Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2024 - Bühne

Im Mai 2025 wird Mavie Hörbiger die Hauptrolle in Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater", das sich kritisch mit Östereichs NS-Vergangenheit auseinandersetzt und in Österreich 45 Jahre lang gesperrt war, spielen. Bereits jetzt initiierte sie unter anderem mit Jelinek und Regisseur Milo Rau einen Aufruf gegen die FPÖ (unser Resümee). "Die Bereitschaft, Rechtspopulisten oder auch Rechtsextreme zu wählen, war, anders als in Deutschland, in Österreich schon vor Jahrzehnten wieder - oder noch - groß. Es gibt den schönen Satz von Friedrich Hebbel: 'Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält', sagt sie im SZ-Gespräch, in dem sie dennoch darauf hinweist, "dass wir uns seit Kriegsende noch nie in einer solchen Situation wie jetzt befunden haben: Früher waren es Drohungen, jetzt könnte jemand wie FPÖ-Chef Herbert Kickl, der die Salzburger Festspiele eine 'Inzuchtpartie' genannt hat, an die Regierung kommen. Deshalb gibt es diese Woche eine weitere Initiative von 79 Künstlern und Intellektuellen unter dem Motto 'Ein Versprechen für die Republik'. Wir fordern darin alle Parteien auf, die Verfassung zu schützen - und nicht mit der FPÖ zu koalieren."

Besprochen wird ein Auftritt der Musiktheatergruppe glanz&krawall im Zirkuszelt von Cabuwazi in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2024 - Bühne

Im Mai 2025 wird Elfriede Jelineks "Burgtheater" erstmals zur Aufführung kommen, inszeniert von Milo Rau. Bereits jetzt initiieren Rau und Jelinek gemeinsam mit Mavie Hörbiger, Birgit Minichmayr, Caroline Peters und Claus Philipp einen - von der nachtkritik dokumentierten - Aufruf gegen die FPÖ, deren drohender Wahlsieg katastrophale Folgen haben könnte: "Die Freiheitliche Partei und ihr 'Volkskanzler' fordern einen sofortigen Stopp der 'staatlichen Zwangsabgaben' (sprich Subventionen) für 'woke events' wie den European Song Contest und die Wiener Festwochen - nur ein besonders absurder Punkt in einem Wahlprogramm, das unter dem auf Joseph Goebbels' 'Festung Europa' anspielendem Titel 'Festung Österreich' die Umwandlung der Republik Österreich in eine Art Ständestaat 2.0 fordert mit autoritärer Regierung und radikal-nationalistischer 'Österreich zuerst'-Ideologie." Auch die Berliner Zeitung berichtet.

Das Kunstfest Weimar will die Demokratie retten und bespaßt doch nur die eigene Bubble, ärgert sich Welt-Autor Jakob Hayner. Er blickt auf entsprechende Interventionen Schorsch Kameruns und Max Czolleks und kommt zum Schluss: "Bei Veranstaltungen wie dieser, die sich der künstlerischen Demokratieförderung verschreiben, kommt man ins Zweifeln, ob sich die hiesige Kulturblase unter dem Schlagwort Demokratie überhaupt noch etwas anderes als ein ästhetisches Phänomen vorstellen kann (ein politisches beispielsweise, das auch Gesellschaftsbereiche ohne Premierenfeiern betrifft). Kein Wunder, dass immer so penetrant-infantil die Buntheit beschworen wird. So singt auch Kamerun ein KI-Liedchen über 'die buntesten Farben'."

Weitere Artikel: In Berlin protestiert die freie Szene gegen Kürzungen, weiß Katrin Bettina Müller in der taz. Jakob Hayner fragt sich in der Welt, ob Theater ihre Namensrechte bald an Unternehmen verscherbeln werden. Michael Wolf spricht auf nachtkritik mit dem Dramatiker Wolfram Lotz über das Theater der Zukunft. Christian Meixner freut sich im Tagesspiegel über Theateraufführungen auf dem Schöneberger Bürgerplatz.

Besprochen wird Wajdi Mouawads Monolog "Im Herzen tickt eine Bombe, der im TF Berlin zur Aufführung kommt (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2024 - Bühne

"Macbeth" am Staatstheater Darmstadt © Nils Heck

Gemordet wird in Mizgin Bilmens Inszenierung von Shakespeares "Macbeth" am Staatstheater Darmstadt erfreulich wenig, findet Nachtkritiker Michael Laages. Die doch zahlreichen Gemetzel überlässt die Regisseurin lieber der Fantasie des Publikum: "Stattdessen wird in den wuchtigen Raum-Visionen von Sabine Mäder vorgeführt, wie fundamental die Welt insgesamt aus den Fugen ist - erst hebt sich der Bühnenboden in die Höhe und erweist sich an der Unterseite als Spiegel, mit dessen Hilfe wir, das Publikum, hinab schauen können in die Höllen der immerzu feuerähnlich in Orange ausgeleuchteten Unterwelt. Ganze Flächen und monumentale Segmente der großen Darmstädter Bühne werden hinauf und hinab gefahren, und dabei zerbricht auch die Tafel des Festmahls zur Königskrönung." Das sind "starke Bilder und prägende Momente" - Laages ist zufrieden.

In der FR sieht Judith von Sternburg die Aufführung kritischer. So überdreht kommt ihr das Ganze am Anfang daher, dass sie sich fragt, ob es sich nicht um eine "Parodie auf das Regietheater" handelt. Dann wird es aber besser: "Mit einer ernsten Ansprache Banquos wendet sich das Blatt. Es wird weit weniger gekreischt, Lady Macbeth sitzt auch mal still und spricht mit einer 'Puppe', die sie aus ihrem Königinnenmantel geformt hat, Macbeth, Niklas Herzberg, scheint mittlerweile resigniert, ist schon ein geschlagener Mann. Die Tafel, an der die Macbeths feiern wollten, bricht und bröselt wie ein Eisberg, stürzt in Zeitlupe in die Grube."

Außerdem: Im Nachtkritik-Interview mit Michael Wolf, erklärt der Dramatiker Wolfram Lotz seine sehr abstrakte Vision von einem "dialogischen" Theater der Zukunft.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2024 - Bühne

"Ein Ermordeter aus Warschau" beim Kunstfest Weimar © Candy Welz

Diese Inszenierung kennt keine Gnade - Nachtkritiker Georg Kasch ist hin- und hergerissen von Sven Holms Inszenierung "Ein Ermordeter aus Warschau" beim Kunstfest Weimar. Die Variation von Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau", einem Stück für für Sprecher, Männerchor und Orchester, geht auf das Konto von Max Czollek und Komponist Michael Wertmüller und sie fällt ein vernichtendes Urteil über die deutsche Erinnerungskultur: "Schon in seinem Buch 'Desintegriert Euch!' lautete die These, dass das deutsche 'Gedächtnistheater' um die Schoah allein der Entlastung der Deutschen von ihrer historischen Schuld dient. Jetzt treibt er das auf die Spitze, wenn er im Libretto begründet, warum wir uns so gerne mit den Überlebenden auseinandersetzen und nicht mit den Ermordeten (daher auch der Titel): Weil wir die Geschichte der Toten nicht ertragen und weil 'wir doch stets / an das Gute im Menschen glauben'." Das könnte schon alles stark sein, leider wirkt es für Kasch dann doch ein wenig gewollt, außerdem verstehe man den Text bisweilen akustisch nicht.

Weitere Artikel: Michaela Schlagenwerth resümiert in der Berliner Zeitung die alarmierende Lage vom HAU Hebbel am Ufer und anderen Tanzhäusern, deren Etat in der gegenwärtigen Version von Claudia Roths Haushaltsentwurf stark gekürzt wurde. Egbert Tholl teilt in der SZ Eindrücke vom Kunstfest Weimar, wo er unter anderem die multimediale Konzertinstallation "The Weird & The Eerie" von Michael von zur Mühlen mit Thomas Köck und Andreas Spechtl von der Band "Ja, Panik" anschaut und -hört. In der FAZ resümiert Salomé Meier das diesjährige "Züricher Theaterspektakel".

Besprochen werden Peter Atanassows Inszenierung von Goethes "Faust" mit dem Gefängnistheater AufBRUCH auf der Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide (taz), die Solo-Performance "The Voice" von Rita Mazza in den Sophiensälen Berlin und und eine Aufführung von Christos Papadopoulos Tanzstück "Mycelium" vom Ballet de l'opera de Lyon, beides im Rahmen von "Tanz im August" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2024 - Bühne

Sophie Klieeisen unternimmt in der FAZ eine Theaterfahrt durch den Osten. Was, wenn die AfD nach den anstehenden Landtagswahlen in Regierungsverantwortung gerät und ihre kulturpolitischen Vorstellungen umzusetzen beginnt? Besonders in einem Bundesland könnte es problematisch werden: "Anders als in Thüringen, wo Kulturminister Benjamin Hoff die Förderung der Theater in vorauseilender Sorge bis 2030 vertraglich fixiert hat, wird das in Sachsen geltende Kulturraumgesetz, das die Kulturförderung zur kommunalen Pflichtaufgabe erklärt hat, schon 2026 neu evaluiert, zwei Jahre nach einem möglichen Regierungswechsel in Sachsen. Und schon jetzt steht in Paragraph 3 Absatz 5 des sächsischen Kulturraumgesetzes: 'Ein Rechtsanspruch auf Förderung besteht nicht.'" Klieeisen warnt: "Gerade in ostdeutschen Theatern wie Bautzen, Eisenach und Senftenberg bilden Repertoire und Ensemble den gefährdeten Kern nicht mehr nur eines künstlerischen, sondern auch eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Denn was von der Bühne bleibt, wenn sich die Welt um sie herum radikal verändert, ist noch nicht abzusehen."

Rumpel-Pumpel-Theater: Das Hotel Weimar. (C) Candy Welz

Passend dazu besucht Christine Dössel für die SZ eine Vorführung des Rumpel-Pumpel-Theaters, das, im Rahmen des Kunstfests Weimar, das Stück "Das Hotel im Karussell" auf die Bühne bringt. Ein Spaß nur für die Kleinen? Keineswegs: "Aber Kindertheater ist das, was Rumpel-Pumpel macht, nicht. Sondern: aberwitziges, unverschämtes, ungestümes Anarcho-Freilichttheater, so niedrigschwellig wie hochtourig, so unterfordernd wie übertrieben. Vordergründig daherkommend und dann doch auch hintersinnig. Hinterfotzig. Die Schaulust bedienend im Sinn von Jahrmarktsspektakel. Typen, Schmiere, Sensationen. Schmissig, pfiffig, ranschmeißerisch. Kurz: ein tolldreister Spaß." Auch Jakob Hayner in der Welt, Vincent Koch auf nachtkritik und Sophia Zessnik in der taz berichten vom Kunstfest Weimar.

Außerdem: Werner M. Grimmel sieht sich für die FAZ auf den Innsbrucker Festwochen um hat viel Freude mit der Oper "Dido".

Besprochen werden Stefan Kaegis Stück "Spiegelneuronen" in der Produktion von Sasha Waltz & Guests (Tagesspiegel), Lola Arias' Inszenierung des Musicals "The Days Out There"  im Landestheater Niederösterreich (Standard), Philippe Quesnes Performance-Arbeit "Der Garten der Lüste" am Tangente-Festival St. Pölten (Standard) sowie eine "Faust"-Inszenierung des Berliner Gefängnistheaters "aufBruch" (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2024 - Bühne

Maxie Liebschner schaut sich für die taz die gut vernetzte Tanzszene in Dresden an und spricht mit Choreografin Cindy Hammer darüber, was gerade diese Stadt auszeichnet: Sie "beschreibt die zeitgenössische Tanzszene ihrer Stadt als vital und produktiv. Charakteristisch seien zudem die verschiedenen künstlerischen Handschriften und Organisationsstrukturen. Ihre eigene Truppe, die go plastic company, ist gut mit anderen Tanzstilen, Gruppen und Vereinen vernetzt. Das Besondere an Dresden ist eben die gute Vernetzung in der freischaffenden Szene. Hammer spricht über das 'Tanznetz Dresden'. Es biete Training für Profitänzer:innen, Austauschformate und verschaffe Raum für verschiedene Präsentationsformate an Dresdner Spielorten und in Kunsträumen. Dieses Netzwerk ist in dieser Form deutschlandweit wohl einmalig." Dieser Zusammenhalt sei gerade in Zeiten, in denen die AfD die Finanzierung bedroht, wichtig, betont Liebschner noch.

Weiteres: Der Standard blickt auf die anstehende österreichische Theatersaison.

Besprochen wird: "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) auf dem Zürcher Theaterspektakel.
Stichwörter: Tanzszene Dresden, AfD, Taiwan

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2024 - Bühne

Das Dresdner Zentrum der Künste Hellerau ist Teil des Bündnisses Internationale Produktionshäuser, dem laut aktuellem Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 möglicherweise die komplette Finanzierung gestrichen werden soll. Im VAN-Gespräch gibt Intendantin Carena Schlewitt, auch dank einer Petition, die Hoffnung nicht auf, Claudia Roth von der Wichtigkeit der Institution überzeugen zu können. Die Stimmung in der Kulturszene sei auch angesichts des AfD-Erfolgs sorgenvoll, sagt sie: "Es gibt dieses unheimliche Gefühl, dass der Kipp-Punkt unmittelbar bevorstehen könnte."

Für die Zeit führen Christine Lemke-Matwey und Giovanni di Lorenzo ein großes Gespräch mit der Sopranistin Edda Moser über ein Leben auf der Bühne - und Romeo Castelluccis Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen (unser Resümee): "So etwas Verletzendes, Unzumutbares, Schweinisches und Gefälschtes habe ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt. … Erstens, auf Deutsch heißt das Stück Don Juan oder Der Steinerne Gast. So ist es von Mozart konzipiert. Es gab aber in dieser Aufführung gar keinen steinernen Gast, sondern der Don Giovanni wälzt sich am Ende in irgendeinem Dreck … Oder in Mehl oder in was, dabei ist er splitterfasernackt und onaniert - und dann geht er ab. ... Der Dirigent war eine Katastrophe. Alles war viel zu schnell! Darüber gingen sämtliche Feinheiten verloren, weil die Sänger schon froh waren, wenn sie die Kurve kriegten."

Weitere Artikel: Die diesjährigen Goethe-Medaillen gehen an die Kulturmanagerin Iskra Geshoska aus Nordmazedonien, die literarische Übersetzerin Claudia Cabrera aus Mexiko sowie an Carmen Romero Quero, Gründerin des chilenischen Theaterfestivals "Teatro a Mil". Ausgezeichnet werden sie, da ihre "Kulturarbeit Vielstimmigkeit fördere und widerständige Netzwerke schaffe", resümiert Michael Hesse in der FR die Rede der Präsidentin des Goethe-Instituts Carola Lentz. "Alle drei hatten in einer Vorstellungsrunde am Dienstag im Weimarer Nationaltheater ihre Sorge über den Zustand der Welt zum Ausdruck gebracht", so Hesse. In der SZ resümiert Till Briegleb die Preisverleihung.

Besprochen wird Lydia Ziemkes Inszenierung "Das gute nackte Leben 2.0" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2024 - Bühne

Szene aus "Vaca" von Guillermo Calderón beim Kunstfest Weimar © Andreues Eyzaguirre

Recht grotesk klingt, was der chilenische Regisseur Guillermo Calderón mit "Vaca" auf die Bühne des Kunstfests Weimar bringt: Ein junges Paar soll sich um die kranke Kuh einer Freundin kümmern, bald tritt immer mehr Personal mit verschiedenen Interessen an der Kuh auf - das Paar gerät immer tiefer in "einen absurden Strudel von Abhängigkeit und Gewalt", klärt uns in der taz Eva-Christina Meier auf, die in dem Stück ein "dystopisches Gesellschaftsporträt" erkennt. "In einem Gespräch im Anschluss an die Weimarer Premiere ergänzt Guillermo Calderón zu den Protagonisten seines Stücks: 'Ich arbeite viel mit jungen Menschen, gebe Kurse an der Universität. Sie sind nicht an der Zukunft interessiert, weil sie sich die nicht vorstellen können. Die Zukunft ist nur eine Wiederholung des Hier und Jetzt. Es gibt keine Möglichkeit der Veränderung. Es geht also darum, die Idee zu etablieren, dass es nicht notwendig ist, zu träumen oder Hoffnung zu haben, um weiter an Veränderungen zu arbeiten." Dabei gibt es in der Inszenierung durchaus Humor, man versteht ihn nur kaum, ergänzt Nachtkritiker Michael Laages: "Wer sich viel Mühe gibt und den Übertiteln zur spanischsprachigen Aufführung folgt, kann sich über die wirklich phantastisch wirre Fabel freuen; die szenischen Vorgänge halten allerdings nicht Schritt.'"

Weitere Artikel: Nachtkritikerin Barbara Villiger Heilig sendet eine Reportage von ihrer Arbeit als Statistin bei den Salzburger Festspielen. Besprochen wird Marcel Kohlers Inszenierung von Shakespeares "Othello" beim Lausitz-Festival (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2024 - Bühne

Isabelle Huppert als "Bérénice" © Jean Michael Blasco

Preziös ist sie, diese Inszenierung, mitunter schrammt sie auch nur knapp an der "Konzepttheater-Selbstparodie" vorbei, aber das kann Alexander Menden (SZ) gut verschmerzen - bietet ihm Romeo Castellucci bei der Ruhrtriennale in Jean Racines "Bérénice" doch achtzig Minuten lang eine grandiose Isabelle Huppert. Dafür hat Castellucci das Stück zum Monolog umgebaut und alle Sprecherrollen getilgt: "Es bleibt eine isolierte Frauengestalt, die emotionale Extreme zelebriert. ... Diese Figur bleibt bei allem Wehklagen völlig undurchdringlich, ebenso marmorn wie die Alexandriner, aus denen Racines Stück gebaut ist. Egal ob sie raunt, stammelt, ob sie eine aus unerfindlichen Gründen im Bühnenhintergrund auftauchende Waschmaschine entleert oder einen Heizkörper - einziger Wärmespender in der Einsamkeit? - umarmt: Der Abend feiert vor allem die Tatsache, dass hier Isabelle Huppert, die 71-jährige Sphinx der französischen Dramatik, leibhaftig auf der Bühne erscheint." Was Castellucci will, kann auch Nachtkritiker Martin Krumbholz nur ahnen: "Es geht nicht um Seelenkunde, sondern um die Rhetorik des Gefühls und deren Steigerung in die Nähe des Wahnsinns", aber auch er kniet nieder vor Huppert in diesem "sorgsam ausgetüftelten Zeremoniell, das einige Ähnlichkeit mit einem Kult-Vorgang hat."

Bernhard Schlink hat mit "20. Juli" sein erstes Theaterstück verfasst, gefragt wird im Setting einer Abiturfeier vor dem Hintergrund des Aufstiegs einer rechtspopulistischen Partei nach der Legitimität von Gewalt im Kampf gegen Rechts. "Arg pädagogisch" findet taz-Kritiker Jens Fischer das Stück, die Inszenierung von Franz-Joseph Dieken an den Hamburger Kammerspielen kann ihn aber mit "kraftvollen Bildern" überzeugen: "'Wer zu spät schießt, den bestraft das Leben', heißt es im Stück. Muss also beispielsweise ein mit Nazi-Parolen um sich werfender AfDler wie Björn Höcke mit einer Pistole mundtot gemacht werden? Auf der Bühne ist ein sprachmächtig smarter Vertreter der jungen gebildeten Rechten Objekt des Hasses. Rudolf Peters wird die zynische AfD-Jargon-Schleuder genannt. Constantin Moll spielt ihn mit gefährlicher Souveränität und darf in knuddeliger Harmlosigkeit auch noch einen Alt-68er darstellen. Eine äußerst fragwürdige Doppelbesetzung, da sie doch eine Gleichsetzung von rechtem Auf- und linkem Ruhestand nahelegt."

Besprochen werden Marcel Kohlers Inszenierung von Shakespeares Othello beim Lausitz-Festival (Tsp), Guillermo Calderóns Inszenierung "Vaca" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik) und der Auftakt des Zürcher Theaterspektakels, das dem NZZ-Kritiker Ueli Bernays viel zu woke daherkommt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2024 - Bühne

Szene aus "Everything that happenend and would happen." Foto: Konrad Fersterer

Mit Heiner Goebbels Theateressay "Everything That Happened and Would Happen" haben die Salzburger Festspiele zu einem würdigen Abschluss gefunden, findet Egbert Tholl in der SZ. "Seltsam wunderschön" ist diese Aufführung, schwärmt der Kritiker, die sowohl Konzert als auch Installation und Lesung ist. Vorgetragen wird aus Patrik Ouředníks Buch "Europeana", das Tholl so passend findet, als wär es "für diese Aufführung geschrieben" worden: "Ouředníks Verwunderung über die Menschheit, die vor allem Unsinn und Grauen produziert, geht einher mit den immerwährenden Bastelarbeiten der emsigen Sisyphusse auf der Bühne. ... Die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren bezieht sich auf Ouředníks diachronische Geschichtsauffassung, zusammen mit dem Zitatenschatz der Musik entsteht ein Assoziationstableau, das man als Zuschauer annehmen oder auch in Teilen verwerfen kann, es bleibt einem selbst überlassen. Heiner Goebbels sieht den Zuschauer grundsätzlich als autonom denkendes und empfindendes Wesen. Am Ende ist auf der Bühne dann ein Ruinenbild entstanden, sind Felsen donnernd herumgepoltert, ein Abflussrohr steht schräg nach oben, qualmt. Wie eine letzte, vergessene Kanone in einer nun unbelebten Welt."

Weitere Artikel: Berthold Seliger blickt für den ND zurück auf zwei Mozart-Opern und diesjährige Highlights in Salzburg: Robert Carsens Inszenierung von "La clemenza di Tito" und Romeo Castelluccis "Don Giovanni" (den Seliger auf eine "ganz in sich ruhende Weise spektakulär" fand). Im Standard ziehen Ljubiša Tošić und Margarete Affenzeller Bilanz der Festspiele.

Besprochen werden Alexander Klessingers und Mats Süthoffs Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" und Katharina Stolls Adaption von Katja Lewinas Buch "Bock", beides am Theater an der Ruhr in Mülheim (nachtkritik), Julia Prechsls Adaption von F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Heiner Goebbels' Produktion "Everything that Happened and Would Happen" als Abschluss der Salzburger Festspiele (SZ), Kyle Abrahams Choreografie "Cassette Vol. 1"  im Hamburger Kulturcampus Kampnagel (SZ), Marcel Kohlers Shakespeare-Bearbeitung "Othello / Die Fremden" beim Lausitz-Festival (nachtkritik) und Romeo Castelluccis Inszenierung von Jean Racines Stück "Bérénice" bei der Ruhrtriennale (nachtkritik).