"Derzeit ersteht eine ganze Reihe
öffentlicher Bau-
und Kunstwerke der DDR-Moderne auf: die
Hyparschale in Magdeburg, die Dresdner
robotron-Kantine, das Pressehaus in Berlin, dessen
Fassadenfries von DDR-Staatskünstler Willi Neubert nach dreißig Jahren hinter Werbetafeln wieder freigelegt wurde, und so weiter"
notiert in der
taz Sophie Jung, der dieses plötzliche Interesse
nicht ganz geheuer ist: "An welcher Stelle ist man gerade gesellschaftlich in Sachen Auferstehung der DDR-Moderne? Kippt ihre späte Anerkennung vielleicht in eine Nostalgie um, vergisst man mit dem zeitlichen Abstand, dass diese Bauten auch Produkte eines repressiven,
indoktrinären Staats waren? Denn das vermeintlich sachliche Bauen der Moderne ließ sich immer wieder in den Dienst von Ideologien stellen. Das zeigt auch die Figur von
Ernst Neufert, dem Bauhäusler, der bei Albert Speer arbeitete und 1936 mit der Erstveröffentlichung der Bauentwurfslehre einen bis in die heutige Architektur weltweit reichenden Normenkatalog erstellte. Ein echter Rationalisierer. Jetzt, während 35 Jahre Mauerfall gefeiert werden, zeigt die in der DDR aufgewachsene Künstlerin
Andrea Pichl in der
Nationalgalerie Hamburger Bahnhof seine sogenannten
Behelfsheime, kleine, einfache
Wohnhäuser zum Selberbauen für Luftkriegsbetroffene in NS-Deutschland. Ihr Anleitungstext von
1944 ist reine Blut-und-Boden-Ideologie: 'Mittlerweile wird sich der Baugedanke und Bauwille immer mehr ausfüllen, weil er uns
im Blute liegt', heißt es zu Neuferts Architektur. Technisch und ästhetisch unterscheidet sie sich kaum von jenen
Laubenhäuschen, die sich DDR-Bürger in ihren Wochenendgarten stellten, noch heute sieht man sie vielerorts."