Efeu - Die Kulturrundschau

Eine eigene Zone lyrischer Magie

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27.06.2020. Kirill Serebrennikow ist in Russland zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der Tagesspiegel erklärt die Unterschiede zwischen sowjetischer und putinscher Zensur. Welche Rolle spielen Hautfarbe und Herkunft in der Popmusik, fragt die FAZ. Monopol begegnet bei Deana Lawson in Basel den KönigInnen der afrikanischen Diaspora. In taz und Standard spricht Christian Petzold über Männerfantasien. Die taz blickt außerdem ins Werk von Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert. Und die SZ tanzt zu Thai-Funk des texanischen Trios Khruangbin.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2020 finden Sie hier

Bühne

Ein Gericht in Moskau hat den russischen Theaterregisseur Kirill Serebrennikow zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, zudem wurde ihm verboten, weiter als Theaterdirektor zu arbeiten. Der Regisseur und seine Kollegen seien schuldig, "einen Betrug in besonders großem Ausmaß" begangen zu haben, melden die Zeitungen. Im Tagesspiegel kommentiert Frank Herold: "Der Fall Serebrennikow macht die Unterschiede zwischen sowjetischer und putinscher Zensur sichtbar. Die sowjetische war brachial und berechenbar. Ideologiesekretäre der Partei und die Kulturbürokratie zogen Grenzen und gingen nach Regeln vor. Die Kulturbürokratie zu überlisten, war die intellektuelle Herausforderung für die Künstler. List ist jedoch kein Mittel gegen die aktuelle Zensur, weil die auf den ersten Blick nicht über ideologische Grundsätze funktioniert. Die gibt es aber doch, sie werden nur subtiler in Anschlag gebracht. Die Methode ist Verunsicherung, ihre effektiven Werkzeuge - wie sich jetzt erneut herausstellt - sind Finanz- und Strafverfolgungsbehörden. Gleichzeitig wirkt der immer stärker werdende konservativ-autoritäre Diskurs, der nicht nur auf eine verbale, sondern auf eine tatsächliche Verbannung aus der Mehrheitsgesellschaft zielt."

Es gab zahlreiche Solidaritätsbekundungen für Serebrennikow. In der Berliner Zeitung berichten Susanne Lenz und Stefan Scholl: " 'Ich bin erleichtert', sagte Thomas Ostermeier, der Intendant der Schaubühne, am Freitag. Erleichtert, dass Kirill Serebrennikow nicht ins Lager müsse. Doch das Urteil sei auch perfide. Die russische Justiz wahre ihr Gesicht, denn dieses Urteil könne man nicht als Terrorurteil bezeichnen. Gleichzeitig sende es ein Signal an alle Kulturschaffenden und Andersdenkenden: 'Passt auf, was ihr sagt, was ihr macht.' Um die 1,6 Millionen Euro aufzutreiben, die Serebrennikow nun bezahlen soll, habe sein Theater noch am Freitag eine Crowdfunding-Plattform eingerichtet."

Ein paar echte Perlen entdeckt Patrick Wildermann im Tagesspiegel beim digitalen "Postwest"-Festival an der Volksbühne, das Stücke aus Südosteuropa zeigt. Etwa die Arbeit "Date an Eastern European" vom Budapester Kollektiv Stereo Akt: "Die spielt in kurzen Café-Clips mit wechselnden Protagonistinnen allerlei Projektionen und Zuschreibungen durch, die sich mal mehr, mal weniger offen zu erkennen geben. Da bleibt die Kamera etwa auf dem Performer László Göndör ruhen, während eine Stimme aus dem Off fragt: 'Sieht so ein typischer Osteuropäer aus?' - und kurz noch daran erinnert, dass Ungarn bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein veritabler Schmelztiegel der Kulturen war. Wovon man heute gerade in Regierungskreisen ja nichts mehr wissen will."

Weiteres: Die nachtkritik veröffentlicht ein bisher unbekanntes Feuilleton von Alfred Kerr aus dem Jahr 1901, in dem der Theaterkritiker über den Tod der Kaiserin Viktoria und die im Zuge dessen verhängte Landestrauer schreibt. Theatervorstellungen und Konzerte durften nicht stattfinden: "Grade die Künstler sind aber durch den Tod der Herrscherin in einen Leidenszustand versetzt worden, der nicht nur die Gefühle der Trauer um die Heimgegangene enthält. Es mischt sich leider die private Sorge hinein; denn in Folge der angeordneten Landestrauer sind zehntausend Musiker, Schauspieler, Sänger und wer sonst diesen Berufen nahesteht, zu Geldverlusten, wenn nicht zum Verlust der Existenz gebracht worden." Christoph Nix, seit 14 Jahren Intendant am Theater Konstanz, wird neuer künstlerischer Leiter der Tiroler Volksschauspiele, meldet die NZZ.

Besprochen wird Kathrin Hentschels Inszenierung von Matthieu Delaportes und Alexander de La Patellieres "Der Vorname" am Theater Baden Baden (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Kunst

Foto: Deana Lawson, Chief, 2019

Die Bilder zur weltweiten "Black Lives Matter"-Bewegung entdeckt Xymna Engel im monopol-Magazin in der Ausstellung "Centropy" in der Kunsthalle Basel, in der die afroamerikanische Künstlerin Deana Lawson fotografische Porträts von Menschen aus der afrikanischen Diaspora zeigt. Sie "nennt die Menschen auf ihren Bildern 'vertriebene Könige und Königinnen der Diaspora'. In Brasilien, Äthiopien, Jamaika und den USA hat sie afrikanische Communities besucht, hat Menschen auf der Strasse angesprochen, sie in ihren Wohnungen fotografiert, oft nackt. Zum Beispiel Daenare. Die schwangere Frau liegt auf einer Steintreppe ohne Geländer. Ihr Blick ist direkt in die Kamera gerichtet, das florale Muster der Bodenplatten setzt sich in ihrem Tattoo fort. Lawson inszeniert ihre Protagonistin im Gemäldeformat wie eine der klassischen Nackten in der Kunstgeschichte. Doch ein Detail ist unübersehbar: die Fußfessel. Was für ein gewaltiges Bild."

Bild: Hilma af Klint, The Swan, No. 1, 1915 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk Photo: Albin Dahlström/Moderna Museet

Jede der ganz und gar nicht mehr seltenen Hilma-af-Klint-Ausstellungen fördert etwas neues über die spät entdeckte Künstlerin zutage, schreibt Thomas Steinfeld in der SZ, der sich im Moderna Museet in Malmö allerdings etwas mehr Distanz zu af Klints Spiritismus gewünscht hätte. Einen Vorteil aus dem "Mangel an kritischem Abstand" erkennt er dann aber doch: "Er sorgt dafür, dass der Spiritismus jener Zeit nicht nur als Irrationalismus und Weltflucht erscheint. (…) Jener Spiritismus war keine Abkehr von Naturwissenschaft und Technik, sondern eine Hinwendung, ein großer, im Grunde experimentell angelegter Versuch, sich das Übersinnliche zu erschließen, so wie man es vorher, in Gestalt von Physik und Chemie, im Sinnlichen getan hatte.Warum sollte es nicht möglich sein, mit den Toten zu reden, wenn man mit einem Menschen auf der anderen Seite des Atlantiks sprechen konnte wie mit einem direkten Gegenüber?"

Weiteres: Im großen NZZ-Interview mit Edith Arnold spricht die japanische Cyber-Künstlerin Mariko Mori über die Isolation, ihre Inspiration und Zukunftspläne. Als erstes Westmuseum widmet das Hannoveraner Sprengel-Museum dem DDR-Fotografen Christian Borchert eine Retrospektive, weiß Bettina Maria Brosowsky in der taz, für die Borchert eher ein "leiser, skeptischer Chronist" des DDR-Alltags war. In der taz empfiehlt Brigitte Werneburg einen Rundgang durch den von Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel eröffneten Skulpturenpark auf Schloss Schwante.

Besprochen wird die Ausstellung "Zärtlichkeit" im Rohrkunstbau im Schloss Lieberose ("Vergänglichkeit und Melancholie treffen auf die Feier des Zärtlichen und Schönen", schreibt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung, weitere Besprechung in der taz), die Ausstellung "stick.t.me" in der panke.gallery in Wedding (taz) und die Austellung "Raffael - Macht der Bilder. Die Tapisserien und ihre Wirkung" in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister (FAZ).
Archiv: Kunst