Offensive Zweideutigkeit als Statement der Freiheit: "Balconettes" von Noémie Merlant NoémieMerlants nach einem Drehbuch der Regisseurin CélineSciamma inszenierte Horrorkomödie "Balconettes" bricht fortlaufend mit zahlreichen Sehgewohnheiten, freut sich Arabella Wintermayr auf Zeit Online: "Dass in 'Balconettes' fast jede männliche Figur aggressiv, manipulativ oder schlicht gefährlich ist, könnte man kritisieren - es ist aber keine erzählerische Schwäche, sondern eine bewusst gesetzte These. 'Balconettes' ist kein Aufruf zur Ausgewogenheit, er ist vielmehr ein visuelles Manifest gegen den male gaze und die Ikonografie des weiblichen Leidens." Und Bert Rebhandl schreibt in der FAS: "Der Balkon ist ein Ort, an dem man sich erholt, aber auch preisgibt", insbesondere in Ländern, die im Sommer heißer sind als Deutschland. "Da es auch im Französischen eine umgangssprachliche, zotige Formulierung gibt, die den Busen als 'balcon' bezeichnet, bekommt der Titel von Noémie Merlants Film eine Zweideutigkeit, die in dem triumphierenden Finale offensiv aufgelöst wird. Es ist Elise, die dann ihr Hemd so offen trägt, dass sie das Darunter nicht zu verbergen versucht. Es ist die Regisseurin, die selbst diese Figur spielt und die damit eine lange Tradition der Entblößung für den männlichen Blick auf ein Statement der Freiheit ummünzt, das nicht zu Belästigung oder gar Schlimmerem einlädt."
Am Dienstag beginnen die Filmfestspiele in Cannes. Mara Delius spricht für die WamS mit der Festivalpräsidentin IrisKnobloch. Immer wieder stand das Festival in den letzten Jahren in der Kritik, zu wenig Filme von Frauen ins Programm zu holen. Parität ist dem Festival wichtig, entgegnet Knobloch dem, allerdings in anderer Gewichtung: "Wir haben Parität in allen Gremien. ... Das Auswahlkomitee ist paritätisch besetzt sowie unsere Jurys und Jurypräsidentschaften. In diesem Jahr sogar mehr als das: Alle vier Jurypräsidenten sind Präsidentinnen. Bei der Filmauswahl hingegen bin ich gegen Quoten, weil sie die Unabhängigkeit der Auswahl beeinträchtigen würden. Das einzige Kriterium bei der Auswahl eines Films muss seine Qualität sein. In diesem Jahr haben wir 2900 Filme erhalten, davon wurden 28 Prozent von Frauen eingereicht. Ein Drittel der Filme unserer Auswahl stammt von Filmemacherinnen. Parität ist eine Verantwortung der gesamten Branche. Die neue Generation von Frauen ist mutiger und traut sich mehr zu. Deshalb bin ich sicher, dass der Anteil von Filmemacherinnen in Cannes weiter steigen wird."
Der georgische Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili denkt in einem Essay für "Bilder und Zeiten" der FAZ über MichailLockshins eben in Deutschland angelaufene Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" (unser Resümee) nach, dem im Gegensatz zur literarischen Vorlage ein entscheidendes Element fehlt: "Der georgische Philosoph Merab Mamardaschwili beschrieb seine Lektüre nach der Erstveröffentlichung des Buchs in der Tauwetterzeit als ein literarischesAufatmen - die Erfahrung, dass es plötzlich wieder möglich war, freizudenken. Gerade diese heitere Würde und die Hoffnung, die den Roman bis heute tragen, fehlen dem Film fast vollständig." Die Verfilmung "wird selbst zum Symptom jener resignativenGrundstimmung, die die russische Kultur der Putin-Jahre prägt: einer Kultur, die selbst im Raum der Fiktion keinen Ausweg mehr entwerfen kann. Und damit auch keinen Widerstand."
Weiteres: Beim DeutschenFilmpreis war TimFehlbaums "September 5" (unsere Kritik) mit insgesamt neun Lolas - darunter bester Film, beste Regie und bestes Drehbuch - der große Abräumer des Abends (hier alle Auszeichnungen). Jan Küveler spricht für die SZ mit der Schauspielerin VerenaAltenberger, die aktuell in BurhanQurbanisShakespeare-Interpretation "Kein Tier. So Wild" (unser Resümee) zu sehen ist. Jan Küveler porträtiert für die WamSStevenSoderbergh, dessen aktuellen Thriller "Black Bag" offenbar niemand besprechen will (aber alle reißen sich um Interviewtermine mit dem Regisseur). Philipp Bovermann schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Regisseur James Foley. Im Zeitfragen-Feature von Dlf Kulturerinnert Siegfried Ressel an die Entstehung von ClaudeLanzmanns Dokumentarfilm "Shoah".
Besprochen werden DagJohanHaugeruds "Oslo Stories: Träume", bei dem laut Welt-Kritikerin Marie Luise Goldmann "die Erotik im Stricken eines Pullovers, im Philosophieren über Anziehungskraft oder Einkaufen für einen Kranken" entsteht (unsere Kritik) und die Sky-Doku "Das Nazi-Kartell" über die Verstrickungen zwischen dem Naziverbrecher KlausBarbie und einem lateinamerikanischen Drogenboss (FAZ, die erste Folge steht auf Youtube).
Trumps irrsinnige Ankündigung, 100 Prozent Zoll auf im Ausland gedrehte Filme erheben zu wollen, "spricht von der Ahnungslosigkeit des Mannes, der sie in die Welt gesetzt hat", seufzt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Zwar stimmt der Befund, dass in den USA immer weniger gedreht wird, aber "wenn all die Arbeiten, die Hollywood aus Kostengründen ins billigere Ausland auslagert, ins Inland zurückkommen, werden sie dort ja nicht billiger - es sei denn, das amerikanische Lohnniveau würde sinken. ... Die einzig mögliche Lösung würde darin bestehen, das Produkt - also den Film - zu verteuern. Das wiederum wäre fatal, denn es haben sich Alternativen zu Hollywood entwickelt. ... Die Einnahmen amerikanischer Filme stammen heute schon zu zwischen 50 und 70 Prozent aus dem Ausland. Die Konkurrenz würde sich die Hände reiben, wenn US-Filme wesentlich teurer würden."
In der Kritik am neuen Kulturstaatsminister WolframWeimer überwiegen "Erbsenzählerei, moralisierende Reflexe und eine destruktive Energie, von der man sich wenigstens 10 Prozent im Umgang mit Weimers Vorgängerin Claudia Roth gewünscht hätte", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock. Ihm fehlen konkrete Vorschläge für die Zukunft - und macht daher selber zumindest filmpolitische: "Eine der ersten Amtshandlungen ... sollte es sein, die vom Bund vergebenen (Bundes-)Filmpreise erstens wieder zu dotieren, und zwar möglichst noch besser als im letzten Mal mit Geldern aus seiner Amtsschatulle. Zweitens wäre es wünschenswert, die Vergabe und die Ausrichtung des Filmpreises der 'Deutschen Filmakademie' wegzunehmen. Der Preis müsste wieder durch eine kompetente Jury nach reinästhetischenKriterien vergeben werden." Mehr zu Weimer in 9punkt.
Weitere Artikel: Ingrid Weidner gibt auf Artechock einen Überblick zum 40. Dok.fest in München, während ihre Kollegin Dunja Bialas die Geschichte des Festivals im Wandel der Zeit in den Blick nimmt. In seiner "Cinema Moralia"-Kolumne für Artechockkonkretisiert Rüdiger Suchsland sein Unbehagen damit, dass die Leitung des Dok.fests ohne Ausschreibung festgelegt wurde und die strellvertrende Leitung die Ehefrau des alten Leiters ist. Joachim Hentschel spricht für die SZ mit StevenSoderbergh über dessen Thriller "Black Bag", die Zeit hat unterdessen Dirk Peitz' Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht. Die Welt hat Jan Küvelers Gespräch mit Jan-OleGerster, dessen (auf Artechockbesprochener) Thriller "Islands" aktuell im Kino läuft, online nachgereicht. Esther Buss war für den Filmdienst bei den InternationalenKurzfilmtagen in Oberhausen. Artechock resümiert zahlreiche Festvials: Eckhard Haschen war bei der Dokumentarfilmwoche in Hamburg, Katrin Hillgruber bei CrossingEurope in Linz und Paula Ruppert und Dunja Bialas bei GoEast in Wiesbaden. Marius Nobach empfiehlt im Filmdienst die HommageVittorio deSica des Berliner Kino Arsenals und schreibt hier einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer HansAndreasGuttner, der als einer der ersten Filme über Gastarbeiter in Deutschland drehte. Philipp Bovermann porträtiert für die SZ die Castingdirektorin AnDortheBraker.
Besprochen werden DagJohanHaugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (Tsp, mehr dazu hier), BurhanQurbanis "Kein Tier. So Wild" (ZeitOnline, Artechock, mehr dazu hier), LouYes "An Unfinished Film" (Artechock), RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (Artechock), SarahWinkenstettes "Grüße vom Mars" (Artechock) und ThomasWoschitz' vorerst nur in Österreich startender Film "The Million Dollar Bet" (Presse, Standard).
Reife Gespräche über heikle Themen: "Oslo Stories: Träume" Mit dem diesjährigen Berlinale-Gewinner "Träume" kommt ein weiterer Film aus DagJohanHaugeruds "Oslo Stories"-Trilogie in die Kinos (unser Resümee zum ersten Kinostart vor wenigen Wochen). "Manchmal ein bisschen zu vernünftig" wird darin durchgespielt, dass sich eine Siebzehnjährige in ihre Lehrerin verliebt, erzählt Alice Fischer im Perlentaucher - zumal dann, wenn die Aufzeichnungen der Schülerin dazu mit Mutter und Großmutter gelesen und besprochen werden. Die Figuren "sind allesamt sehr reflektiert, reif, tolerant, ein bisschen bewandert in Psychologie, offen - einerseits würde man sich wirklich wünschen, jeder wäre so (die Welt wäre eine bessere). Andererseits wird man das Gefühl nicht los, dass uns der Regisseur eine Lektion in Sachen 'achtsamer Umgang mit herausfordernden Situationen' erteilen will. So interessant und richtig und weitsichtig die Gespräche zwischen den weiblichen Figuren sind, so vermisst man doch hin und wieder ein kleines bisschen Spontanität, eine wilde Emotion, ein Herausfahren aus der Haut, etwasUnerwartetes, Irrationales."
Es "ist ein Film über die Liebe und über die Literatur", erklärt Ekkehard Knörer auf critic.de. Kein Wunder: Haugerud hat vor seiner Zeit als Filmemacher Romane geschrieben. Vom Erlebnis zum Schreiben zum Weiterreichen des Textes an Mutter und Großmutter: "So kommt es zum Lesen als Deuten. Hat die Lehrerin womöglich die Tochter, Enkelin, Schülerin Johanne missbraucht? Ist der siebzehnjährigen Erzählerin ihrer eigenen Geschichte die Souveränität, die sie in ihrem Text demonstriert, wirklich zuzutrauen?" Für Mutter und Großmutter ist es "ein Schock: Die Tochter, die Enkelin, ist jetzt, als wäre es plötzlich, klug, fast erwachsen. Sie können sich in ihr wiedererkennen, aber es wird ihnen auch, bis zur Eifersucht fast, mehr als deutlich: Die Jüngere hat noch so viel von dem vor sich, was die beiden schon mehr oder weniger hinter sich haben." Weitere Besprechungen in FR und online nachgereicht von der FAS. Kenda Hmeidan als Rashida, eine weibliche Variante von Richard III. Nachdem er Döblins "Berlin Alexanderplatz" in die Gegenwart versetzt hat (unsere Kritik), verlegt Burhan Qurbani mit "Kein Tier. So wild" nun Shakespeares "Richard III" in einen BerlinerClankrieg. Dem Theatersetting bleibt er dabei aber ästhetisch verbunden: "Real oder authentisch ist es nie", warnt Jenni Zylka im Freitag. "Die Schauspieler präsentieren in konstruierten Settings (Gerichtssaal, Restaurant, Schrottplatz, Kapelle, Wüstenzelt) eine artifizielle Sprache, die die Shakespeare'sche Herkunft umarmt und dennoch die Modernität des Geschehens einbezieht. ... Vor allem Kenda Hmeidan und Mona Zarreh Hoshyari Khah meistern die Sprachstrudel fantastisch - Hmeidans unheilvolle Spannung ist jederzeit fühlbar, gleich Geschossen schleudert sie die Sätze heraus. ... Schon der Klang der Worte, verstärkt durch den des hypnotischen, teilweise auf Stimme, teilweise auf Elektronik setzenden Soundtracks, vermag es, einen in den Bann zu ziehen."
Einer von Qurbanis Clous besteht darin, dass sein Richard eine (von Kenda Hmeidan gespielte) Rashida ist. Dies fügt dem Film eine Facette hinzu, schreibt Florian Kaindl in der SZ, nämlich "wie eine weibliche Protagonistin sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft behauptet. Spoiler: indem sie selbst wie einer wird. ... Burhani inszeniert das in stylischenBildern" und erzielt so "einen eigenen Drive". Doch "die Geschichte der blutigen Emanzipation ist auch eine Geschichte der Flucht vor Krieg und Zerstörung. Am Anfang ist Rashida als junges Mädchen zu sehen, das im Schutt mit einer selbstgebastelten Krone spielt. Ihre ursprüngliche Herkunft klingt an, als sie Mishal zu verstehen gibt, dass sie nicht mehr in ihr einstiges Heimatdorf zurückkehren können, weil es vollkommenzerbombt ist."
Weitere Artikel: In der Zeit erzählt Ulrich Ladurner die Erfolgsgeschichte des CinemaTroisiin Rom, dessen Räumlichkeiten vor knapp über zehn Jahren von Jugendlichen auf der Suche nach eigenen Räumen besetzt wurde und das nun als rund um die Uhr geöffnetes Zentrum mit avanciertem Programm und weiteren Angeboten ein lebendiger Kulturort ist. Dirk Peitz spricht in der Zeit mit StevenSoderbergh über dessen Spionagethriller "Black Bag". Als einen zentralen Einfluss dafür bezeichnet er übrigens den britischen Klassiker "The Ipcress File" mit MichaelCaine, aktuell in der Arte-Mediathek zu sehen.
Besprochen werden AlexParkinsons "Last Breath" (Perlentaucher), MiguelGomes' auf Mubi gezeigter "Grand Tour" (FD, mehr dazu hier), RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (FR), Jan-OleGersters Psychothriller "Islands" (SZ) und die lettische, von Arteonline gestellte Serie "Sowjet Jeans" (FAZ). Außerdem blicken der Tagesspiegel und der Filmdienst auf die wichtigsten Filmstarts der Woche.
Sehr beeindruckend findet Andreas Kilb (FAZ) den Kurzfilm "Der Schlüssel zur Freiheit", den WimWenders für das Auswärtige Amt zu achtzig Jahre Kriegsende in jener Schule in Reims gedreht hat, wo am 7. Mai aus deutscher Sicht formal der Zweite Weltkrieg endete (der Akt in Berlin-Karlshorst am 8. Mai war lediglich eine Wiederholung auf Drängen Stalins). In den vier Minuten Spielzeit "passiert etwas, was bei offiziellen Gedenkfeierlichkeiten selten geschieht: Die Geschichte holt uns ein. Der Ort, an dem sie stattfand, ist immer noch da, und der Blick, den Wenders mit der Kamera darauf wirft, bringt sie zum Sprechen. 'Von meiner Kindheit an habe ich achtzig Jahre in dem Frieden gelebt, den die Nacht in dieser Schule uns allen gebracht hat', sagt Wenders am Ende seines Films. 'Heute herrscht im vierten Jahr wieder Krieg in Europa. Es ist auch ein Krieg gegen Europa. ... Es liegt jetzt an uns, die Schlüssel zur Freiheit selbst in die Hand zu nehmen.' Das dürfte die kürzeste unter den vielen Ansprachen sein, die in diesem Jahr zum 8. Mai gehalten werden. Aber es ist womöglich eine der wichtigsten, denn sie schließt die Türen zur Vergangenheit nicht feierlich zu, sondern reißt sie weit auf."
Außerdem: Sehr beglückt kommt Bert Rebhandl (FAZ) von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen nach Hause: "Jeder der gezeigten Filme enthält eine Spur durch die Geopolitik."
Besprochen werden DagJohanHaugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (tazlerin Barbara Schweizerhof erlebt vergnügt, aber ohne Schadenfreude mit, "wie Sprechen, Handeln und Empfinden immer drei verschiedene Dinge sind"), NoémieMerlants "Balconettes" (Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah "einen erotischen, furiosen und kunterbunten Genremix, der optisch nicht zufällig an Filme von Pedro Almodóvar erinnert"), BurhanQurbanis "Richard III"-Variante "Kein Tier. So Wild" (Maximilian Steinborn von critic.dekann sich der "Sogkraft dieses Films" nicht entziehen), die Netflix-Serie "Eternauta" nach dem gleichnamigen Comicklassiker von HéctorGermánOesterheld aus den Fünfzigern (Tsp, Presse), TerezaKotyks in Deutschland vorerst noch nicht startender Film "Nebelkind" (Standard) und das Buch "Eine Familie in Brüssel" der belgischen Filmemacherin ChantalAkerman (FAZ).
Trumps Ankündigung, im Ausland produzierte Filme mit bis zu 100 Prozent Zollaufschlag zu belegen, sorgt nicht nur in Hollywood, sondern auch im Feuilleton für graue Haare und viel Ratlosigkeit. "Der Effekt seiner zollkriegerischen Blendgranate wird genauso verheerend sein wie der aller anderen politischen Projektile aus dem Oval Office", glaubt Andreas Kilb in der FAZ. Denn die Filmbranche ist komplett international aufgestellt, aber "anders als bei Autos, hat Amerika noch immer die Nase vorn. Wahr ist allerdings auch, dass Filmedrehen in den Vereinigten Staaten wegen hoher Studio- und Personalkosten teuer geworden ist, weshalb immer mehr Produktionen ins benachbarte Ausland oder nach Osteuropa ausweichen. Doch die Filme, die so entstehen, sind deshalb keinen Deut weniger amerikanisch; das Geld, das ihre Hersteller im Ausland ausgeben, fließt in Form von Rechteverkäufen und Kasseneinnahmen zu ihnen zurück. Indem Trump diesen Kreislauf unterbricht, zerstört er die Industrie, die er zu fördern vorgibt."
"Ärgern dürfte die amerikanischen Filmemacher zusätzlich, dass Steuerflucht allein natürlich nicht der einzige Grund ist, warum im Ausland gedreht wird", hält David Steinitz in der SZ fest. Denn "Hollywood geht auch dorthin, wo es die spektakulärstenDrehorte gibt. Man kann 'James Bond' und 'Mission: Impossible' nicht nur daheim drehen. Außerdem stimmt es nicht, dass die US-Branche schon halb auf dem Totenbett liegt, wie Trump es darstellt. Ganz so fantastisch wie 2019, im letzten großen Kinojahr vor der Pandemie, läuft es zwar nicht. Aber die meisten Covid-Nachwirkungen sind ausgestanden, auch die Folgen des Streiks der Schauspiel- und Drehbuchgewerkschaft, der Hollywood 2023 lahmlegte. Die Einnahmen an den US-Kinokassen sind im Vergleich zu 2024 schon wieder um knapp 16 Prozent gestiegen."
Weitere Artikel: Fabian Tietke (taz) und Leo Geisler (Filmdienst) resümieren die Internationalen Kurzfilmtagein Oberhausen, die in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Madeleine Bernstorff und Susanna Pollheim stattfanden. In vier von Lydia Kayß und André Malberg (der gelegentlich auch für den Perlentaucherschreibt) kuratierten Programmen wurden dort auch die nur noch in Einzelstücken auf Analogkopie vorliegenden Filme von Dietrich und Katharina Schubert in Erinnerung gerufen, berichtet Hannes Wesselkämper auf critic.de. Patrick Heidmann spricht für die FR mit dem norwegischen Regisseur DagHaugerud über dessen "Oslo Stories"-Trilogie, die gerade Teil für Teil im Kino ausgewertet wird. Besprochen wird Waadal-Kateabs in Deutschland noch nicht gezeigter Dokumentarfilm "We Dare to Dream" über syrische Flüchtlinge bei den Olympischen Spielen 2020 (NZZ).
Philipp Stadelmaier berichtet im Filmdienst den Kongress Zukunft Deutscher Film in Frankfurt. Valerie Dirk spricht für den Standard mit August Diehl, der aktuell in MichaelLockshins russischem Arthouse-Blockbusterfilm "Der Meister und Margarita" den Woland spielt (hier und dort unsere Resümees). Florian Bayer resümiert in der taz das Linzer FilmfestivalCrossingEurope. Besprochen werden der Netflix-Dreiteiler "Vom Rockstar zum Killer: Der Fall BertrandCantat" (Presse), PaulFeigs Krimikomödie "Nur noch ein kleiner Gefallen" (SZ), der ARD-Vierteiler "Die Augenzeugen" (FAZ) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (FAZ).
Das private Filmarchiv des 2011 im Alter von 48 Jahren viel zu jung gestorbenen FilmkritikersMichaelAlthen ist Legende: TausendevonVHS-Aufnahmen hatte er dem Fernsehprogramm abgeluchst, später kamen ebenfalls tausende DVDs und BluRays hinzu. Nachdem sein Sohn, der Regisseur und Produzent ArturAlthen, die Kassetten bereits letztes Jahr beim Filmfest München zugänglich machte, gibt es morgen auch an der Berliner Volksbühne dazu eine Performance. "Es ist eine Sammlung aus einer anderen Zeit", sagt Artur Althen im SZ-Gespräch mit Johanna Adorján. "Denn was machte ein Filmkritiker früher, wenn er zum Beispiel aus dem Stand auf irgendjemanden einen Nachruf schreiben musste? Für solche Fälle wollte mein Vater gewappnet sein. Er musste dann ja vielleicht etwas nachsehen. Es ging um Beruhigung. Darum, ruhig schlafen zu können, weil er im Fall der Fälle den erforderlichen Film da hätte. ... Es galt auch, die Aufnahme zu überprüfen. Wurde der Film gut erwischt, waren Anfang und Ende drauf? Anschließend musste die Neuheit etikettiert, nummeriert und katalogisiert werden. ... Erst rückblickend wird mir klar, dass das auch etwas von Wahnsinn hatte."
Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland gibt auf Artechock dem designierten Kulturstaatsminister WolframWeimer in Sachen Filmpolitik ein paar Tipps und schreibt dem stramm Konservativen ins Stammbuch: "Kulturpolitik darf nicht parteipolitisch aufgefasst werden." Weimer selbst wehrt sich übrigens im Stern-Interview gegen Vorwürfe des Rechtskonservatismus. Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel eine Berliner Reihe mit Filmen von VittorioDeSica.
Besprochen werden AlbertSerrasStierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (Perlentaucher, Artechock, Freitag, mehr zum Film bereits hier), Denis Pavlovics Dokumentarfilm "Mañana Sol" (Perlentaucher), Michail Lockshins "Der Meister und Margarita" (Artechock, mehr zum Film bereits hier), JoelSouzas Western "Rust" (FAZ, Standard), Isaiah Saxons "Die Legende von Ochi" (Artechock), Jonás Truebas "Volveréis" (Artechock), Alex Scharfmans Horrorkomödie "Death of a Unicorn" (Welt, SZ), MichelFesslers mit echten Tieren gestaltete Neuverfilmung von "Bambi" (Welt), CharlèneFaviers in Deutschland erst Ende Juli startendes Biopic "Oxana" über die Femen-Mitbegründerin OxanaSchatschko (NZZ), die zweite Staffel der Zombie-Serie "The Last of Us" (Freitag), die Netflix-Serie "Four Seasons" (taz) und der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (NZZ, Standard).
Terry Gilliams in den Achtzigern entstandener Klassiker "Brazil" war seinerzeit eine spitz überzeichnete Satire in Gewand eines Science-Fiction-Films, doch heute beschreibt der Film "allzu deutlich die nun herrschende Realität in Donald TrumpsAmerika", meint Ibrahim Quraishi in der taz. "Was diesen Vergleich so beunruhigend macht, ist nicht nur der Zusammenbruch juristischer Verfahren, sondern die Erosion der Realität selbst."
Weiteres: Jan Küveler spricht für die WamS mit dem Regisseur Jan-OleGerster über seinen neuen Thriller "Islands". Im Musikfeuilleton des Dlf Kulturwidmet sich Georg Beck der Entstehung von HannsEislers Filmmusik zu AlainResnais' "Nacht und Nebel".
Besprochen werden AlbertSerras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (taz, unsere Kritik), JanHenrikStahlbergs "Muxmäuschenstill X" (Zeit Online, SZ), die von Arteonline gestellte, britische Serie "Unschuldig - Mr. Bates gegen die Post" mit TobyJones (FD), der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (Tsp) und eine Arte-Doku über den Einfluss von StevenSpielbergs "Der weiße Hai" auf die Filmgeschichte (taz).
Halb Blockbuster, halb Avantgarde: "Der Meister und Margarita" Die Feuilletons stürzen sich auf MichaelLockshins Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" - die Stalinismus-Satire wurde noch vor dem endgültigen Einmarsch Russlands in die Ukraine von den russischen Behörden erst gefördert, dann wegen ihrer Spitzen auch gegen Putin verfemt, vom Publikum aber zum Kassenhit erkoren (unser erstes Resümee zum Film hier). "In seiner Machart vollkommen verwegen, halbBlockbuster, halbAvantgarde, strahlt er eine Unbekümmertheit aus, die es im russischen Kino doch schon lange nicht mehr geben dürfte", staunt Daniel Kothenschulte in der FR. "Ein lustvollesChaos verbreitet dieser erstaunliche Film von Anfang bis Ende. ... Träte dieser Film als Autorenfilm auf, als kunstvolle filmische Farce über den Stalinismus, wie es sie etwa von Alexander Sokurow gibt, hätte er es kaum durch die Zensur geschafft. Als eher kommerzielles Produkt jedoch, als Fantasy-Epos, scheint die staatlich geförderte Produktion Narrenfreiheit genossen zu haben. ... Glücklich und völlig überrumpelt verlässt man nach zweieinhalb Stunden einen Film voll ungelöster Rätsel, wie ihn vielleicht auch SalvadorDalí hätte drehen können."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Fabian Tietke widerspricht in der taz vehement: Dieser Film "ist kein besonders gutes Werk. Es ist als Phänomen interessanter denn als Film". Der Regisseur "versteht keine Sekunde, dass es mehr bräuchte als gute Ausstattung und schöne Kulissen, um der Komplexität des Romans auch nur halbwegs gerecht zu werden." Entstanden ist so "ein generischer, mittelguter Blockbuster ohne jede Relevanz für die Gegenwart". Andreas Kilb von der FAZsieht den Film mit voranschreitender Laufzeit "ins Straucheln" kommen, da "Lockshins Inszenierung die historischen und die fantastischen Anteile von Bulgakows Roman - hier die Love Story zwischen dem Dichter und seiner Angebeteten (Julia Snigir), dort die Späße des Teufels mit den sozialistischen Spießern - nicht wirklich zusammenbringt. ... Mit dem Körper steckt der Film tief in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, während sein Kopf in den digitalenWolkendesMarvel-Universums hängt." Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur.
Weiteres: David Steinitz (SZ), Berit Dießelkämper (Zeit) und Marie-Luise Goldmann (Welt) erzählen, wie Alec Baldwin nach einer Verkettung fahrlässigen Handelns 2021 bei den Dreharbeiten zum Western "Rust", der jetzt in die Kinos kommt, die Kamerafrau HalynaHutchins erschoss und wie dieser Unfall juristisch aufgearbeitet wurde. Alexander Riedel meldet in der Jüdischen Allgemeinen, dass das Jüdische Museum Berlin ClaudeLanzmanns mehr als 200 Stunden Material umfassendes Audioarchiv mit den für seinen Film "Shoah" geführten Interviews zugänglich machen und aufbereiten will. Für November ist außerdem die Ausstellung "Claude Lanzmann - Die Aufzeichnungen" geplant.
Besprochen werden AlbertSerras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (critic.de, FR, mehr dazu bereits hier), die auf HectorGermanOesterhelds gleichnamigen argentinischen Kultcomic basierende Netflix-Science-Fiction-Serie "Eternauta" (taz), SaulėBliuvaitės "Toxic" (Jungle World, unsere Kritik), AlainChabatsNetflix-Animationsserie "Asterix & Obelix: Der Kampf der Häuptlinge" (FAZ) und der neue Marvel-Blockbuster "Thunderbolts" (Presse).
Bringt das Blut zum Vorschein: "Nachmittage der Einsamkeit" von Albert Serra Albert Serras Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" porträtiert den StierkämpferAndrésRocaRey, entzieht sich selbst jeder Wertung und nimmt SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier durch seine visuellen Qualitäten ziemlich gefangen: "Die Bilder stehen für sich und dokumentieren ein Ritual, ohne es in seiner kulturellen Logik oder traditionellen Abfolge zu sezieren. ... Die plastische Kraft des Films speist sich aus den verschiedenen Blickwinkeln, aus denen Torero und Stier gefilmt werden. Sie verleihen den Bildern eine verzerrte, fastgroteskeGestalt. In ihnen bleibt der - im Kino nie direkt darstellbare - Übergang vom Leben zum Tod fließend."
Weiteres: Andreas Busche verabschiedet im TagesspiegelRainerRother, den langjährigen Leiter der DeutschenKinemathek in Berlin, in den Ruhestand. Dlf Kultur hat ein großes Gespräch mit Rother geführt. Valerie Dirk wirft für den Standard einen Blick ins Progamm des Linzer FestivalsCrossingEurope. Besprochen werden Jan Henrik Stahlbergs Moralisten-Satire "Muxmäuschenstill X" (Tsp) und Frédéric Hambaleks "Was Marielle weiß" (Presse, unsere Kritik).
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