Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2026 - Film

Die tiefe Zukunft verspricht Hoffnung: "Arco" von Ugo Bienvenu

Ugo Bienvenus französischer Animationsfilm "Arco" über einen Jungen aus der tiefen Zukunft, der nach einer Zeitreise im späten 21. Jahrhundert landet, das kurz vor dem ökologischen Kollaps steht, begeistert nach der Academy, die den Film bereits für einen Oscar nominiert hatte, auch die Filmkritiker, die sich an die Filme des japanischen Großmeisters Hayao Miyazaki erinnert fühlen. "Schon durch die Lichtstimmung und die Offenheit der Räume verspricht die weiter entfernt liegende Zukunft Hoffnung", schreibt Stefan Stiletto im Filmdienst, "und wie bei Miyazaki traut sich auch Bienvenu, immer wieder poetische Szenen einzuflechten, die eine mögliche harmonische Koexistenz von Mensch und Umwelt zeigen". "Die plakative Zweidimensionalität des Formats wird ernst genommen", schreibt Dietmar Dath in der FAZ. "Tiefe ist hier keine Actionkulisse, sondern anziehende Eigenheit der Gedanken und Gefühle von Figuren. Deren Handlungshorizont heißt in 'Arco' zweimal 'Zukunft' - die Fernzukunft lockt, die Nahzukunft schillert dagegen eher böse am Bildrand, ein Flimmerskotom am Ende aller Optionen; die Kamera hat Migräne, die sich dem Publikum als psychologische Spannung mitteilt." tazler Alexander Kloß freut sich jetzt schon "auf Bienvenus nächstes Wunderwerk".

Kleine Gesten und Blicke: "Wanda" von und mit Barbara Loden

Im Perlentaucher schreibt Patrick Holzapfel über Barbara Lodens "Wanda", heute ein Klassiker des unabhängigen US-Films der Siebziger, der seinerzeit aber fast untergegangen wäre und langfristig auch nur anhand einer einzigen, zufällig aufgestöberten Filmkopie überliefert wurde. Jetzt kommt der Film über eine driftende Frau aus der Unterschicht, gespielt von Loden selbst, erstmals in die deutschen Kinos: "Es ist ein feministischer, ein humanistischer Aufschrei, der bei seinem ursprünglichen Release in den 1970er Jahren in den USA mitunter wütende Reaktionen hervorrief. Pauline Kael ... bezeichnete die Hauptfigur als 'ignorant slut' und spiegelte damit die Enttäuschung einer feministischen Generation, die andere Narrative für Frauen wollte. Tatsächlich ist diese Wanda ein Opfer. Sie ist eine ungebildete Frau, eine derjenigen, die schlecht ausgestattet ins Leben gestartet sind. Der Unterschied zu den Diskursfilmen, die heute mit feministischem Aufbegehren realisiert werden, besteht darin, dass Wanda ein Mensch ist und keine Figur. Sie soll nichts repräsentieren. Sie ist einfach nur. Sie präsentiert keine Lösungen. Da ist nur ein vages Bewusstsein für die Ungerechtigkeit ihrer Situation. Es drückt sich in einer Fluchtbewegung aus, in kleinen Gesten und Blicken."

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Außerdem: Für die SZ spricht Gabriela Herpell mit Olivier Assayas über dessen gleichnamige (in Filmdienst und Welt besprochene) Verfilmung von Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml", an dem den Regisseur gar nicht so sehr "die Geschichte Wladimir Putins und die Geschichte des postsowjetischen Russlands" interessiert hat, sondern "die Reflexion über Macht. ... Da hat jemand wirklich begriffen, wie Propaganda heute funktioniert." Elmar Krekeler porträtiert in der Welt den Schauspieler Eren M. Güvercin. Der Besuch der Kölner Ausstellung mit Arbeiten der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama lohnt sich auch für Filmfreunde, schreibt Daniel Kothenschulte im Filmdienst, denn dort zu sehen ist mit dem 23-minütigen Film "Kusama's Self-Obliteration" auch "eines der bedeutendsten Filmdokumente über Kusamas US-amerikanische Schaffenszeit", über dessen nicht restfrei geklärte Urheberschaft - zugeschrieben wird der Film dem Experimentalfilmer Jud Yalkut - sich der Filmkritiker sehr viele Gedanken macht.

Besprochen werden Oliver Hermanus' "The History of Sound", der 2025 schon in Cannes für Aufsehen sorgte (FR, Zeit Online), Julia Ducournaus "Alpha" (Standard, unsere Kritik) und "All We Ever Wanted" der Debüt-Langfilm des einstigen Kritikers Frédéric Jaeger (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2026 - Film

"Pompeji: Unter den Wolken" von Gianfranco Rosi (Mubi)


Der Arthouse-Streamer Mubi zeigt Gianfranco Rosis neuen dokumentarischen Essayfilm "Pompeji: Unter den Wolken", der zum Teil in den Überresten der vom Vesuv einst zerstörten antiken Stadt gedreht wurde. Um bloße Postkarten von dort geht es diesem "dezenten Beobachter" indes nicht, schreibt Michael Meyns in der taz, sondern um die ganze Region, die stark migrantisch geprägt ist: "Flüchtlinge, die aus Afrika nach Europa kamen und (...) sich mit Einheimischen auseinandersetzen, die ihnen oft mit Skepsis, um nicht zu sagen mit unverhohlener Abneigung begegnen. Eine andere Linie des mäandernden, zu vielen Seiten offenen Films führt zum Krieg in der Ukraine" und zwar "durch Containerschiffe, mit denen tonnenweise Getreide nach Italien gebracht wird". Schließlich "im Bauch der Schiffe, in der Totale ganz winzig: syrische Arbeiter, die auf den Bergen von Weizen - die in der Nahaufnahme erst recht durch Rosis markantes Schwarz-Weiß wirken wie die rutschigen Abhänge des Vesuvs - herumrutschen, das Schiff bis auf das letzte Korn reinigen und auf ihre Weise für die Ernährung Europas sorgen, auch wenn es weiten Teilen Europas mehr als recht ist, wenn sie im Schiff verborgen bleiben und nicht gesehen werden."

Weiteres: Das Team von critic.de - darunter auch viele Perlentaucher-Filmkritiker - resümiert den 23. Hofbauerkongress, der in Nürnberg Raritäten insbesondere des abseitigen deutschen Nachkriegsfilms präsentierte: Für Tilman Schumacher etwa ist es damit das "aufregendste Filmfestival, das ich kenne", schließlich bietet es "stets eine Weitung des eigenen Kinohorizonts". Während Aaron Horvaths und Michael Jelenics "The Super Mario Galaxy Movie" für "eine nostalgische Total-Infantilisierung" und totale Kommerzialisierung im Animationsfilm steht, handelt es sich bei Ugo Bienvenus und Gilles Cazauxs zeitgleich anlaufenden, französischen Arthouse-Animationsfilm "Arco" um ein "kreativ eigenwilliges Kunstwerk", das "stilistisch mit seinen liebevoll handgezeichneten Bildern und seinem unaufdringlichen pädagogischen Impetus nahe beim japanischen Studio Ghibli" liegt, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ.

Besprochen werden Olivier Assayas' Putin-Film "Der Magier im Kreml" nach dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli (StandardSZ, FAZ, mehr dazu bereits hier), die ARD-Serie "Vanished" (taz), die Netflix-Doku "Chess Mates" über die beiden Schachmeister Magnus Carlsen und Hans Niemann (Welt) und Eric Besnards "Les Misérables"-Adaption (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.04.2026 - Film

Die Freude am lebenslangen Lernen: Siri Hustvedt und ihr Ehemann, der 2024 verstorbene Schriftsteller Paul Auster


"Wie wunderbar und leider immer noch nicht selbstverständlich ist es doch, einer klugen Frau einen ganzen Film lang zuzuhören", schwärmt Martina Knoben in der SZ nach "Dance Around the Self", Sabine Lidls über mehrere Jahre entstandenem Porträtfilm über die Schriftstellerin Siri Hustvedt, in dem auch Krebsleiden und Tod ihres Ehemanns Paul Auster eine große Rolle einnimmt. New York kommt Knoben in dem Film fast vor "wie der Schauplatz eines Woody-Allen-Films. Überhaupt scheint die gewöhnliche, oft hässliche und banale amerikanische Gegenwart häufig wie weggedimmt. Liegt es an den Privilegien, die Siri Hustvedt genießt, ihrer Schönheit, der äußerlichen (sie war früher Model) und der ihres Geistes? Oder ist es die Trauer, die sie abkapselt? Siri Hustvedt, die Welt- und Menschenerforscherin in ihren Texten, wirkt in Sabine Lidls Porträt wie in einer Blase, was seltsam anmutet, weil Hustvedt in ihren Arbeiten den Menschen als Wesen beschreibt, das nur im Austausch mit anderen existiert."  Valerie Dirk ist im Standard sehr begeistert: "Die treibende Kraft und die Freude in Hustvedts Leben ist das beständige Lernen. Es führt auch dazu, dass man - bei ihr war es etwa in ihren 40ern - irgendwann beginnen kann, mit Gedanken und Ideen aus verschiedenen Disziplinen zu tanzen."

Weiteres: Im Filmdienst führt Esther Buss durch die wechselhafte Rezeptions- und Überlieferungsgeschichte von Barbara Lodens Indie-Drama "Wanda" von 1970, das nun erstmals auch in Deutschland zu sehen ist (unser Resümee) - und stellt abschließend fest: "Auch 55 Jahre später wirkt Lodens Film roh, wahrhaftig und zugleich nie ganz zu fassen." Besprochen werden Wim Wenders' Essayband "Wesentliches" (FD), Kristoffer Borglis RomCom-Satire "The Drama" mit Zendaya und Robert Pattinson (Standard) und die Netflix-Doku "Chess Mates" über die beiden Schachmeister Magnus Carlsen und Hans Niemann (FAZ).
Stichwörter: Hustvedt, Siri, Lidl, Sabine

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2026 - Film

"Der Magier im Kreml" handelt von Wladimir Putins Aufstieg zum "Zar".

Am Donnerstag startet Olivier Assayas' Verfilmung von Giuliano da Empolis Roman "Der Magier im Kreml". Der Film erzählt vom Aufstieg Wladimir Putins (Jude Law) und seines Spindoctors Wladimir Baranow (Paul Dano), der als eigentlicher Strippenzieher im Hintergrund agiert. Leider überzeugt diese Figur Hanns-Georg Rodek in der Welt nicht. Der Film "gehört in die Tradition der vom westlichen Standpunkt aus erzählten Kalter-Krieg-Thriller. Die lebten davon, Grausiges aus dem Innern eines verschlossenen Reichs des Bösen zu erzählen. Die repressiven Mechanismen des neuen Russlands jedoch sind kein Rätsel mehr. Baranow hätte eine faszinierende Figur abgeben können, ein praktizierender Medientheoretiker wie Marshall McLuhan, ein Priester herzloser Machtausübung wie Trumps Lehrer Ray Cohn, ein Establishment-Zerstörer wie Steve Bannon. Stattdessen ist Wadim Baranow ein Gefäß, in dem profunde Leere herrscht."

Nikolai Klimeniouk fragt sich indes in der FAS, ob der Film ein Propagandawerk für Russland sein soll, auch wenn es den Machern vermutlich nicht darum gehe, Russland zu beschönigen. "Der Film wirkt eher wie ein Kondensat der westlichen Russlandberichterstattung vor Beginn der Vollinvasion in die Ukraine: insgesamt kritisch und reich an unappetitlichen Details, zugleich durchzogen von für das Regime nützlichen Mythen und Stereotypen. Im Film ist es unter anderem die vermeintliche Erniedrigung Russlands durch den Westen, der das Riesenreich nicht wie ein Alphatier unter den Staaten behandeln wollte." Vor allem bemerkt Klimeniouk, dass das Fehlen wichtiger Hintergründe den Film "gerade wegen seiner visuellen Plausibilität, in die Nähe von Propaganda rückt." Gezeigt werden weder "Putins tiefe, bis in seine frühe Jugend zurückreichende Verwurzelung in der organisierten Kriminalität " noch "seine Obsessionen mit der protofaschistischen russischen Geschichtsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts". Putin erscheine im Film stattdessen als effizienter und "rationaler Machtpolitiker". 

Weitere Artikel: Maria Wieser erzählt in der FAZ, dass es in der DDR keine Horrorfilme gab, dafür aber die Märchen gruselig waren. Wolfgang Hamdorf unterhält sich im FilmDienst mit dem Regisseur François-Xavier Drouet über dessen Film "The Gospel of Revolution". In der FAS durchwühlt Bert Rebhendl die Streaming-Dienste nach "Bibel-Content". 

Besprochen werden außerdem Kristoffer Borglis "The Drama" (SZ) und John Patton Fords "How To Make A Killing" (FilmDienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2026 - Film

Flucht vor dem Totalitarismus: "My Undesirable Friends: Part I" von Julia Loktev (Mubi)

Julia Loktevs nicht im Kino, sondern auf Mubi gezeigter Dokumentarfilm "My Undesirable Friends: Part I" über russische Frauen - allesamt junge Medienmacherinnen - , die unmittelbar nach Putins Kriegseskalation in der Ukraine aus Furcht vor Repressionen aus ihrer Heimat geflohen sind, "ist ein rohes, unmittelbares und mit einer Spielzeit von fast sechs Stunden monumentales Zeitdokument, das eine Gesellschaft zeigt, die in den Totalitarismus abgleitet", schreibt ein sehr beeindruckter Tobias Ostermeier in der taz. Und doch ist es "verblüffend, mit wie viel Humor und Standhaftigkeit die Frauen ihren Ängsten und der staatlichen Repression begegnen. Gemeinsam feiern sie Silvester und stoßen auf ein neues Jahr ohne Putin an. In einer Szene fragen sie Loktev, ob ihr bewusst sei, dass sie gerade in einem Raum stehe, der sehr wahrscheinlich verwanzt ist. ... Gleichzeitig tragen diese jungen Frauen ein bewundernswertes Maß an Verantwortung und auch Scham in sich."

Zwischen Weihwasser und MG: "The Gospel of Revolution" von François-Xavier Drouet

François-Xavier Drouets Dokumentarfilm "The Gospel of Revolution" über die Geschichte der Befreiungstheologie in Lateinamerika häuft zwar "tolles Archivmaterial" auf, räumt tazlerin Barbara Schweizerhof ein. Aber der Film bleibt ihr zu verklärt in der Darstellung der Geschichte, Fragen etwa nach der "Revolutionsromantik" von einst stellt er nicht. "Überhaupt ist es schade, dass er seine Gesprächspartner nie wirklich herausfordert. El Salvador, Brasilien, Nicaragua und Mexiko sind die vier Länder, in denen Drouet Geistliche mit revolutionärer Vergangenheit aufsucht. ... Das Schwelgen in der Vergangenheit steht im harten Kontrast zur Gegenwart in allen vier Ländern. Wäre es nicht angebracht, auch über Zweifel am Engagement von einst zu sprechen? Oder über die Langzeitfolgen?"

Weiteres: Elmar Krekeler verabschiedet sich in der Welt vom bayerischen Tatort-Ermittlerduo Leitmayr/Batic, das nach hundert Fällen in 35 Dienstjahren in Pension geht. Für Zeit Online sammelt Matthias Dell Stimmen von Weggefährten, darunter auch Dominik Graf, der in den Neunzigern mit "Frau Bu lacht" nicht nur einen der besten Leitmayr/Batic-Filme, sondern vielleicht sogar eine der besten "Tatort"-Folgen überhaupt gedreht hat.

Besprochen werden Carla Simóns "Romeria" (Perlentaucher, FAZ, mehr dazu bereits hier), Kristoffer Borglis Hochzeitsdrama "Das Drama" mit Zendaya und Robert Pattinson (FR, Tsp, Welt), Guillaume Senez' in Japan angesiedeltes Sorgerechtsdrama "A Missing Part" (FR), die DVD-Ausgabe von Cherien Dabis' "Im Schatten des Orangenbaums" (taz) sowie Aaron Horvaths und Michael Jelenics Computerspieleverfilmung "Super Mario Galaxy" (ZeitOnline, Welt, FD).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2026 - Film

Zöglicher und unsicher: Llucía Garcia in "Romería" von Carla Simón

Die autofiktionalen Filmen von Carla Simón handeln vom "Schweigen über die Familiengeheimnisse", das "zugleich das Schweigen über die politische Macht" ist, schreibt Georg Seeßlen in der Zeit zum Kinostart von "Romería - Das Tagebuch meiner Mutter", in dem Simón - analog zur ihrer eigenen Biografie - von einer jungen Frau erzählt, die in einen Küstenort kommt, um die Geschichte ihrer früh verstorbenen Eltern zu rekonstruieren. Simón bediente bislang ein eher beobachtendes künstlerisches Register, "hier nun aber verbinden sich Quasi-Dokumentarisches, Kammerspielhaftes und magischer Realismus; gleich zu Beginn gibt es eine Unterwasserszene mit Marina, mit Korallen und Meeresgetier, die man kurz unter Kitschverdacht zu stellen versucht ist, doch sie wiederholt sich gegen Ende, diesmal mit der Mutter in der atlantischen Unterwelt. Nicht nur da wird deutlich, dass 'Romería' nicht bloß erzählerische Konstruktion, sondern auch lyrische Komposition ist. Sie hat den etwas harten Rhythmus eines García-Lorca-Gedichts, und einer der Höhepunkte des Films ist eine Art Geistertanz, bei der sich die Tänzerinnen und Tänzer nach und nach in Leintücher verhüllen und zu Gespenstern werden."

Philipp Stadelmaier (SZ) fühlt sich in diesem nur "auf den ersten Blick federleicht" wirkenden Film an Eric Rohmer erinnert. "Die Zeit vergeht ohne Hast. Man springt ins Wasser, grillt am Strand, genießt das Leben." Doch "Marina stößt auf Erinnerungen einer Generation, die nach der Franco-Zeit in den Achtzigerjahren Aufbruch und Freiheit genoss - und gleichzeitig an Aids und Heroin zugrunde ging. ... Llucía Garcia bringt Marinas Irritation hervorragend zur Erscheinung: die Zögerlichkeit und Unsicherheit einer jungen Person, die nicht genau weiß, wie sie sich verhalten soll." Für die taz hat Arabella Wintermayr mit der Regisseurin gesprochen.

Unterprivilegiert im Patriarchat: "Wanda" von Barbara Loden

Besser spät als nie: Barbara Lodens einzige Regiearbeit "Wanda" aus dem Jahr 1970 kommt nun doch noch regulär in die deutschen Kinos. Loden, ansonsten als Schauspielerin bekannt, erzählt (und spielt) in diesem auch zu den Klassikern von "New Hollywood" quer stehenden Klassiker des Independentfilms "eine arbeits- und mittelose Frau aus der Arbeiterschicht, die ihren Mann scheinbar völlig ungerührt verläßt, und dann ziel- und antriebslos durch die Lande streift", bis sie an einen Kleinkriminellen gerät und in ein Verbrechen verstrickt wird, schreibt Annette Brauerhoch auf critic.de. Zu sehen ist "ein Amerika der Unorte mit Shopping Malls, Riesenparkplätzen, heruntergekommenen Hotels und schäbigen Bars. ... 'Wanda' ist ein Film ohne Telos, ohne Heldin oder Held, aber mit einem ungemein klaren Blick auf seine Hauptfigur. Ein Blick, der von einer intimen Kenntnis, einem tiefen Verständnis zeugt." Dieser Film "geht unter die Haut und bleibt für jede Zuschauerin unvergessen in der Präzision seines Blicks auf das Schicksal einer unterprivilegierten Frau im Patriarchat".

Weiteres: Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem Filmemacher Richard Linklater, der kurz nach "Nouvelle Vague" gleich noch seinen zweiten neuen (hier in der Jungle World besprochenen) Film "Blue Moon" in die Kinos bringt (unser Resümee). Robert Wagner empfiehlt auf critic.de die von Perlentaucher-Filmkritiker Tilman Schumacher kuratierte Harald-Reinl-Retrospektive im Berliner Zeughauskino. Marius Nobach blickt im Filmdienst auf die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis.

Besprochen werden François-Xavier Drouets "The Gospel of Revolution" über den Aufstieg der Befreiungstheologie in Lateinamerika (Jungle World), Aaron Horvaths und Michael Jelenics Computerspieleverfilmung "Super Mario Galaxy" (Standard) und die Apple-Dokuserie "Twisted Yoga" über sexuellen Missbrauch im Yoga (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2026 - Film

Zeigt, wie Trauer die Identität mutieren lässt: "Alpha" von Julia Ducournau


Mit dem Label "Body Horror" kann die französische Regisseurin Julia Ducournau, die 2021 für "Titane" mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, zwar soweit gut leben, verrät sie Felix Knorr im Filmdienst-Gespräch. Ihr neuer Film "Alpha", in dem ein Virus Menschen versteinern lässt, sei aber nicht als kathartischer Horrorfilm angelegt, denn "er ist nicht gemacht, damit man irrationale Ängste kontrollieren kann. Ich will diese Distanz brechen, weil ich den wirklichen Horror zeigen will, der für mich darin besteht: sterblich zu sein. Die Menschen loslassen zu müssen, die wir lieben. Das ist eine Aufgabe, die oft unmöglich scheint. Und wenn man es tut, hinterlässt es Narben fürs Leben. Trauer ist nicht etwas Temporäres. Sie verändert deinen ganzen Zustand des Seins."

Die 94-jährige Kim Novak lehnt es ab, in einem Biopic von Sydney Sweeney gespielt zu werden: Die Schauspielern sei ihr "zu sexy". Dabei ging von Novak selbst zu ihrer Blütezeit in den Fünfzigerjahren, "selbst wenn sie hochgeschlossene Kostüme trug, eine Sinnlichkeit aus, die Hollywoods Anstandsnormen bis zum Äußersten ausreizte", schreibt Claudius Seidl in der SZ. Wobei "man in diesem Zusammenhang allerdings nicht Kim Novak mit Kim Novak verwechseln darf. ... In 'Vertigo' wird ja die Kimnovakwerdung der Kim Novak sehr anschaulich beschrieben: Da trifft James Stewart auf einer Straße in San Francisco eine brünette Frau, die ihn an eine blonde Frau erinnert. Und dann sorgt er dafür, dass diese Frau sich von Szene zu Szene immer perfekter in Kim Novak verwandelt. Das war zwar nur die fiktionale Obsession James Stewarts aus dem Filmplot - aber genau so darf man sich den Blick der Studiobosse auf ihre weiblichen Stars schon vorstellen."



Weiteres: Der Regisseur Jean-Pierre Bekolo erinnert sich auf critic.de an eine Begegnung mit Alexander Kluge. Besprochen werden Richard Linklaters "Blue Moon" (taz, mehr dazu bereits hier), Tom Harpers Netflix-Film "Peaky Blinders: The Immortal Man" mit Cilian Murphy (NZZ) und Julian Radlmaiers "Sehnsucht nach Sangerhausen", der in Deutschland bereits vergangenen Herbst anlief (Standard, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2026 - Film

Neugierige Blicke: "Pillion" von Harry Lighton


Sehr beeindruckt ist Jens Balkenborg (NZZ) von Harry Lightons Langfilmdebüt "Pillion", das von der SM-Romanze zwischen einem jungen Mann (Harry Melling) und dem wesentlich älteren Biker Ray (Alexander Skarsgård) erzählt, dem sich ersterer quasi bedingungslos unterwirft. "Es ist erstaunlich, wie offensiv und behutsam zugleich sich Lighton seinem Sujet nähert. Anstatt moralisch zu werten, blickt er durch die Augen Colins mit Neugier und Offenheit auf die Beziehung des Doms und des Sklaven. Und auf die Gruppe schwuler Biker, in die Colin eingeführt wird. ... Lightons Film eröffnet einen unverstellten, durch und durch empathischen Blick in einen Mikrokosmos, der eigenen (sexuellen) Regeln folgt." Ähnlich sieht es Valerie Dirk im Standard.

"Sternstunde der Mörder" (ARD)

Carolin Ströbele ärgert sich auf ZeitOnline über den bereits in der Mediathek abrufbaren Osterwochenende-Vierteiler "Sternstunde der Mörder" der ARD. Die Miniserie sieht nicht nur aus wie ein Abklatsch von "Babylon Berlin", sondern erzählt in den letzten Tagen Prags unter deutscher Besetzung auch von ähnlichen Themen. Ein Serienmörder treibt überdies sein Unwesen. Und für komplett aus der Zeit gefallen hält es Ströbele, dass "im Jahr 2026 ein sogenannter Event-Film zur sogenannten besten Sendezeit genau" jene Bilder der duldsamen und schwachen Frau "aufnimmt und zementiert". Männerrollen gibt es viele, Frauen "stöckeln derweil über Friedhöfe, wo sie der Killer erspäht und nach Hause verfolgt. Zu sagen haben sie wenig. ... Männer handeln, Frauen werden behandelt."

Weiteres: Auf ZeitOnline verabschiedet sich der Regisseur Volker Schlöndorff von Alexander Kluge (mehr zu dessen Tod hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2026 - Film

Gunnar Leue hat in der taz viel Spaß mit der vom Hannoveraner Philipp Ladage erdachten "DDR Mondbasis", einer KI-generierten Online-Clipserie auf Youtube und Instagram, die sich ausmalt, wie es auf dem Mond wohl zuginge, wenn die DDR den Space Race für sich entschieden hätte: "Es wird viel rabottet in der Mond-DDR, aber auch gefeiert und mit Trabis zwischen den Plattenbauten über die Kraterlandschaft gebrettert. ... Negative Gefühle sind unerwünscht. Negative Elemente ebenso. In einem Video tragen Volkspolizisten einen Mann weg, der wohl nicht so recht in die Ordnung der glücklichen Gemeinschaft passte. ... Das Interessante ist, dass man sich - vor allem als Ostler mit DDR-Lebenserfahrung - beim Ansehen der computergenerierten Bilder nicht nur amüsiert. Man fragt sich, ob diese schräge Verknüpfung von Utopie und Vergangenheit nicht die schlauere Form sogenannter DDR-Vergangenheitsaufarbeitung ist, weil witzig und lehrreich."



Weiteres: Dietrich Leder schreibt im Filmdienst zum Tod von Alexander Kluge (mehr dazu bereits hier), FAS und SZ sammeln dazu Stimmen. Arabella Wintermayr spricht für die taz mit der Filmemacherin Julia Ducournau über deren Film "Alpha". Esther Buss resümiert in der Jungle World die Retrospektive der Diagonale, die dem österreichischen Film der Neunzigerjahre gewidmet war. Arno Widmann erinnert in der FR an den riesigen Erfolg, den Miloš Forman vor 50 Jahren mit "Einer flog über das Kuckucksnest" feiern konnte.

Besprochen werden Florian Opitz' ZDF-Dokuserie "Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden" (FD), Kamal Aljafaris Dokumentarfilm "Mit Hasan in Gaza" (FAZ), Carla Simóns "Romería" (WamS), Harry Lightons SM-Drama "Pillion" (FAS) und die letzte Staffel der Amazon-Serie "Outlander" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2026 - Film

Alexander Kluge, 2020 (Bild: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0)
Einen wie ihn wird es wohl kein zweites Mal geben: Der unvergleichliche Alexander Kluge ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Filmemacher, Autor, Soziologe, Philosoph, Jurist, Kulturhistoriker, Hörspielautor, Medienkünstler, Fernsehmacher - die Feuilletons verabschieden sich vom vielleicht letzten wirklichen Renaissance-Menschen unserer Gegenwart. Er, der bei einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg nur denkbar knapp mit dem Leben davonkam, "war ein Geschichtenerzähler, einer der in allen möglichen Genres vom Überleben berichtete", schreibt Arno Widmann in der FR. Nach Enzensberger und Habermas tritt mit Kluge eine intellektuelle Generation der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nun endgültig ab, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ: "Dieser Seele fiel zu allem etwas ein, sie entzündete sich an allem. ... Das macht sein Werk zu einem Bau mit hundert Gängen und Öffnungen. Er handelte von chinesischen Schriftzeichen und von der Inquisition, von Waffenherstellern und der Eigentümlichkeit von Viren, von King Kong und von Fontane."

Oder wie es Andrian Kreye in der SZ auf den Punkt bringt: "Alexander Kluge war der neugierigste Mensch der Welt". Zuletzt beschäftigte er sich enthusiastisch mit Künstlicher Intelligenz. Sie "war für ihn ein Füllhorn, aus dem er die gesamte Geistes- und Kulturgeschichte der Menschheit herausdestillieren wollte". Und er hoffte auf die Vermählung der Künstlichen Intelligenz mit der Quantenphysik: "Dann würden sich Körper, Geist und Verstand, Logik, Informatik und Quantenphysik, Biologie und Astronomie, die gesamte Ideengeschichte zu etwas Wunderbarem vereinen - einem 'Konzert der Intelligenzen'. Dann wäre die Menschheit einen Schritt weiter und nicht einmal die Profiteure des Silicon Valley könnten das aufhalten. 'Es sind eben nur Zauberlehrlinge, die da etwas versuchen, das sie gar nicht erst beherrschen können.'"

Bekannt machte ihn aber sein Engagement für den Film, erst als Unterzeichner des Oberhausener Manifests, später mit eigenen Filmen - "Abschied von gestern", "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos", "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit", allesamt Klassiker des Jungen Deutschen Films. "Oft entsprach das schnelle, filmische, assoziative Denken seinem Denken mehr als die langsame Schrift", meint Peter Neumann auf Zeit Online. Es war "eine unverwechselbare Handschrift", schreibt Cosima Lutz in der Welt, "eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, assoziativ, schweifend und sinnbildlich selbst dann, wenn nicht genau erklärt wurde, wofür". Auch war Kluge ein Aktivist in Sachen Filmförderung, deren Ursprünge in Deutschland er maßgeblich mitgestaltete, erinnert Claudia Lenssen in der taz: "Er erkannte die Tücken des schwächelnden deutschen Kommerzkinos, organisierte Bündnisse mit der Filmkritik und Autoren/Produzenten und verfasste mit anderen flammende filmpolitische Analysen, vor allem in Richtung der mächtigen Fernsehanstalten, deren Beteiligung an der Autorenfilmförderung er einforderte."

Andreas Platthaus spricht in der FAZ Kluges schier unüberschaubare Fernseharbeit seit den späten Achtzigern. Durch eine gewiefte juristische Finte konnte Kluge den Privaten Programminseln abluchsen, in denen er auf redaktionell eigene Verantwortung Kulturfernsehen betrieb, wie es eigentlich die Öffentlich-Rechtlichen leisten sollten: "Das war Fernsehen, wie man es noch nie gesehen hatte, ohne Rücksicht auf Sehgewohnheiten oder Halbbildung." Auch Willi Winkler schwärmt auf Seite Drei der SZ von diesen quotenkillenden TV-Sternstunden: "Das Leitmedium musste die schöpferische Zerstörung ertragen." Kluge "entfaltete in diesen Zweiergesprächen eine ähnlich raunende Präsenz, verstärkt durch das Nachfragen, das sokratische Immernochmehrwissenwollen", bei dem er sich "in oft schwindelnde intellektuelle Höhen schraubte". Online sind die Arbeiten auf dctp.tv archiviert - ein Füllhorn, das zum endlosen Stöbern und Staunen einlädt.

Weitere Nachrufe in Standard und NZZ. Der Merkur hat ein paar Kluge-Texte aus seinem historischen Archiv für die Online-Lektüre freigeschaltet, darunter Kluges "Die Utopie Film" von 1964. Archivgespräche mit Kluge finden sich hier in der ARD Mediathek sowie hier und dort bei Dlf Kultur. In der ARD Audiothek finden sich zahlreiche Gespräche, Hörspiele, Nachrufe und Features. Auf Eichendorff21 haben wir für Sie einen Büchertisch mit aktuell lieferbaren Büchern Kluges zusammengestellt.

Weitere Artikel: Dunja Bialas schreibt auf Artechock einen Nachruf auf die Münchner Kinobetreiberin Marlies Kirchner. Anna Edelmann berichtet für Artechock über das Münchner Jugendfilmfestival "flimmern&rauschen". Und in seiner Artechock-Kolumne notiert Rüdiger Suchsland, über was er sich in dieser Woche geärgert hat.

Besprochen werden Ratchapoom Boonbunchachokes "A Useful Ghost" (Perlentaucher), Harry Lightons SM-Drama "Pillion" (critic.de, SZ),  Richard Linklaters "Blue Moon" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Maryam Touzanis "Calle Málaga" (Artechock), Sven Unterwaldt jrs "Horst Schlämmer sucht das Glück" (Artechock) und Antoine Lanciauxs "Die Schatzsuche im Blaumeistental" (Artechock).
Stichwörter: Kluge, Alexander