Zwei Tage vor der
Wiedereröffnung von Notre Dame widmet sich die
Zeit auf drei Seiten im Aufmacher des Feuilletons der gotischen Kathedrale. Hanno von Rauterberg versucht ihr Geheimnis zu ergründen - und findet eine Antwort beim damaligen Bauleiter
Abt Suger, der beim Neubau der Kathedrale von St. Denis, einer der Gründungsbauten der Gotik, ganz auf
Geometrie setzte: "Erst mit den Mitteln der
Mathematik, davon waren Suger und seine Mitstreiter überzeugt, lässt sich erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ganz gleich, wie zufällig und chaotisch uns das Leben vorkommt,
es gibt hinter allem einen Plan. Und der lässt sich nicht nur theologisch, sondern auch mathematisch ergründen und modellhaft nachbilden - mit den Formen der gotischen Kathedralen. Wer immer sie betritt, spürt etwas von dieser Rationalität: das ungeheure Gleichmaß, den strengen Rhythmus der Säulen, die unmissverständliche Ordnung der Bögen, Rippen und Gewölbe. Und erstaunlicherweise wirkt nichts daran erzwungen. Eher ist es so, als hätten die architektonischen Glieder aus freien Stücken entschieden, hier zusammenzufinden, sich zu ergänzen und zu stützen in schönster Anteilnahme."
Der Wiederaufbau orientierte sich vor allem an dem französischen Architekten
Eugène Viollet-
le-
Duc, der Notre Dame 1844 renovierte,
erinnert Hubertus Adam in der
NZZ: "Restauration, so schrieb Viollet-le-Duc 1866, bedeute nicht, ein Gebäude instand zu halten, zu reparieren oder zu erneuern. 'Vielmehr bedeutet es, es in einem vollständigen Zustand wiederherzustellen, den es möglicherweise noch nicht gab.' Mit anderen Worten: Viollet-le-Duc baute mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts
gotischer,
als die Gotik es vermochte." So galt auch heute: "Zurück zur Gotik, zurück zu Viollet-le-Duc. Die Gewölbe wurden wiederhergestellt mit dem Kalkstein aus dem Département Val-d'Oise, den schon Viollet-le-Duc genutzt hatte, da die ursprünglichen Pariser Vorkommen ausgebeutet waren. Für den Dachstuhl und die Konstruktion des Vierungsturms kamen
2000 Eichenstämme zum Einsatz - Holz von ungefähr 60 Jahre alten Bäumen, so wie man es nach heutiger Erkenntnis schon vor 800 Jahren verwendet hat." Bei aller Kritik, für den schnellen Wiederaufbau gebührt
Macron Ehre,
meint Daniel Steinvorth ebenfalls in der
NZZ.
Wie es im Inneren aussehen wird, wissen bisher nur die zahlreichen Bauarbeiter und Archäologen und wenige exklusive Gäste, weiß Gero von Randow in der
Zeit. Ein paar Fotos kursieren aber doch und lassen erkennen: "Die Kathedrale wird
sehr ungewohnt aussehen. Nicht nur die Brandflecken, sondern die gesamte Patina der Jahrhunderte, die das Gotteshaus so düster erscheinen ließen, sind einem
lichten Farbenspiel gewichen. Der blonde Kalkstein des Pariser Beckens leuchtet wieder, die hinreißenden Wandmalereien und Verzierungen, vor dem Brand noch von schwarzbraunen Schichten bedeckt, erstrahlen in knallbunten Farben. 'Das wird für viele Besucher
ein ästhetischer Schock', sagt
Maryvonne de Saint Pulgent, deren 2023 erschienenes Buch La Gloire de Notre-Dame schon jetzt als Standardwerk gilt. Auch die Bilder und anderen Kunstschätze, von den Zeiten eingetrübt, aber überraschend wenig vom Feuer oder Ruß beschädigt, konnten wieder aufgefrischt werden."