Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Berliner Ensemble (SZ, FAZ), Rafael Sanchez Inszenierung von Mike Müllers Stück "GRMPF - eine musikalische Baustelle" am Schauspiel Köln (SZ), Rainer Ewerriens Adaption von Stephen Kings Psychothriller "Misery" am Frankfurter Stalburg-Theater (FR), Julia Röslers Inszenierung von "Hier spricht die Polizei" am Staatstheater Hannover (taz), das Puppenspiel "Mensch, Puppe!" im St.-Petri Dom in Bremen (taz), Jan Bosses Inszenierung von T.C. Boyles Roman "Blue Skies" (nachtkritik) und Michael Thalheimers Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" an der Oper Genf (FAZ).
nachtkritikerin Esther Slevogt ist hingegen zwiegespalten. Castorf hat aus dem Stoff einen Abend über die großen Ideologien des Zwanzigsten Jahrhunderts gemacht: "Die rote Fahne vom Anfang taucht auch immer wieder auf. Mal als bewegte Masse, dann als rotes Tuch, in das Andreas Döhler wie ein wütender Stier immer wieder rennt. Irgendwann hat sich das Tuch über alle Spieler gesenkt, die unter seinem Schutz noch mal von einer besseren Zukunft (und einem besseren Theater) träumen." Viel Schönes dabei, findet Slevogt, zuweilen wirken die verschiedenen Erzählstränge aber doch ziemlich "disparat". Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegel indes ziemlich genervt von diesem Abend.
Außerdem: Die Ballerina Michaela de Prince ist im Alter von 29 Jahren unerwartet verstorben, berichtet Wiebke Hüster in der FAZ. De Prince wurde als Dreijährige von einer amerikanischen Familie aus Sierra Leone adoptiert und verarbeitete ihre Erfahrungen im Buch "Taking Flight. From War Orphan to Star Ballerina". In der SZ schreibt Dorion Weickmann einen Nachruf.
Hier tanzt sie:
Weiteres: In der Welt berichtet Manuel Brug vom "Bayreuth Baroque Opera Festival". Besprochen werden Lola Arias Inszenierung von "Los días afuera" mit Ex-Häftlingen am Gorki Theater Berlin (taz), Ricardo de Paulas Tanzstück "Carne" in den Uferstudios in Berlin (taz), Axel Schneiders Inszenierung von Karsten Dusses Krimi "Das Kind in mir will achtsam morden" am Altonaer Theater in Hamburg (taz), Jette Steckels Inszenierung von Deha Lohers Stück "Frau Yamamoto ist noch da" am Schauspielhaus Zürich und Christoph Marthalers Inszenierung von "Doktor Watzenreuthers Vermächtnis" am Theater Basel (FAZ), David Böschs Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Landestheater Linz (nachtkritik), Rafael Sanchez Inszenierung von Mike Müllers Stück "GRMPF - eine musikalische Baustelle" am Schauspiel Köln (nachtkritik), die Georg Büchner- Version "Dantons Tod und Kants Beitrag. Eine revolutionäre Theatersatire" am Theater Dortmund, inszeniert von Kieran Joel (nachtkritik), Eline Arbos Inszenierung des Musiktheaters "Haugtussa" nach Arne Garborg und Edvard Grieg bei der Ruhrtriennale (FAZ), Michael Webers Inszenierung von "Deutschwald im Herbst" vom Theater Willy-Praml im Frankfurter Stadtwald (FR) und Leonie Böhms Inszenierung von Kafkas "Verwandlung" am Schauspielhaus Zürich (NZZ).
FAS-Kritiker Matthias Dell besucht die Choreografin und Tänzerin Joana Tischkau im Berliner HAU, wo nächste Woche ihr Stück "Ich nehm dir alles weg. Ein Schlagerballett" Premiere hat. Aber warum eigentlich Schlager? Schlager generiert am meisten Umsatz, aber es gibt kaum Kulturkritik, die sich damit beschäftigt", eklärt sie: "Meine Dramaturgin Anta Helena Recke nennt das 'Hasszination' - eine herzhafte Auseinandersetzung mit einer Kultur, der man ambivalent gegenübersteht." Auch Fragen der Identität haben für Tischkau eine wichtige Rolle gespielt: "Die Songs bei uns kommen nur von schwarzen Schlagerstars (...). Also Marie Nejar, Billy Mo, Roberto Blanco, Randolph Rose oder Tina Daute. Aber das verkompliziert sich schnell wieder, weil deren Texte oft von weißen Menschen geschrieben oder übersetzt wurden, das sind häufig deutsche Versionen anderssprachiger Songs."
"Holzfällen" ist der Roman, in dem Thomas Bernhard am schärfsten mit der österreichischen Gesellschaft abgerechnet hat, jetzt bringt ihn Nicholas Ofczarek auf die Burgtheater-Bühne, gemeinsam mit der Musicbanda Franui. Besonders der einstige Bernhard-Förderer Lampersberger fühlte sich in dem Buch verleumdet und rief die Justiz an, die den Roman prompt beschlagnahmte - alles Stoff für Legenden, weiß Ronald Pohl im Standard: "Die Linke lässig aufgestützt, wohnt Ofczarek dem vielbeschworenen 'künstlerischen Abendessen' auf einem einfachen Holzsessel bei. Mit spitzer Zunge bohrt er Löcher in den Text, der aufgeschlagen vor ihm liegt. Ofczarek lässt Erregungsdampf ab. Er betont Einzelsilben, indem er sie aus dem reißenden Fluss von Bernhards Suada herausfischt. (…) In Ofczareks satirischer Bemühung sind rund hundert Jahre Burgtheaterdeutsch in nuce enthalten. Am Gaumen erzeugt er den Nachhall. Töricht ist die Selbstüberschätzung heimischer 'Publikumslieblinge'; rettungslos veraltet ihr Bedürfnis nach Anbetung, ihre unwiderstehliche Geltungssucht."
Weiteres: Jan-Christoph Gockel eröffnet die Theatersaison am Schauspiel Frankfurt mit Goethes "Faust", berichtet die FAS. Der Standardfasst die ersten, durchaus ambivalenten Reaktionen auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Intendant Herbert Föttinger am Theater in der Josefstadt (unser Resümee) zusammen.
Im Standardwerden Vorwürfe des Machtmissbrauchs am Theater in der Josefstadt laut: Der 2026 scheidende Theaterdirektor Herbert Föttinger neige zu Wutausbrüchen und verhindere zudem, dass Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt ergriffen werden können. Die Betroffenen berichten anonym: "Als Regisseur gebe Föttinger alle Schritte und Bewegungen auf der Bühne vor. Wer Aspekte seiner Inszenierung infrage stelle, werde vor dem gesamten Team bloßgestellt. Eine der Produktionen mit Föttinger beschreibt der langjährige Schauspieler 'als die schlimmste, die er je erlebt hat'. Auf ein Feedback von ihm habe der Theaterdirektor einmal lautstark erwidert: 'Du kannst jederzeit gehen, wenn du willst.' Danach habe Föttinger nur gelacht. Demütigungen und Wutausbrüche auf Proben seien jedoch 'ganz normal', resümiert das Ensemble-Mitglied. Gerechtfertigt werde dieses Verhalten damit, dass die Kunst über allem stehe, erklären mehrere Personen aus der Technikabteilung. Das sei ein offenes Geheimnis im Haus." Die Direktion erwidert auf die Vorwürfe, man habe unjüngst einen Verhaltenskodex unterzeichnet - am selben "Tag, an dem der Standard das Theater in der Josefstadt mit den Vorwürfen konfrontiert hat."
Am Berliner Ensemble feiert am Wochenende Frank Castorfs Adaption von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun" Premiere. Im Tagesspiegel-Interview, in dem er ordentlich austeilt, spricht er über Fallada, der im Grunde "zu niedlich, zu murkelig" sei, über Macron, dem er "Größenwahn" gegenüber den Russen vorwirft, über die Volksbühne, die vom inkompeten Senat kaputt gemacht worden sei - und er kommentiert natürlich die Wahlen in Sachsen und Thüringen: "Man hat sich im Westen endlos lustig gemacht über die Sachsen und ihren Dialekt. Ich habe ja auch darüber gelacht. Und wenn du das immer hörst, ihr seid die Idioten, ihr seid lachhaft, dann kommt die Reaktion instinktiv. Wie ein Hund, der beißt. Du wehrst dich und überlegst, wie kann ich am härtesten treffen. Das ist rein animalisch." Er "habe immer gesagt, jetzt wird zusammengeschraubt, was nicht zusammengehört. Ich wurde nie das Gefühl los, dass in der DDR immer alles zu spät kam. In Leipzig gingen sie auf die Straße, als in Polen schon alles durchgekämpft war. So viel zu den Helden."
Weitere Artikel: Im VAN-Magazin plädiert der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas für ein neues Musiktheater, das dem Komponisten mehr und der Regie weniger Spiel einräumt: "Es wächst eine neue Generation von Komponist:innen heran, die mit Videospielen aufgewachsen sind. Ihnen liegt die Musikalität der Bildwechsel und der Lichtrhythmen im Blut. Wenn deren Erfahrungen auf die Opernbühnen losgelassen werden, wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Wenn man sie lässt. Für das Musiktheater der Zukunft muss gelten: Opern werden von komponierenden Menschen geschaffen. Und von inszenierenden Menschen verwirklicht." In der tazporträtiert Katrin Bettina Müller den Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan, der aktuell sein Stück "F. Zawrel - Erbbiologisch und sozial minderwertig" über Friedrich Zawrel, der das nationalsozialistische Programm der Kindereuthanasie überlebte, am Deutschen Theater zeigt.
Besprochen wird Rebekka Kricheldorfs Theaterstück "Die Guten" am Deutschen Theater in Göttingen (taz), Karin Henkels "Hamlet"-Inszenierung am Wiener Burgtheater (Zeit) und Achim Freyers Inszenierung von Verdis "Don Carlos" am Staatstheater Meiningen (VAN)
Eine Open-Air-Ausstellung in der Berliner Kommandantenstraße 57 erinnert elf Tage lang an das Theater des Jüdischen Kulturbundes, das am selben Ort von den den Nationalsozialisten von Deutschen Theatern vertriebenen Juden einige Jahre lang Zuflucht bot. Olga Ellinghaus rekonstruiert die Geschichte des Theaters in der Berliner Zeitung: "Jüdische Kulturschaffende, die nach dem Berufsverbot 1933 von den staatlichen Bühnen entlassen wurden, konnten in dem Verein wieder arbeiten. 'Viele der Menschen jüdischen Glaubens, die vor dem Nationalsozialismus fliehen konnten, sind berühmte Leute geworden. Aber was ist mit den Namenlosen? Den Bühnenarbeitern, dem Beleuchter, der Garderobenfrau? Für sie ist diese Ausstellung', erklärt (Ausstellungsinitiator Klaus) Wichmann. Als die Gestapo 1941 die Schließung veranlasste, wurden die meisten von ihnen direkt, oder über Umwege, nach Auschwitz deportiert."
Wie steht es um die polnische Theaterszene ein Jahr nach der Wahlniederlage der PiS-Regierung? Ziemlich gut, freut sich nachtkritik-Autorin Iwona Uberman. Politische Themen werden zwar derzeit kaum verhandelt, und auch postdramatische Experimente haben einen schweren Stand. Dafür reüssieren zahlreiche Bühnen mit fabelhaften Inszenierungen klassischer polnischer Stoffe: "Eigentlich ist es ein Treppenwitz der Geschichte: Die PiS-Regierung propagierte in den letzten Jahren vehement die polnischen Klassiker. Nennenswerte oder nur passable Inszenierungen entstanden dabei nicht. Kaum sind sie nicht mehr an der Regierung, inszenieren die wichtigsten progressiven Regisseur:innen des Landes nationale Klassik und polnische Themen. Sie machen ihre Aufführungen zu großartigen künstlerischen Erlebnissen."
Außerdem: Lisa Bullerdiek unterhält sich für die taz Nord mit Paolo Artisi, Leonie Friedel und Katharina Schadenhofer, die Teil des Leitungsteams des Hildesheimer Theaterfestivals "Making Space" sind. Judith von Sternburg erinnert in der FR an den am 5. September verstorbenen Theatermacher Peter Eschenberg. Christoph Irrgeher fragt sich im Standard, ob das Management des Wiener Opernhauses bei der Sanierung der Spielstätte irrgegangen ist, respektive versagt hat.
Besprochen werden Kay Voges' "Bullet Time" am Wiener Volkstheater (SZ) und der Dreiakter "Sigmaringer Triptychon" im Schloss Sigmaringen (FAZ).
Den "Säuberungen" in wichtigen slowakischen Kulturinstitutionen durch Kulturministerin Martina Šimkovičová (unsere Resümees) fiel auch Matej Drlička, bis vor kurzem Leiter des Slowakischen Nationaltheaters, zum Opfer. Er habe nicht mal mehr Zugang zu seinen Mails, ersetzt wurde er durch Zuzana Ťapáková, Generaldirektorin des Privatsenders Markíza und Freundin von Šimkovičová, sagt er im taz-Gespräch, in dem er auch auf die angeblichen Gründe seiner Kündigung zu sprechen kommt: "Es ist eine Liste an Nonsens und Lügen, die noch am selben Tag vom Ministerium veröffentlicht wurde. Allen voran, dass ich ein politischer Aktivist sei. Das ist eine glatte Lüge. Ich habe nie meine politischen Ansichten geteilt, weder in Interviews noch in den sozialen Medien. Auch das Theater war nicht politisch gefärbt. Ja, wir hatten auch Einladungen an Oppositionspolitiker ausgesprochen, aber das ist Teil des Protokolls und der guten Manieren", sagt er und verspricht einen "revolutionären Herbst", denn: "Niemand will ein zweites Ungarn, denn dort ist der Kampf bereits verloren."
Ja, das Lausitz Festival kostet: Einem Budget von 4,5 Millionen Euro Subventionen standen letztes Jahr gerade mal 5083 verkaufte Eintrittskarten gegenüber, aber das Geld ist gut investiert, meint Peter Laudenbach in der SZ. Und zwar nicht nur wegen des erstaunlichen Staraufgebots, sondern weil hier einfach gutes Theater gezeigt werde. Antu Romero Nunes' Tokarczuk-Adaption "Empusion" etwa, oder Lukas Rietzschels von großen Theatern abgelehntes Stück "Widerstand", mit dem die Gruppe Theaterland durch Brandenburgs Dörfer tingelt - und das zum "Stück der Stunde" taugt, wie Laudenbach lobt: "Was aus der örtlichen Arbeiterklasse nach drei Jahrzehnten Bundesrepublik geworden ist, kann man dann in der Aufführung sehen: Paketboten für Amazon, Versicherungsvertreter, Polizisten. Gedemütigt und abgehängt fühlen sie sich alle. (…) Irgendwann gehen sie dann zur Tat über und spielen etwas zu unvorsichtig mit rechten Gewaltfantasien. Lukas Rietzschel, ein genauer Beobachter, hat kein AfD-Versteher-Stück geschrieben, aber verstehen, was die Leute so unzufrieden macht, will er schon."
Ebenfalls in der SZ verneigt sich Egbert Tholl vor dem inzwischen 90 Jahre alten Künstler, Bühnenbildner und Regisseur Achim Freyer, der Verdis "Don Carlos" nun auf die Bühne des Staatstheaters Meiningen gebracht hat. Besprochen wird außerdem Robert Wilsons Adaption von Herman Melvilles "Moby Dick" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).
Martin Krumbholz lässt diese "apokalyptische" Version des Stückes frösteln, wie er in der SZ bewundernd schreibt: "Man kann den 'Godot' natürlich als Transzendenz-Drama lesen, das ist Rasche aber zu schlicht. In seiner Lesart, die ein Ereignis darstellt, so großartig ist sie gespielt, streckt uns der pure Faschismus seine Fratze entgegen."
Besprochen werden Robert Wilsons Inszenierung von Herman Melvilles "Moby Dick" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), Cem Kayas Inszenierung der Videovorlesung "Pop, Pein, Paragraphen" am Berliner Gorki-Theater (taz), Psyche Stotts Inszenierung von Morgan Lloyd Malcolms Stück "The Wasp" vom English Theatre Frankfurt (FR), Sandra Cerviks Inszenierung von Ferdinand von Schirachs neuem Stück "Sie sagt. Er sagt" (nachkritik, FAZ), Kay Voges' Inszenierung von Alexander Kerlins Stück "Bullet Time - Die Geburt des Kinos aus dem Geiste eines Mörders" (nachtkritik) und Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik) und Karin Henkels Inszenierung von "Hamlet" am Wiener Burgtheater (FAZ).
Szene aus "Empusion". Foto: Krafft Angerer Antú Romero Nunes hat Olgar Tokarczuks feministische Zauberberg-Parodie "Empusion" in einer Fassung von Lucien Haug auf die Bühne des Lausitz-Festivals gebracht - und Welt-Kritiker Jakob Hayner staunt nicht schlecht: "Die Figuren, bis auf den Protagonisten alles Männer, lässt Regisseur Antú Romero Nunes ausnahmslos von Frauen spielen. Die Frauenbesetzung ist eine starke Setzung, greift sie doch auf, worum es geht. Tokarczuk lässt ihre Männer in Zitaten sprechen: Charles Darwin und Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer, August Strindberg und Frank Wedekind, sie alle sprechen von der natürlichen Unterlegenheit der Frau in geistiger Hinsicht. Und auch im Theater traute man Frauen lange nicht zu, alle Rollen spielen zu können." "Die Dekonstruktionsabsicht ist recht augenscheinlich", räumtNachtkritiker Christian Rakow ein, applaudiert aber dennoch: "Das Gehirn der Frauen sei einfach zu klein, heißt es. 'Zuweilen können wir den Eindruck gewinnen, als dächten sie so wie wir. Doch das ist eine Illusion. Sie imitieren unsere Art des Gesprächs.' Natürlich machen solche Sätze besonders Spaß, wenn hier quasi die Imitation der Imitation der Imitation gegeben und persifliert wird. Charlotte Müller (mit üppigen Koteletten) und Sabine Waibel (mit der Etikette eines Wiener Geheimrats) wetteifern in der Verächtlichmachung alles Unmännlichen, bieten Lästerliches in der Lausitz."
Szene aus "Hamlet". Bild: Lalo Jodlbauer Derweil eröffnet das Wiener Burgtheater die neue Ära unter Intendant Stefan Bachmann mit Karin HenkelsInszenierung des "Hamlet", den sie in fünf Figuren aufspaltet und miteinandern plaudern lässt. Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum amüsiert sich prächtig: "Was da alles gegen Ende passiert, hätten Monty Python sich nicht witziger und parodistischer ausdenken können. Nicht, dass Karin Henkel den 'Hamlet' neu erfunden hätte, aber es ist eben vieles sehr plastisch und vor allem mit ironischer Distanz herausgearbeitet." In der SZ freut sich auch Christiane Lutz über einen vielversprechenden Bachmann-Auftakt, versprüht Henkel mit ihrem Hamlet doch vor allem gute Laune, ohne sich auf eine Deutung festzulegen: "Nicht einmal auf ein Genre legt Karin Henkel sich fest. Eine Tragödie ist dieser 'Hamlet' zwar, aber auch eine Reflexion über das Spielen an sich. Die Schauspieler fragen, wie denn Hamlets Wahnsinn auszusehen hat, oder wie viel Blut bei einem Mord mit dem Messer zu spritzen hat. Meist spielen die Hamlets Richtung Publikum, als wollten sie das Geschehen durch jemanden bestätigt wissen." "Dieser Klamauk hat Würze!", meint auch Margarete Affenzeller im Standard, auch wenn das Ende ein wenig lieblos ausfällt.
Besprochen werden außerdem Calixto Bieitos "Carmen" an der Wiener Staatsoper (Standard), Alexandra Liedtkes Inszenierung "Daddy unplugged" an der Neuköllner Oper (Tagesspiegel) und Max Emanuel Cenčićs Inszenierung von Nicola Porporas Oper "Ifigenia in Aulide" beim Festival Bayreuth Baroque (FAZ).
Szene aus "Der Alpenkönig" am Theater in der Josefstadt Ronald Pohl freut sich im Standard mit Josef Köpplingers Inszenierung von Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" über einen gelungenen Saisonstart am Theater in der Josefstadt: "Der Dichter selbst ist unrettbar melancholisch. Die widrigen Verhältnisse des Vormärz nutzt er für einen umfassenden Reformvorschlag: Die Gemüter der Menschen sollen von allem Übelwollen geheilt werden. Erst dann betritt die mit sich selbst ausgesöhnte Menschheit den Tempel reiner 'Erkenntnis'." Besonders Hauptdarsteller Michael Dangl weiß zu überzeugen: "Dangls funkelnder Widerstand gegen alle vorschnellen Versöhnungsangebote ist kopfgesteuert. In ihm wispern, ein Nachhall, die Geister der Anarchie. Wie Dangl beiläufig Geldscheinbündel an die Armen weiterreicht, gleichsam von sich und den anderen angewidert; wie er die Verlogenheit der Verhältnisse bis auf den Grund durchschaut und zugleich gute Miene zum doppelten Spiel macht: In seiner Figur verdichtet sich augenblicksweise die Materie von Jahrhunderten."
Besprochen wird "Empusion" von Olga Tokarczuk in der Inszenierung von Antú Romero Nunes beim Lausitz-Festival (Nachtkritik).
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