Im Kino
Straßenköterenergie
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
07.01.2026. Ein Folterer in der Kiste in einem weiteren großen Autofilm auf den Straßen Teherans: Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" fühlt sich streckenweise schon so an wie ein Film über den Iran nach der Islamischen Republik.
Darf man einen, der Menschen wie Hunde behandelt hat, selbst mit dem Auto überfahren wie einen Hund? Nun, zunächst einmal sollte man natürlich auch einen Hund, wenn irgend möglich, nicht mit dem Auto überfahren. Genau das macht in der ersten Szene des Films ein Mann, der möglicherweise Eghbal heißt; aus Versehen, in einem Moment der Unaufmerksamkeit, während er auf Wunsch seiner Tochter einen Popsong lauter dreht.
Es ist die einzige Szene, in der der Mann, der möglicherweise Egbhal heißt, das Heft des Handelns in der Hand hält. Gleich in der nächsten übernimmt Vahid (Vahid Mohasseri), ein Automechaniker, der in der Werkstatt arbeitet, in der der Mann, der den Hund überfahren hat, sein Auto nach dem Missgeschick reparieren lässt. Vahid ist es, der in dem Mann Eghbal erkennt; jenen Eghbal, der einst ihn, und wie sich bald herausstellt nicht nur ihn, im Gefängnis gefoltert hatte.
Es ist die Art und Weise, wie Eghbal sein künstliches Bein bewegt, die Vahid nur allzu bekannt vorkommt. Er nimmt die Verfolgung auf - doch eben, als er zum Angriff übergehen möchte, läuft ein Straßenhund vor sein Auto. Für einen Moment abgelenkt, wechselt Vahids Aufmerksamkeit zwischen dem Hund und dem Mann, der möglicherweise Eghbal heißt, hin und her. Gleich darauf fährt Vahid auf den Mann zu - und überfährt ihn nicht, wie er es vermutlich vorgehabt hatte, sondern schlägt ihn nieder und kidnappt ihn.

Es sind zwei Straßenhunde, oftmals geringgeschätzte, kaum beachtete Geschöpfe des urbanen Alltags, die Jafar Panahis neuen Film "Ein einfacher Unfall" in Gang bringen; die eine auf den ersten Blick simple Rachegeschichte in einen Film verwandeln, von dem man bald nicht mehr so recht sagen kann, ob es sich bei ihm um eine Krimigroteske mit Hitchcock- und Kaurismäki-Einschlag, eine Screwball-affine Gesellschaftskomödie oder ein moralphilosophisches Traktat handelt. In jedem Fall ist "Ein einfacher Unfall" ein weiterer großer Autofilm des iranischen Kinos: Nachdem er seinen ehemaligen Peiniger in seinen weißen Lieferwagen verfrachtet hat, sammelt Vahid eine Reihe ehemaliger Leidensgenossen ein, die mit Eghbal ebenfalls diverse Hühnchen zu rupfen haben.
Als da wären: eine Fotografin, die die traumatische Vergangenheit zunächst am liebsten verdrängen würde; eine Braut, die vor der Hochzeit das eine oder andere klarzustellen hat; und ein nervöser Typ mit Schnurrbart, der den Film immer wieder komplett aus der Bahn zu werfen droht - weil er nicht nur beim Anblick Eghbals zuverlässig in Rage gerät, sondern auch die abwägenden Überlegungen der Anderen bezüglich des Umgangs mit dem Entführten, mit dessen einstigen Methoden sie sich nicht gleich machen wollen, immer weniger erträgt. Er will Rache nehmen, schnell und dreckig, fertig aus.
Jafar Panahi trotz in seinem neuen Werk nicht nur ein weiteres Mal dem Berufsverbot, das die Behörden seines Heimatlandes bereits 2010 über ihn verhängt haben; er hat seinen neuen Film außerdem, wie zuvor schon "Taxi" (2015), direkt auf den Straßen Teherans gedreht, ohne Genehmigung, mit kleiner Crew und zumindest teilweise in Guerilla-Manier. So geschickt die Erzählung des Films gebaut ist, fließt durch ihn gleichzeitig eine erfrischend räudige, hemdsärmelige Straßenköterenergie.
Vor allen Dingen ist "Ein einfacher Unfall" Panahis bis dato frontalste Attacke wider das islamische Regime in Teheran. Wie zuletzt Mohammad Rasoulof in "Die Saat des heiligen Feigenbaums" (2024) verabschiedet sich nun auch Panahi endgültig von indirekten, metaphorischen Formen der politischen Kritik. Beide Filme entfalten sich als eine einzige, konzentrierte, schonungs- und illusionslose Konfrontation mit einem Vertreter der politischen Repression und beide Filme operieren im Wissen, dass es keinerlei Spielraum gibt für Kompromisse mit dem Regime oder Appeasement. Dass die Fotografin und die Braut fast durchweg, auch in den Straßenszenen, ohne Kopftuch zu sehen sind, passt unbedingt zu diesem Gestus.
Gleichzeitig jedoch ist Panahi noch weniger als Rasoulof als Filmemacher ein Aktivist. Was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass er sich kein bisschen dafür interessiert, den Folterknecht mit den Mitteln des Kinos zu dämonisieren. Ganz im Gegenteil sperrt er ihn über weite Strecken des Films in eine Art Behelfs-Sarg und scheint ihn dort streckenweise fast zu vergessen. Der Folterer in der Kiste ist letztlich nur ein Vorwand dafür, offenherzig und mit einigem Spaß an humoristischen oder auch melodramatischen Spitzen über das Leben im Iran der Gegenwart nachzudenken.
Suspense im engeren Sinne interessiert Panahi gleich gar nicht. Theoretisch drohen Vahid und seinen Mitstreitern zwar schwerste Strafen, praktisch ist die Staatsgewalt im Film jedoch weitgehend abwesend oder, wenn sie doch einmal ins Bild stolpert, glücklicherweise bis auf die Knochen korrupt. In Zeiten, in denen das islamische Regime mehr denn je von Straßenprotesten unter Druck gesetzt wird und zumindest aus einer Außenperspektive kurz vor dem Kollaps steht, mag die erst im letzten Akt in den bitteren Ernst einer lang durchgehaltenen Bondage-Großaufnahme kippende spielerische Lässigkeit des Films gar einen utopischen Charakter erhalten: Fast fühlt sich "Ein einfacher Unfall" zwischendurch bereits an wie ein Film über den Iran nach der Islamischen Republik.
Lukas Foerster
Ein einfacher Unfall - Iran 2025 - OT: Yek taṣādof-e sāde - Regie: Jafar Panahi - Darsteller: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten - Laufzeit: 105 Minuten.
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