm genommen, berichtet der Daily Mail, weil das N-Wort darin auftaucht. Cleese versteht die Welt nicht mehr: "Cleese schlug heute gegen die BBC zurück, weil sie versuche, 'ein paar Leute zu beruhigen, wenn sie sich aufregen', anstatt sich zu behaupten, 'wie sie es vor 30 oder 40 Jahren getan hätte'. Er bezog auch Stellung in der hitzigen Debatte über das Niederreißen von Statuen, die mit dem Sklavenhandel in Verbindung stehen, nachdem Edward Colston am Wochenende in Bristol von Demonstranten niedergerissen worden war. Er postete auf Twitter: 'Ich bin sehr verwirrt über das Umstürzen von Statuen... Die Griechen, deren Zivilisation im Westen seit langem bewundert wird, glaubten, dass in der Antike eine kultivierte Gesellschaft nur möglich war, wenn sie auf Sklaverei basierte. Sollten wir also die Statuen von Sokrates und Aristoteles loswerden?'" (Die Episode soll jetzt wieder ausgestrahlt werden, allerdings mit "extra guidance and warnings to the front of programmes to highlight potentially offensive content and language", so der Daily Mail.

Don't mention the war!



Um ähnliche Fragen geht es auch in dem taz-Gespräch, das Jenni Zylka mit dem deutschen Filmemacher Ilker Çatak geführt hat. Diversität als bloß abgehakte Pflichterfüllung findet er falsch: Zwar findet er solche Bemühungen "prinzipiell gut. Aber es muss auch Sinn machen, denn wenn nur wegen der Diversität unglaubwürdige Konstellationen oder Figuren geschaffen werden, geht das meist nach hinten los. Das klingt vielleicht kontraproduktiv, aber ich bin ja auch Zuschauer, und denke dann: Aha, das ist also der Alibitürke oder die Alibiafrodeutsche - und das soll ja nicht sein! ... Das lässt sich vermeiden, wenn die Figuren eine Tiefe haben, wenn sie wahrhaftige Charaktere sind, nicht nur Bauernfiguren in einem Schachspiel."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte berichtet in der FR von seinen Entdeckungen beim in diesem Jahr online stattfindenden Nippon Connection Festival - insbesondere Ryutaro Ninomiyas "Minori, on the Brink", der ihn an die Filme von Hong Sang-soo erinnert, legt er uns ans Herz. In seinem Blog begibt sich Lukas Gedziorowski auf die Suche nach der "Twilight Zone". Besprochen wird Štěpán Altrichters gleichnamige Verfilmung von Jaroslav Rudiš' Roman "Nationalstraße" (SZ).
Archiv: Film

Bühne

Im Standard porträtiert Helmut Ploebst die Performancekünstlerin und Choreografin Maria Hassabi. Was TheaterautorInnen jetzt schreiben - davon erzählen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Podcast, den die nachtkritik regelmäßig zusammen mit dlf Kultur auf die Beine stellt. Die nachtkritik streamt noch heute bis 18 Uhr Karin Henkels Hamburger Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkman". Hier der gesamte Online-Spielplan.

Besprochen werden Janne Tellers Sinnsuche-Drama "Nichts. Was im Leben wichtig ist" im Jugendtheater im Stadtpark Hamburg (taz), Johan Simons Inszenierung von von Elias Canettis "Die Befristeten" in Bochum (SZ) sowie zwei Berliner Aufführung: Stefanie Reinspergers Performance "Bussi BaBaal - Einmal Baal to go" im Innenhof des Berliner Ensembles und András Dömötörs Inszenierung von Camus' "Die Pest" auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Ren Hang, Untitled, 2015. Courtesy OstLicht Gallery and Ren Hang Estate


Bei Domus stellt Ginevra Bria den 2017 im Alter von 29 Jahren gestorbenen chinesischen Fotografen Ren Hang vor, dem das Centro Pecci im etwa 20 Kilometer von Florenz entfernten Prato gerade eine Ausstellung widmet: "Nudi". Für Bria ist Hangs Werk vor allem von Dissens gezeichnet: "In China lässt sich der Begriff des Aktes nicht von der Pornografie trennen, und der Akt als Genre ist in der Kunstgeschichte nicht anerkannt. Aus diesem Grund wurden Ren Hangs Fotografien oft zensiert. ... Ren Hang ist vor allem für seine Forschungen über Körper, Identität, Sexualität und die Beziehung zwischen Mensch und Natur bekannt, mit einer neuen Generation von freien und rebellischen chinesischen Jugendlichen als Protagonisten. Gleichzeitig wirkt seine Art, den menschlichen Körper einzufangen, heute politisch: Sie erforscht Identität, Geschlecht, Medienmanipulation und Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Klasse. Für Hang war die Kamera ein Instrument, mit dem Bilder von Nicht-Ereignissen und Kompositionen, die - eher unwahrscheinlich - niemals an einer Museumswand hängen sollten, dokumentiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten. Seine meist nackten Porträtierten erscheinen auf einem Dach zwischen den Wolkenkratzern Pekings, in einem Wald aus hohen Bäumen ... ihre Gliedmaßen in unnatürliche Posen gebogen."

Versetzte die Gläubigen in Wut: Ausschnitt aus Max Klingers "Kreuzigung", 1890


SZ-Kritiker Till Briegleb endeckt in einer großen Leipziger Schau einen ganz neuen Max Klinger (1857-1920). Keinen öligen Reaktionär, sondern einen kühnen "Erkunder des Trieblebens und des Unterbewussten", eine "Ouvertüre zum Surrealismus und Sinnstifter des fantastischen Comics", einen "Vorzeichner eines sozialkritischen Realismus wie als Saatbauer des Jugendstils. In dieser sächsischen Kunstquelle schlummert so viel Inspiration, dass es bis heute reicht. Oder sehen nicht viele seiner Szenen-, Wesen- und Motiverfindungen aus wie Entwürfe zu Animationsfilmen oder Sci-Fi- und Fantasy-Blockbustern, nur in enigmatisch?"

Alfred Hrdlicka, "Nackte Frauen tanzen vor Adolf Hitler", 1975  © Albertina Wien


FAZ-Kritiker Stefan Trinks besucht die Albertina Modern in Wien und lernt aus der Eröffnungsschau über "The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980", wie lange die österreichischen Künstler sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigten: "Etwa wenn Alfred Hrdlicka 'noch' 1975 sein Blatt 'Nackte Frauen tanzen vor Adolf Hitler' zeichnet, auf dem erkennbare Gestalten der österreichischen Vergangenheit vor ihrem Landsmann den deutschen Gruß mit pervers gespreizten Ballettelevinnen-Beinen à la Courbets 'Ursprung der Welt' aufführen."

Weitere Artikel: Sebastian Moll wirft für die SZ einen Blick auf die New Yorker Kunstszene, der Corona besonders übel mitgespielt hat. Und jetzt auch noch die Massenproteste gegen Rassismus und Polizeigewalt: "Die Kunstwelt steht schließlich nicht erst seit gestern in der Kritik, Teil des Macht- und Unterdrückungsapparates zu sein, gegen den derzeit die Menschen auf den Straßen Amerikas anrennen. Nun steht das Kunstestablishment erst recht unter Rechtfertigungsdruck."

Besprochen werden Annette Kelms Serie "Die Bücher", eine Erinnerung an die nationalsozialistische Bücherverbrennung im Mai 1933, ausgestellt im Salon Berlin des Museums Frieder Burda (taz) und Johann Karls Fotoprojekt "Die verbotene Stadt", das die Militärgeschichte von Wünsdorf erforscht (taz),
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Literatur

In der Literarischen Welt schreibt Jan Küveler detailliert über die Twitter-Aktion #PublishingPaidMe, bei der schwarze AutorInnen offenlegen, wie hoch oder niedrig ihre Vorschüsse waren und sind, um auf diese Weise mögliche Benachteiligungen transparent zu machen. Die preisgekrönte Fantasyautorin N.K. Jemisin gibt ihm dabei den Hinweis, dass Vorschüsse keineswegs die finalen Bucheinnahmen, sondern lediglich Einschätzungen des späteren Erfolgs darstellen. "Das ist ein wichtiger Punkt, der das Potenzial hat, die Debatte davor zu bewahren, in eine allzu vertraute Mimimi-Richtung abzudriften. ... Den Verlagsmitarbeitern einen grenzwertig rassistischen Bias zu unterstellen, das allein auf ihrer Identität beruhe, verkennt das in der Branche herrschende Maß an Professionalität." Der Verlag "platziert, wie jeder Zocker an der Pferderennbahn, möglichst sichere Wetten".

Seit Jahren schreibt Orhan Pamuk an seinem Buch "Pestnächte", das sich mit der dritten Pest-Pandemie um 1900 befasst. Die Coronakrise hat ihn da ziemlich überrascht, verrät er der Literarischen Welt: "Ich recherchiere sehr intensiv für meine Bücher und habe währenddessen wirklich wertvolle Informationen gefunden. Und all diese wichtigen Informationen stehen jetzt auch in den Zeitungen. All das, was ich mir nur vorgestellt hatte, ist jetzt auch in den Zeitungen zu lesen. Es ist schockierend und verblüffend zugleich, viele fragen mich danach und ich fühlte mich eine Zeit lang schuldig, weil ich all das schon vorher wusste. ... Meine Freunde sagen, dass es tatsächlich etwas Prophetisches hatte."

Weitere Artikel: Im FAZ-Gespräch auf einer ganzen Seite auf der Aufmacherseite des Feuilletons verrät der Verleger Jörg Bong Hannes Hintermeier, wie er mit seinen unter dem Künstlernamen Jean-Luc Bannalec veröffentlichten "Kommissar Dupin"-Krimis ein Millionenpublikum für seine Bücher begeistern konnte. Dlf Kultur bringt ein Literaturfeature von Michael Hillebrecht über rassistische Polizeigewalt in der US-Literatur - unter anderem kommt der Schriftsteller und Publizist Ta-Nehisi Coates zu Wort. Niklas Bender erinnert in der FAZ an den Romanisten Ernst Robert Curtius, der seinerzeit zwischen Deutschland und Frankreich vermittelte.

Besprochen werden unter anderem Zora Neale Hurstons "Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven" (Jungle World), John O'Connells "Bowies Bücher - Literatur, die sein Leben veränderte" (taz), Anna Katharina Hahns "Aus und davon" (taz), neue Gedichtbände von Wulf Kirsten, Tom Schulz und Gerhard Falkner (Freitag), Franz Hohlers Gedichtband "Fahrplanmässiger Aufenthalt" (NZZ), Juli Zehs "Fragen zu Corpus Delicti" (SZ), Georges Perros' "Klebebilder" (Literarische Welt) und Nick Hornbys "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" (FAZ).
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Musik

Nächste Woche erscheint "Rough and Rowdy Ways", das neue Album von Bob Dylan, das Jan Wiele für die FAZ bereits vorab bespricht. Der Titel legt nahe, dass Dylan final den Cowboy in sich entdeckt hat, und vielleicht hat dieses Album, "das, vorweg gesagt, großartig ist, sogar gewisse parodistische Züge. Aber im Großen und Ganzen scheint es Dylan sehr ernst zu sein mit der elegischen Rückschau", die sich musikalisch entsprechend vielfältig präsentiert: Ist Dylan also gar der "Harold Bloom der Popmusik?"

In seiner Besprechung von "Kaloli", dem Debütalbum der ugandisch-britischen Band Nihiloxica redet tazler Lars Fleischmann gar nicht erst lange um den heißen Brei: Diese Platte lockt mit einem "kataklystischen Inferno" und "ist so überwältigend originell und unverhofft grandios, dass ein Schwärmen im Übermaß erlaubt sein muss. ...  Diese 50 Minuten ungezügelter musikalischer Freiheit und Innovationslust klingen wirklich einzigartig." Diese Reise für die Ohren geht durch "einen Sumpf aus Schutt und Geröll, aus Dreck und Kadavern gezogen, in dessen Mitte sich über die Jahre ein musikalisches Deliquententum entwickeln konnte, das seinesgleichen sucht." Eine weitere Besprechung bringt The Quietus. Und selbstredend wollen wir da mal reinhören:



Weiteres: Für die taz plaudert Thomas Winkler mit dem Berliner Musiker Chris Imler. Besprochen werden das neue Album von Run the Jewels (FAZ, NZZ) und der Briefwechsel zwischen John Cage und Merce Cunningham (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Dylan, Bob, Nihiloxica