Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2026 - Film

"Ein einfacher Unfall" von Jafar Panahi

Susan Vahabzahdeh erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit Jafar Panahi, dessen neuer, in Cannes ausgezeichneter Film "Ein einfacher Unfall" diese Woche in Deutschland anläuft (unser Resümee). Der Film erzählt von einer Konfrontation eines in einem iranischen Gefängnis Gefolterten mit dessen Folterer. "Einmal sagt einer aus der Gruppe in seinem Film: Wir sind nicht wie die. Sie wollen besser sein, gerechter als ihre Unterdrücker." Diese "Frage muss gestellt werden", sagt Panahi: "Sollen wir diese Gewalt fortsetzen, oder ist der Moment gekommen, damit aufzuhören und aufzubauen statt zu vernichten?" In Iran, "beteuert er, finden Gespräche, wie seine Filmfiguren sie führen - die Diskussionen über Recht und Unrecht und auf welchen Werten ein neues Iran aufbauen soll - tatsächlich statt: 'Wir reden hier nicht mehr von Reformen, die Umstände sind unerträglich geworden. Auch bei der 'Frau, Leben, Freiheit'-Bewegung sieht man: Reformen sind nicht mehr auf dem Tisch. Anders als früher wollen die Leute eine richtig große Veränderung sehen. Ohne dieses Regime."

Überlebensgroß und intim zugleich: Hugh Jackman und Kate Hudson in "Song Sung Blue"

In Craig Brewers "Song Sung Blue" spielt Hugh Jackman Mike Sardina, einen jener zahlreichen Lokalmatadore, die mit Coverversionen großer Stars und einem Extra-Maß an Leidenschaft für die (nicht immer ganz großen) Bühnen unermüdlich durchs amerikanische Hinterland und dessen Konzert-Venues tingeln. Kamil Moll hat in der Welt sehr viel Freude an dieser "längst verschwundenen Spielweise des amerikanischen Kinos: der populistischen Tragikomödie mit Working-Class-Grundierung, die sich souverän von einer leichtherzigen Romanze zum unpathetisch erzählten Melodram wandelt." Am besten gefallen ihm die Hauptdarsteller Jackman und Kate Hudson, sie entlocken einander "Performances, die überlebensgroß und intim zugleich sind." Der Film hat auch eine politische Komponente, findet Axel Timo Purr auf Artechock: "Nettigkeit erscheint als bewusste Entscheidung, als Widerstand gegen Verhärtung und Vereinzelung. In einer Zeit, in der Zynismus oft als analytische Schärfe missverstanden wird, entfaltet diese Haltung eine unerwartete Radikalität."

"Teheran" mit dritter Staffel auf AppleTV

Die Realität hat die Fiktion überholt, schreibt Matthias Hannemann in der FAZ anlässlich der dritten Staffel der Apple-Serie "Teheran". Die israelische Serie handelt von einer in den Iran eingeschleusten Undercover-Agentin. Allerdings erzählt die bereits im Sommer 2023 abgedrehte aktuelle Staffel nun von einer Welt, in der es den 7. Oktober nicht gegeben hat. Ähnlich wie vor zehn Jahren die Serie "Fauda" vermittelte die Serie bislang "das Gefühl, mitten in der durch Nachrichtenbilder nur unzureichend erfahrbaren Welt des Vorderen Orients zu sein. Dieses Gefühl geht der Fortsetzung ab. Man meint zu spüren, dass westliche Autoren sie geschrieben haben. Die Routine-Falle schnappt zu. Und dann eben das Geschehen seit Abschluss der Dreharbeiten im Sommer 2023. ... Spätestens mit dem US-Luftangriff vom Juni 2025 passen Realität und Serie nicht mehr zusammen", da wird "die vierte Staffel gehörig updaten müssen".

Weiteres: Jakob Thaller gleicht im Standard ab, was von den Zukunftsversprechungen in Fritz Langs zumindest laut literarischer Vorlage im Jahr 2026 angesiedeltem Stummfilmklassiker "Metropolis" geblieben ist. Besprochen werden Michiel ter Horns "Fabula" (Perlentaucher), Hikaris japanische Tragikomödie "Rental Family" mit Brendan Fraser (Standard, Artechock), Derek Cianfrances "Roofman" mit Channing Tatum (NZZ), die brasilianische Netflix-Serie "The Endless Night", die laut NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier von einem Fall mit bemerkenswerten Parallelen zu dem Brand von Crans-Montana handelt, und Ric Roman Waughs Actionthriller "Greenland 2" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2026 - Film

Am Ende ein Schluchzen: Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (Bild: Les Films Pelleas)

Heute startet Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" in den Kinos. Der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete und erneut mit Guerilla-Methoden umgesetzte Film des iranischen Autorenfilmers erzählt von einem ehemaligen Insassen eines Foltergefängnisses, der allein anhand von Geräuschen seinen ehemaligen Peiniger zu erkennen glaubt und ihm fortan nachstellt. Es ist "Panahis bis dato frontalste Attacke wider das islamische Regime", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Wie zuvor Mohammad Rasoulof verabschiedet sich nun auch Panahi "endgültig von indirekten, metaphorischen Formen der politischen Kritik". Um Thriller-Suspense geht es dem Filmemacher aber nicht: "Die Staatsgewalt ist im Film weitgehend abwesend. ... In Zeiten, in denen das islamische Regime mehr denn je von Straßenprotesten unter Druck gesetzt wird", wirkt das schon fast "wie ein Film über den Iran nach der Islamischen Republik." Auch Thomas Assheuer ist in der Zeit überzeugt: "Panahis Figuren ... verkörpern den Geist der künftigen Republik. ... Es ist der Vorschein der Utopie, es ist Freiheit."

"Der Vorteil eines Kinos ohne Unterhaltungszwang liegt in seiner Unberechenbarkeit", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. "Die Konstellation des Films ist tragisch, aber die Regie schlägt aus ihr komische Funken. ... Auch der Intellekt der Figuren ist bei Panahi nicht ausgeschaltet wie im Genrekino." Und "der Schluss, der die Identität des Gefangenen enthüllt, folgt dem Prinzip der Zweideutigkeit: Er ist es, und er ist es nicht, derselbe Mann und doch nicht derselbe. 'Ein einfacher Unfall' endet nicht mit einer einfachen Lösung; nicht mit einem Knall, sondern mit einem Schluchzen." Für Dlf Kultur sprach Patrick Wellinski mit Panahi.

Weiteres: Der Schriftsteller Clemens Meyer (ZeitOnline) und Julia Hubernagel (taz) schreiben zum Tod von Béla Tarr (weitere Nachrufe hier). Im großen Zeit-Gespräch mit Katja Nicodemus und Giovanni di Lorenzo schwelgt Senta Berger in Erinnerungen.

Besprochen werden Hikaris japanische Tragikomödie "Rental Family" mit Hollywood-Star Brendan Fraser (FR, taz, NZZ), Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (FR, FAZ), die DVD-Compilation "Cartoon Roots: Back to the Inkwell" mit frühen Cartoons von Max und Dave Fleischer (taz), die ZDF-Serie "Take the Money and Run" (taz) und ein von Manfred Hattendorf, Stefanie Groß und Jan Berning herausgegebener Band mit Texten zur SWR-Reihe "Debüt im Dritten" (FD). Außerdem stellt der Tagesspiegel die wichtigsten Kinostarts der Woche vor.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2026 - Film

Béla Tarr, 2012 (Bild: Soppakanuuna, CC BY-SA 3.0)

Die Filmkritiker trauern um Béla Tarr, den im Alter von nur 70 Jahren verstorbenen ungarischen Großmeister der mehrstündigen Autoren-Schwarz-Weiß-Kryptik im Gegenwartskino. Zu den künstlerischen Weggefährten dieses "in der Kinogeschichte quasi solitär dastehenden Monolithen" (so Tobias Sedlmaier in der NZZ) zählt der Schriftsteller László Krasznahorkai, der eben erst mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seit den Achtzigern arbeiteten beide immer wieder zusammen, etwa bei der Adaption dessen Romans "Satanstango", mit der Béla Tarr sich 1994 endgültig als Auteur etablierte. Mit "Das Turiner Pferd", der 2011 auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde (hier unsere Kritik), verabschiedete Tarr sich vom Kino. Die ARD-Audiothek hält ein Radiofeatur von 2011 über Tarr bereit.

Tarrs und Krasznahorkais gemeinsame Arbeiten "beruhen auf einer maximalen Erstreckung der Vorstellungskraft", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Krasznahorkai "ist ja im Grunde ein Sprachartist, jedoch mit einem Hang zum Allegorischen. ... Tarr wiederum ging von der latenten Phantastik der Bücher aus und versetzte sie vor seiner Kamera in einen Schwebezustand zwischen äußerster Konkretion und symbolischer Aufladung. Die Menschen sind in dieser Vision von den Tieren und der Erde kaum zu trennen, und wie 'Satanstango' mit einer Viehherde begann, so endete Tarrs filmisches Werk 2011 mit dem Leidensweg eines Pferds und der Implikation, dass der Wahnsinn Nietzsches wohl nicht nur für ihn die folgerichtigste aller Reaktionen auf die Welt wäre."



Tarr legte im Weltkino des Autorenfilms den Grundstein einer "neuen, radikal minimalistischen Filmsprache", die zuletzt mit dem Begriff des "Slow Cinema" greifbar gemacht zu werden versuchte, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Wie bei Tarkowskis Werken berührte die Begegnung mit Tarrs Filmen Erfahrungen des Religiösen im Profanen. Ihre streng strukturierten Formen erinnerten an Liturgien und verlangten von ihrem Publikum eine Offenheit für das Meditative."

Tarrs Anfänge lagen derweil im sozialen Realismus, erinnert Kathleen Hildebrand in der SZ: "Für einen Dokumentarfilm, den er mit 16 über streikende Arbeiter drehte, bestraften ihn die Behörden seines sozialistischen Heimatlands mit Studienverbot. 'Am Anfang meiner Karriere hatte ich große, politische Wut', hat Belá Tarr einmal gesagt. Aber danach änderte sich sein Stil, er wurde philosophischer, die Verzweiflung seiner Figuren weniger konkret. 'Ich habe angefangen zu verstehen, dass die Probleme der Menschen nicht sozial begründet sind, sie reichen tiefer.' Kosmisch nannte er das Leid, das er in seinen Filmen zeigt, die von Landarbeitern erzählen, Vagabunden, Trinkern und vermeintlichen Erlösern." Weitere Nachrufe im Tagesspiegel und in der Welt.



Weitere Artikel: Eine alte Folge der auf Amazon gezeigten Action-Politthriller-Serie "Jack Ryan" erweist sich angesichts der aktuellen Ereignisse in Venezuela als geradezu prophetisch, berichtet Bjarne Bock in der FR. Hannes Hintermeier und Matthias Alexander gratulieren in der FAZ den Schauspielern August Zirner und Uwe Ochsenknecht zum jeweils 70. Geburtstag.

Besprochen werden Sarah Miro Fischers "Schwesterherz" ("ein erstaunlich unbequemer, ungemütlicher Film", schreibt tazlerin Barbara Schweizerhof) Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (Tsp), Angela Summereders vorerst nur in Österreich startender Essayfilm "B wie Bartleby" (Standard) und Hikaris "Rental Family" mit Brendan Fraser (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2026 - Film

"Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr": Fünfte Staffel von "Stranger Things" (Netflix)

In der Welt kann sich Richard Kämmerlings beim besten Willen nicht vorstellen, dass "ausgerechnet im Zeitalter der Prequels, Sequels, Spin-offs und Remakes" mit dem Ende der finalen Staffel von "Stranger Things" tatsächlich Schluss sein soll mit dem Netflix-Überhit. "Die Recycling-Zyklen für popkulturelle Großphänomene umfassen bekanntlich Jahrzehnte" und diese Serie "ist längst auf diesem Level angekommen. ...  Für Paranoia, Supermachtstreben und geheime Regierungslabore wird es auch nach den achtziger Jahren genug Stoff geben. Der Kampf zwischen Gut und Böse hat gerade erst begonnen."

Hat einen guten Riecher für Gesellschaftssatire: "Fallout" geht in die zweite Staffel (Amazon Prime Video)

Bis dahin könnten sich Fans von Science-Fiction-Serien mit Horror-Elementen mit der Amazon-Serie "Fallout" nach dem gleichnamigen Computerspiel trösten, die zwar nicht in den Achtzigern, sondern in den Siebzigern spielt - wenngleich des 21. Jahrhunderts. Und sie zeigt auch in der zweiten Staffel wieder, "was mit einer Nation geschieht, die sich in moralisch aufgeladener Selbstgewissheit technokratischer Herrschaft überlässt", schreibt Jannis Holl in der FAZ über diese "kluge Gesellschaftssatire". In dieser Erzählwelt hat es "einen Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal oder gar eine Gegenkultur nach dem Zweiten Weltkrieg nie gegeben". Das führt nicht nur zu einer USA, die "gesellschaftlich, ästhetisch und politisch ... in der Selbstherrlichkeit der Eisenhower-Ära der Fünfzigerjahre verharrt", sondern auch zu einem Atomkrieg mit China, "wobei offenbleibt, wer den ersten Atomschlag ausgeführt hat. ... Allein die Erkundung dieser vielfältigen Welt mit ihrer komplexen Geschichte, in der vieles (noch) unbeantwortet bleibt, macht 'Fallout' sehenswert."

Michael Kienzl blickt für den Filmdienst voraus aufs Kinojahr 2026, für das sich wohl Christopher Nolans aufwändige Homer-Adaption "Odyssee" als Publikums-Zugpferd erweisen dürfte. Aber bietet das nicht letzten Endes more of the same? Dagegen "in die Zukunft weist das neue Projekt des für seine hyperkinetischen Actionreißer bekannten Michael Bay. Aktuell arbeitet er an einer Kinoversion der mit Computergrafik animierten, sich oft nur zwischen einer Minute und einer halben Stunde Laufzeit bewegenden Webserie 'Skibidi Toilet'. Lebendige Toiletten, aus deren Schüsseln menschliche Köpfe ragen, kämpfen darin gegen Cyborgs, deren Gliedmaßen aus elektronischen Geräten bestehen. Bay war schon immer ein Regisseur, der seine Zielgruppe bei jungen männlichen Zuschauern fand. Man darf also gespannt sein, wie er die Meme-Kultur und kurze Aufmerksamkeitsspanne der Generation Alpha mit der geschlossenen Form eines Kinofilms versöhnen wird. Das Ergebnis dürfte nicht ganz unwesentlich für die Zukunft der großen Leinwand sein."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.01.2026 - Film

Archaische Kraft: "Holy Meat" von Alison Kuhn

Wenke Bruchmüller spricht in der taz mit der Regisseurin Alison Kuhn über deren Spielfilmdebüt "Holy Meat", das mit offenbar sehr rustikalen Mitteln - "die Schauspielerin Homa Faghiri musste lernen, ein Schwein zu köpfen" - Kirche und Machtstrukturen kritisiert. Im Mittelpunkt steht eine Metzgerin, die ein subversives Theaterstück inszeniert. "Ihre archaische Kraft und Unabhängigkeit waren mir wichtig. Ich wollte eine wütende Frauenfigur zeigen, die trotzdem verschiedene Schattierungen haben darf." Auch "treibt sie als weiblicher Charakter die Handlung voran, was filmisch noch immer selten ist. ... Handlungsmacht wird Frauen von klein auf eher aberzogen statt gefördert. Als Filmschaffende sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen - zumal unsere filmischen Narrative noch stark davon geprägt sind, dass es deutlich weniger weibliche Regiepersonen gibt."

Karen Krüger ist in der FAS einigermaßen ratlos angesichts der in den letzten Jahren wiederholt zu beobachtenden Versuchen der italienischen Neuen Rechten, Pasolini vielleicht nicht bei sich einzugemeinden, aber ihn, wie sie sagen, "aus dem Gefängnis der Linken zu befreien. ... Man schafft Verbindungen zwischen Politik und Kultur, aber es wirkt so grob und oberflächlich, dass dem kaum eine ernste Strategie zugrunde liegen kann. Italiens Rechte hat eigentlich genügend intellektuelle Gewährsleute wie Marinetti oder D'Annunzio, auf die sie sich berufen kann. Doch worum geht es dann? Soll einer Ikone der Linken, die einen Gegenentwurf verkörpert, die Strahlkraft genommen werden, indem man sie dem Verdacht aussetzt und so gewissermaßen mit brauner Soße bekleckert? Oder soll Empörung provoziert werden, die Aufmerksamkeit verspricht und linke Kritiker wie engstirnige Gralshüter aussehen lässt?"

Außerdem: Andreas Busche erzählt im Tagesspiegel von seiner Begegnung mit Jafar Panahi. Mit Interesse verfolgt Valerie Dirk im Standard, wie aktuelle Filme wie etwa "15 Liebesbeweise" (unsere Kritik) und der in Cannes ausgezeichnete "Die jüngste Tochter" (unsere Kritik) lesbische Liebesgeschichten erzählen. Besprochen werden Kate Winslets auf Netflix gezeigtes Regiedebüt "Goodbye June" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2026 - Film

Stephan Klemm unterhält sich in der FR mit dem Filmemacher Lars Jessen über dessen Habeck-Porträt "Jetzt. Wohin" (mehr zum Film hier). Ute Cohen spricht für die WamS mit dem Regisseur François Ozon über dessen Camus-Verfilmung "Der Fremde" (unsere Kritik). Im Standard wirft Valerie Dirk Schlaglichter auf die Geschichte des Kinos von der Glanzzeit des Stummfilmkinos vor hundert Jahren bis zum Hollywood in der zweiten Amtszeit Trumps. Besprochen wird Craig  Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Kate Hudson und Hugh Jackman (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2026 - Film

Jafar Panahi: Ein einfacher Unfall

Offiziell darf Jafar Panahi im Iran zwar wieder Filme drehen, erzählt er Mariam Schaghaghi im online vorveröffentlichten FAS-Gespräch. An seiner klandestinen Drehmethode aus den Berufsverbotstagen ändere sich dadurch aber nichts, da er keinen Wert darauf legt, sich seine Filme von der politischen Führung genehmigen oder zensieren zu lassen. Für seinen neuen Film "Ein einfacher Unfall", der am 8. Januar in die Kinos kommt, musste er dennoch nicht lange nach Schauspielern suchen, den viele Schauspieler wollten "aus Überzeugung" mitwirken, erzählt er: "Alle, die ich ansprach, sagten sofort zu, nur einer musste aus persönlichen Gründen absagen. Alle anderen interessierte nicht mal die Gage. Sie wollten an einem Werk teilhaben, das Relevanz hat. ... Wir drehten zuerst dort, wo wir unsichtbar waren - in Häusern, Parkhäusern, in der Wüste. Sobald wir auf der Straße unterwegs waren, fielen wir auf. Man verlangte das gesamte Rohmaterial von uns, aber wir hatten vorgesorgt. Einige Crewmitglieder wurden festgenommen, weil man davon ausging, dass ihr Ausstieg den Film zunichtemachen würde. Aber wir hatten schon das meiste im Kasten."

Außerdem: Chris Schinke blickt für den Filmdienst auf die US-Filmbranche im ersten Jahr von Trumps zweiter Amtszeit zurück. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum 70. Geburtstag von Mel Gibson. Besprochen werden Francois Ozons Camus-Verfilmung "Der Fremde" (Welt, Tsp, unsere Kritik) sowie Johannes Lehnens und Nora Ludwigs experimenteller Kurzfilm "Bild und Ton gehen auseinander" (Perlentaucher).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.12.2025 - Film

Unsentimale Sensualität: "Der Fremde"

François Ozons Adaption von Albert Camus' existenzialistischem Klassiker "Der Fremde" startet in den Kinos. Die Neigung des Regisseurs, seine Filme an große Namen der Filmgeschichte anzulehnen, tritt auch wieder zutage, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "In Bildern karg wie der Neorealismus erinnert der Schwarzweißfilm zugleich an die Anfänge des Existenzialismus im französischen Kino. ... Er belässt der Vorlage in einem reduzierten Stil ihre Rätselhaftigkeit und arbeitet zugleich die Aktualität des anti-arabischen Rassismus heraus. ... In den Liebesszenen schillert eine unsentimentale Sensualität, etwas, das sich den romantischen Spielfilmkonventionen entgegenstellt. Offen, aber frei von Anzüglichkeit, besitzen diese Liebesszenen eine Erotik, die sich an den Oberflächen der Schönheit bricht."

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Tazlerin Jenni Zylka kommt bei diesem Film selbst noch unter der Sonne Algiers schier das Frösteln: "Er ist ganz Algierduft und Geräusche, ganz Nichtstun und Rauchen, ganz flimmernde Hitze, flatternde Gardine, zerknüllte Laken und (schwarz-weiße) Sonne. ... Wenn man bei Visconti mitschwitzte, so erschauert man bei Ozon. Die Kälte trotz Sonne greifbar zu machen, ist eine der großen Stärken des Films." 

"Unübersehbar ist die immer wieder aufscheinende handwerkliche Finesse Ozons", konstatiert auch Michael Kienzl im Perlentaucher, der darin aber nur den Versuch des Regisseurs sieht, sein Publikum für sich einzunehmen und von der Buchstabentreue des Films abzulenken. "Penibel folgt 'Der Fremde' sämtlichen Stationen aus dem Roman. ... Manche Szenen wirken wie lediglich pflichtschuldig abgehakt. ... Mehr gesehen hätte man gern von der so fragilen wie hartnäckigen Rebecca Marder, die als Marie der offensichtlichen Hoffnungslosigkeit mit berührend hilfloser Gutgläubigkeit begegnet. Aber solche Momente bleiben vereinzelte Lichtblicke in einer zu devoten Adaption, deren Buchstäblichkeit ihr zukünftig eine Karriere im Schulunterricht - wo Camus' Roman mitunter Pflichtlektüre ist - ebnen könnte."

Weitere Artikel: Michael Ranze schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Brigitte Bardot (weitere Nachrufe hier). Die Welt hat Elmar Krekelers Porträt des Schauspielers Hans Sigl online nachgereicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2025 - Film

Besprochen werden Anders Thomas Jensens schwarze Komödie "Therapie für Wikinger" mit Mads Mikkelsen (taz) und Craig Brewers Musikfilm "Song Sung Blue" mit Hugh Jackman und Kate Hudson (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2025 - Film

Brigitte Bardot ist tot. Die Filmkritiker hängen nochmal buchstäblich an ihren Lippen, "diesen einmaligen Lippen", wie Katja Nicodemus in der Zeit schreibt. Bardots erster großer Erfolg in Roger Vadims "Und immer lockt das Weib" machte 1956 ja auch tatsächlich Epoche: "Nie zuvor hatte man eine Frau auf der Leinwand so tanzen sehen. Brigitte Bardot tanzt wild, enthemmt und ganz für sich. Sie tanzt vor dem Spiegel und an den Blicken der Männer vorbei. Trotzdem wurde der Auftritt zum Sinnbild erotischer Verheißung und Verfügbarkeit."



Fortan stand Bardot zumindest im Kino - privat war sie äußerst konservativ und später eine ausgesprochene Antifeministin - "für eine selbstbestimmte Weiblichkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Doch "war die sexuelle Autonomie, die sich ihre Filmfiguren so selbstverständlich erstritten hatten, ein bestens verkäufliches Produkt im Markt sexualisierter Bilder." Heutzutage "muten die zarte Erotik", aber auch "die Geschichte - Frau flirtet mit unterschiedlichen Männern - etwas altbacken an", schreibt David Steinitz zu Vadims Film, doch war Bardots Figur im "Kino, in dem damals devote Frauenfiguren ohne eigenen Willen an der Tagesordnung waren, etwas völlig Neues." Ja, "andere Schauspielerinnen galten als geheimnisvoller, vielschichtiger, kunstvoller, klüger", schreibt Cosima Lutz in der Welt. "Deren Kurven wurden drapiert, geschnürt, ins rechte Licht gerückt; die athletische Bardot ließ sich vom Wind zerzausen und tanzte ungestüm."

Alles richtig, aber "fast schon ein Allgemeinplatz", findet Georg Seeßlen im taz-Essay über "BB". In Vergessenheit gerate dabei rasch, "was sich zwischen der scheinbar so einfachen und direkten Leinwand- und Presse-Persona, dem um etliches komplizierteren Menschen Bardot und der hochkomplexen Verarbeitung der erotischen Provokation in der liberal-kapitalistischen Welt der fünfziger und sechziger Jahre abspielte". Schon Simone de Beauvoir dachte damals darüber nach und sah in Bardot eine "neue Eva" heraufdämmern. Doch "nicht diese neue Eva war das, was am Ende bleiben sollte, sondern die Erinnerung an das wunderbare Durcheinander, die heillose aber lustvolle Verwirrung, die sie ... anzurichten imstande war. Die Unruhe, die blieb, auch als aus der realen Brigitte Bardot statt einer neuen Eva eine alte Dame mit schlechter Laune und hochreaktionären Ansichten geworden war."



Jenni Zylka zeichnet in der taz nach, wie Bardot sich spätestens ab Godards "Le mépris" dem männlichen Blick, dem sie einst angedient wurde, immer mehr entzog, bis sie sich 1973 schließlich konsequent von der Leinwand verabschiedete: "In der legendären ersten Szene liegt sie zwar noch nackt neben dem (angezogenen) Michel Piccoli, und fragt ihn, ob und wie sehr er ihre verschiedenen Körperteile mag, lässt ihren Körper dabei gleichsam durch seine Augen entstehen. Doch im Laufe des Films, in dem der Regisseur Paul (Piccoli) seine Kunstidee zugunsten von Kommerz verkauft, wendet sich Bardots Charakter Camille von ihm ab. Sie beginnt, ihn zu verachten; verwandelt sich mit schwarzer Perücke oder Sonnenbrille auch bildlich in eine andere Frau, die den Konsens deutlich verweigert." Ja, pflichtet Andreas Kilb in der FAZ bei: "Dieses Objekt seiner Begierde will sie nicht sein." Der Film steht derzeit übrigens in der Arte-Mediathek.
 
In französischen Medien ruft man ihr (hier, dort oder hier) besonders auch als Person der politischen Öffentlichkeit nach. Spätestens seit den frühen Neunzigern hatte sie sich immer wieder lautstark für den Front National engagiert hat, mit dessen Führungspersonal sie freundschaftlich verbunden war. Mit ihren teils derb formulierten, rechtspopulistischen Äußerungen beschäftige sie auch die französischen Gerichte meist zu ihren Ungunsten. Die deutschen Filmkritiker erwähnen das aus Chronistenpflicht eher nebenbei. Willi Winkler befasst sich in der SZ nochmal damit, wie Bardots Liaison mit Playboy Gunter Sachs die hiesigen Klatschspalten-Reporter in Lohn und Brot hielt. ZeitOnline bringt eine Bilderstrecke. Weitere Nachrufe in NZZ und Standard. Außerdem hat Arte einen Videoessay über Bardot online.

Themenwechsel: Rüdiger Suchsland wünscht sich auf Artechock fürs neue Jahr mehr waghalsige, Aufsehen erregende, spektakukläre Filme - und zwar insbesondere im Independentbereich, der seine Rolle als aufregender Innovator des Kinos in den letzten Jahren arg hat schleifen lassen. "Kino ist kein gedämpfter Spaß, sondern Ekstase, High und Low. Der wohltemperierte Akademismus und das manufactum-hafte vieler heutiger Filme, ihre Furcht, irgendwo anzuecken, interessiert stattdessen nur die Minderheiten des universitären Spektrums und das, was vom Bildungsbürgertum noch übrig ist. Wirkungsvolle Filme überschreiten aber Klassengrenzen."

Weiteres: Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den New Yorker Regisseur Amos Poe. Die Zeit hat Timo Posselts Gespräch mit Judi Dench online nachgereicht. Die FAZ kürt die besten Serienmomente des Jahres. Besprochen wird Anders Thomas Jensens "Therapie für Wikinger" mit Mads Mikkelsen (NZZ).