Im Kino

In den Matsch hinab

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
07.01.2026. Eine Verliererballade auf den Spuren der Coen-Brüder: Michiel ter Horn zeichnet in "Fabula" mit einigem Willen zur Skurrilität den Weg eines niederländischen Kleinkriminellen nach ganz unten nach. Etwas mehr Gravitas hätte der Unternehmung gut getan.

Zuerst einmal ist "Fabula" eine Verliererballade, die einen Spieler zeigt, der einfach nicht aufhören kann. Jos (Fedja van Huêt) ist Mitte 50, ein Kleinkrimineller und ein geborener Verlierer - der Sohn einer langen Familienlinie von Verlierern. Wie ein Mantra wiederholt er, dass er nur den nächsten Deal hinbekommen muss, um den Kreislauf zu durchbrechen, ein großer Akteur in der Unterwelt zu werden. Zwanghaft verschließt er die Augen davor, dass er sich ganz im Gegenteil auf einem rasanten Weg nach unten befindet und alle, die er liebt, mit sich hinunterzieht. Ebenso zwanghaft reißt er alles an sich, will alles besser wissen, eine Aura von Professionalität ausstrahlen. Wie sein Auto aber, dessen rechte Hintertür nicht richtig schließt und zu ungünstigen Zeitpunkten einfach aufgeht, ist er sichtlich defekt und eine Katastrophe mit Ansage.

Michiel ten Horns Film heißt aber nicht umsonst "Fabula". Jos' schmerzhafter Abstieg in seine persönliche Hölle ist nämlich nicht geradlinig erzählt, sondern ein verschlungen fabulierter Ritt. Jos' tollpatschiger Schwiegersohn in spe Özgür (Sezgin Güleç) hat Kontakte zu einem türkischen Clan aus Deutschland aufgetan, beide sollen einen Drogendeal mit ein paar "gefährlichen Afghanen" durchziehen. Jos nimmt aber lieber seinen heroinsüchtigen Bruder Hendrik (Georg Friedrich) zur Übergabe mit, die mächtig schiefgeht und nach der sowohl Hendrik als auch die Tasche voll Geld verschwunden sind. Jos folgt den Spuren der Tasche, eine Odyssee entspinnt sich, die uns durch das niederländische Hinterland und Jos' Vergangenheit führt.

Die Ballade nimmt die Form einer Gangstergroteske an, die sichtlich von den Filmen der Coen-Brüder beeinflusst ist. Die Orte, an die es Jos verschlägt, die Leute, die er trifft, sind durchgängig obskur und entrückt. Der Clanchef ist fast blind und taub, stattdessen riecht er sich durch seine Welt. Jos' Vater kann seinen Oberkörper nach jahrelangem Buddeln nach dem verschollenen Familienschatz nicht mehr aufrichten, weshalb er einen Spiegel auf dem Bauch geschnallt hat, mit dem er nach vorne gucken kann, ohne seinen Kopf zu heben. Allwissend erscheinende, heruntergekommene Karnevalsjecken und Schausteller erzählen vielsagende, verschlüsselte Geschichten, die auf den ersten Blick nichts mit der verschwundenen Tasche zu tun haben. Die Arbeiter eines Weinguts verbreiten die Atmosphäre einer sektenartigen Parallelgesellschaft. Mitten im Wald bewacht ein Schützenverein eine Art Bunker inklusive Waffenlager. Gerade Özgür verliert angesichts dieses ganzen Quatschs zuweilen die Nerven.


Sichtlich soll das alles etwas wie "The Big Lebowski" ergeben - nur eben nicht in Kalifornien, sondern in den Niederlanden, in Limburg. "Fabula" ist nicht sonnig, leicht und versponnen, sondern dunkel, betrüblich und verspannt. Wo den Dude im Film der Coens nur eine kleine Episode aus seiner Jugend erdet, wird Jos nicht nur durch die eigene Vergangenheit, sondern eine ganze Familiengeschichte in den Matsch hinab gezogen. Die Niederlande haben nichts mit dem Klischee ihrer Liberalität und Leichtigkeit gemein, sondern sind ein kaputtes Land verstörter, verstörender Gestalten. "Fabula" scheint der Galgenhumor anzutreiben, sich trotzdem nicht unterkriegen zu lassen und dem im eigenen Matsch feststeckenden Limburg fröhlich seine eigene Fratze vorzuführen.

Vor allem aber est nomen omen. "Fabula" ist eine Fabel. Nicht einfach nur, weil die Welt des Films einem wild gesponnen Märchenreich entspricht oder weil kleine Fabeln den Film durchziehen, sondern weil die Erzählung auf eine klare, moralisch lehrreiche Schlusspointe hinarbeitet. Eine Pointe, die von Beginn an in die Charaktere fest umreißt. Einzig, dass keine (anthropomorphen) Tiere die Hauptrolle spielen und dass der 1990er-inspirierte Gangsterfilm so überdeutlich ist, verdeckt das Fabel-hafte ein wenig. Ansonsten dient das Fabulieren des Films einer klar kommunizierten Lehre darüber, dass wir uns nicht von Erzählungen determinieren lassen, sondern flexibel bleiben sollen.

An simplen Botschaften und eng gefassten Handlungsstränge ist erstmal nichts auszusetzten. Das Problem ist nur, dass dem Film die Fortune fehlt, seine flachen Charaktere und Absichten mit Witz zu füllen, aus seinem Fabulieren mehr herauszuholen, als nette Abseitigkeiten. Fedja van Huêt spielt die Hauptfigur mit angeklebtem Schnurrbart und geduckter Körperhaltung und ist so nie mehr als eine überzeichnete Karikatur, deren Witz sich alsbald überlebt hat, die kaum als Projektionsfläche für Mitgefühl dient. Gleichwohl steht er so sehr im Zentrum, dass sich neben ihm niemand entfalten kann. Selbst Georg Friedrich kann sich zu keinem Zeitpunkt seine enorme Präsenz einbringen und verliert sich in den weiten Einstellungen und der Weite der Erzählung.

Die skurrilen Figuren, Dialoge und Einstellungen mühen sich unablässig ab, dass der umzingelte Witz herauskommt, sie unterstreichen andauernd, wie amüsant weil seltsam alles ist. Zwar spritzt auch mal einem Baby makaber Blut ins Gesicht, es geht um Schuld und Sühne, aber am Ende ist doch alles einfach nur versöhnlich und nicht weiter der Rede wert. Dabei hätte dem Stoff etwas Gravität gutgetan, etwas mehr Drama und weniger Bestehen darauf, dass alles nur ein absurdes laues Lüftchen ist, das im Matsch Limburgs feststeckt.

Robert Wagner

Fabula - Niederlande 2025 - Regie: Michiel ter Horn - Darsteller: Fedja van Huêt, Georg Friedrich, Sezgin Güleç. Michiel Kerbosch u.a. - Laufzeit: 125 Minuten.