Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2020 - Design

Taz-Rezensentin Katharina J. Cichosch staunt darüber, wie schnell sich die Moderne in den Jahrzehnten um 1900 im Alltag festsetzte. Reichlich Anschauungsmaterial dafür bietet ihr die Ausstellung "Kleider in Bewegung - Frauenmode seit 1850" im Historischen Museum Frankfurt. "Noch um 1850 nahm die modebewusste Frau kleidertechnisch viel Platz ein, wenngleich ihrem eigenen Körper leicht die Luft zum Atmen wegbleiben konnte." Doch rasch wurde das Ganze deutlich agiler: "Die moderne Großstadtfrau ward geboren. Konsum bedingt Innovationen: Leuchtfarben wie Hydronblau sind der neueste Schrei einer zunehmend auch auf Mode setzenden Chemieindustrie. Tänzerinnen werden zu Stars. Glitzernde Stickereien versetzen das Nachtleben in flirrende Fantasiewelten. Man weiß schließlich nicht mehr so genau, wer oder was wen in Bewegung versetzt hat."

Besprochen wird außerdem der Band "The Adidas Archive" (taz).
Stichwörter: Modegeschichte, Nachtleben, Adidas

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2020 - Design

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Latex - umständlich anzuziehen, aber immer wieder sehr begehrt. Marion Löhndorf von der NZZ beobachtet ein Comeback dieses komplizierten Werkstoffs. Für Aufsehen sorgen gerade die voluminösen Entwürfe von Harikrishnan: Diese "aufblasbaren, gestreiften Latexhosen flimmerten durch die sozialen Netzwerke wie Heißluftballons aus Plastik. Von Ferne grüßt der kabukiinspirierte, skulpturale Anzug, in den Kansai Yamamoto 1973 David Bowie steckte. ...  Harikrishnan spielt mit diesem Aspekt der Gummimode, der so gar nicht sündig ist, sondern verspielt und der Realität entrückt. Seine Schnitte passen gut in Science-Fiction-Welten. Sie betonen das Künstliche, das Plastikhafte, die Entfernung von der Natur. Der Mensch darin wird zur Puppe, zum Roboter, zur Maschine."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.05.2020 - Design

Bubble Fußball. Foto: Julkina / Wikipedia unter cc-Lizenz

Gar nicht so einfach: Abstand halten bei gemeinsamen Unternehmungen wie einem Restaurantbesuch oder Fußballspiel. Mit etwas Fantasie findet sich jedoch für alles eine Lösung, erkennt Marcus Boxler bei monopol: "In Pariser Restaurants testen die Betreiber Abschirmung durch gloschenförmige Plastikschutzschilde - sprich eine 'Speiseglocke'. Nachdem der anfängliche Ulk-Effekt verflogen ist, bleibt die subtile Ernsthaftigkeit als B-Note auf der Zunge haften.

Gabrielle Boller denkt in der NZZ unter den Eindrücken vieler Tagesschauen über die Männer- und Frauenmode nach: Während Frauen eine spielerischere, farbenfrohere Palette zur Verfügung steht, liegt für den Mann in der Regel der seriöse Anzug nahe. Schade, denn im Ancien Régime durfte auch der (adlige) Mann sich noch pfauenartig in Szene setzen. Doch mit der bürgerlichen Revolution "unterwirft sich der Männerkörper dem Gebot der Vernunft und wird sachlich, während der Frauenkörper im ständigen Spiel mit der Mode sichtbar erotisch wird. Genau besehen ist das eine Verzichtsleistung der Männer, für die sie zumindest mit dem Universalkleidungsstück Anzug belohnt werden, dem Bauhaus im Garderobenschrank - praktisch und wertbeständig in beherrschter Reduktion. Enttäuschungen drohen allenfalls bei stümperhafter Ausführung. ... Als Frau könnte man fast neidisch werden - oder sind es vielmehr die Männer, die frustriert sind und wieder aufs Karussell der samtigen Verführung aufspringen möchten?"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2020 - Design

Toyohara Kunichika, Okon Yanagihashi trägt Lippenstift auf. Teil der Serie 16 moderne Sitten im Stil der 16 Musashi. 1871.


Eigentlich noch ganz im Corona-Lockdown gefangen, traf sich Daphne Merkin maskenbewehrt im Park mit einer Freundin und beobachtete fasziniert, wie diese in Sachen Make-up eher zurückhaltende Frau ihre Maske hochschob, Lipgloss auftrug und die Maske wieder herunterschob. Warum tat sie das, fragt sich eine faszinierte Merkin in der New York Review of Books. "Wenn es nicht, in den Worten von T.S. Eliot, darum ging, 'ein Gesicht für die Begegnung mit den Gesichtern, denen man begegnet, vorzubereiten', dann musste es um etwas fast ebenso Wichtiges gehen: ihr inneres Gesicht aufzusetzen, das Bild, das sie wie ein Memento mit sich herumträgt. Wenn Identität an sich eine Konstruktion ist, wie wir alle gelernt haben, seit die Literaturwissenschaften im ganzen Land begannen, Bücher als 'Texte' zu bezeichnen, dann ist unser Erscheinungsbild sicherlich ein wichtiger Teil dieser Konstruktion. ... Es geht darum, zu suggerieren, dass 'gut aussehen' mehr bedeutet als bloße Frivolität oder der Wunsch, für Männer begehrenswert zu sein. Für viele Frauen, ob Feministinnen oder andere, ist das Bemühen um ihr Äußeres eine Erinnerung daran, dass es ihnen freisteht, die besondere Version von Weiblichkeit, die sie der Welt vermitteln wollen, zu kreieren - um sie visuell zu dramatisieren -, sei es durch goldene Strähnchen im Haar oder durch blaue Zehennägel. Mit anderen Worten, es ist alles Teil einer ritualisierten Performance."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2020 - Design

In der taz stellt Thomas Mauch ein Projekt der Kunsthochschule Weißensee in Berlin vor: dort werden mit einem 3D-Drucker Schutzschilder hergestellt, die die Charité gerade auf einer ihrer Intensivstationen testet: "Ein Problem, das zwischendurch gelöst werden musste, war die Beschaffung von Lochgummibändern zur Befestigung der Maske. Es fehlte schlicht daran, der Markt war leergefegt. So behalf man sich in Weißensee mit einfachen Haushaltsgummis. Hält auch. Wobei man den fehlenden Lochgummi natürlich auch mit dem 3D-Drucker hätte herstellen können. Wäre aber viel zu teuer gewesen und auch zu langsam. Überhaupt hat man sich in Weißensee das Prinzip des Schutzschilds noch mal vorgenommen und versucht - klassische Designaufgabe - es zu optimieren. Was sonst drei Stunden dauerte bei der Herstellung, sagt Klöck, schaffe man jetzt mit dem neu designten Visor in Weißensee in 30 Minuten."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.05.2020 - Design

In der NZZ bespricht Marion Löhndorf Katja Eichingers Essayband "Mode und andere Neurosen", die darin eine "Phase der Ernüchterung" für die Modewelt nach den Extremen Billig- und Luxusmode kommen sieht: "'Die bisherigen Formen von Exzess sind vorbei.' Was jetzt komme, könnte dem Wunsch nach Reinigung, Läuterung und Reform entsprechen, der sich schon in Lifestyle-Geschäftsmodellen wie Gwyneth Paltrows Goop angedeutet habe, in denen es permanent um die Tiefenreinigung des Körpers und des Gesichts - und am Ende auch des eigenen Innenlebens - gehe, meint Eichinger, 'diese Detox-Religion'."
Stichwörter: Mode

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2020 - Design

Enzo Maris Sedia Uno aus der Serie Autoprogettazione. Foto: Refugees Company for Crafts and Design

Wer würde auch einen Artikel über die italienischen Gestalter Enzo Mari auf den Stil-Seiten vermuten? Bereits am Samstag pries Laura Weißmüller den eigensinnigen Kommunisten, der Möbel nicht für die Reichen, sondern für Fabrikarbeiter entwerfen wollte und 1973 die Autoprogettazione erfand: "Die Serie hat längst Kultstatus. In Berlin werden Maris Stühle im Rahmen eines Projekts von jungen Geflüchteten hergestellt, und für die finnische Möbelfirma Artek schuf der Designer eine Neuauflage vor einigen Jahren. Anfang der Siebziger aber war 'Autoprogettazione' ein Affront. Mari wurde als Faschist bezeichnet. Für seine Kollegen war Design schließlich dazu da, den Menschen das Leben leichter zu machen. Mari dagegen ließ sie arbeiten. Und das auch noch umsonst. Wer dem Gestalter das Porto zahlte, bekam die Konstruktionsanleitung kostenlos von ihm zugeschickt. In gewisser Weise die analoge Frühform von Open Source also. Tausende aus der ganzen Welt taten das."

Sabine von Fischer, Daniele Muscionico und Andrea Mittelholzer philosophieren in der NZZ über die Mund-Nase-Maske als Modeaccessoire der Stunde: "Gibt es denn eine geeignetere Körperstelle für wohlgefälligen Schmuck als direkt unter unseren Augen? Die muslimische Kultur hat dies längst entdeckt, doch nun holt der Rest der Welt diesen Vorsprung auf. Stimmt nämlich die Einfassung von Mundschutz und Band ums Ohr, kommt das Spiel der Augen erst richtig zur Geltung."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2020 - Design

In seiner Duftkolumne "Essenzen" für den Perlentaucher stellt Claus Brunner das Parfum "Per Fumum, Amber" von Annette Neuffer vor, die ausschließlich mit Naturstoffen arbeitet und hier neben Amber (Baumharzen) unter anderem die extrem seltene Ambra verwendet: "Amber und Ambra sind nämlich nicht nur völlig verschiedene Stoffe, sondern auch geruchlich weit voneinander entfernt. Wobei 'weit' schon wieder relativ ist, werden beide doch mitunter an denselben Strand gespült: die Ambra, ein wachsartiger Klumpen von dunkelgrauer bis heller Farbgebung, aus dem Gedärm des Pottwals stammend, und der Amber, bei dem es sich bekanntlich um fossile Baumharze des 'Pinus Succinifera' handelt."
Stichwörter: Parfümerie, Parfums, Parfüm

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2020 - Design

Weniger CO2-Ausstoß, weniger nervtötende, verschwendete Zeit im Pendelverkehr - das Arbeiten im Homeoffice hat auch was Gutes, meint im NZZ-Gespräch die Bürodesignerin Sevil Peach, die ihrerseits derzeit internationale Projekte vom Küchentisch aus organisiert. "Das Büro hat sein historisches Monopol, das einzige produktive Zentrum zu sein, verloren", sagt sie, betont aber auch, dass "das Büro der Mittelpunkt der Identität und Kultur einer Organisation bleiben. Wir sind soziale Wesen, und das Büro erfüllt eine Rolle als sozialer und kooperativer Brenn- und Knotenpunkt. ... Deshalb wird es weiterhin Büros geben, nur wahrscheinlich in einer anderen Form und möglicherweise viel kleiner. Wir wissen bereits mit Sicherheit, dass die Büros in der Regel nur zu 60 bis 70 Prozent ihrer Kapazität besetzt sind. Wir wissen von Situationen, in denen eine Person einen festen Schreibtisch zugeteilt erhält, selbst wenn sie quasi in Vollzeit auf der anderen Seite des Erdballs arbeitet!"

In der FAZ bespricht Rose-Maria Gopp die Ausstellung "Kleider in Bewegung - Frauenmode seit 1850" im Historischen Museum in Frankfurt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2020 - Design

Was Walter Benjamin von Mode verstand, dass er sich überhaupt mit Mode befasste, hat er der Autorin Helen Grund zu verdanken, die in den Zwanzigern und Dreißigern von Paris aus für ein deutsches Publikum schrieb, erklärt Philipp Ekardt in der taz. Sie "bemerkte im Paris der 1930er Jahre die Merkwürdigkeit, dass sich die Mode wieder mit den Styles der Belle Epoque befasste, also des späten 19. Jahrhunderts. ... Kein Wunder, dass Benjamin, von Grund auf solche Entwicklung gestoßen, hier aufmerken musste, schrieb er doch genau zu diesem Zeitpunkt an seinem Passagenwerk, einer geschichtsphilosophischen Durcharbeitung von Paris als 'Hauptstadt des 19. Jahrhunderts'. Was Grund auf Laufstegen sah, passte zu seinem eigenen Großprojekt, in dem er das, was im vorherigen Jahrhundert begraben schien, in die Gegenwart holte."