Efeu - Die Kulturrundschau

Anweisung des Lebens

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02.06.2020. Die Feuilletons trauern um Christo, den großen Ver- und Enthüller, Landschaftsbemaler und formstrengen Konzeptkünstler. In der FAZ bewundert Karl Heinz Bohrer zum hundertsten Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki dessen Courage, sich Feinde zu machen. Der Freitag erinnert daran, wie Fassbinder mit Brigitte Mira Camp in Reinkultur schuf. Und die taz erlebt im Historischen Museum Frankfurt, wie die moderne Großstadtfrau beweglich wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2020 finden Sie hier

Kunst

Installation der schwimmenden Stege von Christo im Lago D'Iseo 2016. Foto: NewtonCourt / Wikipedia/ CC BY-SA 4.0

Christo ist tot
, der große Verpackungskünstler, der den Reichstag und den Pont Neuf verhüllte, Australiens Küste verpackte, safran-farbene Tücher im New Yorker Central Park wehen ließ und einen Vorhang durch die Rocky Mountains zog. Er starb mit 84 Jahren in New York. In der SZ schreibt Joseph Hanimann, der die Werke zwar immer auch ein wenig penetrant spektakulär fand, aber doch in ihrem Ergebnis und von ihrer Qualität umwerfend: "Christo war alles andere als ein Happeningkünstler, der sich mit dem Zufall verbündete und uns damit verblüffte. Er war ein Ingenieur des Wunderbaren mit solidem Handwerk und klarem Blick." In der Welt erklärt Hans-Joachim Müller die Kunst, die Christo und seine Frau Jeanne Claude beherrschten, als reinste Romantik: "Etwas zeigen, indem man es verbirgt, einer Sache Bedeutung geben, indem man sie verpackt, Warendesign, der Mehrwert, den die Kapitalismuskritik nie ganz verstanden hat, das alles gehört ja zu unserer ganz alltäglichen und kunstfernen Erfahrung." Auf ZeitOnline nennt Martin Tschechne ihn einen "Landschaftsbemaler", dessen Konzeptkunst verstörend schön, romantisch oder kitschig sein konnte, aber immer gedankenstreng gewesen sei. Im Guardian bleibt Adrian Searle sehr respektvoll, gibt aber zu, dass er Christos Londoner Mastaba schrecklich fand. Und was den Umgang mit nationalen Symbolen und historischen Hinterlassenschaften betrifft, gefällt ihm Hans Haacke einfach besser: Haacke zertrümmerte mit einem Presslufthammer den Boden des deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig 1993. Weitere Nachrufe gibt es in FR, FAZ, NZZ, Tagesspiegel und Berliner Zeitung. Tolle Bilder bringt Dezeen.

Besprochen werden eine Ausstellung des emiratischen Konzeptkünstler Hassan Sharif in der Berliner Kunst-Werken (Tsp) und die Gruppenausstellung "Eintritt in ein Lebewesen. Von der Sozialen Skulptur zum Plattform-Kapitalismus" im Berliner Kunstraum Kreuzberg (Freitag)
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Literatur

Heute wäre Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt geworden. Die FAZ widmet diverse Seiten dem prominentesten Literaturchef der Blattgeschichte. Sein Vorgänger im Amt war Karl Heinz Bohrer, von Reich-Ranicki gern als akademisch und publikumsfern berzeichnet, was dieser im Rückblick gespiegelt offenbar sehr gern zurückgibt: "Reich-Ranicki stand nicht unter dem Kommando einer Theorie, sondern der Anweisung des Lebens. Das prägte seine Sprache. Sie war nicht die eines Intellektuellen, sondern eines Volkspädagogen. ... Sein lebenspraktischer Impuls, oft in die Irre führend, demonstriert aber eine imponierende Qualität: Courage. Er hatte keine Hemmungen, sich mit den einflussreichen Verteidigern Handkes anzulegen. Sich Feinde machen - wenn es dem literarischen Urteil galt - war ihm Herzenssache. Kein ihm lieberer Satz als Goethes 'Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent'." Ein Satz, der für Marcel Reich-Ranicki im übrigen, wie der online nachgelieferten Frankfurter Anthologie zu entnehmen ist, den "Tatbestand der Volksverhetzung" erfüllte.

Der heutige Literaturchef der FAZ, Andreas Platthaus, zeigt MRR als "Zuchtmeister seiner Mitarbeiter", der den Kritikern in seinem Ressort auch mal durchscheinen ließ, welche Aspekte eines Buches ihnen gewiss wichtig sein würden. Allerdings ließ MRR selbst "oft Milde walten, nicht beim Urteil selbst, sondern durch Unterdrückung des Urteils. Zwei Regeln galten bei ihm unumstößlich: Literarische Debüts werden nicht verrissen und auch nicht die Werke von verdienten älteren Autoren. Im Falle der anderen galt ihm: Hart auf hart, das macht Spaß." Womit der Donaldist Platthaus ein Onkel-Dagobert-Zitat eingeschmuggelt hat.

Michael Hanfeld hat für die FAZ nochmal ins Sendungsarchiv des Literarischen Quartetts geschaut. Für die SZ bespricht Jens Bisky das jetzt als Buch und CD veröffentlichte große Gespräch, das der Radiojournalist Paul Assall 1986 mit MRR geführt hat. Außerdem erinnern sich Harry Nutt (Berliner Zeitung), Marc Reichwein (Welt), Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Wolf Scheller (Standard).

Weitere Artikel: Die Autorin Katharina Hartwell ärgert sich auf 54books darüber, dass zwar alle Welt Bücher einfordert, die Schubladen hinter sich lassen, die meisten Verlage aber dankend ablehnen, wenn sie Fantasy schreibt, die sich gängigen Mustern entzieht. Außerdem sprechen auf 54books Emily Grunert, Ludwig Lohmann und Alexander Graeff über die Zukunft von Literaturveranstaltungen. Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Tilman Spreckelsen (FAZ) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Lyriker und Zeitschriftenherausgeber Alfred Kolleritsch.

Besprochen werden neue Bücher der polnischen Schriftstellerinnen Martyna Bunda, Wioletta Greg und Dorota Maslowska (Freitag), Abdul Qadim Haqqs und Dai Satōs Comic "The Book of Drexciya" (taz), Jens Malte Fischers große Biografie über Karl Kraus (Standard), Monique Truongs "Sweetest Fruits" über den Reiseschriftsteller Lafcadio Hearn (Berliner Zeitung), Victor Jestins Debütroman "Hitze" (Tagesspiegel), Bücher von Ragnar Helgi Ólafsson (Freitag), Marion Messinas "Fehlstart" und Quentin Mourons "Vesoul, 7. Januar 2015" (NZZ), Mary Gaitskills Storyband "Bad Behaviour" (Zeit), Rachel Cusks "Danach" (Tagesspiegel), Xaver Bayers "Geschichten mit Marianne" (Berliner Zeitung) und Annette Pehnts "Alles was Sie sehen ist neu" (SZ).
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Film

Am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Bloße Werkschauen des Werkkanons werden dem Filmemacher nicht gerecht, schreibt Michael Töteberg im Freitag nach Einsicht in Fassbinders Nachlass, in dem es noch einiges zu finden gibt. Etwa die einmalig 1975 ausgestrahlte Fernsehshow "Wie ein Vogel auf dem Draht" mit Brigitte Mira, die darin von ihren fünf Ehemännern erzählt und singt. Für das Publikum zu hören gab es zwar "beliebte Melodien, zu sehen jedoch etwas anderes: Von einer pornografischen Zeichnung von Tom of Finland, der zum ikonografischen Repertoire der Schwulenszene gehörte, schnitt Fassbinder auf Miras Auftritt in der Lederkneipe. Das war Camp in Reinkultur. ... Der Unterhaltungschef des Senders soll gesagt haben: 'Wenn man so etwas in einem öffentlichen Park treiben würde, dann würde man wegen Sittlichkeitsverbrechen verhaftet werden.'" Ein paar Ausschnitte sind immerhin auf Youtube gelandet:



Weitere Artikel: "Die Quarantäne war eigentlich nichts Neues, sie war ein Déjà-vu", schreibt der cinephile Philosoph Damiano Cantone in der NZZ über die italienischen Erfahrungen der letzten Monate, auf die er sich durch Kino und Fernsehen seit Jahren vorbereitet fühlte. Durchaus reizvoll findet Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche das auf Youtube veranstaltete Onlinefestival "We are One", hinter dem diverse internationale Filmfestivals stecken. Gunda Bartels gratuliert im Tagesspiegel der Filmemacherin Elfi Mikesch zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden David Simons Serienadaption von Philip Roths Roman "The Plot Against America" (FAZ) und George Nolfis auf Apple+ gezeigtes Drama "The Banker" (Freitag).
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Design

Taz-Rezensentin Katharina J. Cichosch staunt darüber, wie schnell sich die Moderne in den Jahrzehnten um 1900 im Alltag festsetzte. Reichlich Anschauungsmaterial dafür bietet ihr die Ausstellung "Kleider in Bewegung - Frauenmode seit 1850" im Historischen Museum Frankfurt. "Noch um 1850 nahm die modebewusste Frau kleidertechnisch viel Platz ein, wenngleich ihrem eigenen Körper leicht die Luft zum Atmen wegbleiben konnte." Doch rasch wurde das Ganze deutlich agiler: "Die moderne Großstadtfrau ward geboren. Konsum bedingt Innovationen: Leuchtfarben wie Hydronblau sind der neueste Schrei einer zunehmend auch auf Mode setzenden Chemieindustrie. Tänzerinnen werden zu Stars. Glitzernde Stickereien versetzen das Nachtleben in flirrende Fantasiewelten. Man weiß schließlich nicht mehr so genau, wer oder was wen in Bewegung versetzt hat."

Besprochen wird außerdem der Band "The Adidas Archive" (taz).
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Stichwörter: Modegeschichte

Bühne

Der Theaterstream der Nachtkritik zeigt Heiner Müllers "Hamletmaschine" in der Regie von Robert Wilson von 1986 im Hamburger Thalia Theater. Im Jugendstream gibt es "Pünktchen trifft Anton" vom Grips Theater. Die New York Times meldet unterdes, dass die Metropolitan Opera das ganze Jahr über geschlossen bleiben wird.
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Musik

In der Rapszene sind "Verschwörungsfantasien und antisemitische Stereotype kein neues Phänomen", sagt Ben Salomo, selbst lange Zeit in der Battle-Rap-Szene unterwegs, im Jungle-World-Interview. Mitunter stieß er dort auf "Thesen, die eigentlich nur Islamisten und Rechtsradikale vertreten. Besonders schlimm an der Rap-Szene ist darüber hinaus jedoch, dass solche Äußerungen völlig folgenlos bleiben. Weder die Fanbase noch die Künstler-Kollegen grenzen sich von diesen Leuten oder deren Thesen ab. Auch in den einschlägigen Rap-Magazinen oder HipHop-Medien ist zu solchen Äußerungen kaum ein kritisches Wort zu lesen."

Weitere Artikel: In seinem Klassikblog schreibt Manuel Brug einen Nachruf auf Mady Mesplé. Besprochen werden eine mit Bruno Ganz eingespielte Strauss-Aufnahme des Pianisten Kirill Gerstein (NZZ), das neue Album der Magnetic Fields (Jungle World), ein Abend mit dem Tenor Klaus Florian Vogt (FR) und eine Werkschau der Punkband Östro 430, die SZ-Popkolumnistin Ann-Kathrin Mittelstrass staunen lässt, "wie offen und (t)rotzig" die Band "damals über Sexualität und Gleichberechtigung sang". Von "unbedingt liebens- und hörenswerter DIY-Musik" schreibt Stefan Michalzik in der FR.

Archiv: Musik